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Interview

"Queerness verträgt sich nicht mit abgeschlossenen Räumen"

Seit über 20 Jahren veranstaltet der Leipziger Zacker queere Konzerte und Partys. Wir sprachen mit ihm über sein Musikarchiv "Bouygehrl" und die gleichnamige neue Gig-Reihe – und wann er Künstler*innen überhaupt als queer einstuft.


Zacker hat 2021 das queere Musikarchiv "Bouygehrl" ins Leben gerufen (Bild: Helen Sobiralski)

Du hast vor kurzem die queere Konzertreihe "Bouygehrl live" ins Leben gerufen. Was genau hat es damit auf sich?

Die Konzertreihe basiert auf dem queeren Musikarchiv "Bouygehrl", das ich im Jahr 2021 ins Leben gerufen habe. Im Zuge dessen habe ich erst das Archiv selbst, dann den Blog und den Podcast an den Start gebracht. Die im Februar beginnende Konzertreihe ist da sozusagen der nächste logische Schritt, da ich in diesem Rahmen einzelne Acts, die ich bereits in mein Archiv aufgenommen habe, nun auf der Bühne präsentieren möchte.

Wieso ist ein derartiger Fokus auf queere Acts heute überhaupt noch notwendig?

Das ist tatsächlich die mir im Kontext des Projekts am häufigsten gestellte Frage, auf die ich gern mit einer Gegenfrage reagiere: Warum nicht? Denn es gibt für mich keinen Grund, darauf zu verzichten, einen Raum zu schaffen, in dem ich und meine Szene sich sicher und wohlfühlen können, und in dem ich zugleich Bands auf die Bühne hole, die sonst vielleicht nicht so im Fokus stehen. Neben der Musik geht es dabei für mich auch ganz wesentlich um Begegnungen und die Möglichkeit, sich untereinander zu vernetzen. Aber natürlich ist der Raum prinzipiell auch offen für alle. Denn auch das ist mein Begriff von queer: Dass er keine abgeschlossenen Räume für bestimmte, von vorneherein definierte Gruppen schafft. Warum es das ganze braucht, kann ich dir tatsächlich nicht sagen. Vielleicht deshalb, weil es diese Art von Archiv und Konzertreihe noch nicht gab.

Man kann es ja im Grunde genommen auch mit dem Nachfrage-Angebots-Prinzip begründen: Es gibt die Nachfrage, warum dann also nicht auch einen Raum dafür schaffen?

Ja genau! Ich verstehe aber auch die Frage, ob man die Musik labeln muss als queer. Mir geht es dabei aber ganz wesentlich darum, dass queere Musiker*innen auch Vorbild sein können für junge Leute, die vielleicht im Zuge ihrer Selbstfindung noch nicht das Selbstbewusstsein haben, sich zu ihrer Identität oder Sexualität zu bekennen. Auch dafür ist dieser spezifische Blick meiner Auffassung nach heute noch notwendig.

Der Begriff "queer" hat in den vergangenen 20 Jahren ja eine – je nach Sichtweise – zunehmende Erweiterung oder Entgrenzung erfahren. Was genau verstehst du heute unter "queer" bzw. was sind die Kriterien, nach denen die Acts für die Konzertreihe ausgewählt werden?

Ich würde tatsächlich sagen, der Begriff "queer" ist in den vergangenen 20 Jahren verwässert worden. Ich selber arbeite seit 20 Jahren als Veranstalter und Promoter und komme aus einer Zeit, in der der Begriff ganz klar linkspolitisch besetzt war. Dabei ging es damals gar nicht so sehr um ein Attribut oder ein Label, sondern eher um größere Fragen: Wie möchten wir als Gesellschaft leben und miteinander umgehen? Wie wird in der Gesellschaft mit Frauen oder trans Personen umgegangen? Das, was heute unter Intersektionalität verstanden wird – daher kommt mein Verständnis von queer. Da ich ein sehr praktisch veranlagter Mensch bin, habe ich schon immer versucht, mein Verständnis von queer über die Musik zu erforschen und mit anderen Leuten in Austausch zu kommen. Alle Acts, die ich für die Konzertreihe aussuche, sind bereits Teil des Bouygehrl-Musikarchivs. Die Auswahl dafür basiert tatsächlich auf nur einem, dafür aber strengen Kriterium: Denn es werden ausschließlich Acts berücksichtigt, die sich in irgendeiner Weise zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Karriere zu ihrer queeren Identität bekannt haben. Das meint Acts, die gesagt haben: Ich bin lesbisch, trans, schwul, non-binär. Habe ich was vergessen?

Die Bisexuellen!

Bi – ganz wichtig! Großes Thema, gerade auch im Pop, denn wenn sich Leute als bisexuell outen, kommt immer noch oft ein wie Kommentar: 'Die können sich nicht entscheiden!' – absurd! Jedenfalls – wenn diese Aussage also öffentlich passiert ist in Form eines Interviews oder eines Postings in den Sozialen Medien oder der eigenen Website, dann werden sie mit ins Archiv aufgenommen. Deshalb nehme ich auch keine Acts auf, die zwar offensichtlich queer sind, sich aber bis dato noch nicht geoutet haben. Das ist mir ganz wichtig.

Das heißt, rein theoretisch gefragt: Ein David Bowie, der 1972 mit der Aussage "I am gay" einen bis dahin kaum vorstellbaren Tabubruch beging, und keine 20 Jahre später postulierte, schon immer heterosexuell gewesen zu sein, käme auch für das Archiv infrage?

David Bowie ist tatsächlich ein Streitthema, weil er sein – vermeintliches – Coming-out in einer Zeit vollzogen hat, in der es eher um Performation und um ein Spiel mit den damals noch ungleich starreren Identitäten ging. Bei Bowie ist es ja auch erwiesen, dass es mehr als ein paar Küsse auf der Bühne und ähnliches nicht gegeben hat. An der Stelle hadere ich aber auch mit meinem bisherigen Konzept, weil Bowie natürlich einen immensen Einfluss auch und gerade auf Queerness hatte. Bei einem Lou Reed etwa handhabe ich es schon wieder anders, da er nachweislich eine ganze Zeit lang mit einer trans Person liiert war und damit tatsächlich queer gelebt hat. Es kann aber durchaus sein, dass dieses Konzept noch mal überdacht wird, denn es führt auch vor Augen, wie fließend die Grenzen am Ende sind. Auch eine Künstlerin wie Madonna würde ich prinzipiell sehr gern mit ins Archiv nehmen. Aber nach meinem Verständnis würde ich sie eher als Ally fassen, also als heterosexuelle Person, die für die queere Community eine verlässliche Verbündete darstellt, aber eben nicht selbst queer lebt.

Seit über 20 Jahren veranstaltest du ja schon in Leipzig Konzerte und Partys mit einem klaren Schwerpunkt auf queere Acts, wobei du mal gesagt hast, dass dich dazu insbesondere die selbst erfahrene Homophobie in der Gruftiszene veranlasst hat. Wie hat sich diese Stimmung seitdem verändert – sowohl im Allgemeinen als auch spezifisch im Gruftibereich?

Man kann ganz klar sagen, dass seit etwa fünf Jahren Themen wie Queerness und insbesondere Non-Binarity durch die Decke gehen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die heutige Jugend durch Medien wie TikTok einen ganz anderen Zugang zu Fragen von Identität und Queerness hat, der sich dann eben auch in der analogen Welt widerspiegelt. Hier in Leipzig lässt sich diese Veränderung ja an Hotspots wie der Eisenbahnstraße oder auch in Plagwitz oder Lindenau sehr genau beobachten, wo eben durch modische und performative Experimente die traditionelle Zweigeschlechtlichkeit zunehmend infrage gestellt wird. Dadurch hat sich natürlich auch das Verhältnis in der Gruftiszene und im Mainstream zur Queerness normalisiert und entspannt. Vor langer Zeit wurde ich etwa mal in einem bekannten linksalternativen Club im Leipziger Süden homophob angemacht. Ich glaube, das würde mir heute dort nicht mehr passieren. Gleichzeitig bekomme ich aber auch mit, dass die Übergriffe auf queere Personen in den vergangenen Jahren gesamtgesellschaftlich deutlich zugenommen haben.

Diese Paradoxie deckt sich auch mit meinem Eindruck. Ich glaube, das hängt ganz wesentlich damit zusammen, dass durch die voranschreitende Normalisierung und Enttabuisierung von Queerness diese heutzutage zugleich viel sichtbarer ist als vor 30 Jahren, was wiederum ihre nach wie vor zahlreichen Feinde deutlich häufiger zu Übergriffen motiviert.

Das ist ein guter Punkt – aus der Perspektive habe ich das noch gar nicht betrachtet.

Die von dir bereits angesprochene, deutlich zugenommene Sichtbarkeit von Queerness hat auch gesamtgesellschaftlich zu ihrer Aufwertung beigetragen. Das führt mitunter dazu, dass auch dezidiert heterosexuelle Acts wie Harry Styles sich queerer Insignien bedienen. Wie bewertest du diese Entwicklung? Stellt sie eher eine positiv konnotierte Normalisierung oder eine inhaltliche Entkernung von Queerness dar?

Ich komme noch aus einer Zeit, in der Queerness medial – sei es in Filmen oder in Musik – oftmals vollkommen überzeichnet und respektlos dargestellt und damit letztendlich dem Spott der Öffentlichkeit preisgegeben wurde. Diese gesellschaftliche Atmosphäre hat sich aber sehr stark gewandelt, weshalb ich bei einem Act wie Harry Styles auch überhaupt kein Problem mit seinem Auftreten habe, weil ich es als sehr respektvoll und unterstützend wahrnehme. Und ich finde nicht, dass eine wie auch immer geartete queere Attitüde oder Habitus einzig uns queeren Menschen vorbehalten sein sollte. Wenn also Harry Styles auf offener Bühne mit queerer Symbolik spielen möchte, dann ist das doch sein gutes Recht! Für mich ist das keine Aneignung, sondern eine Öffnung des Geistes. Anders gelagert sind für mich ganz klar Filme wie "Der Schuh des Manitu" oder "(T)raumschiff Enterprise" von Bully Herbig aus den frühen 2000er Jahren, in denen die offensichtlich schwulen Protagonisten einzig und allein verspottet wurden. Die wären so aber heute auch nicht mehr möglich – zum Glück!

Zum Ende noch eine wichtige Frage: Welche Acts werden Teil der ersten Ausgabe von "Bouygehrl live" sein, und warum wurden gerade sie ausgewählt?

Den Abend eröffnen wird Jennifer Berning, eine Singer-Songwriterin aus Berlin, die wie ich finde sehr international klingt – was auch immer das heißt. Ich mag ihren Ansatz und ihre Musik schon länger, weshalb ich sie angefragt habe. Darauf folgen wird Radøux, ein ebenfalls in Berlin lebender Künstler, der zwar auch sehr eingängigen Pop ohne ausgeflippte Experimente macht, dabei aber trotzdem nicht im Mainstream aufgeht. Was vielleicht auch daran liegt, dass er so eine Generation-Z-Wildness austrahlt. Ihn habe ich ausgewählt, weil er eine dezidierte Pop-Position besetzt, die mir aber zugleich nicht so auserzählt erscheint. Der Main-Act des Abends wird LIN sein, eine Indie-Pop-Künstlerin. Das interessante bei ihr ist: Sie hat lauter Instrumente um sich herum aufgebaut und spielt alles selber – also Gitarre, Keyboard und so weiter. Via Loops schafft sie dabei eine Art Eine-Frau-Orchester. Dazu gibt's dann eine Drag-Show mit Novir Gin sowie Interviews mit den Musiker*innen. Das war mir sehr wichtig, denn ich möchte das ganze nicht als reinen Konzertabend, sondern – etwas hochtrabend ausgedrückt – als kleine Revue verstehen.

Die Veranstaltung "Bouygehrl live: QUEER MUSIC NIGHT #1" wird am Samstag, den 18. Februar 2023 in der naTo in Leipzig stattfinden.

-w-