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Literatur

Wie "faschistoid" ist "schwule Männlichkeit"?

Im "Blutbuch" macht Buchpreisgewinner*in Kim de l'Horizon das Patriarchat als alleinige Ursache des "Binaritäts-Faschismus" aus. Einige Gedanken zum queeren Roman nach dem ersten großen Rummel.


Kim de l'Horizon wurde im Oktober 2022 als erste nicht-binäre Person mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet (Bild: IMAGO / Hartenfelser)

Der Rummel, der entsteht, wenn Bücher oder Filme mit Preisen überschüttet werden, ist mir immer etwas suspekt, nicht nur, weil ich generell keinen Rummel liebe, sondern auch deshalb, weil ich zu oft fand, dass die preisüberhäuften Opera buchstäblich viel zu hoch gepriesen worden sind und andere, nach meinem Dafürhalten ganz wunderbare Werke gänzlich beim Bepreisen übersehen wurden. Aus diesen Gründen habe ich um das "Blutbuch", das nach schon diversen Würdigungen zuvor im Herbst 2022 mit dem Deutschen Buchpreis und etwas später auch noch dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet wurde, zunächst einen größeren Bogen gemacht. Es gab ja auch keinen Mangel an Rezensionen dazu (Kritik auf queer.de). Ganz im Gegenteil: Während viele, auch viele hochwertige Werke heutzutage in Feuilletons faktisch keinerlei Aufmerksamkeit mehr kriegen, mussten über das "Blutbuch" offenbar alle, die überhaupt meinen, etwas zu Literatur zu sagen zu haben, auch einen Beitrag bringen. Selbst wenn die Beiträge untereinander durch nicht zu geringe Einschätzungsähnlichkeit – zum Teil bis in die Wortwahl hinein – auffielen.

Nachdem nun aber ein paar Monate ins Land gezogen sind und sich der mediale Rummel um das "Blutbuch" wieder gelegt hat, überwog nun doch meine besonders durch den Umstand der Queerness des Buches entfachte Neugierde. Und so habe ich es nun schließlich auch gelesen.

Da sich nicht voraussetzen lässt, dass alle Leser*innen hier das Buch und/oder diverse Rezensionen dazu bereits intensiv studiert haben, werde ich hier zunächst ein paar Dinge zu Merkmalen und Besonderheiten des Buchs sagen, die sich in vergleichbarer Form auch in anderen Rezensionen finden; danach möchte ich dann aber auf ein paar Aspekte näher zu sprechen kommen, die in den anderen mir bisher bekannten Artikeln zum "Blutbuch" nicht oder nur marginal zur Sprache gekommen sind.

Die Suche nach dem Ich getrieben durch Tabus

Das "Blutbuch" bewegt sich vom Genre her in einem Trend, der in den letzten Jahren immer stärker die Szenerie in Literatur, Film und darstellender Kunst geprägt hat: Es handelt sich um ein autofiktionales Werk, also eine Mischung aus Autobiografischem und Fiktionalem. Das namenlose, Ich-erzählende Subjekt ist wie seine Schöpfer*in Kim de l'Horizon non-binär, fühlt sich also weder als Mann noch als Frau. Es stammt wie auch Kim aus dem Bernerland, wo durch Einflüsse des Französischen das Wort "Meer" auch für "Mutter" und das Wort "Peer" auch für "Vater" steht. Gerichtet ist das Buch an die Großmeer der Ich-erzählenden Person, die an einer Demenz erkrankt ist. Das schreibende Ich gerät dabei im Laufe des Buches immer tiefer, auch historisch tiefer in die Familien- und die eigene Geschichte hinein, während die Großmeer immer stärker im dementen Vergessen versinkt.

Auf einen Prolog folgen im "Blutbuch" vier Teile der "Suche", 1 Die Suche nach Schwemmgut, 2 Die Suche nach der Kindheit, 3 Die Suche nach der Mutterblutbuche und 4 Die Suche nach Rosmarie. Der fünfte Teil "Coming full spiral" besteht aus Briefen des Ich an Meer und Großmeer, die aber in Englisch geschrieben sind und damit in einer Sprache, die weder Meer noch Großmeer verstehen (eine deutsche Übersetzung der Briefe ist im Buch angefügt).

Getrieben wird die Suche des Ich durch Rätsel, Vermiedenes und Tabuisiertes in seiner Familie, wie etwa das plötzliche Verschwinden der 15-jährigen Irma, der jüngeren Schwester der Großmeer; die auffallende Verbundenheit der Großmeer Rosmarie zu ihrer namensgleichen verstorbenen älteren Schwester; die Obsession der Meer für die Schicksale von für Hexen gehaltenen Frauen innerhalb und jenseits ihrer Familie und das Pflanzen der Blutbuche in Urgroßpeers Garten.

Das Unterlaufen aller Festlegungen als Stilprinzip

Es gibt allerdings keinen klassisch-linearen Erzählaufbau im "Blutbuch". Ganz im Gegenteil: Kennzeichnend für die Struktur des Buches ist gerade seine scheinbare Strukturlosigkeit: das Springen und Vermischen verschiedenster Form- und Stilebenen. So finden sich Ereignisschilderungen, Dialoge, Briefelemente, persönliche Reflexionen, Listen, philosophische Einsprengsel, metatheoretische Betrachtungen und anderes in ständigem Wechsel. Und ebenso wie die Formen wechseln auch die Stilebenen zwischen persönlicher Ernsthaftigkeit, krasser Direktheit, spielerischem Witz, poetischem Pathos, temporeichem Pop, akademischem Duktus etc. Das Buch lässt sich also formal-stilistisch-inhaltlich so wenig auf den Punkt einer herkömmlichen Kategorie bringen wie Kim oder die erzählende Ich-Person auf ein Geschlecht innerhalb des binären Systems. Es unterläuft beständig (fast) jede Festlegung und erzeugt damit eine Queerness, ein Gegen-jeden-Strich-gebürstet-Sein, das wie ein konstantes Fließen ist, wie Wasser, womit sich das Ich öfter vergleicht und woraus es seine ursprüngliche Kraft zu gewinnen glaubt:

Das Hinhören, auf das Kräscheln der Kiesel, das Trinken des Lichts, das Reden mit den Steinen, das Abschrauben der Haut, damit die Welt hineinkann, das heisst, damit das Wasser in das, was landläufig das »Innen« genannt wird, hineinströmen kann und die Pflanzen tränken, die im Kind wachsen, und das Kind spürte jetzt klar, was es vorher dumpf gewusst hatte: woher seine Kraft kommt. Dass das nämlich eine Wassermagie ist, ein Strömen, ein Fliessen.

Der eigene Körper als schreckliches Monster

Dieses Fließen, der Versuch des Unterlaufens aller festgefügten Formen ist gleichsam die Antwort auf die unablässige Suche nach der eigenen Identität in einem Körper, der sich fremd anfühlt und im Rahmen der binär-männlich-weiblich-aufgeteilten Welt wie ein unüberwindlicher Fremdkörper bleibt:

Ich wollte dir meine konstante Angst vor meinem Körper erzählen: Mit dem schrecklichsten Monster unterm Bett unter einer Decke zu stecken. Nur ist das keine Decke, sondern meine Haut. Eine Angst, wie wenn mensch in einer lotterigen Hütte lebt und ein Sturm kommt. Bloss kommt der Sturm nicht, sondern ist da: immer, überall, ausweglos. Manchmal das Gefühl, dass es okay ist, in dieser Hütte zu wohnen. Und manchmal, phasenweise, das Gefühl, falsch zu sein – das abgrundtiefe, alles zersetzende Grauen, bis in die hinterletzte Faser falsch zu sein in mir. Der
Wunsch, mit einer sehr feinen Pinzette jede Zelle einzeln aus mir herauszuklauben und in Säure aufzulösen.

Ob das "Blutbuch", das in zahlreichen Rezensionen als Roman einer "Selbstermächtigung", einer "Befreiung", einer "Emanzipation" gerühmt worden ist, all seine Bepreisungen verdient, vermag ich schon angesichts mangelnder Kenntnis der alternativen Werke nicht zu sagen. Anschließen kann ich mich aber all denen, die betonen, dass dieses Buch durch das sprachlich innovative, handwerklich gekonnte und Grenzen überschreitende Zusammenfließen von Inhalt und Form eine wuchtige und besondere Leseerfahrung ist; und von daher Aufmerksamkeit allemal verdient.

Sexualität und Macht


Das "Blutbuch" ist im Juli 2022 im DuMont Verlag erschienen

Thematisieren möchte ich gleichwohl nun noch ein paar Aspekte, die mir in den mir bekannten Rezensionen und Diskussionen zu kurz gekommen sind. Zu einem Aspekt kann uns das Phänomen der Sexszenen im "Blutbuch" führen, die von nicht wenigen Rezensent*innen als (zu) roh oder drastisch bezeichnet wurden, wie etwa von Christoph Schröder in der Wochenzeitung "Die Zeit", der übrigens ohne den Hauch von Beleg oder Begründung urteilt: "offenbar kalkuliert drastische, dadurch aber nicht minder schlecht geschriebene Sexszenen". Nun weiß ich nicht wirklich, wie die Missionars-Blümchen-Sex-Phantasien mutmaßlich heterosexueller Cis-Mann-Romanrezensenten mutmaßlich gut-bürgerlicher deutschsprachiger Zeitungen aussehen; ich persönlich fand allerdings die Sexszenen im "Blutbuch" weder zu drastisch (Jahrzehnte nach Romanen wie denen von Jean Genet sowieso nicht) noch gar "schlecht geschrieben". Im Gegenteil: in ihrer unverfrorenen Mischung aus Direktheit, schamloser Obszönität, gleichzeitig aber auch Tempo, Witz, (Selbst-)Ironie und Überraschungsmoment fand ich sie durchaus erfrischend. Allerdings – schon im ersten Kapitel berichtet das Ich:

Kann sein, dass ich so geil darauf bin, fremdes Material in mir aufzunehmen, weil ich es schon immer geübt habe. Kann sein, dass ich schon in meiner Kindheit trainiert habe, mir möglichst viel, möglichst Fremdes einzuverleiben. Es bereitet mir auf jeden Fall die grösste vorstellbare Lust, als reine Abladestation benutzt zu werden. Ich liebe die Erniedrigung, ich werde so richtig feucht, wenn man mich wie die billigste Nutte behandelt. Und noch viel mehr geilt es mich auf, wenn ich sehe, wie sehr man mich erniedrigen muss, wie sehr ich in meiner physischen Machtlosigkeit die gesamte psychische Kontrolle über ihre Geilheit habe. Nichts macht mich williger, als zu spüren, wie sehr sie von meiner slutiness abhängig sind, um ihre Schwänze hochzukriegen. Sie sagen: ICH BESORGE ES DIR, aber in Tat und Wahrheit besorge ich es ihnen; ich besorge ihnen einen Körper, an dem sie sich ihre Männlichkeit besorgen können. Und nichts geilt sie mehr auf als ihre eigene Männlichkeit. Ich schenke ihnen während unseres Zusammenstosses das wichtigste Attribut ihres Geschlechts: die Macht über Anderes.


Die Gleichsetzung von "männlich" mit "faschistoid"

In ausgeprägt paternalistischen Gesellschaften muss die Frau fundamental abgewertet werden, um das für den Mann sonst unheimliche und unkontrollierbare Begehren nach ihr in seinem Selbstwertgefühl zu kompensieren. In Stellen wie der zitierten geschieht nun etwas anderes: Das non-binäre Ich, das sich möglichst weitgehend von Männern als Objekt benutzen und erniedrigen lassen will, beschreibt sich gleichzeitig als Strippenzieher der Ermöglichung des Männlichkeitsgefühls seiner Sexpartner. Damit dreht es einerseits das vermeintliche Machtverhältnis (wer "besorgt" es hier wem?) wieder um, bleibt aber gleichzeitig der archaischen Grundlogik eines quasi klaren Über- und Unterordnungs-Verhältnisses (einer "besorgt" es, dem anderen wird es "besorgt") verhaftet. Nur dass eben hier jetzt der Mann als scheinbar dominanter Part zum eigentlich abhängigen wird.

Zum Konzept des "Blutbuchs" gehört die Fokussierung der weiblichen Seite. Im vierten Kapitel stößt das Protagonisten-Ich auf eine Fülle von Biografien der Familienhistorie der letzten 600 Jahre, alle geschrieben von der "Meer" und alle ausnahmslos bezogen auf Frauen. Männer und ihre Schicksale kommen dabei höchstens als Randphänomen vor, was angesichts der den Frauen in paternalistischen Umfeldern immer wieder angetanen Gewalt wie der Versuch einer Art ausgleichenden Gerechtigkeit erscheint. Die starke In-Szene-Setzung des Weiblichen, die schon bei der Widmung "Für meine Meere" beginnt, ist der im Buch durchaus konstanten Anklage eines dominant-aggressiven Paternalismus geschuldet. Dass dabei dann auch die männlichen Figuren in dem Buch, wie etwa der "Peer" des Ichs oder die recht schnell wechselnden Liebhaber in ihrer Persönlichkeit ausgesprochen blass bleiben, kann man dann entweder als Teil des Konzepts oder als dramaturgische Schwäche des Romans betrachten.

Ich tendiere dazu, beides für relevant zu halten, insbesondere wenn ich Sätze wie den folgenden hinzunehme: "Ich schlage das Erbe der protofaschistoiden Sexualität schwuler Männlichkeiten aus." Auch wenn sich im Untergraben und Hinterfragen scheinbar fester Ebenen, die das "Blutbuch" ja ständig vornimmt, solche Aussagen sofort wieder mit einem Fragezeichen versehen ließen, scheint mir die hier vorgenommene Gleichsetzung von "faschistoid" mit "männlich", in diesem Fall "schwuler Männlichkeit", doch eine recht stabile Rahmensetzung im "Blutbuch" zu sein, zumal das Patriarchat als alleinige Ursache des, wie Kim / Ich sagt, "Binaritäts-Faschismus" ausgemacht wird. Und diese, wie ich finde, sehr globale und wenig differenzierte und schon gar nicht fließende Generalabwertung des Männlichen geht mir persönlich denn doch zu weit. Ich finde sie weder literarisch übermäßig pfiffig, noch gesellschaftlich irgendwie hilfreich, auch wenn ich natürlich sehe, dass sich das non-binäre Ich in einer maßgeblich binär geprägten Geschlechterwelt seine Befreiung durch markige Abgrenzung hart erkämpfen muss. Nichtsdestotrotz: aus der pauschalen Verurteilung etwa der Hälfte der Menschheit qua ihres Geschlechts wird aller Wahrscheinlichkeit nach kein besserer Zustand der Welt resultieren. Was mich zu meinem abschließenden Punkt führt.

Magische Verbindungen und eine egozentrische Weltsicht

In einem Gespräch in der Reihe "Sternstunde Philosophie" in SRF Kultur spricht Kim de l'Horizon sinngemäß davon, dass wir als Individuen eigentlich Knotenpunkte in einem schier unendlichen Seinsgeflecht seien. In der Dimension des Gegenwärtigen bedeutet das, dass wir uns statt in linearen Kausalbezügen in unauflösbaren Wechselwirkungen mit Menschen und Dingen befinden. In der Dimension des Historischen bedeutet es, dass wir unauflösbar in einer jahrhunderte- oder jahrtausendelangen Reihe unserer Vorfahren eingebettet und verwurzelt sind – ein Umstand, der auch die akribische (und durchaus mühsam zu lesende) Biografiearbeit im vierten Kapitel des "Blutbuchs" funktional werden lässt und der das Protagonisten-Ich bei seiner Suche nach Identität und Herkunft flapsig gesprochen auf Trapp hält. Und der auch uns Übrige auf Trapp halten könnte, scheinbare Klarheiten immer wieder zu hinterfragen und multiple Verknüpfungen zu spüren, statt künstliche Trennungen herzustellen. Ein Ansatz, den ich nicht nur literarisch verfolgenswert finde.

Auch hier kommt nun aber noch ein – allerdings: Wenn wir die Knotenpunktidee ernstnehmen wollen, geht es auch um den Versuch, die von den anderen Knotenpunkten ausgehenden Aktivitäten als aus ihrem Platz heraus sinnvoll und berechtigt wahrzunehmen. Es geht gleichsam um den Versuch einer möglichst unvoreingenommenen Multiperspektivität. Tatsächlich versucht das Protagonisten-Ich im "Blutbuch" immer wieder mit großem Aufwand und mit beeindruckender Sensitivität die anderen Perspektiven zu beschreiben. Es bleibt dabei aber – so mein recht durchgängiges Empfinden – in einer ganz schön egozentrischen Sichtweise stecken. Es begibt sich in die Weiten und Tiefen der familiären Welt; es betrachtet die 'große' Welt wie einen animistischen Kosmos, in dem alles mit allem lebendig zusammenhängt; zuletzt kreist es bei alledem aber doch immer wieder um sich selbst. Es eröffnet uns hoch-eloquent eine extrem fein gefächerte Sicht auf die Dinge; aber diese Sicht reduziert sich letzten Endes immer wieder auf die eigene, so als gäbe es die Welt nur in den Brechungswinkeln dieses Ichs. Was grundsätzlich kein Problem wäre, eher eine Art von sich mit einem magischen Panpsychismus verwechselnden Solipsismus. Die hier durchschimmernde emotionale Egozentrik ist aber zugleich einer der Gründe, warum ich sagen würde, dass ich das "Blutbuch" zwar literarisch hoch interessant und durchaus inspirierend finde; es mich aber gleichzeitig nur bedingt tief berührt.

Infos zum Buch

Kim de l'Horizon: Blutbuch. Roman. 336 Seiten. DuMont Verlag. Köln 2022. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-8321-8208-3). E-Book: 19,99 €

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#1 SchonProfil
  • 22.01.2023, 12:33hFürth
  • Coole Überschrift - gibt es inzwischen eine einheitliche Definition von Faschismus?
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#2 Pic_Anonym
  • 22.01.2023, 13:17h
  • Ich habe die Rezension gerne gelesen und bin froh darum. Da ich hier kritisch werde, dann sollte das nicht vergessen werden.

    Ja, ich habe das Blutbuch gerne gelesen. Vor allem aber auch weil es - anders als andere Texte - bei mir eine Vielzahl an sehr emotionalen Reaktionen hervorgerufen hat und ich es an einigen Stellen vor lauter Wut an die nächste Wand schmeißen wollte. Ich habe mich allerdings nur vorsichtig an die Rezensionen herangetastet. Teilweise, weil sie - wie diese Rezension zutreffend bemerkt - "durch nicht zu geringe Einschätzungsähnlichkeit" auffallen und ihre positive Bewertung in Teilen fragwürdig wurden, Teils weil sie vor Ablehnung nur so triefen und diverse homophobe und trans*phobe Narrative aufgreifen. Insbesondere der Vorwurf der Ich-Bezogenheit wird dabei immer wieder zur Sprache gebracht, was im Umkehrschluss sehr deutlich macht: Eigentlich *sollte* es ja um andere gehen. Die in diesem Punkt übereinstimmenden Rezensionen haben dabei gemeinsam, dass sie ihr eigenes Spiegeldasein nicht bemerken.

    So auch hier. Diese Rezension versteift sich ohne tiefergreifende Begründung ("so mein recht durchgängiges Empfinden") und trotz gegenläufiger Indizien ("Tatsächlich versucht das Protagonisten-Ich im "Blutbuch" immer wieder mit großem Aufwand und mit beeindruckender Sensitivität die anderen Perspektiven zu beschreiben.") auf die Kritik, der Text sei "egozentrisch" (bis hin zum Solipsismus). Damit reiht es sich ein in
    Nun frage ich mich, ob die Kritik nicht fundamental an der Erzählperspektive ansetzt - kann man diesen Vorwurf nicht eigentlich jedem ähnlich erzählten Roman machen? - und die Bewertung als "egozentrisch" nicht eigentlich aus einer anderen, sehr defensiven Ecke stammt.

    Das "Blutbuch" hat in den vergangenen Monaten mehrere Rezensenten überdies dazu eingeladen, die Hauptfigur mit der Autorperson zu identifizieren - und damit nicht nur der Figur sondern auch der Autorperson diese Egozentrik zu unterstellen. Diese Rezension - auch wenn sie diese Differenz anfänglich ausstellt - begeht meines Erachtens diesen Fehler auch an anderer Stelle, indem sie dem Buch als ganzem die Aussage "männlich = faschistisch" unterschiebt - und dabei eine "lesende" Distanz unterlässt.

    Ja, Der Text ist durchgehend provokant. Sei es durch die Sexualitätsdarstellungen (die hier als weniger provkant empfunden wird als anderswo), sei es emotional (weil der Text eine Vielzahl an Emotionen provoziert) und politisch (durch das Einnehmen einer "weiblichen" Perspektive der Figur trotz männlicher Sozialisation).
    Anstatt sich aber dieser Provokation auszusetzen und ihr ehrlich zu begegnen, wird diese Perspektive schlicht abgelehnt. Oder diese Ablehnung in offenen Fragen impliziert ("Dass dabei dann auch die männlichen Figuren in dem Buch ... ausgesprochen blass bleiben, kann man dann entweder als Teil des Konzepts oder als dramaturgische Schwäche des Romans betrachten.")

    Doch der Perspektivwechsel vom Männlichen zum Weiblichen umfasst auch die Thematik des Faschistoiden (bezeichnenderweise der catchy Aufreisser). Diesbezüglich schreibt der Rezensent: "Und diese, wie ich finde, sehr globale und wenig differenzierte und schon gar nicht fließende Generalabwertung des Männlichen geht mir persönlich denn doch zu weit."
    Das ist dann eigentlich genau eine solche Reaktion, aufgrund derer der Roman über die zu Beginn der Rezension dargestellten Gründe hinaus lesenswert ist. Weil der Text dazu führt, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Denn wenn man die anfängliche Differenz zwischen Figur und Autorperson ernst nimmt, dann befindet sich der Leser mit dieser Aussage nicht mehr in der Rezension, sondern in der Auseinandersetzung mit der Figur.

    Anstatt das aber zu reflektieren, verbleibt die Rezension (an diesem Punkt) in der Ablehnung ohne auch nur einen Schritt zu machen.
    Die Titelfrage "Wie "faschistoid" ist "schwule Männlichkeit"?" wird also letztlich kaum beantwortet. Oder wenn überhaupt, dann ohne Begründung damit, dass "schwule Männlichkeit" schlichtweg nicht faschistoid ist.
    Stattdessen müsste man sich fragen:
    1) Wieso kommt die Figur des Romans zu einer solchen Bewertung (die übrigens beileibe nicht pauschal Männlichkeit abwertet, sondern eine spezifische Form von männlichem Verhalten/Sexualität/Sozialisation) - und hat sie Recht?
    2) Wieso hat man als lesender Mann eine solche, emotionale Reaktion auf diese Provokation? Bellen da getroffene Hunde? Die Abwertung der schwul-männlichen Sexualität alleine kann diese emotionale Reaktion meines Erachtens nur verursachen, wenn mann sich in der dargestellten Sexualität wiederfindet - und die erste Frage nicht ehrlich für sich (!) beantwortet hat.

    Schade.
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#3 bilderAnonym
  • 22.01.2023, 13:18h
  • Hm. Schwule Männlichkeit.
    Also gibt es die eine für alle zutreffende schwule Männlichkeit.
    Diese ist dann scheinbar wiederum derart, dass diskutiert werden muss, wie faschistoid sie ist.
    Wieder was gelernt.
    Und ich dachte schon, dass Menschen individuell sind und dementsprechend ein Anrecht darauf hätten, dass dies auch sprachlich zum Ausdruck kommt.
    Werd gleich mal googeln was die Bild dazu schreibt.
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#4 SchonProfil
  • 22.01.2023, 15:58hFürth
  • Antwort auf #2 von Pic_
  • Ich habe nicht die geringste Ahnung, was schwule Sexualität ist. Ich bin nicht mal ein Mann, aber bisher hatte ich zumindest die Vermutung, dass schwule Sexualität ein ganzes Universum von Sexualität ist, mit vielen Spielarten und Facetten. Vor ein paar Jahren habe ich einmal, weil ich neugierig bin, versucht, heraus zufinden was konkret die Definition von Faschismus ist, und habe heraus gefunden, dass Nationalsozialisten eine andere Definition von Faschismus postuliert haben, wie Antifaschisten. Dadurch ist eine Definitionswolke entstanden und jeder Mensch verbindet andere Bilder im Kopf beim Begriff Faschismus. Nun habe ich zwei lose Enden: ein Universum von schwuler Sexualität die ich nur ansatzweise erahnen, weil nie erfahren kann und eine Wolke von Definition von Faschismus bzw. einem Faschismus-Ähnlichem (~oid).

    "Wieso hat man als lesender Mann eine solche, emotionale Reaktion auf diese Provokation? Bellen da getroffene Hunde? "
    Nö, gar nicht. Aber ich fände es schön, mit dem Begriff Faschistoid sorgsam um zu gehen.

    "...meines Erachtens nur verursachen, wenn mann sich in der dargestellten Sexualität wiederfindet - und die erste Frage nicht ehrlich für sich (!) beantwortet hat."
    Ich bin bei der Frage schon hängen geblieben, ohne überhaupt mir eine Antwort anzumaßen. Wie gesagt, ich finde es klasse, dass meine schwulen Brüder ihre Sexualität so vielfältig und phantasievoll ausüben wie sie wollen.
    Wir Lesben-, Bi-, Pan- und Asexuellen Frauen haben auch ein Universum unsere Zuneigung und Triebe auszudrücken.
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#5 PhobieInNeuemGewandAnonym
  • 22.01.2023, 16:16h
  • Es füllt mich mit Sorge und Wut, wenn schwule Identität mittlerweile (wieder) abgewertet wird, in diesem Fall auf besonders perfide Art. Es entbehrt nicht einer großen Ironie, wenn die Opfergruppe der homosexuellen Männer, die im Nationalsozialismus in KZs gesteckt und systematischer Vernichtung ausgesetzt waren und selbst heute noch vielfach als Opfergruppe übersehen werden, hier nun ihrerseits als faschistisch bezeichnet werden.

    Ich persönlich finde es richtig, sich eigene, identitätsstiftende Begriffe für sich selbst zurecht zu legen. Wer sich als nichtbinär definiert, soll dies ohne Abwertung von außen tun dürfen.

    Genauso wünsche ich mir aber, für mein Schwulsein nicht abgewertet zu werden. Muss man das wirklich einem politisch links stehenden Menschen heute noch erläutern?

    Wer sich als queer bezeichnet, soll dies tun. Mir persönlich stiftet das Wort queer keine Identität.

    Schwul war und ist ein Schimpfwort. Daher ist es für mich das Maximum meiner persönlichen Selbstermächtigung und Emanzipation, mich als schwul anzusehen und zu bezeichnen. Dies ist tief mit meiner persönlichen Lebensgeschichte verwunden.

    Wenn ich mich als queer bezeichnen würde, könnte ich dem Schwulsein in meinem Umfeld auch kein Gesicht geben und der Abwertung, die das Schwulsein noch immer erfährt, auch in diesem Buch, nichts entgegensetzen.

    Es zeigt sich bei vielen homophoben Personen, dass sie besonders dann Charakteristika stören, wenn diese als schwul gelesen werden. Das Opfer wird dann manchmal gefragt: bist du schwul. Ein ja führt dann zum ersten Faustschlag, ein nein kann ihn eventuell noch verhindern.

    Ich hoffe, dass wir nicht zu einer Homophobie in neuem Gewand kommen. Ein Buch wie dieses, insbesondere die zitierte Aussage, lässt mich schlimmes befürchten.
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#6 PrideProfil
  • 22.01.2023, 16:25h...
  • "...protofaschistoiden Sexualität schwuler Männlichkeiten..."

    Ich kenne das Buch nicht und kann mich daher eingeschränkt nur diesem Zitat widmen. Nur dem ist zu entnehmen, daß damit nicht jede Sexualität etc., sondern nur "protofaschistoiden..." gemeint ist. Auch geht es hier jetzt nicht allgemein um "Männlichkeiten", also die z.B. heterosexuelle einschließend, sondern um derer "schwule" und an meinem vorigen Satz anschließend, eben nur davon wieder um einem Teil von ihnen. Und der Auseinandersetzung sollte mensch natürlich nicht mit unzutreffend behaupteten Verallgemeinerung ausweichen. Ebenso muß sich u.a. gerade auch eine männliche Hetero-Identität mit ihrem wohlmöglichen Sexismus gegenüber dem Femininen auseinandersetzen. Da trifft denn wieder das zweite Zitat zu "Männlichkeiten" und der Auseinandersetzung damit.
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#7 pic_Anonym
  • 22.01.2023, 16:28h
  • Antwort auf #4 von Schon
  • "Ich habe nicht die geringste Ahnung, was schwule Sexualität ist. Ich bin nicht mal ein Mann"
    Ich auch nicht.

    Mir geht es darum, dass das Blutbuch ein literarisches Werk und kein politisches Manifest ist. Der Figur kann man natürlich eine unsaubere Handhabung von Begrifflichkeiten vorwerfen - aber das ist eine andere Auseinandersetzung als die über das Buch. Die Trennung zwischen Figur und Autorperson muss man als Leser*in immer wieder in den Fokus rücken. Gerade wenn man sich selbst mit einigen Inhalten oder Aussagen der Figur unwohl fühlt. Dass Begrifflichkeiten von der Figur in fragwürdiger Weise verwendet wird und dadurch zum Denken und Fühlen anregt (weil man sich beispielsweise in Definitionsdiskussionen wiederfindet) ist ein positiver Aspekt des Buchs - und kein negativer.
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#8 SchonProfil
#9 PhobieInNeuemGewandAnonym
  • 22.01.2023, 16:40h
  • Antwort auf #3 von bilder
  • Die Abwertung der schwul-männlichen Sexualität alleine kann diese emotionale Reaktion meines Erachtens nur verursachen, wenn mann sich in der dargestellten Sexualität wiederfindet - und die erste Frage nicht ehrlich für sich (!) beantwortet hat.

    Meine Antwort auf diese Aussage ist ein klares Nein. Für mich hat die im Titel diese Beitrags zitierte Aussage nichts subversives, nichts kreatives, eher etwas Plumpes und Beleidigendes.

    Sie reiht sich schlichtweg ein, in eine Reihe von Nadelstichen, Verletzungen und Beschimpfungen, denen ich seit meiner Kindheit wegen meines Schwulseins ausgesetzt bin. Daher rührt die Verletzung.

    Was früher von konservativer, religiöser Seite kam, kommt mittlerweile mit anderen Begriffen von linker Seite.

    Und ich bin kein vor Testostetom stroztender, sportlicher Typ, den man als Macho missverstehen könnte, eher das Gegenteil.
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#10 pic_Anonym
  • 22.01.2023, 17:09h
  • Antwort auf #9 von PhobieInNeuemGewand
  • Interessant wird es dann, wenn man bedenkt, dass sowohl die Figur des Romans als auch die Autorperson historisch als Mann Sex mit Männern hatte und - vermutlich - ebensolchen Sticheleien ausgesetzt war.

    "die gleiche Kiste 'von links'" ist da meines Erachtens etwas kurz gegriffen.

    Nichtsdestotrotz verstehe ich natürlich, wieso hier eine Verletzung vorhanden ist. Bitte versteh mich hier nicht falsch. Deine Reaktion ist der Grund, wieso man heutzutage manche medialen Inhalte mit Triggerwarnungen versieht. Meines Erachtens bist du getriggert und das ist verständlich in Anbetracht der gesellschaftlichen Umstände und - offensichtlich - deiner persönlichen Geschichte.
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