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Sexualpädagogisches Arbeitsblatt

Die Risiken, eine Cis-Hete zu sein

Rechte Medien schieben wegen eines Arbeitsblatts einer sechsten Klasse die nächste Anti-Trans-Hetzwelle an. Doch statt vor den "Risiken" transgeschlechtlichen Lebens sollte vor ihnen gewarnt werden.


Corpus delicti: Ein Arbeitsblatt, das in einer Kölner sechsten Klasse ausgeteilt worden ist (Bild: Screenshot / "Welt")

Arbeitsblätter einer sechsten Klasse aus Köln bieten derzeit den neusten Anlass für rechte Medien und Aktivist*innen, gegen mehr Rechte und Sichtbarkeit transgeschlechtlicher Menschen vorzugehen. Von "Welt" über "Bild" bis "Junge Freiheit" und von Till-Randolf Amelung über Birgit Kelle bis hin zur "Gender Critical"-Beseelten Rona Duwe reicht das Geraune: Vorpubertäre Kinder werden mal wieder zu "Geschlechtsumwandlungen" gedrängt!

Was war passiert? Im Sexualkundeunterricht der Klasse wurden Arbeitsblätter ausgeteilt, auf denen Begrifflichkeiten zu geschlechtlichen Identitäten und sexuellen Orientierungen vorgestellt wurden. Aufgabe: Beschreibungen von Personen sollen Begriffen zugeordnet werden. Zeter! Mordio!

"Geschlechtsumwandlung" – so rasch wie möglich?

Eine "besorgte Mutter" spielte den Medien die Blätter zu und stand für die "Welt" als anonyme Interviewpartnerin zur Verfügung. Kinder im Alter von 11 bis 12, erzählte sie einem Videoteam des Blatts, würden meist schon lachen, wenn sie nur das Wort "Penis" hörten. Deshalb sei es für sie "zu früh", wenn sie "derlei komplexe Fragen" beantworten sollten oder Beispiele präsentiert bekämen, "wo es dann durchaus um OPs geht".

"Noch vor der Pubertät" werde auf den Blättern "ganz offen über Geschlechtsumwandlungen gesprochen", erzählt die Off-Stimme des vergangenen Freitag auf dem Portal der "Welt" erschienenen Videobeitrags. Das corpus delicti ist ein Kasten mit folgendem Inhalt: "Zeynep fühlt sich im falschen Körper geboren. Sie*Er möchte sich so rasch wie möglich operieren lassen, um endlich als Mann leben zu können." Der Kasten soll dann Begriffen über geschlechtliche Identitäten zugeordnet werden – neben anderen Sätzen über Personen wie "Sarah würde zwar manchmal interessieren, was Männer so fühlen und denken, aber sie ist froh, eine Frau zu sein"

In der "Jungen Freiheit" wird aus dieser völlig harmlosen Methode, mit der Schüler*innen lernen, die Bedeutung von Begriffen zu unterscheiden: "In den Arbeitsblättern für die sechste Klasse wird den Heranwachsenden geraten, 'sich so rasch wie möglich' umoperieren zu lassen, falls sie sich im falschen Körper fühlten." Dabei handelt der inkriminierte Satz von Zeyneps Wünschen – so wie der über Sarah von ihrer Vorstellungswelt und dem schwierigen Hineinversetzen in andere. Wer sich als cisgeschlechtlicher Mensch nicht wirklich dafür interessiert, wie sich das Leben für andere Geschlechter wohl anfühlt, ist ja auch deshalb nicht minder cisgeschlechtlich – ein Argument, das vor allem vielen Männern einleuchten sollte. Kleiner Scherz.

Doch das scheint nicht der Fall. Denn auch der rechte transgeschlechtliche Autor und Aktivist Till-Randolf Amelung, obligatorischer Kronzeuge in diesen Auseinandersetzungen, will in der Beschreibung einer konkreten Person lieber eine Handlungsanweisung an Kinder entdecken. Nicht jedes Problem mit dem körperlichen oder auch sozialen Geschlecht sei automatisch "trans", sagt er im "Welt"-Beitrag. Diese Differenzierung aber gehe "hier völlig verloren". Ähnlich der Präsident des konservativen Deutschen Lehrerverbandes Heinz-Peter Meidinger. Wegen des Alters der Kinder sieht er das Arbeitsblatt "kritisch": "Die sind ja alle in der Pubertät und unsicher, bzw. suchen erst noch ihre Rolle. Sie in dieser Phase mit der Frage von Geschlechtsumwandlungen zu konfrontieren ist unsensibel, unpädagogisch und schadet mehr als es nutzt."

Die Risiken der "Geschlechtsumwandlung"

Und noch ein Aspekt hat es den Rechten besonders angetan: Die "Risiken" einer Operation. Darauf, dass "eine Geschlechts-OP eine große Entscheidung ist, welche Risiken und Folgen mit sich bringen kann", werde auf dem Blatt "NICHT" hingewiesen, empört sich ein Beitrag in "Bild". Aus dem "Welt"-Off heißt es gleichsam, auf den Blättern würde "auf die Gefahren und Folgen einer solchen OP gar nicht hingewiesen". Und "Tichys Einblick" meint: "Auch geschlechtsangleichende Operationen finden Erwähnung – gravierende Gefahren oder Probleme hiernach kommen nicht zur Sprache."

Doch warum sollen Kinder, die einfach nur Begrifflichkeiten der Sexualkunde erlernen, mit genau diesen Risiken konfrontiert werden, denen sich Menschen dieser einen geschlechtlichen Gruppe gegenüber sehen? Und: Wie erheblich sind die medizinischen Risiken von Komplikationen bei OPs oder später bereuter Eingriffe gegenüber der wesentlich häufiger auftretenden Gefahr, aufgrund von gesellschaftlicher Diskriminierung und Ausgrenzung ein Leben in Armut, Arbeitslosigkeit, körperlicher und psychischer Krankheit, Einsamkeit und Entfremdung von der eigenen Familie führen zu müssen?

Ähnliche psychosoziale Ausgrenzungsfolgen, wenn auch in deutlich abgeschwächter Form, gelten für gleichgeschlechtlich, bi- oder pansexuell begehrende Personen. Und tatsächlich ist das Risiko für schwule Männer, eine Infektion mit dem HI-Virus zu erleben, erst ein mal höher als für heterosexuelle. Müsste dann nicht also auch dieses Risiko als Warnhinweis an die entsprechende Lebensweise gesetzt werden? Vielleicht jedes mal, wenn Olivia Jones im Fernsehen zu sehen ist?

Und wo wir schon ein mal dabei sind: Die Gefahren einer heterosexuellen Ehe, zu scheitern, liegen statistisch gesehen bei etwa 40 Prozent. Damit gehen nicht nur große finanzielle Risiken für Heterosexuelle einher, sondern auch erhebliche psychische Belastungen für die eventuell in der Familie geborenen Kinder. Die Folge: Sie haben unbeständigere Beziehungen als andere, sind häufiger psychisch krank und von einem verstärkten Armutsrisiko betroffen. Wer bitte tut das seinen Kindern an?

Und es geht noch weiter: Manche Mütter sterben bei der Geburt, viele mehr werden dabei traumatisiert. Und die Gefahr für heterosexuell verpartnerte Frauen, Opfer eines Sexual- und Tötungsdeliktes zu werden, ist in einer heterosexuellen Ehe erheblich vergrößert. Achja, und was ist mit der häufigen Verschleppung von Hämorrhoidalleiden bei Männern, die ihren Anus als Tabuzone verstehen und partout keine Ärzt*innen aufsuchen, obwohl jeden Morgen große Mengen Blut im Klopapier sind?

Müsste nicht also an den Satz "Man fühlt sich vom anderen Geschlecht angezogen", der auf den Arbeitsblättern dem Begriff "heterosexuell" zugeordnet werden soll, eine Warnung vor den Gefahren der heterosexuellen Lebensweise gehängt werden?

All das wird in den rechten Medien nicht gefordert. Was sie wollen, ist nur eines: Dass auf die bloße Erwähnung der Existenz transgeschlechtlicher Personen und des Wunsches von jemandem, den eigenen Körper anzugleichen, sofort Warnungen folgen sollen – Warnungen, die als Einschüchterung gedacht sind.

Die Cis-Hetero-Norm

Denn darum geht es wirklich: Früh genug erfahren alle trans Personen, die sich medizinische Maßnahmen wünschen, von Nebenwirkungen der Hormontherapien oder Komplikationen der OPs. Was rechten Aktivist*innen und Medien in Wahrheit Angst und sie dadurch wütend macht, ist die Möglichkeit, dass sich mehr transgeschlechtliche Personen aus dem Schrank wagen – und dann auch noch, Gott bewahre, ihre Menschenrechte einfordern.

Genau so wurde der Kampf gegen die Rechte Homo- und Bisexueller früher auch geführt – viel zu oft noch bis heute. Ging es irgendwo explizit um gleichgeschlechtliches Begehren, wurden ihnen allerorts die "Risiken" und "Gefahren" gelebter gleichgeschlechtlicher Liebe von HIV über Ausgrenzung bis hin zur Kinderlosigkeit schmerzlich bewusst gemacht. Aber um die offene Kommunikation von Risiken des Lebens ging es auch da natürlich nicht.

Dringlicher nämlich war das eigentliche, lange so erfolgreiche Anliegen hinter dem Verlangen nach Warnungen – dass es nämlich gar nicht erst explizit um gleichgeschlechtliches Begehren gehen sollte. Weder in Schulen, noch in den Familien. Denn wegen der vermeintlich drohenden "Risiken" wurde Kindern die Möglichkeit, dass sie oder überhaupt jemand lesbisch, bi oder schwul sein könnte, lieber gar nicht erst erzählt, systematisch vorenthalten. Man wollte ja nur das risikolos Beste für sie!

Eigentliches Ziel solcher Manöver: Die Unterdrückung eines inneren und äußeren Coming-outs und damit der Konfrontation der Dominanzgesellschaft mit ihrer Ausgrenzung, ihrer Gewalt und ihren zuungunsten von Minderheiten angeeigneten Privilegien.

Denn Till-Randolf Amelung hätte auch darauf hinweisen können, dass ein Mädchen, das sexuell an Jungs interessiert ist, deshalb nicht automatisch heterosexuell sein müsse. Begehren wandelt sich ja häufig noch! Und wer soll das im Alter von höchstens zwölf Jahren denn auch wissen? Aber warum unterbleiben solche Einwände, die beim Gefühl wiederum, im "falschen Körper" zu sein, sofort erhoben werden?

Offensichtlich liegt das an einer cisgeschlechtlich-heterosexuellen Norm. Die geht nicht davon aus, dass Kinder im Lauf ihres Lebens ihre eigenen geschlechtlichen und sexuellen Orientierungen erst entdecken und mit denen dann ein gelungenes oder eben misslungenes, weil schambehaftetes und verstecktes Leben führen.

In unserer Gesellschaft nehmen wir vielmehr an, dass Kinder erst ein mal heterosexuell und cisgeschlechtlich sind. Und nur dann macht das Unterbleiben der Warnungen vor der Annahme einer heterosexuellen Lebensweise auch Sinn: Man kann ja nicht annehmen, was man schon hat oder bereits verkörpert. Wie war das noch mit "Frühsexualisierung", mit 2-Jährigen, denen auf dem Spielplatz Kavalierseigenschaften zugesprochen werden, weil sie mit gleichaltrigen Mädchen im Sandkasten Förmchen ausstanzen?

Der Wunsch nach Warnungen vor den "Gefahren" und "Risiken" davon, trans zu sein, macht also nur Sinn, wenn man glaubt, dass transgeschlechtliche Kinder ein cisgeschlechtliches Leben führen könnten. Und dass das eine im Zweifelsfall gesündere und weniger gefährliche Art und Weise wäre, durch die wenigen Jahre zu gehen, die ein Mensch im Leben hat. Doch nach allem, was wir begründet wissen und annehmen können, ist das eine Weltsicht von beeindruckender Falschheit.

So lässt sich angesichts der ganzen Lust, mit der konservative und rechte Köpfe hier wieder mal dabei sind, anderen aus egoistischsten Gründen deren Leben versauen zu wollen, auch eine ganz andere Gefahrenfrage aufwerfen: Welches Risiko klebt eigentlich an einem cisgeschlechtlichen und heterosexuellen Lebensstil, notorisch völligen Unsinn von sich zu geben?

#1 mesonightAnonym
  • 25.01.2023, 14:14h
  • Sollten sich "besorgte Eltern" nicht eher darüber Sorgen machen, dass ihre Kinder über google und Co. durch die Eingabe einfachster Begriffe auf ungeschützte Pornoseiten kommen? Vom Darknet mal ganz zu schweigen. Ich erkenne das Problem einfach nicht, wenn Pädagogen in der Schule normale Lebensrealitäten näherbringen.
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#2 SeraphinaAnonym
  • 25.01.2023, 14:20h
  • Über die einschlägigen rechten Medien wurde auch von mir zu genüge geschrieben und gesagt, aber Worte können nicht beschreiben wie ich Rechte Grifter wie Till Randolf Amelung in Deutschland oder Caitlyn Jenner, Blair White oder Buck Angel in den USA abgrundtief verachte, die nichts besseres zu tun haben als gegen andere Transpersonen die nicht sie selbst sind zu hetzen und beim Erhalt des Status Quo schön mitmachen.
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#3 RosmullahAnonym
#4 WinnetouAnonym
#5 user215731324Anonym
  • 25.01.2023, 22:21h
  • "Die sind ja alle in der Pubertät und unsicher, bzw. suchen erst noch ihre Rolle."

    Genau deswegen ist es so wichtig Kindern (oder auch Erwachsenen) mitzuteilen, dass sie eben nicht für immer und ewig daran gebunden sind weiblich oder männlich zu sein!

    Wir haben die Freiheit ein glückliches und erfülltes Leben zu leben und müssen uns nicht in eine Lebensweise hineinzwingen die uns durch und durch unglücklich macht.

    Aber nein. Die rechten freiheitliebenden Idioten wollten keine wirkliche Freiheit.
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#6 Two spiritsAnonym
  • 25.01.2023, 22:38h
  • Mehr Kommentare gibt es hier nicht zu diesen Thema. Nur so ein paar Schwachmaten Komments. Ja ! eine Op macht schon aua, aber dagegen habe die im Krankenhaus schon tolle Medikamente. Ach ja! solche Angleichendeopertion zu was auch immer bei mir zur Frau sollte schon tatsächlich gründlich überlegt sein und nicht Hoppla di Hopp übers Knie gebrochen werden. Meine Empfehlung bloß nicht zu spät, eigne Erfahrung.

    Das mit der gesellschaftlichen Diskriminierung und Ausgrenzung, ein Leben in Armut, ( dazu trägt die rückständige deutsche Wohlstands Gesellschaft einen großen teil bei.) Arbeitslosigkeit ( Wenn Arbeitgeber bei Bewerbung von Trans-Menschen diese Diskriminieren, ist das deren Schuld, das diese dummen Arbeitgeber keine Fachkräfte finden. Dumm gelaufen!).
    Körperliche und psychische Krankheit! dazu trägt wieder diese rückständige Gesellschaft bei, mit ihren auftreten und gebaren gegenüber Uns. Eingeübte Verhaltensmuster sind die Quelle allem Übels.
    Einsamkeit und Entfremdung von der eigenen Familie führen zu müssen? (das kommt mir bekannt vor! ) Ein Satz den es nicht geben müsste, wenn sich Eltern beruhtsam sich mit den Problem ihres Kindes beschäftigen bzw auseinandersetzen würden, denn es geht um das Kindes wohl und um einer beschiedenen Gesellschaft die was gut findet oder nicht so gut findet. Es geht um einen Menschen der langsam sein eigenes Ich findet.
    Wir sind keine Konformität-Roboter.
    Ich bin so wie ich bin und das ist auch gut so. Endlich Frau zu sein. Das kann keiner von diesen Typen nachvollziehen, weil deren Horizont zu niedrig ist.
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