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Roman
"Girlcrush": Wer queer ist, kann nur gut sein
Die britische Influencerin Florence Given schreibt in ihrem Debütroman über bisexuelle Liebe im Instagram-Zeitalter. Der Roman will viel und versagt auf ganzer Strecke. Eine kaum lesbare neoliberale Zumutung.

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch stellt Florence Given, Jahrgang 1998, vor als "eine in London lebende Künstlerin und Autorin, die vor allem aus den sozialen Medien bekannt ist" (Bild: IMAGO / PA Images)
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1. April 2023, 01:19h 5 Min.
Die junge Londonerin Eartha ist Millennial durch und durch. Irgendwie ein bisschen im eigenen Leben verloren, in der langjährigen heter Beziehung auf ein Riff aufgelaufen, verdient ihr Geld in ungeliebten Nebenjobs, bastelt aber auch an irgendwelchen pseudo-feministischen Collagen, die sie mehr schlecht als recht online verkauft. Insgesamt wirkt Earthas Leben ziemlich langweilig, so sehr, dass auch sie sich darin zu langweilen scheint. Doch dann: Trennung, die eigene Bisexualität entdecken, queeres Dating, viral Gehen, Influencerin werden, Berühmtheit, Geld, Stimme einer Generation sein und und und…
Wie jede Satire, die etwas auf sich hält, legt "Girlcrush" (Amazon-Affiliate-Link ) die Latte hoch und packt sich den Teller ziemlich voll. Es mangelt nicht an Themen, die bearbeitet werden. Von toxischer Männlichkeit über queere Identitätssuche im Instagram-Zeitalter bis zur Unmenschlichkeit der Werbe- und Verkaufslogik digitaler Netzwerke. Das klingt nach sehr viel und ist dann doch sehr schmal, da "Girlcrush" auf nichts davon so wirklich eingeht. An vielen Stellen bleibt der Roman bei Plattitüden, Klischees und Floskeln stehen, anstatt sich wirklich mit den aufgeworfenen Problemen mit den Mitteln der Satire auseinanderzusetzen.
Ein Haufen unsympathischer Karikaturen

"Girlcrush" ist im März 2023 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen
Im satirischen Roman ist die Übertreibung, die Überzeichnung natürlich gängiges und an vielen Stellen auch sinnvolles Mittel. Oft lässt sich der wahre Charakter eines Problems umso besser erkennen, wenn es ab absurdum geführt und bis zum Bersten aufgeblasen ist. Jedoch muss das dann gezielt und absichtsvoll passieren. In "Girlcrush" bleibt alle Kritik durch Übertreibung entweder Selbstzweck oder so plump und nicht in die Handlung eingebunden, dass es lächerlich wird. Alle "Bösen" sind direkt vollkommen über alle Maße schlecht, gemein, missbrauchend, ausnutzend und hinterhältig, dass beim Lesen eigentlich keine Möglichkeit mehr besteht, nachzuvollziehen, was diese Menschen antreibt. Vielmehr scheint der Roman daran auch gar kein Interesse zu haben, sondern selbst seine negativen Figuren zu hassen. Das führt in Konsequenz dazu, dass das Böse der hetero Männer oder der Online-Trolle etwa eher mystifiziert wird, statt es durch Sezierung und Spott der Lächerlichkeit preiszugeben.
Hass gegenüber den eigenen Figuren, auch den schlechten, ist keine gute Voraussetzung. Er verhindert das Einfinden in die Handlung und somit auch, dass emotionale Momente wirken. Auf der anderen Seite bringt "Girlcrush" den "guten" Figuren dann auch nichts als blinde Verehrung entgegen. Und unterläuft sich dabei selbst. Earthas queere Freund*innen etwa, die sie ins queere Datingleben einführen, werden wiederholt als ach so wunderbare Menschen bezeichnet. Während sie dann doch eigentlich egozentrisch, unsympathisch und rücksichtslos sind. Und das ist offensichtlich nicht beabsichtigtes Programm des Romans. "Girlcrush" propagiert eine Art pauschal läuternde Queerness: Wer queer ist, kann nur gut sein. Wer es nicht ist, ist toxische cis-Hete. Das ist politisch sowieso problematisch, aber auch literarisch borniert und die beste Voraussetzung für ein zähes Leseerlebnis – und der Kern des Problems des Romans.
Eartha ist eine unreflektierte Materialistin. Wenn sie über ihre Zukunft, über ihre Träume nachdenkt, dann hängen diese Überlegungen immer an Dingen. Selbstverwirklichung ist für sie nur Mittel zum Zweck. Sie will keinen Erfolg mit ihren Collagen haben, weil sie ästhetische Überzeugungen vertritt, sondern damit sie sich Luxusautos und Champagner leisten kann. Ab der ersten Sekunde, die Eartha Erfolg als Influencerin schnuppert, gibt sie sich komplett dem Konsum und der Verkaufslogik hin. Sie reflektiert an keiner Stelle die tatsächlichen kapitalistischen Machtverhältnisse der Welt um sie herum und ist dumm-naiv von allem beeindruckt, was auch nur im Entferntesten Gold und Glamour verheißt. Eigentlich wäre Eartha also die perfekte Figur, um sie im Zentrum einer Satire auf dieses leere Leben, das nur noch den Dingen und dem "Fame" opfert, untergehen zu lassen. Eartha ist diejenige Figur, die vorgeführt und moralisch verurteilt werden sollte, damit die Satire wirkt. Doch das will "Girlcrush" eben nicht. Der Roman will seine Protagonistin lieben, weil sie ja queer ist, und liebt damit dann auch den neoliberalen Kapitalismus, der Eartha aus jeder Pore quillt.
Literarisch wertlos
Eartha steht im Zentrum der Erzählung. Und sie erzählt ihre Geschichte auch noch selbst. Die Ich-Perspektive ist derzeit in der Literatur angesagt, weil sie verführerisch direkt wirkt, Persönlichkeit und Nahbarkeit vermittelt – oder vortäuscht. Doch nicht jede Figur eignet sich als erzählende Instanz. Das zeigt "Girlcrush" wunderbar auf. Es macht keinen Spaß, Eartha über fast 400 Seiten zuzuhören, weil sie sich neben ihrer Unreflektiertheit und ihrer Naivität auch dadurch auszeichnet, dass sie eine Figur ohne jede Sprache ist. Ihre sprachlichen Bilder und Metaphern sind schief, die Szenen, die sie beschreibt, bleiben farblos und fad. Vermeintliche Kunstgriffe wie unregelmäßig eingeschobene "Anmerkungen der Regie", in denen plötzlich über eine halbe Seite in der dritten Person erzählt wird, bleiben in ihrer Funktion vollkommen unklar und fügen der Erzählung eigentlich nichts hinzu.
Insgesamt macht "Girlcrush" einen ziemlich chaotischen Eindruck. Es bleibt in gewissem Sinne gar die Frage offen, wieso das überhaupt erzählt wird. Eine gewisse zynische Stimme flüstert in Anbetracht der aufgezeigten neoliberalen Leere des Romans, dass es vielleicht auch Autorin Florence Given, die als Illustratorin berühmt geworden ist, nur darum ging, einen Roman zu verkaufen, dass das Buch lediglich ein Produkt ist, um eben Geld zu machen. Doch das wäre eine unfaire Unterstellung.
Der Feminismus und die Queerness, die "Girlcrush" vertritt, sind beide durchkapitalisiert und dem Konsum unterworfen. Es ist daher wenig überraschend, dass der Roman bei internationalen Hochglanzmagazinen gut ankommt und gelobt wird als ein "weiterer Triumph für den Feminismus" (Glamour). Dem kann nur entgegengehalten werden, dass ein solcher Feminismus, der sich an die Machtstrukturen des Marktes anbiedert, statt sie zu kritisieren, sich bereits selbst den Wind aus den Segel genommen hat. "Girlcrush" ist inhaltlich, politisch und auch sprachlich eine Zumutung, von der es sich fernzuhalten gilt. Ein wahrlich schlechtes Buch.
Florence Given: Girlcrush. Roman. Übersetzt von: Pauline Kurbasik. 400 Seiten. Verlag Kiepenheuer & Witsch. Köln 2023. Taschenbuch: 20 € / ISBN: 978-3-462-00463-2). E-Book: 14,99 €
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Der Punkt mit den Antagonisten finde ich gut, dieses schwarz weiß denken ist halt nicht gut. Die Charaktere sollten eine Motivation oder Begründung für ihr Verhalten haben.
Ich glaube nicht das meine Storys einer kritischen Sicht standhalten würden, der Unterschied ist, ich stelle es for free ins Netz und verdiene nichts damit.