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Sachbuch

Als Aufklärung getarnte Angriffe auf trans Frauen

In ihrem neuen Buch "Alle(s) Gender", erschienen ausgerechnet im Querverlag, will Sigi Lieb zum Nachdenken über Sex und Gender anregen, greift dabei jedoch auf gefährliche Klischees zurück.


In ihrem Buch "Alle(s) Gender" stellt Sigi Lieb u.a. die "echte Transidentität" der Bundestagsgeordneten Tessa Ganserer infrage (Bild: IMAGO / Stefan Zeitz)

Gender ist manchmal Trouble: Deshalb will Sigi Lieb mit "Alle(s) Gender" auf knapp 300 Seiten für ein wenig mehr Ordnung sorgen. Die Diplom-Sozialwissenschaftlerin und Beraterin für diskriminierungsarme Kommunikation ist mit ihrem Buch angetreten, um an Geschlechterstereotypen zu rütteln und fernab von ideologischen Grabenkämpfen zum Nachdenken über Sex und Gender anzuregen.

Anhand von Sachinformationen, persönlichen Anekdoten und Kurzporträts von Betroffenen entwirft sie ein durchaus komplexes Bild: Sie definiert das biologische sowie das soziale Geschlecht und erklärt, was es mit Intergeschlechtlichkeit und Transidentität auf sich hat. Sie stellt die Thesen von Butler, de Beauvoir, Bourdieu sowie den Bechdel-Test vor. Und sie gibt Einblicke in medizinische, kulturelle, technologische und juristische Entwicklungen, die unsere Gesellschaft und die aktuellen Diskurse prägen.

Thematische Bandbreite, einseitige Darstellungen

Die thematische Bandbreite, die Lieb darstellt, ist bemerkenswert, ebenso wie es der Autorin gelingt, Sachinformationen auf verständliche Weise (und mit gendersensibler Sprache) zu vermitteln. Lobenswert ist zudem, dass "Alle(s) Gender" dem medial eher vernachlässigten Bereich der Intergeschlechtlichkeit viel Raum zugesteht und Lieb immer wieder beherzt Position gegen Menschenfeindlichkeit und für Demokratie und Menschenrechte bezieht.

Dass manches in "Alle(s) Gender" nur verkürzt und einseitig dargestellt wird, ist wohl unter anderem dem Umfang der Materie geschuldet. Lieb liefert vor allem Grundlagen, die als Ausgangspunkt für tiefergehende Diskussionen dienen können, und wirft eine Vielzahl von Fragen auf, wie wir eine gerechte Gesellschaft gestalten können. Das Buch gibt nicht vor, einfache Lösungen bereitzuhalten, sondern ermuntert dazu, sich eigene Gedanken zu machen.

Selbst beim Thema Sprache gibt sich die professionelle Sprachberaterin entspannt und spricht sich gegen strikte Vorschriften aus. Zwischen all den von Kurzatmigkeit und Schnappatmung geprägten Online-Debatten will "Alle(s) Gender" eine Möglichkeit bieten, durchzuatmen und sich ohne vermeintliche Scheuklappen sensiblen Themen zu widmen.

Verklärung und fehlende Argumente


Sigi Liebs Buch "Alles(s) Gender" ist im März 2023 im Berliner Querverlag erschienen

Doch so unaufgeregt sich Liebs Buch über weite Strecken gibt, so zweifelhaft erscheinen doch viele Passagen und Gedanken, vor allem wenn die Autorin eigene Überlegungen anstellt. Bedauernswert ist zum Beispiel, dass nicht mit Fußnoten gearbeitet wurde und anhand eines falschen Einstein-Zitates oder Phrasen wie "Das versteht jedes Vorschulkind" argumentiert wird. Wie Lieb zu ihren Schlüssen kommt, ist so meistens nur zu erahnen.

Bisweilen wirkt die Sprache zudem verklärt, etwa wenn die Natur uns Geschlechter "schenkt" oder bestimmte biologische Eigenschaften von der Natur "gewollt" sind. Die Black-Lives-Matter-Bewegung, so schreibt Lieb im Vorwort, setze sich für gleiches Ansehen und Wertschätzung von Menschen aller Hautfarben ein – das ist doch eine sehr blumige und im Kern unzutreffende Beschreibung einer Bewegung, die sich gegen tödliche Polizeigewalt gegen Schwarze Menschen engagiert.

Später verallgemeinert Lieb mit Bezug auf J. K. Rowlings berüchtigten "Wumben"-Tweet, dass der Ausdruck "Menschen, die menstruieren" in der transaktivistischen Szene statt "Frau" verwendet werde, und schließt damit an das beispielsweise in der "Emma" verbreitete Narrativ an, dass das Wort "Frau" ersetzt und cis Frauen unsichtbar gemacht werden sollen. Lieb argumentiert, dass funktionale Beschreibungen von Geschlecht, also zum Beispiel das Menstruieren, nicht zur Definition von Mann und Frau taugen, da etwa Frauen nach der Menopause nicht menstruieren. Dabei übersieht sie ebenso wie Rowling, dass die Umschreibung "Menschen, die menstruieren" nicht als Ersatz, sondern vielmehr als Ergänzung dienen soll: In dem Artikel, auf den Rowling sich in ihrem Tweet bezieht und der das Thema menstruelle Hygiene behandelt, werden sowohl Frauen als auch Mädchen ausdrücklich genannt. Der von Rowling kritisierte Ausdruck wird lediglich dazu genutzt, auch diejenigen anzusprechen, die sich nicht als Frau identifizieren und dennoch menstruieren, beispielsweise trans Männer und nichtbinäre Menschen. Dass eine breite Ansprache gerade bei gesundheitlichen Themen wichtig ist, zeigen Erfahrungen aus der Aids-Prävention; hier ist oftmals von Männern, die Sex mit Männern haben, die Rede, um auch die Betroffenen zu erreichen, die sich nicht als homo­sexuell bezeichnen.

Gefährliche Stereotype

Vor allem der Blick auf trans Frauen ist im Buch immer wieder tendenziös und von gefährlichen Stereotypen geprägt. Exemplarisch ist hierfür der Umgang mit der trans Politikerin Tessa Ganserer, die Lieb im Zuge eines Tone-Policing als zu aggressiv bewertet und als Beispiel nennt für "Personen im männlichen Phänotyp, die sich weiblich identifizieren, [bei denen sich kaum prüfen lasse,] ob aus Provokation, um Vorteile zu erhalten oder als echte Trans­identität". An anderer Stelle wird trans Frauen das Privileg gegenüber cis Frauen zugesprochen, dass erstgenannte sich als Mann im Patriarchat eine Karriere aufbauen könnten, bevor sie als Frau lebten, und somit einen unfairen Vorteil hätten. Immer wieder schimmert so ein essenzialistisches Verständnis von Geschlecht durch, von "vollwertigen Männern" ist da ebenso die Rede wie von "echter Trans­identität" – und trans Frauen werden wiederholt als potenzielle Mogelpackungen dargestellt, die Genderidentität lediglich vortäuschen und ausnutzen.

Befremdliche und schädliche Aussagen wie diese durchziehen das gesamte Buch und trüben nicht nur den Gesamteindruck, sie lassen "Alle(s) Gender" – trotz wichtiger Denkanstöße – im Ganzen fragwürdig erscheinen. Liebs Beteuerungen, undogmatisch und fernab ideologischer Grabenkämpfe auf das Phänomen Geschlecht zu blicken, bleiben somit größtenteils Lippenbekenntnisse. Zu einseitig ist ihre Darstellung von Trans­identität, zu stark der Fokus auf weltweit verteilte Einzelfälle, in denen Selbst­bestimmungs­gesetze ausgenutzt wurden – subtil wird so suggeriert, es drohe Gesetzlosigkeit und Kontrollverlust.

Wenn Lieb tatsächlich an einem offenen, sachlichen Dialog – auch zu Themen wie dem Selbst­bestimmungs­gesetz, Pubertätsblockern und Detransitionen – interessiert ist, wäre ein nüchterner, wissenschaftlich fundierterer Zugang sicherlich hilfreich gewesen. So bleibt zu befürchten, dass "Alle(s) Gender" nicht nur eine Menge Leute vor den Kopf stoßen wird, sondern bestehende Konflikte weiter verschärft.

Infos zum Buch

Sigi Lieb: Alle(s) Gender. Wie kommt das Geschlecht in den Kopf? Sachbuch. 326 Seiten. Querverlag. Berlin 2023. Taschenbuch: 20 € (ISBN 978-3-89656-325-5). E-Book:16,99 €

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-w-

#1 maexineAnonym
  • 01.04.2023, 08:46h
  • Schade eigentlich, dann "... kann das wohl weck"

    Danke fürs Queerlesen.
    Als "Sachbuch" veröffentlicht und denn doch die Chance vertan? So zeigt sich wieder einmal, wie weit es mit den Ansichten auch innerhalb der queeren Gemeinde aufgestellt ist. Wenn sich also das L mit dem G nochannähern kann, geht vielleicht noch ein wenig B. Ab dem T versiegt dann jedoch das Verständnis. Das A oder + sind komplet unverstanden. Seis drumm, vielleicht gelingt einer nachwachsenden Generation von Author*innen dann doch eine erweiterte Sicht:

    www.zdf.de/kinder/logo/das-bedeutet-lgbtqia-100.html

    voll Zuversicht, das Nächste wird besser;-)

    eure maexine
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#2 Elena
  • 01.04.2023, 09:43h
  • Die aufgezeigten Sichtweisen, problematisch für alle Queers*, sind in vielen Menschen tief verankert. Wir müssen uns klar sein, dass, das Verlernen dieser Form von Diskriminierung, lange dauern wird.
    Gerade auch, da einige Menschen genau für dieses, so falsche Weltbild, bewusst oder unbewusst kämpfen. Auch hier scheint ein Teil der Motivation davon beeinflusst zu sein.
    Danke für die Rezension.
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#3 WindröschenAnonym
  • 01.04.2023, 14:30h
  • Überrascht überhaupt nicht wenn man sieht mit wem die Autorin auf Twittwr kuschelt...
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