https://queer.de/?45150
Zum Aprilscherz auf queer.de
Sollte ein Trans*Zufluchtshaus Kinder vor ihren transphoben Eltern schützen?
April April! Nicht lustig? Die queer.de-Meldung über ein Zufluchtshaus, das trans Kids vor ihren transphoben Eltern schützt, hat Freund*innen und Feind*innen gleichermaßen aufgebracht. Gut so!

Jeja Klein nimmt zum Aprilscherz Stellung (Bild: privat)
- Von
1. April 2023, 14:44h 7 Min.
Einige Nutzer*innen haben es gleich erkannt, doch sowohl viele Unterstützer*innen von Trans-Rechten als auch Transhasser*innen haben es gern geglaubt: Die Meldung über ein kommendes Trans*Zufluchtshaus für Kinder und Jugendliche in Berlin-Kreuzberg war ein Aprilscherz.
Nun gibt es wohl nicht wenige transgeschlechtliche Kinder und Jugendliche, deren Eltern ihnen eine Transition untersagen: Verweigerung von Namen und Pronomen, Verweigerung menschlicher Unterstützung, Verweigerung der medizinischen wie rechtlichen Transition. Im Rahmen dessen dürfte es darüber hinaus zu vielen weiteren brutalen Verhaltensweisen den eigenen Kindern gegenüber kommen. Verhaltensweisen, die klarerweise eine Gefährdung des Kindeswohls darstellen.
Rechtes Feindbild Jugendamt
Ich jedenfalls hätte es mir – im Nachhinein – gewünscht, wenn mal eine aufgeklärte, kompetente und mit einer gewissen Autorität ausgestattete Person einen kritischeren Blick auf meine Herkunftsfamilie geworfen hätte. Stattdessen entsandte man mich in eine Psychotherapie – inklusive des dort gerne entgegen genommenen Auftrags, mir Nachhilfe in gewissen geschlechtlichen Normen zu erteilen.
Wieso erst im Nachhinein? In nicht wenigen Familien herrscht große Angst davor, dass das Jugendamt kommen und der Familie "die Kinder wegnehmen" könnte. Und oft stellen solche Eltern sicher, dass Kinder glauben, der Grund läge dann in ihrem schlechten Betragen, ihrem Ungehorsam. Und nicht in der Unfähigkeit, der Unbekümmertheit, dem Desinteresse und dem Unwillen der Eltern, angemessen mit ihren Kindern umzugehen. Auch bei mir war das so.
Auch jetzt schon ist es möglich, dass Sozialarbeiter*innen, Träger der Jugendhilfe sowie die Jugendämter in solchen Fällen intervenieren. Aber bedeutet das dann gleich die Herausnahme des Kindes aus der Familie – die verbreitete Angst, mit der im gestrigen Artikel gespielt wurde? Mit Sicherheit nicht. Bevor es dazu kommt, sieht der Gesetzgeber deutlich niedrigschwelligere Abstufungen der Intervention in das elterliche Sorgerecht vor, etwa durch sogenannte Hilfen zur Erziehung.
Die in manchen Familien brodelnde Angst vor der Übermacht des Jugendamtes und von Trägern der Jugendhilfe stellt indes wohl einen guten Indikator dafür dar, wie arg es in solchen Familien tatsächlich um das Kindeswohl bestellt ist. Das gilt im Falle queerer Jugendlicher genau so wie bei nichtqueeren. Die Wahrnehmung des Jugendamtes als Feind statt als Partner dürfte allerdings steigen, je weiter rechts eine Familie steht, je konservativer, je queerfeindlicher, je im schlechtesten Sinne autoritärer. Je stärker Mütter und Väter an bestimmte "Naturtatsachen" und "Naturgesetze" des Eltern- und Kindseins glauben.
Ein Verein hingegen kann nicht, wie in unserem heutigen Aprilscherz, vor Gericht die Vormundschaft über ein Kind erstreiten. Und würden die Hauptstadt-CDU oder die SPD ein Trans*Zufluchtshaus für eine gute Idee halten, um sich damit sogleich politisch die Finger zu verbrennen? Ich denke nicht.
Selbstbestimmung und der Kampf um Trans-Rechte
Das, was wir bisher über das Selbstbestimmungsgesetz wissen, sieht vor, dass Eltern von Kindern bis 14 Jahren die Entscheidungshoheit über den Verwaltungsakt haben. Sind Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren alt, können sie den Antrag selbständig stellen, müssen aber die Erlaubnis der Sorgeberechtigten vorweisen. Enthalten die sich der Zustimmung, kann ein Familiengericht mit der Sache betraut werden. Aber es ist schwerlich denkbar, dass Jugendliche eigenständig ein Familiengericht einschalten: Sie brauchen dazu Hilfe von Sozialarbeiter*innen oder den Kolleg*innen eines Jugendamtes. Fast so wie in unserer Geschichte vom Trans*Zufluchtshaus.
Ich weiß, dass es – ganz unter dem Motto "Selbstbestimmung" – dazu Kritik auch aus transgeschlechtlichen Kreisen gibt. Und ob die Grenze von 14 Jahren so glücklich gewählt ist, daran habe ich meine Zweifel. Ich glaube aber, dass die Chancen auf Verbesserung der Lage der Jugendlichen besser stehen, wenn solche familiären Konflikte durch Autoritäten von außen moderiert und vermittelt werden. Ändern Jugendliche selbständig ihre Einträge und stellen ihre an transphoben Unsinn glaubenden Eltern dann vor vollendete Tatsachen (Selbstbestimmung!), hätte das extremes Eskalationspotential. Und das ginge ganz sicher zulasten der Jugendlichen – auch, wenn die dann immerhin den richtigen Personalausweis in der Tasche hätten.
Viele Verteidiger*innen der Menschenrechte transgeschlechtlicher Menschen dürften ähnlich wie ich schlimme Erfahrungen mit ihrer Herkunftsfamilie verbinden. Sie haben also gute Gründe, zu glauben, dass ein Zufluchtshaus wie im Artikel oder eine ähnliche Institution eine gute Maßnahme wäre, die Lage von transgeschlechtlichen Jugendlichen zu verbessern. Und sie wünschen sich sehnlich, dass jemand mit der nötigen Autorität mal auf den Tisch haut, ernst macht und vulnerable transgeschlechtliche Kids beschützt. Ich wünschte es mir auch.
Aber war die Geschichte realistisch? Wäre es für eine politische Bewegung taktisch klug, auf eine Maßnahme zu setzen, die die liebsten Triggermomente queerfeindlicher Kreise enthält – von eiligen "Geschlechtsumwandlungen" bei Minderjährigen, aus der Familie gestohlenen Kindern und Phantasien über "Grooming" durch erwachsene trans Frauen, durch die erfundene Sozialarbeiterin Saskia Kühne? Alles für die Selbstbestimmung? Und würde das am Ende wirklich auf die Verbesserung der gesellschaftlichen Lage von trans Personen hinauslaufen? Wohl kaum.
Ein Moment des Innehaltens
Doch in der seit Jahren erhitzten Dauerschlacht, die insbesondere in sozialen Medien von Einzelkämpfer*innen an ihren Smartphones und PCs geführt wird, scheint meiner Beobachtung nach häufig der Moment des Innehaltens zu fehlen. Das könnte sowohl der Moment sein, die Glaubwürdigkeit einer Meldung oder Quelle zu hinterfragen – etwas, das wir uns auch von unseren eigenen User*innen stärker wünschen würden – als auch der Moment, die Effektivität des gegenwärtigen, eigenen politischen Handelns zu hinterfragen.
Dazu gehört auch die Verbissenheit, mit der im Kampf um Transrechte nur in Freund*innen und Feind*innen, in "Wir" und "Die", in gut und böse unterschieden wird. Dazwischen kann es dann nichts mehr geben. War der Artikel zum 1. April ein "Witz auf dem Rücken von trans Kindern"? Nein.
Denn Veränderung und Wandel, so erweckt es unter dieser Verbissenheit den falschen Anschein, ist nur möglich, wenn die anderen, die Transphoben, die Queerfeinde und alle, die sich nicht unmissverständlich zu uns trans Menschen bekennen, sich doch endlich ändern würden. Das würde auch ich mir wünschen. Das wird aber nicht geschehen. Veränderung muss von uns kommen. Zum Beispiel durch eine verbindliche Vereinsarbeit, die auf den Ausbau und die Verbesserung bereits existierender Angebote zielt, trans Kinder und Jugendliche auch gegen ihre eigenen Eltern zu unterstützen.
Tatsächlich stellt eine Fixierung darauf, dass das eigene Leben nur dann gut würde, wenn sich die anderen endlich änderten, den kürzesten Weg in Richtung Unglück und Misserfolg dar. Es bedeutet, anderen eine viel zu große Macht über das Gelingen des eigenen Lebens, über die eigenen Spielräume zuzugestehen. Es bedeutet, dasjenige Maß an Freiheit und, ja, an Selbstbestimmung, zu externalisieren, das wir erst ein mal in uns selbst verorten müssten, um sinnvoll und proaktiv handeln zu können – sowohl in der Art und Weise, wie wir jeweils individuell unsere Leben, als auch, wie wir den Kampf um Emanzipation und Menschenrechte führen.
Stattdessen scheint mir der in unseren Kreisen so populäre Kampf um Selbstbestimmung eigenartig auf die Fremdbestimmung durch die anderen fixiert zu sein. Statt also Selbstbestimmung als etwas zu begreifen, das wir alle – im kapitalistischen Patriarchat – erst noch mühsam und langwierig herstellen müssten, wird sie einfach wie eine Naturtatsache proklamiert – um dann beklagen zu können, wie andere sie uns rauben. Dagegen erscheinen dann alle nur denkbaren Mittel schnell als gerechtfertigt.
Doch in dieser binär verengten Sichtweise, die alles der Frage unterordnet, ob es denn pro oder contra Trans ist, wird etwas wichtiges verstellt: Der Blick darauf, wie wir Gesellschaft insgesamt vernünftig verändern und einrichten müssen. Nicht nur hinsichtlich des Wohls der Eigengruppe. Wer das will, muss aber die Anwesenheit und die Subjektivität unserer Gegner*innen zunächst ein mal anerkennen – so ätzend das etwa im Fall von durchgeknallten Transhasser*innen und all denen auch ist, die ihren Lügen Glauben schenken.
Dass sie in der Sache (und vermutlich in so vielen mehr) Unrecht haben, heißt aber eben nicht, dass wir in jeder Sache, in jedem unserer Anliegen, Recht haben, automatisch die Guten sind. Oder die Glaubwürdigen. Das bisweilen boshafte Agieren unserer Feind*innen erlaubt es uns nicht, uns des kritischen Blicks auf uns selbst zu enthalten. Ich verstehe jedoch aus meiner eigenen, an Betroffenheit nicht armen Biographie heraus, wie verlockend es ist, unbedingt zu den Guten gehören zu wollen. Als Sozialist*in und mit Blick in die Geschichte sehe ich aber auch, wie wichtig es ist, dieser Verlockung nicht nachzugeben. Und ich weiß, dass ich mich mit dem Text – mal wieder – unbeliebt mache.
Denjenigen, denen der Kampf für Transrechte wichtig ist, kann ich nur ans Herz legen, die Diskurs-Ritter*innenrüstung öfters mal auszuziehen, das Handy samt Facebook- und Twitterzugang häufiger in der Schublade zu lassen – und sich im Leben wie im Streiten für eine bessere Welt ein wenig mehr in Gelassenheit zu üben.














