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Kinotipp

"Mädchen in Uniform" berührt auch noch nach über 90 Jahren

Leontine Sagans Drama aus dem Jahr 1931 gilt als erster Film der Filmgeschichte, der offen lesbische Liebe thematisiert. Die Queerfilmnacht bringt ihn in diesem Monat ins Kino zurück.


"Mädchen in Uniform" aus dem Jahr 1931 gilt als erster Film der Filmgeschichte, der offen lesbische Liebe thematisiert (Bild: Salzgeber)

Kunstwerke, die diesen Namen verdienen, zeichnen sich dadurch aus, lebendig und frisch zu bleiben, selbst wenn ihr Entstehungsdatum weit zurück in der Vergangenheit liegt. Der jetzt anlässlich des am 26. April liegenden Tages der lesbischen Sichtbarkeit vom Filmverleih Salzgeber im Rahmen der Queerfilmnacht in ausgewählten Kinos zu verschiedenen Terminen im April wieder auf die große Leinwand gebrachte Film "Mädchen in Uniform", ist ein solches Kunstwerk. Signifikant ist der auf einem Roman und Bühnenstück von Christa Winsloe basierende und aus der Regie von Leontine Sagan stammende Film von 1931 schon allein deshalb, weil er als der erste Film der Filmgeschichte gilt, der ganz offen lesbische Liebe thematisiert.

Neben diesem queer-historischen Grund ist der Film jedoch einfach auch an sich nach wie vor sehenswert. Und das mag auf den ersten Blick erstaunlich klingen, denn natürlich entsprechen weder die Bild- noch die Tonqualität wie auch die sonstigen technischen Features dieses Films unseren heutigen Sehgewohnheiten und Erwartungen. Auch spielt die Handlung, die in einem durch preußischen Disziplinrigorismus geprägten Internat für Offizierstöchter angesiedelt ist, in einer – wie man sagen möchte – glücklicherweise längst versunkenen Welt. Und schließlich sind auch die Maßstäbe, die vor knapp hundert Jahren an gutes Schauspiel angelegt wurden, durchaus andere als diejenigen, die uns heutzutage als sinnvoll und authentizitätsfördernd vertraut sind. Ein solcher Film scheint also zunächst so weit von uns weg zu sein, dass kaum erwartbar wäre, dass er uns ernsthaft berühren könnte.

Eine zeitlose Geschichte über die Kraft der Liebe


Poster zum Film: "Mädchen in Uniform" läuft im April 2023 – zusammen mit drei weiteren lesbischen Klassikern – in der Queerfilmnacht

Leontine Sagans Film berührt aber sehr wohl. Er berührt, weil er mit einfachen und sehr schnörkellosen Mitteln eine Geschichte erzählt, die im Kern zeitlos ist: In einem System scheinbar lückenloser Repression, dem sich die Menschen zu unterwerfen haben, entsteht durch die Liebe, noch dazu durch eine queere, absolut gegen die gesetzten Normen verstoßende Liebe, ein Impuls von Leben und vitalem Begehren, der das System ganz grundsätzlich in Frage stellt und der, auch wenn er die herrschenden Verhältnisse so wie hier letztlich nicht zu überwinden vermag, sie als zutiefst verlogen, armselig und inhuman markiert. Und dieses Thema hat nichts von seiner Relevanz und Aktualität auf unserem Planeten verloren, auch wenn die Geschichte der "Mädchen in Uniform" eine zeitverwurzelte ist.

Die 14-jährige Halbwaise Manuela von Meinhardis – kraftvoll gespielt von Hertha Thiele – wird von ihrer Tante auf ein Internat für Offizierstöchter in Potsdam gebracht, in dem quasi militärisch preußischer Drill und Disziplin herrschen, um aus Töchtern gehorsamer Soldaten Mütter gehorsamer Soldaten zu machen. Die Oberin der Anstalt – extrem glaubwürdig verkörpert von Emilia Unda – bringt die Philosophie 'des Hauses' so auf den Punkt: "Durch Zucht und Hunger, Hunger und Zucht werden wir wieder groß." In diesem System sind individuelle Gefühlsäußerungen jedweder Art nicht vorgesehen. Sie werden als Schwäche, als Unschicklich- und Unbotmäßigkeit verurteilt und konsequent bestraft.

Gewalt wird dabei gar nicht körperlich, sondern durch möglichst lückenlose Entindividualisierung, Kontrolle und die Einschränkung der ohnehin äußerst kargen persönlichen Freiheitsgrade ausgeübt. Zwar schaffen sich spontane Lebensimpulse und Widerstandsgefühle der Mädchen, wenn sie sich untereinander unbeobachtet wähnen, immer wieder Raum. Diese kurzen Freiheitsmomente finden jedoch durch das plötzliche Dazukommen einer der Erzieherinnen regelmäßig ihr jähes Ende.

Das Alter des Films erhöht die Intensität des Erlebens

Manuela leidet unter diesem System, in dem es für sie nur einen einzigen Lichtblick gibt: das Fräulein von Bernburg, Lehrerin und Erzieherin, in deren Schlafsaal Manuela liegt. Fräulein von Bernburg – schillernd dargestellt von Dorothea Wieck – zeigt gegenüber den in ihrer Obhut befindlichen Mädchen einerseits die dem Erziehungssystem zu eigene abweisende Kühle und Strenge, andererseits erzeugt sie, besonders wenn sie jedes der Mädchen in seinem Bett vor dem Einschlafen küsst, eine in dem System sonst niemals vorkommende Nähe, die bei vielen der Mädchen Sehnsüchte und Irritationen hervorruft.

Als Manuela bei diesem Gute-Nacht-Ritual Fräulein von Bernburg inniglich umarmt, bekommt sie von ihr einen Kuss auf den Mund. Manuela ist erfüllt von der Liebe zu ihrer Lehrerin. Als sie enthemmt durch den Erfolg einer zu Weihnachten stattfindenden Theateraufführung der Schülerinnen und den danach mit starken Spirituosen gepanschten Punsch ihre Liebe zu Fräulein von Bernburg in einer spontan gehaltenen Rede öffentlich gesteht, nimmt das Drama seinen Lauf…

"Mädchen in Uniform" ist ein Film, der ohne Knalleffekte auskommt. Er erzeugt ein Vibrieren zwischen der sich auf die Zuschauenden übertragenen repressiven Enge und den sich gegen alle Regeln durchsetzenden Impulsen von Begehren und Liebe. Wenn man bereit ist, sich auf einen technisch sicherlich alt zu nennenden Film überhaupt einzulassen, eröffnet einem dieser Film die Chance, spüren zu können, dass gerade auch die bei uns vielleicht Gefühle von Distanz hervorrufenden Elemente wie altertümliches Schwarz-Weiß, stumpfere Tonqualität, befremdliche Sprachformen (das Wort "Fräulein" zum Beispiel), einen für unser rezipierendes Bewusstsein konstanten Unterschied schaffen, der gleichwohl die Intensität des Erlebens und Berührtwerdens erhöhen kann. Und genau das erhält diesem, schon zu seiner Zeit mit einem erstaunlich niedrigen Budget realisierten Film, in dem es vor und hinter der Kamera nur Frauen gibt, seine Vitalität und Power.

Direktlink | Offizieller Trailer zum Film
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Infos zum Film

Mädchen in Uniform. Drama. Deutschland 1931. Regie: Leontine Sagan. Cast: Emilia Unda. Dorothea Wieck, Herta Thiele. Laufzeit: 96 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: Salzgeber. Im April 2023 in der Queerfilmnacht
Galerie:
Mädchen in Uniform
10 Bilder
-w-

#1 jalolneAnonym
  • 02.04.2023, 12:40h
  • Schätze mal dass das Urheberrecht abgelaufen ist, man kann den Film auch als HD Remastered auf yt abrufen!
  • Direktlink »
#2 maexineAnonym
  • 03.04.2023, 08:58h
  • Immerwieder, sehr zu empfehlen:

    www.youtube.com/watch?v=KPi_gpey_JE&list=PLVKyehXlkw-VCCiyxqCIPvSgWLDU-bf3H&index=5

    und in allen Versionen ein *must see*

    de.wikipedia.org/wiki/M%C3%A4dchen_in_Uniform_(1931)

    de.wikipedia.org/wiki/M%C3%A4dchen_in_Uniform_(1958)

    nicht zu vergessen das auch an anderen Stellen dieser Welt das L*eben tobte:

    youtu.be/riDem1mSAqk?t=123

    youtu.be/4jopFBMCouY?t=133

    youtu.be/J37dzc5eOJA?t=111

    viel Spaß beim Wieder~entdecken wünscht

    eure maexine
  • Direktlink »
#3 IOS4Anonym
  • 03.04.2023, 10:52h
  • Super schöne Bilder - gibt es diese eigentlich auch zu kaufen?
  • Direktlink »