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Ausstellung in Berlin

Martin Wongs queere Kunst war ihrer Zeit voraus

Diesen Namen sollte man sich einprägen: Martin Wong, so wie Keith Haring oder Jean-Michel Basquiat. Derzeit zeigt das KW Institute for Contemporary Art eine große und unbedingt sehenswerte Retrospektive.


Martin Wong, Bruce Lee In the Afterworld, 1991 (Ausschnitt). Courtesy die Martin Wong Foundation und P.P.O.W, New York, Private Sammlung, London © Martin Wong Foundation (Bild: Frank Sperling)

Ziegelsteine sind eines seiner Markenzeichen. Sie finden sich im Miniaturformat in vielen seiner meist großformatigen Acrylbildern und wirken auf den ersten Blick wie kleine rotbraune Legosteine, die ins Gemälde montiert wurden, wo sie sich zu Mauern, Hausfassaden, der Freiheitsstatue oder zu einem Riesenphallus formen. Zum Teil scheinen sie aus dem Rahmen zu ragen: ein Trompe-l'œil. Eine optische Täuschung, die in der Barockmalerei beliebt war und hier mittels nuanciert aufgebrachter Pinselstriche Dreidimensionalität vorgaukelt.


Martin Wong, Orion, 1990-91. Courtesy of the Martin Wong Foundation and P.P.O.W, New York, Rennie Collection, Vancouver, Canada © Martin Wong Foundation (Bild: Frank Sperling)

Die Ziegelkonstruktionen lassen sich symbolisch deuten, als soziale Konstrukte etwa, die sich bei näherer Betrachtung genauso als Illusionen erweisen wie die plastischen Effekte in seinen Bildern. Offensichtlich steht der monumentalisierte Phallus für ein ideologisches Verständnis von Männlichkeit, das nur als fest und unverrückbar erscheint, solange es stets aufs neue gefestigt und untermauert wird. Das klingt nach einem kritischen Diskurs von heute.

Doch das Bild entstand vor mehr als dreißig Jahren. Wong, der an der Humboldt State University in Kalifornien Keramik und Druckgrafik studiert hatte, war damit seiner Zeit weit voraus. Mit Zusammenhängen von Gender und biologischem Geschlecht hat er sich bereits auseinandergesetzt, lange bevor er seine Queerness und sein schwules Begehren in die Kunst einfließen ließ. Eine Schlüsselrolle nimmt sein Engagement in der legendären Performancegruppe Angels of Light in San Francisco ein. Wong sagte später, dass ihn diese Dragshows mit ihrem Glanz und Glitter entscheidend in seiner Arbeit prägten.

Das Manhattan der 1970er und 1980er Jahre

Die Klinkersteine in den Bildern verweisen jedoch auch auf das Manhattan der 1970er und 1980er Jahre, das Martin Wong nach seinem Umzug aus Kalifornien erlebt: eine Reminiszenz an die für Lower Manhattan und die Lower Eastside so typische Stadtkulisse aus Backsteinbauten, vor der sich während dieser Zeit die Dramen der Gentrifizierung abspielen. Die Wertsteigerung der Gebäude setzt nicht nur der sich im Laufe der Jahrzehnte angesiedelten Bevölkerung lateinamerikanischer Herkunft zu, sondern auch einer höchst lebendigen, von Kunst und Kultur geprägten Szene, deren Angehörige kaum über finanzielle Mittel verfügen.

Dabei ist gerade ihnen zu verdanken, dass sich diese Viertel mit den einst günstigen Mieten nur umso dynamischer verändern. Sie nutzen den Wandel für sich, sie veredeln den Umbruch, so dass Investoren immer mehr ein Auge auf die Hotspots werfen. Dort wird an jeder Ecke irgendetwas provisorisch eröffnet: eine Galerie, ein Off-Theater, eine Bar oder ein politisch-künstlerisches Aktionszentrum. Die Luft flirrt vor kreativer Energie. Auch die internationale queere Bohème ist längst da. Rosa von Praunheim und Klaus Nomi, damals noch kaum bekannt, wohnen damals im selben Haus an der Lower East Side, nur einen Katzensprung von Martin Wong entfernt. Gut möglich, dass sie ihm das eine oder andere Mal über den Weg laufen.


Martin Wong, Filmstill aus Charlie Ahearns Dokumentarfilm, der in der Ausstellung zu sehen ist

Der Prozess der Gentrifizierung zieht sich über Jahrzehnte. Gebäude werden zu Spekulationsobjekten, ganze Häuserreihen sind auf einmal unbewohnbar, alteingesessene Läden schließen. Wong ist einer der ersten, der sich damit in seinen Gemälden dokumentarisch auseinandersetzt. Bevor eine neue Schickeria anrückt, sind ganze Stadtteile dem Verfall ausgesetzt – keine mondänen Ateliers weit und breit, jedenfalls nicht jenes von Wong in der Lower Eastside. Noch in den 1990er Jahren ist der Hauseingang über und über mit drittklassiger Graffiti besprüht. So eng und zugestellt ist der Arbeitsraum in seiner kleinen Wohnung, dass ein befreundeter Filmemacher den Weitwinkel seiner Kamera einsetzen muss, als er ihn für den Dokumentarfilm "Portrait of Martin Wong" interviewt. Wongs Gesicht wird durch die Linse verzerrt, als er von seiner Arbeit erzählt – und davon, was ihn inspiriert: nämlich Freund*­innen und Zufallsbekanntschaften.

Dazu zählt auch der bisexuelle Dichter und Schauspieler Miguel Piñero, mit dem er über anderthalb Jahre eine Affäre hat. Piñero ermuntert ihn, einen Handballplatz in der Nachbarschaft zu malen, an dessen Stirnseite eine Wand mit einem Graffito in die Höhe ragt. Dieses Graffito als Bild im Bild, versehen mit einem Gedicht Piñeros, wird das erste Werk sein, dass Wong an ein Museum verkauft, und zwar an das Metropolitan Museum of Art.

Interesse an Gefängnismotiven


Martin Wong, Prison Bunk Beds, ca. 1988-92. Courtesy die Martin Wong Foundation und P.P.O.W, New York © Martin Wong Foundation (Bild: Frank Sperling)

Eine große Inspiration für ihn sind auch die Knastgeschichten, die sein Liebhaber und dessen Zellengenossen zum besten geben, wenn sie zu Besuch kommen: Geschichten aus der Zeit, als Piñero wegen bewaffneten Raubüberfalls in Sing Sing einsitzen musste. So kommt es, dass Wong sich für Gefängnismotive zu interessieren beginnt. In den daraus entstehenden Gemälden spiegeln sich nicht nur Enge, Gewalt, Rassismus und ungleiche Machtverhältnisse wider, sondern auch Intimität, erotische Fantasie und homo­sexuelles Begehren.

Das Werk "Prison Bunk Beds" von 1988 ist eines der reiferen Werke, es zeigt eine alptraumhafte Perspektive von oben auf endlos gestapelte Betten in einer surrealen Knastzelle ohne Boden. Aber auch andere marginalisierte Gruppen, zumeist männlichen Geschlechts, geraten in Wongs Fokus. Das zeigt sich vor allem in der ab 1991 entstehenden Serie mit dem Titel "Malicious Mischief", die den Outlaws der amerikanischen Gesellschaft gewidmet ist.

Durch Humor und Ironie zeichnen sich wiederum jene Werke Wongs aus, in denen er mit der Zuschreibung von Identitäten und der Idee des kulturellen Schmelztiegels spielt. Er selbst fühlte sich nicht nur als waschechter Amerikaner – in der Lower East Side war er zeitweise durch seine Verkleidung als Rodeo Cowboy bekannt. Wong zeigte sich auch fasziniert von seinen chinesischen Wurzeln und trug hin und wieder einen Fu-Manchu-Bart. Obwohl er mit der Muttersprache seiner Vorfahren nicht vertraut war, integrierte er chinesische Ikonographie in seine Gemälde, Chinatown-Ansichten, popkulturelle Phänomene wie Bruce Lee oder Schamanismus. "Viele Schamanen waren eigentlich nur verwirrte Dragqueens", sagt Wong in dem Video von Charlie Ahearn, während er selbstvergessen an einem Tantragemälde arbeitet.


Martin Wong & LA2, Malicious Mischief, 1997-98. Courtesy die Martin Wong Foundation und P.P.O.W, New York © Martin Wong Foundation (Bild: Frank Sperling)

Anders als künstlerischen Zeitgenossen wie Jean-Michel Basquiat oder Keith Haring, die als Senkrechtstarter noch zu Lebzeiten erfolgreich wurden, war es dem 1946 in Portland geborenen Wong nicht mehr vergönnt, für seine Kunst breite Anerkennung zu ernten. Er starb 1999 an den Folgen einer HIV-Infektion. In seinen letzten Jahren zog er zu seinen Eltern nach San Francisco zurück, die sich bis zu seinem Tod um ihn kümmerten.

Nach den USA beginnt auch in Europa die Wiederentdeckung

Wongs Name wird in Zukunft häufiger zu hören sein, vor allem im Kontext einer spezifisch queeren Kulturgeschichte. In den USA nimmt seit einigen Jahren das Interesse an Wongs Arbeit zu. Ausstellungshäuser wie das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) zeigen Werke von ihm in ihrer Dauerausstellung, und auch das Whitney Museum oder das Art Institute of Chicago haben sich Gemälde von Wong gesichert. Europa ist soeben dabei, ihn zu entdecken, und zwar in einer großen Schau, die im Madrider Centro de Arte Dos de Mayo ihren Ausgang nahm und derzeit im KW Institute for Contemporary Art noch bis zum 14. Mai 2023 zu sehen ist – in einer ehemaligen Margarinefabrik, heute Sitz der Berlin Biennale, inmitten des Scheunenviertels. Danach wird sie in Häusern wie dem Amsterdamer Stedeljik Museum oder dem Londoner Camden Art Center gezeigt.

Atmosphärisch bestechend ist im Berliner Ausstellungsparcours die Raumgestaltung. Die Wände wurden für die Schau in Farben getaucht, die mit den jeweiligen Werken und Werkgruppen korrespondieren. Zu sehen ist dort auch das letzte Gemälde von Martin Wong, vollendet an seinem Todestag. Es trägt den Titel "Did I ever have a Chance?" Zu sehen ist die tragische Millionenerbin Patty Hearst, die 1974 von einer linksradikalen Terrorgruppe entführt und misshandelt wurde, sich jedoch zwei Monate nach ihrer Befreiung ausgerechnet dieser Gruppe anschloss und sich mit ihnen an bewaffneten Überfällen beteiligte. Auf Wongs Bild ist sie in Gestalt einer schlangenähnlichen Naga-Figur aus der indischen Mythologie zu sehen, als Göttin und Dämonin, beide zugleich in einem Wesen verkörpert – so widersprüchlich und gespalten, wie Wong sich wohl selbst und auch seine Mitmenschen sah.

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