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Roman der großen Gefühle

Der schwule Weltkrieg

Gut geschriebene Liebesliteratur, die zu Tränen rührt: In ihrem Debütroman "Durch das große Feuer" erzählt Alice Winn von der Liebe zwischen zwei Internatsschülern, die in den Ersten Weltkrieg ziehen müssen.


Symbolbild: Deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg im "All Quiet on the Western Front" von Lewis Milestone aus dem Jahr 1930 (Bild: Universal Pictures)

Das gesetzliche Verbot homosexueller Handlungen wurde in den meisten Ländern Europas erst Mitte des 20. Jahrhunderts abgeschafft. Vorher war Homosexualität verboten. Folglich gab es keine Homosexuellen. Schwule im Jungeninternat? In der Armee? Im Ersten Weltkrieg? Auch verboten und ausgeschlossen. Stimmt natürlich nicht, längst kein Novum mehr, dass queere Menschen schon immer existiert haben und eben auch im Ersten Weltkrieg an der Front gekämpft und geliebt und gelitten haben.

"Durch das große Feuer" (Amazon-Affiliate-Link ), der Debütroman der amerikanischen Schriftstellerin Alice Winn, erzählt die Liebesbeziehung zwischen Henry Gaunt und Sidney Ellwood, Kinder aus bestem Hause, die im Internat auf dem Lande dazu erzogen werden, ihre Privilegien auf die britischste Art nicht zu bemerken. Sie lesen Gedichte von Tennyson, Dramen auf Altgriechisch und gestehen sich ihre eigene Homosexualität und Zuneigung füreinander nicht ein. Ja, das Leben könnte so wunderbar verklemmt-romantisch sein, wie es die besten und seuseligsten britischen Landpartie-Romane sind, wenn das alles nicht im Jahr 1914 spielte und der Erste Weltkrieg ausbräche. Es ist keine Überraschung, was jungen Männern ab diesem Zeitpunkt bevorsteht.

Liebesgrüße von der Front


Der Roman "Durch das große Feuer" ist am 31. März 2023 im Eisele Verlag erschienen

Wie war wohl das Leben für junge schwule Männer an der Front? Eine Frage, die "Durch das große Feuer" nur sehr beschränkt beantwortet. Zum einen ist es eine Frage, die gar nicht so unbeantwortet ist, wie es scheint. So kann das ja seit über hundert Jahren bei Militär-Fetischist Numero Uno, Ernst Jünger, nachgelesen werden. Es wurde halt nur nicht so ausbuchstabiert. Doch darin liegt nicht unbedingt ein Wert. Denn zum anderen spült Alice Winn in ihrem Roman die Kriegserfahrungen durch Explizitheit in Kombination mit Verzeitgemäßigung auch ganz schön weich.

Sicher ist Krieg eine "verheerende Tragödie", wie der Klappentext formuliert und damit auch bereits im melodramatischen Ton offenbart, was "Durch das das große Feuer" in Kitschgefilde rutschen lässt. Auch der Titel macht, zumindest in der deutschen Übertragung, keinen Hehl daraus, dass hier ein Roman der großen Gesten, der großen Gefühle vorgelegt wird. Doch dabei bleibt den Roman dann auch über weite Strecken stehen.

Die Sinnlosigkeit und Entmenschlichung des Krieges ist ein externer Faktor, der den sensiblen Helden – Gaunt, Ellwood und ihre Schulkameraden – begegnet. Eigentlich wollen die Jungen lieber nur in englischen Wiesen liegen, auf Bällen tanzen und Gedichte lesen und schreiben. Der martialische Machismo, der dem Kriege ja im Kern eigen ist, ist ihnen fremd. Beziehungsweise ist Gaunt immer mal wieder ein nach außen stoischer Klotz, der aber innen ein umso zarteres und ängstliches Seelchen versteckt.

Der Krieg wird als Phänomen dadurch reingewaschen, dass ihm jede Ambivalenz abgeschrubbt wird. Der wahre Schrecken ist ja weniger, dass es Krieg gibt, sondern dass er selbst in Anbetracht – selbst im Angesicht der Ausmaße seiner Verheerung gewollt oder sogar gemocht wird. Beim erwähnten Ernst Jünger findet sich in Reinform, die das Blut in den Adern gefrieren lässt, der Krieg als erhebende Erfahrung der Freiheit, Hand in Hand mit seiner Entmenschlichung, seiner Entwertung aller Werte. Davon ist in "Durch das große Feuer" wenig zu spüren. Der Krieg ist schlimm und unmenschlich. Immer wieder wird das unmissverständlich und ausführlich festgestellt und gar in Form von fiktiven Gefallenen- und Verwundeten-Listen in der Internatszeitung über die Seiten plakatiert. Dem Krieg wird sein Schrecken genommen, indem der Schrecken auf ein laut herausgeschrienes "Sehr her, wie schrecklich! Es muss schrecklich gefunden werden!" reduziert wird.

Aus der Zeit gefallene Helden

Vermutlich erwächst die Plattheit des Schreckens in "Durch das große Feuer" auch zum Teil daraus, dass die Hauptfiguren an vielen Stellen offensichtlich anachronistisch sind. Sie schauen mit den Lesenden aus der Gegenwart in die Vergangenheit. Sie denken wie wir in der Gegenwart über Krieg, Zerstörung, Nationalismus und Kolonialismus. Ein Mechanismus, der grundsätzlich natürlich weder ungewöhnlich, noch verwerflich in der Literatur ist. Jede Epoche erschafft die Vergangenheit neu mit der jeweils aktuellen ideologischen und ästhetischen Färbung. Im vorliegenden Fall führt das aber schnell zu einer Literatur der Gefälligkeit, die sich nicht darauf einlässt, dass es auch und gerade im größten Schrecken noch Schönheit gibt, sondern am Schluss vor allem das Wohlbefinden der Lesenden bestätigt.

Die Kritik hier ist ausdrücklich nicht, dass es geschmacklos ist, eine schwule Liebesgeschichte an die Front zu verlegen. Das ist, was der Roman gut macht. Denn es ist das Erschreckende am menschlichen Dasein, dass es ambivalent und irrational ist. Selbst zwischen Leichen kann Liebe entstehen, im Angesicht des Todes gibt es noch Erregung, noch in den Gaskammern (des anderen Weltkrieges) lebt die Hoffnung bis zuletzt. Doch das bleibt größtenteils Firnis über der unzweideutigen Position des Romans: Krieg = schlecht, Liebe = schön.

Gut geschriebene Dialoge, wunderbar klingende Sätze

Die Plattheit der Antikriegs-Aussage des Romans ist umso ärgerlicher mit Blick auf Sprache und Machart des Buches. "Durch das große Feuer" ist gut geschrieben und von Ursula Wulfekamp und Benjamin Mildner ebenso aus dem Englischen übersetzt. Von einzelnen Geschlechtsverkehr-Beschreibungen, die ein bisschen umständlich technisch und klemmschwesterlich wirken, hat die Erzählung einen guten Ton, einen guten Stil, dem Mensch mit Begeisterung beim Lesen folgt. Gut geschriebene Dialoge – eine Seltenheit! Das ganze Buch hindurch finden sich wunderbar klingende, aphoristisch zitierbare Sätze und Formulierungen, die die elitäre Internatswelt an die Front bringen und ein bemerkenswertes Knistern schaffen. Die Montagen der unterschiedlichen Textformen von erzählender Prosa über Lyrik, Briefe bis zu den erwähnten Zeitungsausschnitten ist handwerklich sehr gut gemacht.

Eine männliche Kriegserfahrung ohne Machismo, zeitgemäße Helden um den Preis der tatsächlichen literarischen Erkenntnis. Zwar durchlaufen Gaunt und Ellwood durchaus auch erwartbare Veränderung durch die Kriegserfahrungen. Doch sind diese auch etwas zu reißbretthaft erwartbar aus der heutigen Sicht. So bleibt schließlich nur die Liebesgeschichte zwischen den beiden Protagonisten, deren überlebensgroßen Gesten der bedingungslosen Liebe gegen alle Widerstände dann neben dem schulbuchhaft schalen Antikriegs-Impetus des Romans umso größer und dann schließlich kitschig und rührselig werden.

Entwertet das die Liebesgeschichte? Nicht unbedingt. Macht es sie ungenießbar? Auch das überhaupt nicht. "Durch das große Feuer" ist gut geschriebene und sehr lesbare Liebesliteratur, die zum Romantikgenuss und zur Tränendrüsenbenutzung einlädt. Und schließlich gibt es ja auch eigentlich keine schamhafte Freude – als Antikriegsliteratur taugt das Buch nur bedingt. Und ist doch eine anrührende Liebesgeschichte, für deren Lektüre die Melodram-Sensoren ja auch einfach runtergefahren werden können.

Infos zum Buch

Alice Winn: Durch das große Feuer. Roman. Aus dem Englischen von Ursula Wulfekamp und Benjamin Mildner.- 496 Seiten. Eisele Verlag. München 2023. Gebundenes Buch mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 24 € (ISBN: 978-3-96161-160-7). E-Book: 19,99 €

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#1 _Patrick_Ehemaliges Profil
  • 08.04.2023, 11:39h
  • Wie schade, hätte ich nur vor dem Wochenende davon gewusst. Danke queer.de, für diesen tollen Tipp. Das Buch wird geordert und gelesen.
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#2 LothiAnonym
  • 09.04.2023, 10:04h
  • Ich werde mit Sicherheit das Buch der Autorin Alice Winn lesen.
    Obwohl mir dabei all die Gespräche damals als 10 jähriger mit meiner schon 71 jährigen Pflegeoma wieder in Erinnerung kommen. All das Leid u.Elend. All die vielen Toten. Sie hat kaum was ausgelassen. Besonders über den 1.Weltkrieg. Sie verlor damals ihren einzigen Sohn. Bat mich inständig niemals Soldat zu werden. Ich bin ihrer Bitte nachgekommen.
    Im übrigen ist es längst Zeit auch über dieses leidige Kapitel noch mehr in Erfahrung zu bringen.
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#3 Uuo118Anonym
  • 23.04.2023, 14:23h
  • An dieser Stelle möchte ich der Redaktion von queer.de meine große Dankbarkeit für diese wahnsinnig bereichernden Literaturvorschläge mitteilen!

    Als Person, die für gewöhnlich keine Bücher in ihrer Freizeit zur Hand nimmt, war dieser Debütroman von Alice Winn derart packend, dass es mir möglich war, die knapp fünfhundert Seiten in nur drei Tagen zu verschlingen.

    Aufbau und Schreibstil des Werkes sind phänomenal; die komplexen, vielschichtigen Inhalte geradezu überwältigend. Das Buch wird von mir sicherlich noch mehrere Male gelesen werden und hiermit wärmstens empfohlen.
    Von lustvollen Liebesszenen, über sozialkritische Denkanstöße zu Klassenunterschieden, Kolonialismus sowie gesamtgesellschaftlichem Kriegseifer, ist ein breites Spektrum geboten, bei dem in diesem Anti-Kriegsroman kein Aspekt zu kurz kommt.
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