Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?45218

Spektakuläre Ausstellung in Freising

Biblische Schwulenikonen: Entkleidet, gemartert, von Liebespfeilen durchbohrt

In der christlichen Kunst bietet sich seit der Renaissance reichlich Gelegenheit, um männliche Nacktheit aufreizend darzustellen. Dass dabei auch homosexuelles Begehren angesprochen wurde, war stets Kalkül.


Hipster-Porn gab es auch schon vor 500 Jahren: Michelangelos Jesusskulptur in der Basilika Santa Maria Sopra Minerva (Bild: Wikipedia)

Wallendes Haar, Kinnbart, ein muskelgestählter Körper, der Blick entspannt: ein Mann im besten Alter, sympathisch, mit Sexappeal. Dieser Jesus entspricht nicht nur dem antiken, sondern auch dem neuzeitlichen Schönheitsideal. Heute würde er locker als Hipster durchgehen. Dabei hat ihn Michelangelo di Lodovico Buonarroti Simoni bereits vor mehr als 500 Jahren aus Marmor gemeißelt. Das Original kann man in der Basilika Santa Maria sopra Minerva bewundern, nur wenige Minuten Fußweg entfernt vom Pantheon in Rom. Sein homosexueller Schöpfer, kurz Michelangelo genannt, war eines der bedeutendsten Universalgenies der Kunstgeschichte. Und diese Skulptur zählt zu seinem Hauptwerk.

Das besondere daran: Jesus zeigt sich hier nicht nur fast vollkommen nackt, sondern auch in einer verführerischen Pose. Der rechte Arm ist locker ums Kreuz geschlungen, die Beinstellung im klassischen Kontrapost, der Oberkörper spiralförmig gedreht. Sämtliche Wundmale oder Gesten des Leidens fehlen. Beiläufig sind beide Arme gebeugt, die sich wölbenden Bizeps senden unterschwellig Signale aus – vom anatomisch perfekt ausgestalteten Hintern mal ganz zu schweigen. Es kann keinen Zweifel daran geben, dass dieser auferstandene Jesus die Gläubigen erotisieren sollte.

Die Darstellung schamloser Schönheit wurde verboten

Ursprünglich war Michelangelos Christus sogar splitternackt. Das kam selbst für die Zeit der Hochrenaissance einem Tabubruch gleich. Dennoch müssen die höchsten Ordens- und Glaubensvertreter dahinter gestanden haben, sonst wäre der Auftrag niemals erfüllt worden. Michelangelo konnte sich dabei auf die biblische Erzählung berufen, denn Petrus hatte im leeren Grab das Leichentuch vorgefunden; Jesus kam unmittelbar nach seiner Auferstehung also nicht umhin, vollkommen nackt gewesen zu sein. Doch dann fand zwischen 1545 und 1563 das Konzil von Trient statt, das unter anderem die Darstellung schamloser Schönheit verbot. Irgendwann in diesem Zeitraum verstümmelte ein fanatischer Mönch die Geschlechtsteile von Michelangelos Jesus. Anstatt sie zu rekonstruieren, wurden diese von einem Lendentuch aus Bronze verdeckt. Der erotischen Ausstrahlung dieser Christusstatue tat dies jedoch keinen Abbruch. Bald galt sie unter Kunstkennern als Meisterwerk. Adel und Klerus aus ganz Europa waren erpicht darauf, einen Abguss zu erhalten. Eine Kopie findet sich etwa im Altenburger Lindenau-Museum, ganz ohne Schambedeckung.

In der Auseinandersetzung um die Verhüllung intimster Details verdichtet sich exemplarisch ein Grundproblem in der christlichen Kunst, das seit der Renaissance offen sichtbar ist: das schwierige Verhältnis zwischen Körperdarstellung, Religion und Sexualmoral. Das Freisinger Diözesanmuseum hat dem Thema eine große Ausstellung gewidmet, die noch bis Ende Mai läuft und einen Besuch wert ist: "Verdammte Lust! Kirche. Körper. Kunst."

- Werbung -

Viele der Exponate haben es in sich


Wischspuren am Phallus: Leonardo da Vincis "Angelo Incarnato" (Bild: Wikipedia)

Die Schau vermag durchaus zu überraschen. So sehr sich das Kuratorium in der Formulierung der Texte auf den Schautafeln in Zurückhaltung und Vorsicht übt: Viele der Exponate haben es in sich. Eines, das überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen dürfte, ist Leonardo da Vincis Kreidezeichnung "Angelo Incarnato" (Der fleischgewordene Engel) aus der Carlo-Pedretti-Stiftung. Darauf ist ein junger Mann zu sehen, der seinem Gegenüber zulächelt, mit weichen Gesichtszügen und femininen Rundungen. Der Finger seiner rechten Hand weist zum Himmel, genauso wie sein erigierter Penis in der unteren rechten Bildecke, den der Maler schelmisch unter einem Schleier hervorragen lässt. Und wie bei Michelangelos Jesusstatue in Rom zeigen sich spätere Versuche, das "allzu Offensichtliche zu bemänteln", wie uns der Ausstellungstext aufklärt – nämlich in Form von Wischspuren rund um den Genitalbereich. Der Phallus sollte ausradiert oder übermalt werden.

Wir erfahren, dass die Zeichnung als ikonographischer Prototyp für spätere Porträts Johannes des Täufers diente, freilich ohne sichtbares Genital. Ein Gemälde aus der Serie wurde von der Mailänder Pinacoteca Ambrosiana zur Verfügung gestellt, es stammt von Leonardos Schüler Gian Giacomo Caprotti, der bereits für den fleischgewordenen Engel Modell gestanden hatte. Nicht erwähnt wird, dass es sich bei ihm wahrscheinlich um den Geliebten von Leonardo handelt. Allerdings findet sich im Katalog der Hinweis, dass der "Angelo incarnato" mitunter als "bildgewordener Beleg für Sigmund Freuds These von Leonardos Homosexualität" gedeutet wird.

Der Heilige Sebastian als größte queere Ikone


Blick in die Ausstellung "Verdammte Lust!": Sebastian von Liebespfeilen durchbohrt, Skulptur aus dem 18. Jahrhundert, Süditalien (Bild: Axel Krämer)

Neben Jesus und Johannes dem Täufer bietet vor allem die Figur des Heiligen Sebastians Gelegenheit, um in der christlichen Kunst männliche Nacktheit zu zeigen. Das Diözesanmuseum kann in seiner Sonderausstellung mit hochkarätigen Darstellungen des Schutzheiligen aufwarten, darunter auch das Meisterwerk von Guido Reni aus dem Palazzo Rosso in Genua, das einst nicht nur Oscar Wilde, sondern auch den japanischen Autor Yukio Mishima begeisterte: der Heilige Sebastian, die Hände über dem Kopf an einen Baumstamm gefesselt, mit athletischer Figur und andächtigem Blick gen Himmel.

Sebastians Stellung als schwule Ikone ist hier wahrlich nicht zu übersehen. Noch bevor wir die Ausstellungsräume betreten, springt uns unmittelbar neben dem Eingang das hyperästhetisierte und ins 20. Jahrhundert überführte Sebastian-Motiv des schwulen Fotografenpaars Pierre e Gilles ins Auge. In dem im Hirmer Verlag erschienenen Katalog skizziert die Kulturwissenschaftlerin Ruth Langenberg die "Karriere Sebastians als Ikone der queeren Szene", die ihren Ausgang im 19. Jahrhundert nahm. "Wie ein schöner junger Adonis" werde der Heilige Sebastian seit der Renaissance dargestellt. Darum fungiere er als "ideale Projektionsfläche homo­erotischer Fantasien", zumal der "körperliche Schmerz des passiv Leidenden" auch mit "erotischer Lust konnotiert" sei, von der "Andeutung sadomasochistischer Praktiken" ganz zu schweigen. Als "leidender Märtyrer" biete er sich als Identifikationsfigur für gesellschaftliche Außenseiter geradezu an; so habe etwa Oscar Wilde den Namen "Sebastian" angenommen, als er 1895 aus dem Gefängnis, wo er zwei Jahre wegen homo­sexueller "Unzucht" eingesessen hatte, entlassen wurde.

Schambehaarung mit kleinen geschnitzten Löckchen

Zu den bemerkenswertesten Objekten zählt eine knapp über einem Meter große, süditalienische Sebastianskulptur aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, die aus Privatbesitz für die Ausstellung gewonnen werden konnte. Ein vollständig nackter Sebastian krümmt sich unter dem Schmerz der Pfeile, und während er dabei seinen Oberkörper nach hinten wirft und den Beckenbereich nach vorne schiebt, ziehen die Genitalien umso mehr die Aufmerksamkeit auf sich. "Der unbekannte Künstler hat nicht nur auf das sonst übliche Lendentuch verzichtet, er hat auch Glied und Hoden in durchaus realistischem Größenmaßstab geschnitzt und sogar die Schambehaarung darüber plastisch in kleinen geschnitzten Löckchen ausgeführt", so Anna-Laura de la Iglesia y Nikolaus, Mitarbeiterin im Diözesanmuseum.


Der Heilige Sebastian von Guido Reni: Inspiration für schwule Künstler von Yukio Mishima bis Rinaldo Hopf

Die Texte auf den Ausstellungstafeln sind knapp gehalten. Zu den Videoeinspielungen aus dem Film "Das Martyrium des Heiligen Sebastian" aus dem Jahr 1984 etwa heißt es nur lakonisch: "Petr Weigl inszeniert dieses Mysterienspiel in poetischen Bildern und integriert homo­erotische Szenen." Dem Kuratorium kam es offensichtlich darauf an, die Exponate zunächst für sich sprechen zu lassen. Eine differenzierende und vielstimmige Einordnung findet sich allerdings in den Texten des Katalogs. Vor allem der ergänzende Essayband zur Ausstellung geht dabei in die Tiefe. Der Kunsthistoriker Ulrich Pfisterer weist darauf hin, dass den Darstellungen des Heiligen Sebastians wohl nicht erst seit dem 19. oder 20. Jahrhundert eine homo­erotische Bedeutung zukommt. So werde das Phänomen des Martyriums bereits seit der Renaissance mit "Liebesqualen und den Pfeilen Amors" in Verbindung gebracht. Religiöse Bilder bedienten sich bewusst den "verführerischen Körperdarstellungen", um ihre Effektivität und die Hingabe der Gläubigen zu steigern. Dass dabei "zwischen hetero- und homo­erotischem Begehren" nicht differenziert wurde, verstand man wohl damals als Vorteil.

Versteckte homo­erotische Botschaften

Ein durchaus sehenswertes Holzkruzifix von Michelangelo mit dem nackten Jesus wurde für die Freisinger Ausstellung aus dem Florentiner Bargello-Museum entliehen – dennoch bleibt ausgerechnet die vielfach sublimierte Homoerotik dieses Künstlergenies im Diözesanmuseum ausgeklammert. Wer sich darüber ins Bild setzen möchte, sollte nach Rom fahren, und zwar nicht nur der Basilika mit dem auferstandenen Jesus wegen, sondern auch, um in der Sixtinischen Kappelle die Schöpfungsgeschichte an der Decke und das Jüngste Gericht an der Stirnseite einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Nachdem Michelangelos Homosexualität jahrhundertelang kein Thema war, werden die Zusammenhänge in der Wissenschafts- und Sachliteratur inzwischen ausgiebig erörtert.

Versteckte homo­erotische Botschaften lassen sich in der Sixtina zuhauf belegen. Der österreichische Theologe Markus Hofer etwa kommt in seinem im vergangenen Jahr erschienenen Buch "Das Heilige und das Nackte" zum Schluss, der schwule Künstler habe hier einen Ausdruck für seine Sehnsüchte gefunden: "Dass er das ausgerechnet an der Decke der päpstlichen Hauskapelle tat, mag angesichts der Jahrhunderte langen kirchlichen Haltung zur Homosexualität pikant erscheinen, man darf es aber auch als starkes Zeichen sehen" – zumal es sich um einen "der heiligsten Orte der katholischen Christenheit" handle. Nach dem Konzil von Trient wurden wiederum die Genitalien von Hunderten von nackten Männern in Michelangelos "Jüngstem Gericht" mit einem Lendenschurz übermalt, doch immerhin ein Teil davon konnte wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt werden.


Die Erschaffung Adams, Michelangelo, Teil des Deckenfreskos in der Sixtinischen Kapelle (Bild: Wikipedia)

Höhepunkt der Sixtina ist jedoch die Erschaffung Adams, bei der Gott den Menschen nach seinem Ebenbild zum Leben erweckt – eines der berühmtesten Motive der Kunstgeschichte überhaupt. Für Hofer macht Adam in seiner Pose dem Schöpfer "ein laszives Angebot, so wie er daliegt und schaut." Und auch der Kunsthistoriker Hendrik Ziegler erkennt darin das Abbild einer "Liebesbeziehung zwischen einem potent gebliebenen Greis und einem nach ihm schmachtenden Jüngling". Das schreibt Ziegler in seinem Aufsatz "Sexuelle Devianz als Ausweis des Göttlichen" in dem druckfrisch im Böhlau Verlag erschienenen Band "Queerness in der Kunst der Neuzeit?" (ausführliche Besprechung folgt). Der Kunsthistoriker weist allerdings darauf hin, dass es sich keineswegs um einen Akt der Auflehnung gegen eine repressive Sexualmoral handelte, sondern eher um eine "Bekundung der Bußfertigkeit und des Willens zur Umkehr". So war es jedenfalls von den Auftraggebern beabsichtigt.

Ob das auch im Sinne Michelangelos war, der für seinen Lehrer und Freund Tommaso de' Cavalieri leidenschaftliche Liebessonette schrieb, ist von der Forschung noch nicht hinreichend geklärt. Die erotische Wirkung seiner Werke schmälert das nicht.

Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.

-w-

-w-

-w-

#1 fredinbkkkkkAnonym
#2 StaffelbergblickAnonym
  • 10.04.2023, 11:15h
  • Dieses Trienter Konzil ist vermutlich auch die Ursache für reichlich Genitalverstümmelungen an männlichen Statuen: In den Vatikanischen Museen soll es nicht katalogisierte Räume geben, in denen massenweise abgeschlagene Penisse aufbewahrt werden, die von Statuen entfernt wurden. Die "Wunden" wurden dann mit Feigenblättern neu "dekoriert". Diese Info habe ich aus einem Beitrag, der ich mal bei ARTE sah.
  • Direktlink »
#3 MiralAnonym
  • 10.04.2023, 12:00h
  • Für mich die ich Kunstgeschichte und Archäologie studiere, ist dieser Artikel zum Haare raufen.
    Der Autor ist augenscheinlich nicht Aufgrund seiner Ausbildung, dazu in der Lage einen Artikel über Kunstwerke zu verfassen.

    Damit tut er den vielen Generationen (schwuler) Kunsthistoriker Unrecht.

    Diese vom Autor den Kunstwerken angedichtete Homoerotik , kommt von der Inspiration der Werke, nämlich der Antike.
    Der gab es einen ausgeprägten Körperkult und auch viele die einer gewissen Erotik in Kunstwerken bestimmt nicht abgeneigt waren.

    Was heutzutage in Werken aus der Renaissance oder spätere Epochen, als homoerotik interpretiert wird.
    Ist in Wirklichkeit einfach nur die Auseinandersetzung des Künstlers mit der Antike.
  • Direktlink »