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Demo-Sonntag
Rechtsradikale wollen gegen Dragqueen-Kinderlesung in Wien demonstrieren
Dragqueen Candy Licious liest am Sonntag wieder aus Kinderbüchern vor. Die versammelte Rechte der Alpenrepublik nutzt das als queerfeindliches Mobilisierungsthema.

Dragqueen Candy Licious will am Sonntag eigentlich nur eine Lesestunde mit Kindern abhalten (Bild: Instagram / Candy Licious)
- 14. April 2023, 12:07h 5 Min.
Immer wieder mobilisieren Rechtsradikale und Queerfeind*innen gegen Dragqueen-Kinderbuchlesungen. Die Taktik ist einfach wie bestechend: Um Aufmerksamkeit auf eine sogenannte "Frühsexualisierung" oder die vermeintliche Rekrutierung von LGBTI-Nachwuchs zu richten, werden die Lesungen ins Ziel genommen. Auch in Europa gab es zuletzt vermehrt solche Vorfälle.
Seit Wochen mobilisieren nun rechte Gruppen gegen eine solche Veranstaltung in der Türkis Rosa Lila Villa in Wien. Die wird darum am Sonntag inmitten eines unübersichtlichen Demonstrationsgeschehens stattfinden – inklusive Gegendemo gegen die Gegendemo.
Lügen und Hetze fünf Meter vor Villa
Die Wiener Polizei musste sich in den vergangenen Tagen den Vorwurf gefallen lassen, beim Schutzkonzept zu wenig Rücksicht auf die Lesung zu nehmen. Bisher sei noch nicht klar, wie die Polizei gewährleisten will, dass Kinder und ihre Familien ungestört und sicher zu und von der Lesung kommen sollen, so die Sprecherin der Grünen Andersrum, der queeren Vereinigung innerhalb der grünen Partei Österreichs, Katharina Schöll.
Es fehlten die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen seitens der Polizei und der Stadt. Darum spricht sich die Vereinigung für eine großflächige Schutzzone direkt vor der Villa aus. Der Forderung schloss sich auch die SPÖ an. Doch die Polizei will sie nicht umsetzen. Bis zu fünf Meter an die Villa sollten die Rechten demnach herantreten können.
/ VickySpielfrau | Forderungen nach Schutz für die Veranstaltung erteilte die Polizei eine AbsageWovor wir Kinder schützen müssen? Vor 1 rechtsextremen Mob, der am Sonntag direkt vor der @LilaTipp ihre LGTBIQ feindliche Hetze verbreitet & eine #Dragshow stören will @MarioLindner82, @GrueneAndersrum und ich sagen: Her mit der #Schutzzone! #w1604 https://t.co/qGKVRAkSFf
Vicky Spielfrau (@VickySpielfrau) April 12, 2023
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Die Demonstrant*innen gegen die Lesung von Dragqueen Candy Licious rekrutieren sich dabei aus den verschiedenen rechten Milieus Österreichs. Da wären Identitäre, offene Neonazis, christliche Fundamentalist*innen oder das Spektrum der Corona-Maßnahmen-Gegner*innen, das auf Queerfeindlichkeit umgesattelt hat. Hinzu kommt die FPÖ, die trotz Ibiza-Gate und Co momentan die Wahlumfragen der kleinen Republik anführt.
Immer wieder werden dabei zumeist schwule Dragqueen-Performances, sexueller Transvestitismus und Transgeschlechtlichkeit durcheinander gebracht oder bewusst gleichgesetzt. Mobilisiert wird auch mit der Behauptung, dass vor Kindern getanzt oder eine erotische Aufführung dargeboten würde.
Identitäre gegen "Globohomo"
Die Identitären, die mit ihrem Anführer Martin Sellner inzwischen unter dem Banner "Die Österreicher" firmieren, kündigen etwa eine "Demo gegen Fetischshows für Kinder & Globohomo" an, wobei letzterer Ausdruck für die verschwörungsideologische Vorstellung einer globalen queeren Agenda zur Unterwerfung der Menschheit steht. Man wehre sich gegen den "unfassbaren Kindesmissbrauch", heißt es in gewohnter, sexuelle Gewalt an Kindern verharmlosender Manier. Man schaue zudem "nicht tatenlos zu, wie Kinderseelen dieser Perversion ausgesetzt" würden.
Hetzer aus dem Spektrum der Identitären waren es auch, die im vergangenen Sommer in Gestalt der rechten Aktionstruppe "Widerstand in Bewegung" eine öffentliche Bibliothek zugemauert hatten. Grund auch hier: Eine Kinderlesung mit Candy Licious (queer.de berichtete). Und kürzlich kletterten sei auf ein Baugerüst an der Türkis Rosa Lila Villa, hissten ein Banner mit der Aufschrift "Zusperren" und verteilten Flugblätter – ebenfalls unter dem Motto "Kinderschutz" (queer.de berichtete).
Auch die rechte Initiative "Stop Missbrauch", die sich ausweislich der Eigendarstellung gegen "Kindesmissbrauch" engagiert und dabei vor allem härtere Strafen "für Kinderschänder und Pädophile" fordert, mobilisiert gegen die Drag-Lesung. Kinder würden bei der Lesung "mehr oder weniger unvorbereitet mit speziellen sexuellen Neigungen konfrontiert", heißt es im Mobilisierungsmaterial der Gruppe. Den pädagogischen Hintergrund der Lesung will die Initiative nicht akzeptieren: "Viel mehr zielt diese Veranstaltung darauf ab, Fetische dar- und zur Schau zu stellen. Der erste Zugang für Kinder zum Thema 'Sexualität ' sollte nicht nicht durch spezielle Neigungen bzw Fetische erfolgen!!!"
FPÖ berief sogar extra den Landtag ein
Die FPÖ möchte ähnlich wie in einigen rechts regierten US-Bundesstaaten am liebsten ein offizielles Verbot von Drag-Lesungen vor Kindern erlassen (queer.de berichtete). Dragqueens würden vor kleinen Kindern "ihre Lust ausleben", mutmaßte der Wiener FPÖ-Chef Dominik Nepp bei einer extra wegen der Lesung einberufenen Sondersitzung des Landtages vor drei Wochen unter dem Motto "Kinder schützen, Transgender-Propaganda stoppen".
Unterstützung für die Verbotsforderung kam dabei auch aus Reihen der konservativen ÖVP. Deren Abgeordnete Caroline Hungerländer etwa meinte, dass die Veranstaltungen "nichts vor fünfjährigen Kindern verloren" hätten. Es gebe zudem – als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun – "zwei biologische Geschlechter". Der FPÖ-Antrag auf Verbot fand aber keine Mehrheit im Landtag.
Die SPÖ-Abgeordnete Nicole Berger-Krotsch verurteilte die geplanten Aktionen vor dem Queer-Zentrum. In Wien sollten alle Menschen "sichtbar, stolz und sicher sein". Daher müsse "insbesondere eine vulnerable Gruppe wie die LGBTIQ-Community besonders geschützt werden". Man stehe "laut und deutlich" sowie "Seite an Seite mit der queeren Community".
Der Landesparteivorsitzende der Sozialdemokrat*innen von Oberösterreich, Michael Lindner, hatte die wiederholten Angriffe von FPÖ und anderen Rechten auf die Drag-Kultur bereits nach der letzten Attacke auf die Türkis Rosa Lila Villa kritisiert. Die rechte Hetze und der "Kulturkampf in Trump-Manier" hätten "handfeste Konsequenzen", kommentierte er die Banneraktion. "Rechtsextreme greifen ein Community-Zentrum an, während Menschen dort schlafen, und Familien müssen am Weg zu Kinderbuchlesungen durch einen Polizeikorridor: Die Einzigen, die Kinder gefährden, sind die Hetzer*innen von der FPÖ!"
Die Türkis Rosa Lila Villa existiert seit mehr als 40 Jahren, als das Haus von queeren Aktivist*innen besetzt wurde. Heute sind queere Initiativen wie "QueerBase" oder ein Wohnverein untergebracht, ebenso wie das Café "Villa Vida". Candy Licious hatte bereits in der Vergangenheit etwa aus den Büchern "Julian feiert die Liebe", "Julian ist eine Meerjungfrau" oder "Der verliebte Koch" nur unter rechtem Protest vorlesen können.
Instagram / moment_magazin | Candy Licious über den Sinn von Drag-Lesungen vor Kindern
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Auch in Zürich in der benachbarten Schweiz hatten Neonazis zuletzt eine Kinderlesung ins Visier genommen. Vermummt, herumbrüllend, mit Rauchfackeln und einem Transparent mit der Aufschrift "Familie statt Gender Ideologie" störten sie im Oktober die Lesung von Brandy Butler und ihren Drag-Freund*innen (queer.de berichtete). Aktivist*innen der rechten und Fundi-Bewegung "Demo für Alle" postierten sich Ende Januar unter anderem hinter der Banneraufschrift "Kitas wegen Pädo-Nähe geschlossen. Betreten der LSBT-Kitas verboten" vor der Baustelle einer queeren Kita in Berlin-Schöneberg (queer.de berichtete). (jk)
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Draq Queen ist ja nun erstmal eine Art Kunstform. Man(n) stellt was dar. Fein. Kann man. Spricht nichts dagegen.
Auch andere Leute betreiben Kunst. Schriftsteller*innen, Maler*innen, Musiker*innen, Tänzer*innen. Lesen die auch Kindern vor?
Also abgesehen von Schriftstellenden ist mir da nichts bekannt. Vielleicht wird es auch nicht gehyped von irgendwelchen braunen deppen. (Außer natürlich die Bücher sind "woke", dann natürlich schon.)
Was ist mit Feuerwehrpersonen oder Taxifahrenden? Zugegebenermaßen, keine Künstler mehr, aber trotzdem irgendwie ein Beruf.
Auf der anderen Seite: Wieso sollte man Kindern *nicht* vorlesen. Vorlesen ist gut für Kinder. Und je mehr es gemacht wird, desto besser für die Kinder. Am ende lernen sie dabei noch was.
Um ehrlich zu sein, ich glaube das verängstigt die Ewiggestrigen am meisten. Bildung ist für sie die größte Gefahr.