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Kinostart
Queere Liebe im brennenden Wald
In Christian Petzolds neuem Spielfilm "Roter Himmel" über eine junge Ferienhaus-WG liegen Paradies und Katastrophe dicht beieinander. Jetzt startet der diesjährige Gewinner des Silbernen Bären in den Kinos.

Während in der Ferne die Flammen lodern, treffen in einem abgelegenen Ferienhaus zwischen Wald und Meer vier junge Menschen aufeinander: Leon und Felix, Freunde seit Kindertagen, Nadja, die als Saisonkraft im Küstendorf jobbt, und Devid, der Rettungsschwimmer (Bild: Piffl Medien)
- Von Jens Balkenborg
15. April 2023, 03:37h - 4 Min.
Dieser Leon (Thomas Schubert) ist schon ein Typ! Die Sonne strahlt über dem Sommerhaus der Familie seines Kumpels Felix (Langston Uibel), mit dem er dort ist, das Meer ist so wild wie schön. Aber Leon, dieser ruppige Autor im Kreativloch, schmollt, Sinnlichkeit und Müßiggang interessieren ihn nicht. "Ich muss arbeiten!" wiederholt er andauernd und sitzt mit langen Klamotten am Meer, ohne auf die Idee zu kommen, ins Wasser zu gehen. Er ist mit Felix an die Ostsee gekommen, um seinen zweiten Roman zu finalisieren und frustriert, weil er insgeheim weiß, dass Verleger Helmut (Matthias Brandt), der sich angekündigt hat, es ihm um die Ohren hauen wird.
Schubert, den viele sicher spätestens seit seiner Rolle in Jan Bonnys deutscher "Wolf of Wallstreet"-Serienvariante "King of Stonks" (Netflix) auf dem Schirm haben, spielt den Autor herrlich rotzig. Natürlich ist sein Leon maximal genervt, als Felix ihm offenbart, dass sie nicht alleine in dem Haus sein werden. "Die Russin geht mir sowas von auf den Sack!" wütet Leon. Gemeint ist Nadja (Paula Beer), die nur wegen ihres Namens in Leons russische Schublade einsortiert wird. Die ungewollte WG-Mitbewohnerin vergnügt sich nachts unüberhörbar bei Musik mit Rettungsschwimmer Devid (Enno Trebs) und schwebt als Frohnatur in rotem Kleid durchs Bild. Paula Beer gibt der so sympathischen wie geheimnisvollen Frau eine unwiderstehliche, zeitlose Aura.
Man liebt sich in fluiden Konstellationen

Poster zum Film: "Roter Himmel" startet am 20. April 2023 im Kino. Previews gibt es ab 16. April in München, Frankfurt, Köln, Hamburg und Berlin
"Roter Himmel" ist der auf den ersten Blick bisher "leichteste" Film von Christian Petzold. Der zur Berliner Schule zählende Regisseur hat es schon früher verstanden, etwa in Filmen wie "Barbara" oder "Transit", seinen formalästhetischen Eigensinn in ein Kino zu überführen, das anspruchsvoll und sinnlich zugleich ist. In "Roter Himmel", dem zweiten einer geplanten Trilogie, die mit "Undine" ihren Anfang nahm, denkt Petzold diesen Modus weiter. Auf der diesjährigen Berlinale gab es dafür den Silbernen Bären, den Großen Preis der Jury, wobei viele "Roter Himmel" als Favoriten für den Goldenen Bären auf dem Zettel hatten.
Mit großer Präzision und Finesse erzählt Petzold nach eigenem Drehbuch seine vom französischen Regisseur Éric Rohmer inspirierte Version einer Éducation sentimentale. Sein sommerliches Quartett trifft sich auf Wein und Essen in dem Gärtchen inmitten der Natur, man spricht über Heine, über die Kunst des Erzählens, man geht schwimmen, man neckt und liebt sich in fluiden Konstellationen. Und all das während Waldbrände wüten, die zunächst abstrakt in der Ferne bleiben, aber – wie könnte es anders sein – weiter ins Zentrum der Geschichte rücken.
Leon sieht nicht, was um ihn herum passiert
"Roter Himmel" strotzt Sinnlichkeit und unaufdringlicher Intellektualität. Der Film erzählt einerseits die Geschichte einer exzentrischen Liebe oder genauer: eines Brodelns, denn Leons steigende Faszination für Nadja ist in jeder Sekunde unter all seinem Gemotze zu spüren. Atemlos ist jene Szene, in der der Autor die junge Frau aus dem Fenster beobachtet, wie sie nachts mit den beiden anderen Jungs Federball mit fluoreszierenden Schlägern spielt. Sieht sie ihn?

Szene aus dem Film: Auch Felix und Devid kommen sich näher (Bild: Screenshot Trailer)
Zugleich ist Petzolds Film eine so aktuelle wie vielsagende Analogie auf unsere Gegenwart. Leon schaut die ganze Zeit, und wir mit ihm, aber er scheint nichts zu sehen. Er kreist um sich und sein Buch, er sieht nicht, wer Nadja wirklich ist, dass sie nicht nur als Eiverkäuferin jobbt, auch nicht, dass sich Felix und Devid näherkommen. Einmal wacht er verwundert in seinem Zimmer neben Nadja auf, als die beiden Jungs sich nebenan amüsieren. "Siehst du irgendwas, was um dich herum passiert?" brüllt Nadja ihn einmal an.
Obwohl die Katastrophe sich durch über das Haus hinwegrasende Löschhubschrauber und die in der Ferne lodernden Flammen ankündigt, folgen keine Konsequenzen. Es ist eine große Kunst, wie Petzold mit vielsagenden Bildern persönliche Leidenschaften, Nöte und Sorgen tragikomisch mit unseren gegenwärtigen Diskursen von Klimakatastrophe bis (digitalem) Narzismus verschweißt und ganz nebenbei noch über filmisches und – am Ende eindrücklich – literarisches Erzählen reflektiert. Der Himmel ist rot und Liebe und Katastrophe, Paradies und Dystopie liegen nahe beieinander.
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Roter Himmel. Drama. Deutschland 2023. Regie: Christian Petzold. Cast: Thomas Schubert, Paula Beer, Langston Uibel, Enno Trebs, Matthias Brandt. Laufzeit: 103 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: Piffl Medien. Kinostart: 20. April 2023. Previews ab 16. April in München, Frankfurt, Köln, Hamburg und Berlin
Links zum Thema:
» Homepage zum Film mit allen Kinoterminen
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» auf sissymag.de
23:50h, rbb:
Jungs vom Lande
Mit präzisem Blick und tief atmosphärischen Bildern zeigt Gaël Lépingle in "Jungs vom Lande" queeres Leben abseits der großen Metropolen als eine sommerschwüle Mischung aus wilden Wünschen und romantischen Abenteuern.
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