https://queer.de/?45268
Roman
Altbekannte Tradition durch die queere Brille
Can Mayaoglu hat mit ihrem Debüt "Nadia" über eine erfolgreiche lesbische Titelheldin einen klugen Künstler*innen-Roman der Gegenwart geschrieben, der ganz nebenbei Klischees zerbricht und die Traditionen queert.

Can Mayaoglu von den Deichtorhallen in Hamburg (Bild: Björn-Ole Malke)
- Von
15. April 2023, 12:13h - 4 Min.
Hamburg ist eine graue Stadt, in der die Menschen entweder vom Wasser angezogen oder abgestoßen werden. Nadia ist hier aufgewachsen und fällt in die erste Kategorie. Zumindest wenn es nach Taxifahrerin Cagney geht, von der Nadia sich immer wieder durch die Stadt fahren lässt, wenn sie weglaufen will.
Eigentlich war sie ihrer Heimatstadt Hamburg nämlich vor einigen Jahren insgesamt entflohen, um dem Verschwinden ihrer jüngeren Schwester Dilhan und der Trennung von ihrer großen Liebe Rahel auszuweichen. Als erfolgreiche Künstlerin kehrt sie nun mit einer international gefeierten Ausstellung zurück – und wird mit einem Mal von allem eingeholt, was sie bisher verdrängt hat…
Wenigen Berufsfeldern ist es vergönnt, ein literarisches (Sub-)Genre ihr eigen nennen zu können. Es liegt vermutlich am allgemein menschlichen Egozentrismus, dass bedeutend häufiger über Kunstschaffende und Schreibende geschrieben wird als über klempnernde oder altenpflegende Menschen. Der Künstler*innenroman hat sich jedenfalls seit der Romantik als eigene literarische Strömung herausgebildet, die eine kunstschaffende Person ins Zentrum stellt. Gerne werden dabei ein Geniebegriff oder künstlerische Ideale verhandelt, häufig es geht um Musen und Inspiration, meist sind die Künstler heterosexuelle Männer.
Keine Literatur aus dem Elfenbeinturm

Mayaoglus Roman "Nadia" ist am 11. April 2023 im Albino Verlag erschienen
In "Nadia" (Amazon-Affiliate-Link ) steht eine lesbische Frau im Zentrum der Handlung, die sich außerdem auch noch nicht besonders um Tradition und theoretischen Überbau von Kunst interessiert. Mit großer Freude setzt der Roman sich immer wieder demonstrativ von einer Literatur aus dem Elfenbeinturm und für Intellektuelle, die Künstler*innen-Romane oft sind, ab. Beinhahe kokett wird erklärt, dass Nadia, die häufig im Medium Fotografie arbeitet, Susan Sontag nicht gelesen hat. Statt auf Bach, Wittgenstein und Schach zu rekurrieren, wird Metallica gehört. Dabei schafft Can Mayaoglu es allerdings, gerade nicht in eine Stimmung der Feindlichkeit gegenüber Intellektualität zu verfallen.
Es macht großen Spaß, der dickköpfigen und doch hinter ihren Mauern aus Dickköpfigkeit verloren herumirrenden Nadia durch das graue Hamburg zu folgen. Nadia ist gleichzeitig auf der Suche und auf der Flucht. Sie wirkt geradezu hilflos tollpatschig bei ihren Versuchen, mit den Verletzungen und Verlusten ihres Lebens fertig zu werden.
Während ihre Familie und Freunde im Kleinen und Alltäglichen nach Heilung suchen, sich auf die Sicherheit in Beziehung, die Beständigkeit von Familie besinnen, explodiert Nadias Verarbeitung ins Gigantische. Sie betreibt Kunst auf fast therapeutische Weise, ohne dabei aber Erfolg zu haben. Beziehungsweise ist dies die große Ironie des Romans, dass sie zwar den größten kommerziellen Erfolg hat, aber individuell, mit Blick auf die seelische Heilung, erfolglos bleibt. Die Installation, mit der sie um die Welt tourt und nun in ihre Heimatstadt einkehrt, ist der megalomanische Versuch, das eigene Trauma durch lautes Schreien einfach zu überdecken und zu verdrängen.
Die Sinnlosigkeit der Flucht
Was Autorin Can Mayaoglu in "Nadia" auf wunderbare Weise gelingt, ist die Dekonstruktion des Elitismus der literarischen Tradition des Künstler*innen-Romans. Amüsiert und doch nicht spottend entlarvt sie die Sinnlosigkeit der Flucht vor der Welt ins Intellektuelle und illustriert den Zusammenbruch der großen Gesten der Kunst, die realen Schmerz gleichzeitig ausstellen und verdecken. Die Kunst wird hier nicht mehr als magische außerweltliche Sphäre gesehen, zu der die wenigen genialen Köpfe Zugang haben, wie es in Goethes "Wilhelm Meister", im "Doktor Faustus" und all den anderen männlichen Variationen der Fall ist. Kunstschaffen wird als lediglich eine von vielen Facetten der menschlichen Existenz, der eben auch scheitern kann, entmystifiziert.
Wenn es eine Schwäche gibt, die dem Roman angekreidet werden muss, dann liegt sie in der Sprache der Dialoge. Wiederholt spricht "Nadia" etwas zu direkt und zu deutlich aus, was doch eher durch Subtext erzählt werden sollte. Nadias wiederkehrende Begegnung mit Taxifahrerin Cagney etwa führt an einigen Stellen zu etwas uneleganten Momenten, wenn die Figuren die Absicht einer Szene aussprechen. Nadia ist eine international renommierte Künstlerin, die mit ihrer Assistentin um den Globus tourt und seit Jahren in Hotels lebt. Sie ist Teil einer Elite, die mit vielen alltäglichen Problemen wenig Berührung hat. Cagney fährt Taxi in Hamburg und schmiert sich ihre Brote für die Schicht selbst.
Leider vertraut der Roman hier nicht auf die Stärke und Aussagekraft der eigenen Konstruktion, sondern lässt Taxifahrerin Cagney das Aufeinanderprallen der Welten zu deutlich benennen. Das ist etwas schade, da es aus der Handlung reißt und zu sehr darauf aufmerksam macht, "was gemeint ist." Es wäre zu wünschen gewesen, dass die Erzählung mehr Vertrauen in die Fähigkeit der Lesenden haben würde – nicht jede Rückblende muss mit "damals" eingeleitet werden.
Doch sei es drum, glücklicherweise passiert es nicht zu oft, dass derartige übereilte und übermäßig erklärende Momente in die Handlung schneiden. Autorin Can Mayaoglu gelingt mit "Nadia" ein starkes und intelligentes Debüt, das ein altmännliches Genre leichtfüßig und gelungen aufbricht.
Can Mayaoglu: Nadia. Roman. 262 Seiten. Albino Verlag. Berlin 2023. Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 24 € (ISBN 978-3-86300-355-5)
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei amazon.de
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.















