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Folge 16 von 53
Schwule Symbole im Film: Brüder
Das Wort "Bruder" emotionalisiert und signalisiert für viele gleichzeitig Nähe und Distanz. Dabei wünschen sich viele Männer eine Nähe, wie sie in der idealisierten Vorstellung von Brüdern besteht.

Die zwei Zwillingsbrüder in "Zwillinge" (2010)
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16. April 2023, 04:02h 17 Min. - Diese Artikelserie wurde gefördert von der Homosexuellen Selbsthilfe e.V., www.hs-verein.de.
Bruder – das andere Ich
Ein Bruder kann in der Literatur und in Filmen die andere Seite eines Mannes symbolisieren, eine Seite, die ihm oftmals selbst unbekannt ist, wie ein Alter Ego oder ein anderes Ich. Brüder werden in Filmen oft miteinander verglichen und verweisen auf ungelebte Seiten in uns, die uns aber gar nicht so fernstehen, wie wir oft denken. Der Bruder kann als Symbol auf die Polarität der Persönlichkeit hinweisen und sogar eine Inzest-Phantasie beflügeln. Aufgrund der familiären Wurzeln lassen sich gemeinsame Reisen von Brüdern noch leichter als die von anderen Personen als gemeinsamer Lebensweg verstehen.
Schwule und ihre heterosexuellen Brüder
Die Darstellung zweier ungleicher Brüder, von denen der eine homo- und der andere heterosexuell ist, ist die im schwulen Film-Kontext am häufigsten verwendete Brüder-Konstellation. Das liegt wohl nicht nur daran, dass sich damit Konflikte und persönliche Nähe gut darstellen lassen, sondern auch daran, dass mit einer solchen Konstellation eine große Zielgruppe angesprochen wird. Einige dieser Filme verweisen schon mit dem Titel auf eine persönliche Nähe bzw. greifen das emotionalisierende Wort Bruder auf, wie die "Brüder"-Trilogie (2002-2005), "Mein Bruder Leo" (2002), "Sein Bruder" (2003), "Brüderliebe" (2004), "Same Blood" (2004), "Mein Bruder der Teufel" (2012) und der Kurzfilm "The Brother" (2013).
Solche Brüder-Filme zeigen unterschiedliche Lebensentwürfe und die Annäherung unterschiedlicher Lebenswelten, wie in "Querelle" (D 1982), worin Querelle seinen Bruder Robert irgendwie liebt, sich mit ihm prügelt, ihn umarmt und sich von ihm als "Arschficker" bezeichnen lässt. Brüder-Konstellationen finden sich auch bei Paul und Daniel in "Leben tötet mich" (2002), drei algerischen Brüdern in "Brüderliebe" (2004), Oat und Ek in "Mein Bruder, der Held" (2015), Ulysses und Abe in "Saturday Church" (2017) und bei Leo und seinem Bruder in "Beauty Boys" (2020). Entsprechende Brüder-Konstellationen lassen sich auch gut mit anderen emotionalisierenden Themen wie Kriminalität und Drogen in Verbindung bringen, wie bei den Brüdern Rashid und Mo in "Mein Bruder der Teufel" (2011). Zwei ungleiche Brüder nähern sich manchmal durch Krankheit und Tod wieder an, wie Camille und sein Bruder Théo in "Ich kann nicht schlafen" (1994), Theo und Ryan in "The Perfect Son" (2000), Thomas und Luc in "Sein Bruder" (2003), Chaz und Nick in "White Frog" (2012) und Matteo und Ettore in "Euforia" (2018).

Szene aus"Brüderliebe" (2004)
Lebensreise
Die gemeinsame und verbindende Reise zweier unterschiedlicher Brüder, von denen einer schwul ist, lässt sich leicht als Symbol für einen gemeinsamen Lebensweg oder eine gemeinsame Lebensreise erkennen. So suchen Leo und sein Bruder Marcel in "Mein Bruder Leo" (2002) auf ihrer Reise einen früheren Liebhaber, Danny und sein Bruder Ody in "Xenia. Eine neue griechische Odyssee" (2014) ihren gemeinsamen Vater und der schwule Link und sein Halbbruder Travis in "Wildhood" (2021) ihre gemeinsame Mutter. An dieser Stelle kann man auch den Film "For My Brother" (2014) erwähnen, in dem die beiden Brüder Aske und Bastian gemeinsam nach Norwegen fliehen, um vor dem sexuellen Missbrauch durch den Vater geschützt zu sein.

Lebensweg von Brüdern in "Xenia. Eine neue griechische Odyssee" (2014)
Schwule Halbbrüder
In einigen Filmen – wie im schon genannten Film "Wildhood" (2021) – geht es um Halbbrüder, die ebenfalls Fragen nach eigener Identität, familiären Wurzeln und persönlicher Nähe aufwerfen. In "Das Gegenteil von Sex" (1998) flieht der kleine Dedee zu seinem schwulen Halbbruder und in Sébastian Lifshitzs "Les terres froides" (1999) lernt der 20-jährige Djamel auf der Suche nach seinem Vater seinen schwulen Halbbruder kennen. Im ersten Teil der "Brüder"-Trilogie (2002) erfahren Ernstl und Wickerl, dass sie "nur" Halbbrüder sind, kommen aber zur Erkenntnis, dass sie "trotzdem Brüder" sind.
Zwei schwule Brüder
Sind sich zwei schwule Brüder näher, nur weil sie neben der familiären Herkunft auch die sexuelle Orientierung teilen? Eine solche Konstellation gibt es u.a. in "Midnight Dancers" (1994). In "Newcastle" (2008) gibt es mit Jesse und Fergus zwei schwule Brüder und mit dem älteren Victor noch einen Hetero-Bruder. In "Tiger Orange" (2014) müssen die beiden schwulen Brüder Chet und Todd den Tod ihres Vaters verkraften. Der Film wird mit dem Hinweis beworben, dass sich trotz ihrer unterschiedlichen Persönlichkeiten jeder von beiden auch einige Aspekte des Lebens des anderen wünscht.
Am bekanntesten in dieser Konstellation ist wohl "Männer al dente" (2010), worin sich Tommaso vor seiner Familie outen möchte, ihm sein schwuler Bruder Antonio aber zuvorkommt. Einer von beiden sollte den Familienbetrieb weiterführen, womit die Geschichte der zwei Brüder mit ihrer italienisch geprägten Familiengeschichte verwoben wird, bei der die Familie einen zentralen Stellenwert besitzt.
Zwei schwule Brüder und der Inzest
Eine "Inzestphantasie" steht bei Carl Gustav Jung symbolisch für "das ewige Verlangen des Menschen, wieder ein Ganzes zu werden" (Symbolonline), was man allerdings nicht auf die Darstellung von Inzest in Filmphantasien über schwule Brüder übertragen muss. Unter dem Stichwort "Brother Brother Incest" verzeichnet die IMDB (in unvollständiger Auflistung) 19 Filme. In "Starcrossed" (2005, hier online) geht die Liebe der beiden Brüder sogar bis zum gemeinsamen Freitod. Der Kurzfilm "Brotherly" (2008) basiert auf der wahren Geschichte zweier Brüder im Ohio der Siebzigerjahre. In dem Kurzfilm "Mismatched" (2009) erfahren zwei Brüder erst nach dem Sex, dass sie verwandt sind. Der Film hat damit eine thematische Nähe zu François Ozons "Das Schmuckstück" (2010), worin Laurent Pujol (andeutungsweise) schwul ist und wohl eine Beziehung mit Paul hat, der (unwissentlich) sein Halbbruder ist. Dass die beiden Männer, die in "Al Buio" (2005, hier online) Sex haben, Brüder sind, merkt man daran, wie sie über "Mum and Dad" sprechen.

Liebe bis zum Tod in "Starcrossed" (2005)
Zu den zwei wohl bekanntesten Filmen über schwulen Inzest gehört "Harry & Max" (2004). Max ist 16 Jahre alt, als er merkt, dass er für seinen 23-jährigen Bruder Harry nicht nur brüderliche Gefühle hat. Der Film wird mit den Untertiteln "Es bleibt unter Brüdern" bzw. "Brothers like no others" beworben. Am deutlichsten wird das sexuelle Verhältnis zweier Halbbrüder in der Geschichte von Tomaz und Francisco in "From Beginning to End" (2009) dargestellt, wobei sich der Film – unabhängig von der Homosexualität – auch mit Fragen der Moral beschäftigt, da das inzestuöse Verhältnis – unabhängig von der rechtlichen Situation – einigen als unmoralisch und illegitim erscheint.

Inzest in "From Beginning to End" (2009)
Queere Brüder in Nebenrollen
Filme, in denen schwule Brüder in Nebenrollen auftauchen, haben leicht erkennbar eine heterosexuelle Zielgruppe. Dazu gehören "Hotel New Hampshire" (1984), worin Franny Berry (D: Jodie Foster) auf ihren schwulen Bruder aufpasst, und "Quemar las naves" (Mexiko 2007), worin sich Helena um ihren schwulen Bruder Sebastian kümmert. In "Stadtgespräch" (1995) hat die Protagonistin Monika Krauss (D: Katja Riemann) einen schwulen Bruder namens René, der mit Karl (D: Moritz Bleibtreu) liiert ist. Auch in "Drei Furien & ein warmer Bruder" (2001) stehen eher die drei "Furien" im Vordergrund. In "Agnes und seine Brüder" (2004) sind Werner, Hans-Jörg und Agnes (die vor ihrer Geschlechtsangleichung Martin hieß) Geschwister, wobei die Brüder- und Trans-Thematik nur einen Teil des Film-Inhalts ausmachen.
Pornos – "Step Brother" und "Brotherfucker"
Schwulenpornos greifen das Thema Brüder im Filmtitel auf, indem auf einen schwulen Bruder verwiesen wird ("My Brother's Lover", "My Brother's Hot Friend"). Oft wird durch Text und/oder Bilder klar, dass es um Sex mit dem eigenen Bruder und damit um schwulen Inzest geht ("Brother to Brother", "Weekend @ my Brother's", "Brother Fucker"). Auch die Untertitel von Pornos verweisen auf wichtige Punkte der Intimität ("Brothers. Some things you only share with your brother") und der Tabuverletzung ("Step Brothers. This horny brothers break all the rules"). Es bleibt unklar, warum ausgerechnet bei einem Porno die Tabuverletzung leicht abgemildert wird, da Stiefbrüder schließlich nicht blutsverwandt sind.
Es gibt sogar eine eigene Filmreihe mit sogenannten "Brofos", abgeleitet von "Brotherfucker". Wer sich "Brofo" im Internet erklären lassen möchte, findet nicht nur einen Hinweis auf "Brotherfucker", sondern auch erklärende, wertende und skurrile Hinweise (s. urbandictionary mit Hinweis auf Narzissmus: "Often regarded as myth, there are documented cases, particularly common in Louisiana").

Brüder-Thematik in "Brother to Brother"
Zwillingsbrüder – das zweite Ich
Mit dem archetypischen und spannungsgeladenen Motiv von Zwillingsbrüdern werden noch intensiver als bei anderen Brüdern Fragen der Identität angesprochen. Zwillinge repräsentieren zwei verschiedene Seiten eines Gedankens, die zwei gegensätzliche und doch auch miteinander harmonierende Seiten der menschlichen Persönlichkeit darstellen können. Durch Begriffe wie "Kopie" und "Klon" ist mit Zwillingen auch eine negative Vorstellung verbunden. Das Symbol zweier sich spiegelnder Zwillingsbrüder überschneidet sich mit dem des Spiegels (Folge 13).
Schwule und ihre heterosexuellen Zwillingsbrüder
Wenn in einem Film Zwillinge in einem schwulen Kontext behandelt werden, geht es meistens um einen schwulen und einen heterosexuellen Zwillingsbruder. Ein frühes Beispiel dafür ist "Zorro mit der heißen Klinge" (1981), worin u.a. eine Frau über die Identität der beiden Zorros getäuscht wird und nun davon ausgeht, dass es offenbar "zwei Seiten eines Mannes waren, der sich veränderte". Aber nicht nur zwischen den Brüdern wird das Thema der "zwei Seiten" behandelt: In einer Szene schminkt sich der schwule Zwillingsbruder die eine Hälfte seines Gesichtes feminin und die andere Seite als Zorro. In "Nach der Finsternis" (1984) geht es sogar um drei Brüder: Der schwule Laurence (D: John Hurt) kommt mit dem Tod seines Zwillingsbruders nicht zurecht, bekommt aber Hilfe von seinem älteren (heterosexuellen) Bruder Peter, der mit seiner weitreichenden Bruderliebe sogar seine eigene Ehe mit einer Frau riskiert.
Am bekanntesten sind wohl die beiden schwulen Männer Bruno Ferrari (D: Jean-Paul Belmondo) in "Ein irrer Typ" (1977) und Winnetouch (D: Michael Herbig) in "Der Schuh des Manitu" (2001), die beide stereotyp feminin dargestellt werden – im Gegensatz zu ihren jeweiligen heterosexuellen Zwillingsbrüdern. Eigentlich geht es in "Der Schuh des Manitu" (2001) sogar um zwei Brüder: Abahachi (ebenfalls Michael Herbig) hat schließlich mit Winnetouch einen Zwillingsbruder und mit Ranger (Christian Tramitz) einen Blutsbruder, was beides verbindet.

Michael Herbig in einer Doppelrolle in "Der Schuh des Manitu" (2001)
Manche Filmplots ähneln sich in der Darstellung von Nähe und Distanz: In "Randy and the Mob" (2007) braucht Randy ausgerechnet die Hilfe seines entfremdeten schwulen Zwillingsbruders Cecil. In "Bromance. My Brother's Romance" (2013) sind Brando und (der schwule) Brandy Zwillinge, die dauernd miteinander streiten. Als Brandy im Koma liegt, gibt sich Brando als Brandy aus, um ihm zu helfen. In "Same difference" (2002) werden neben dem Filmtitel auch mit einem Lied "It's the same for me and you" und mit einem Doppelstockbett (als erotisches Element der Doppelung) die Homo- und Heterosexualität der beiden Zwillingsbrüder in emanzipatorischer Weise nebeneinandergestellt. In "Reich mir deine Hand" (2008) leben sich die beiden Brüder Antoine und Quentin auseinander, weil der eine homosexuell ist.
Bei den in Filmen dargestellten homo- und heterosexuellen Zwillingsbrüdern ist ihr zumeist ambivalentes Verhältnis zueinander das bestimmende Thema. Die Frage der Ursache ihrer unterschiedlichen sexuellen Orientierungen trotz desselben Elternhauses wird nicht aufgeworfen und wäre – sofern sich der Film für beide Formen der sexuellen Orientierung interessiert – unproblematisch.
Zwei schwule Zwillingsbrüder
Geschichten von schwulen Zwillingsbrüdern werden selten inszeniert. Die IMDB verweist bei sechs Filmen auf "Gay Twins", so auf die beiden schwulen Zwillingsbrüder in "Die letzte Hoffnung" (aka "My Brother's Keeper", 1995), von denen einer HIV-positiv ist. In "Liebe! Stärke! Mitgefühl!" (1997) ist James das genaue Gegenteil seines Zwillingsbruders John Jeckyll, obwohl sie beide schon über den ähnlichen Vornamen verbunden zu sein scheinen. Auch ihr Nachname ist gut gewählt: "Jeckyll" spielt auf die Novelle "Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde" (1886) von Robert Louis Stevenson an, die als zentrales Motiv die gespaltene Persönlichkeit eines Mannes behandelt, der Dr. Jekyll und Mr. Hyde in einer Person ist. Die Novelle wurde mehr als 30-mal verfilmt. Der Film "2 Minutes Later" (2007) – der von dem schwulen Michael und seinem Zwillingsbruder Kyle handelt – wird u.a. mit dem Hinweis beworben: "Navigating between identity and duplicity". In "Color me Olsen" (2007) orientieren sich die beiden Zwillingsbrüder bei ihrem Wunsch nach einer Schauspielkarriere an den prominenten (realen) Zwillingsschwestern Mary-Kate and Ashley Olsen.
Aber nicht nur das Verhältnis von Zwillingsbrüdern zueinander löst Fragen aus. Wenn ein Mann einen Mann liebt, müsste er dann nicht auch genauso seinen so ähnlichen Zwillingsbruder lieben? In "In Half" (2012) lässt sich Travis nach dem Tod seines Freundes auf eine Affäre mit dessen Zwillingsbruder ein. Der Filmtitel "In Half" ist ein Wortspiel und verweist auf die Bedeutungen "entzweit" (die Beziehung) und "in zwei Hälften" (die Brüder).
Filme über schwule Zwillinge behandeln nur selten auch das Thema Inzest. Zu diesen Ausnahmen gehört "Zwillinge" (2010), worin zwei Zwillingsbrüder auch ein sexuelles Verhältnis haben.
Zwillings-Variationen
Zum Motiv schwuler Zwillingsbrüder gibt es einige spannende Film-Variationen. Dazu gehört der junge Ernesto im gleichnamigen Film (1979), der auf der Suche nach seiner sexuellen Identität ist und in diesem Zusammenhang versucht, zur männlichen Hälfte eines verschiedengeschlechtlichen Zwillingspaares Kontakt aufzubauen. Es kommt jedoch ganz anders und er wird von der Familie mit der Zwillingsschwester verheiratet, die – mit Ausnahme ihres biologischen Geschlechts – ihrem Zwillingsbruder sehr ähnlich ist.
Abgewandelt wurde das Zwillingsbruder-Motiv im Science-Fiction-Kurzfilm "Hirsute" (2007), in dem ein schwuler Mann sein eigenes Ich aus der Zukunft trifft. Beide gehen vertraut miteinander um, wobei sich eine symbolische Nähe zum Zwillingsmotiv ergibt und die spürbare homoerotische Spannung sich als eine besondere Form narzisstischer Liebe interpretieren lässt. In "Seeing Heaven" (2010) geht es zwar "nur" um einen imaginierten und herbeigesehnten Zwillingsbruder, was aber in gewisser Weise noch deutlicher macht, dass sich der Wunsch nicht auf mehr Verwandtschaft, sondern – ähnlich wie bei einer Liebesbeziehung – auf eine zweite Hälfte bezieht.
Der Kurzfilm "Evil Twins" (2017, 6 Min., hier online) ist nicht unbedingt ein schwuler Kurzfilm, wurde aber mit viel mann-männlicher Erotik inszeniert und u.a. mit folgenden Fragen beworben: "What relationship exists between the twins? What do they share? What kind of rivalry exists between them?" (s. "Kaltblut Magazine", 13. Mai 2017).

Mann-männliche Erotik in "Evil Twins" (2017)
Nur der Vollständigkeit halber möchte ich hier das Biopic über die beiden Zwillingsbrüder Ronald und Reginald Kray in "Die Krays – Zwei mörderische Leben" (1990) erwähnen. Hier wird zwar auch kurz auf die Homosexualität Ronald Krays eingegangen, was in diesem Fall aber nur als reale Geschichte, nicht aber auf symbolischer Ebene Interesse verdient.
Pornos – von Twins und Twinks

Das Motiv der Doppelung in dem Porno "Double Czech"
Auch in Schwulenpornos sind Zwillinge beliebt ("Best Friends"), wobei oft schon im Titel auf das Motiv der Doppelung ("Double Czech", "Twin Towers") und auf das Inzest-Tabu ("The Peters Twins in Taboo") verwiesen wird. In US-Pornos ist die sprachliche Verbindung zwischen jungen Männern (= Twinks) und Zwillingen (= Twins) eine reizvolle Alliteration ("Gay Twin Twinks Porn", "Rainbow Twinks and Twins"). Die Spiegelung des Titels von "Twin Soldiers" auf dem Cover verweist indirekt auf ein Spiegel-Symbol.
Die Darsteller in den jeweiligen Pornos werden nicht über individualisierte Vornamen vorgestellt, sondern als Zwillingspaare benannt ("The Taylor Twins", "Fisher Twins", "The Bartok Twins"), wobei manchmal auf weitere Symbole zurückgegriffen wird ("The Woods Twins", "Twin Towers").
Bruder-Konstrukte – Brüderschaft trinken, Bruderschaft leben
Seit Urzeiten wird mit dem Wort "Bruder" auch die enge Freundschaft zwischen zwei nicht verwandten Männern zum Ausdruck gebracht, wie in der biblischen Geschichte von David und seinem "Bruder" Jonathan. Solche Freundschaften lassen sich mit "Schwurbruderschaften" vergleichen, die mittlerweile auch homosexuell gedeutet werden. In China werden Schwule "verbundene Brüder" genannt. Bis heute versuchen Männer durch Rituale wie der Blutsbrüderschaft (Folge 5), dem Trinken von Brüderschaft und dem Leben in Bruderschaften eine Verbindung zu erreichen, wie sie in der idealisierten Vorstellung von Brüdern existiert.
Die Bezeichnung als Bruder
Die persönliche Nähe zwischen zwei Männern wird manchmal durch das Wort "Bruder" zum Ausdruck gebracht. Mit "mein armer kleiner Bruder" beschreibt Jim Stark (D: James Dean) in "Denn sie wissen nicht, was sie tun" (1955) die Nähe zu seinem verstorbenen Freund Plato, der als eine schwule Filmfigur konzipiert war. Die Formulierungen "You're my brother and I love you" in "Apartment Zero" (1988) und "Du bist mein Seelenbruder" in "Sleepless Knight" (2012) haben eine ähnliche Bedeutung. Im Kurzfilm "Brüder" (aka "Like a Brother", 2005) sagt Romain, dass Sebastian für ihn wie ein Bruder (und eben kein Geliebter) sei, und in "Teenage Kicks" (2016) sagt Dan zu seinem besten Freund Mik: "Ich liebe dich, Bruder." In "Liberace" (2013) sagt der gleichnamige Entertainer zu seinem Lebenspartner: "Ich möchte alles für dich sein, Scott. Ich will Dir Vater, Bruder, Liebhaber sein, bester Freund, alles".

Ein Verhältnis wie zwischen zwei Brüdern in "Brüder" bzw. "Like a Brother" (2005)
Im amerikanischen ist "Bro" von "Brother" (=Bruder) abgeleitet, meint aber nicht unbedingt ein Verwandtschaftsverhältnis, sondern einen Freund. Der Name der schwulen RomCom "Bros" (2022) bezieht sich auf die Pluralbildung von "Bro" und meint dementsprechend gute Freunde.
In diesem Kontext ist erwähnenswert, dass der erste Hollywoodfilm über Aids in Philadelphia spielt und deswegen "Philadelphia" (1994) heißt. Der Name der Stadt stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Stadt der brüderlichen Liebe" ("City of Brotherly Love"). Dies entspricht der dezenten Darstellung der Protagonisten, die als Liebespaar, aber auch als Freunde oder als Brüder wahrnehmbar sind.
Brüderschaft trinken
Das Brüderschafttrinken ist als gemeinsames Ritual ein Symbol von Freundschaft. Bei diesem Brauch trinken beide Männer aus dem gleichen Trinkgefäß, wobei die das Trinkgefäß haltenden Arme gegenseitig durch die Armbeuge des anderen greifen. In "Ben Hur" (1959) wird ein solches Ritual zwischen Ben Hur (D: Charlton Heston) und Messala (D: Stephen Boyd) gezeigt. Der Drehbuchautor Gore Vidal hat – u.a. in "The Celluloid Closet" (1995, 28:00 Min., hier online) – mit Bezug auf diese Szene auf den beabsichtigten homoerotischen Subtext des Films verwiesen, der mit Stephen Boyd, aber nicht mit Charlton Heston abgesprochen war. Nach der Vorstellung von Gore Vidal waren Ben Hur und Messala früher ein Liebespaar, was in dieser Szene (und wohl nur hier) zum Ausdruck kommen sollte.

Die Schauspieler Charlton Heston und Stephen Boyd in "Ben Hur" (1959)
Bruderschaften
Bruderschaften sind organisierte Gemeinschaften, die sich auf "Brüderlichkeit" als eine ihrer Grundlagen beziehen, jedoch auch häufig mit einem Drang zu gemeinschaftlicher Gewalt- oder Machtausübung dargestellt werden. Von der Beziehung zwischen zwei schwulen Neonazis handelt der Film "Bruderschaft" (2009), der auch die für eine neofaschistische Gemeinschaft typischen Symbole und Rituale wie Fahnen, Feuer und eine Sonnenwendfeier zeigt.
Die sechsteilige Filmreihe "Brotherhood" (2001-2010) zeigt die Bruderschaft und Studentenverbindung zwischen Männern an einer Universität im Rahmen des Vampirgenres und mit homoerotischem Subtext.

Homoerotisches aus dem Vampirgenre: "Brotherhood" (2001-2010, Ausschnitt)
In diesen Kontext gehören auch die Bruderschaft in der Serie "Beverly Hills, 90210" (Folge 4/26) und – trotz ironischer Brechung – die "Schwesternschaft" unter "Tunten" in "Formula 17" (2004). Der Film "Goat" (2016) handelt von sexuellem Missbrauch von Männern an Männern in einer US-amerikanischen Bruderschaft, wobei auch Bezüge zu den (realen) Folterfotos aus Abu Ghraib hergestellt werden. Die innerhalb der Verbindung eingeforderte Loyalität wird mit der zwischen dem 19-jährigen Brad Land und seinem älterer Bruder Brett Land erkennbar parallelisiert.
"Warmer Bruder"
Der weitgehend veraltete Ausdruck "warmer Bruder" scheint nicht recht in diesen Kontext zu passen. Schließlich wird er in Filmen wie "Jagdszenen aus Niederbayern" (1969) und Peter Kerns "Blutsfreundschaft" (2009) nicht als Ausdruck der Verbundenheit, sondern fast immer nur als Beleidigung verwendet. Etymologisch gibt es jedoch eine Verbindung zu traditionellen Schwurbruderschaften (s. Wikipedia: "Von der Institution der geschworenen Bruderschaft […] ist heute nur noch der Begriff des warmen Bruders […] übriggeblieben").
Zumindest in diesem Jahrhundert ist es selten, dass der Begriff – wie in dem Film "Drei Furien und ein warmer Bruder" (2001) – verwendet und nicht negativ besetzt wird. Hier versuchen drei Schwestern, ihren schwulen Bruder von der Hochzeit mit einer Frau abzuhalten.

Ausnahmsweise keine Beleidigung: "Drei Furien und ein warmer Bruder" (2001)
In der Folge "Einer muss singen" der Serie "Mord mit Aussicht" (Folge 3/7, 2014) gibt sich ein schwules Paar als Bruderpaar aus, worauf der Polizist Dietmar Schäffer (D: Bjarne Mädel) ausdrücklich betont: "Mir doch egal, ob das echte Brüder sind oder warme", womit eine wohlwollend-neutrale Aussage wohl zumindest beabsichtigt war.
"Brother" als Eigenbezeichnung von People of Color
Unter männlichen People of Color wird in den USA der Begriff "brother" verwendet, um damit ihre Verbundenheit untereinander zum Ausdruck zu bringen. Auch der Film "Brother to Brother" (2004) mit dem schwulen schwarzen Studenten Perry als Protagonisten steht in diesem Kontext und ist inspiriert von der Anthologie "Brother to Brother: New Writing by Black Gay Men" (1988), deren Herausgeber Essex Hemphill auch die Filme "Tongues Untied" (1989) und "Looking for Langston" (1989) beeinflusste.
Pornos – von Bromance, Bromos und Brothers-in-law

Ein schwuler Schwager in "My Brother in Law"
Die Bruder-Konstrukte in Schwulenpornos beziehen sich u.a. auf Bruderschaften ("Brotherhood", "Brotherhood Secrets") und auf Blutsbrüder (s.a. Folge 4; "Brothers. Blood Brothers Vol. 3"). Der Titel der Pornos "Band of Bareback Brothers" (1 und 2) – die in einer bruderschaftsartigen Verbindung spielen – ist eine deutliche Referenz auf die zehnteilige US-Serie "Band of Brothers. Wir waren wie Brüder" (2001).
Der Name des schwulen Porno-Labels "Bromo" ist ein Kofferwort aus "Brother" und "Homo".
Mit dem schwulen Pornolabel "Mormon Boyz" wird seit 2010 schwule Pornographie vermarktet, deren Handlung innerhalb der Religionsgemeinschaft der Mormonen angesiedelt ist und die zu einem erfolgreichen Subgenre wurde. Darsteller in dieser Pornoreihe geben sich Namen wie "Brother Johnson", die auf typische Namen innerhalb dieser Religionsgemeinschaft anspielen. Bekannt sind die Mormonen für ihr traditionelles Bild von Familie und für ihre rigide Sexualmoral, die in den Pornos provokativ gebrochen wird.
Zu den Pornos, die das Bruder-Motiv verarbeiten, gehören im weiteren Sinne auch solche, die im Titel das Signalwort "Bromance" führen ("His 1st Bromance", "More than a Bromance"), das als Kofferwort aus "Brother" und "Romance" eigentlich eine nicht sexuelle, enge Beziehung zwischen zwei Männern bezeichnet. Auch das Signalwort "Frat" ist zu finden ("Frat Boys on the Loose 4", "Frat Boys"), das als Kurzform von "Fraternity" eine studentische Bruderschaft meint. "Brother-in-law" ist im Englischen die Bezeichnung für einen Schwager und wird auch in Titeln von Pornos aufgegriffen ("His ot Brother-in-Law", "My Brother-in-Law").

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