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Pforzheimer Fundi-Sekte
"Bruder Moses": "Homos lieben Kacke und haben keine Freunde"
Erneut ist bei den Fundis der Pforzheimer "Baptistenkirche Zuverlässiges Wort" gegen queere Menschen gehetzt worden. Seine Abscheu begründet der evangelikale Prediger damit, dass er LGBTI für "Feinde" in einem Krieg gegen Satan hält.

"Bruder Moses" hetzt in den Räumlichkeiten der Pforzheimer Fundi-Kirche "Zuverlässiges Wort" (Bild: Screenshot / Youtube)
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22. April 2023, 04:12h 8 Min.
In der Pforzheimer "Baptistenkirche Zuverlässiges Wort" ist erneut Hass auf queere Menschen und Frauen gepredigt worden. In einer im Netz übertragenen Ansprache von "Bruder Moses" werden die Fundis darauf eingeschworen, sich aufgrund eines feindseligen Umfeldes als "Kriegsvolk" zusammen zu tun, Verbindungen zu Nicht-Fundis abzubrechen und verschwiegen zu sein.
Der Grund: Laut evangelikaler Lehre befinde man sich als "wiedergeborener Christ" in einem geistlichen Krieg. Und als Feind*innen in diesem Krieg macht Moses LGBTI aus. Der Laienprediger vermengt die queere Community in seiner Hetzansprache aufs Neue mit pädosexuellen Täter*innen, phantasiert mit Abscheu über Analverkehr und Kot und meint, dass queere Menschen unfähig seien, zu lieben und Freundschaften zu führen.
Mit den "engsten Freunden der Welt" Hetze verbreiten
In der Predigt vom 16. April geht es um die Beziehungen der Fundi-Christ*innen untereinander und die Liebe, die sie im Gegensatz zu LGBTI miteinander verbinde. Laut Moses würde ein sogenannter wiedergeborener Christ in einen geistlichen "Krieg" hineingeboren. Gegner*innen in diesem Krieg seien Satan und "die verschiedenen Philosophien, die von Ungläubigen kommen, die von der Welt kommen, die von Hollywood kommen, die von den Medien kommen", darunter: Akzeptanz von LGBTI, insbesondere Schwule.
Von diesen Feind*innen gehe eine Botschaft aus, die "die Sünde normalisiert" und die Menschen "gefühllos gegenüber der Sünde" mache. Nehme man dagegen nicht aktiv am Krieg teil, werde man diesen verlieren, warnt Moses seine Glaubensgeschwister. Die Kühnheit, die es brauche, um diesen Krieg zu führen, komme von Gott und von der Gemeinschaft mit anderen wiedergeborenen Christ*innen, dem "Kriegsvolk". "Dieser Mut, den wir haben, das Evangelium ohne Kompromisse zu predigen, all die Wahrheiten zu predigen", die Bibelstelle zu predigen, in der die Ermordung von Schwulen gefordert wird, "diese Kühnheit kommt von Gott", behauptet er.
Seine Glaubensgeschwister fordert "Bruder Moses" auf, eng mit Gleichgesinnten zusammenzurücken. Die anderen Fundi-Christ*innen sollten "unsere engsten Freunde auf der Welt sein". Über Christ*innen, die mit "Ungläubigen" befreundet sind, macht sich Moses lustig. Solche Freundschaften sollten die Zuhörer*innen beenden. "Echte" Freund*innen würden nämlich in Zeiten der Not zusammen stehen und die "Verfehlungen" der anderen "zudecken", begründet Moses die Verschwiegenheit und Verschlossenheit in christlichen und sektiererischen Kreisen. Denn: "Wer aber eine Sache weiter erzählt, trennt vertraute Freunde". An anderer Stelle warnt Moses: Wer hinter dem Rücken von Freund*innen schlecht über diese spreche, sei "ein fake friend".
Als Beispiel nennt Moses explizit einen Bruder, der ihm gestehe, "Unzucht gemacht" zu haben. Ein "wahrer Freund" werde "dich, wenn nötig, züchtigen, zurechtweisen", legt er den Zuhörer*innen die beste Reaktion auf das Eingeständnis von Sünde nahe. So wird die von der Gemeinde so oft vorgetragene Beteuerung, "nur" die Ermordung von queeren Menschen zu fordern, selbst aber keine Gewalt anzuwenden, doch wieder fraglich. Denn: Was ist mit Gemeindemitgliedern oder in Sektenfamilien hinein geborenen Kindern, die lesbisch, schwul oder transgeschlechtlich empfinden, was mit sexuellen Übergriffen auf Kinder durch Prediger und Pastoren?
Queers haben keine Liebe, Fundi-Christ*innen schon
"Es gibt diese Homos heute. Denkst du, dass sie gute Freunde in ihrem Leben haben? Treue Freunde? Überhaupt nicht" kommt Moses dann zur Sache. Die "Homos" würden sagen: "Du sollst uns lieben. Du darfst uns nicht hassen. Du sollst uns respektieren." Queere Menschen behaupteten, dass es Hassrede sei, wenn man eine andere Meinung habe.
Gegen diese Auffassung bringt Moses ein Beispiel vor, das zeigt, mit welchen kruden Vermischungen von queeren Menschen und pädophilen Täter*innen der Hass in Gruppierungen wie der Pforzheimer Sekte angestachelt wird. In einer WhatsApp-Gruppe der Fundis sei ein Video über eine vermeintliche Unterstützerin von LGBTI geteilt worden. Die Frau sei darin gefragt worden, was sie tue, wenn ein 50-jähriger Mann mit einem 13-jährigen Mädchen eine "Beziehung" haben, "schlafen" wolle. Die Frau habe mit dem Motto der queeren Bewegung entgegnet: "Naja, Liebe ist Liebe." Das sei aber keine Liebe, so Moses: "Pädophilie ist Gewalt!"
LGBTI sagten, niemand dürfe sie hassen, aber sie hassten sich in Wahrheit gegenseitig und selbst, so Moses' auf einem Bibel-Zirkelschluss beruhende Logik. Denn: Wenn ein Mann bei einem Mann liege, wie man bei einem Weib liege, dann sagten Hollywood, Politiker*innen, die "Pforzheimer Zeitung" oder queer.de, dass das "Liebe" sei. Die Bibel aber sage: "Das ist ein Gräuel!" Ein Gräuel zu begehen, das sei wiederum wie ein Gewaltverbrechen, eine Grausamkeit, ein Blutbad, es sei bösartig und eine Schlechtigkeit. Und wer tut sich das gegenseitig an? "Ist das Liebe? Sie haben keine Liebe, sorry!"
Dann wird der "Bruder" explizit. Moses wisse nicht, ob er das "hier" sagen könne und tut es dann aber doch sofort: "Sie lieben Kacke! Buchstäblich! Das ist, was Sodomie ist! Es ist ungesund, schmerzhaft, eklig, schmutzig!" Moses könne diese Menschen nicht lieben, "das geht nicht! Ich kann es nicht! Ich kann es nicht!". Als er erzählt, was seine "natürliche Reaktion" beim Ansehen "dieser Menschen" sei, tut Moses mit ausholenden Gesten so, als müsse er sich übergeben.
Rhetorisch fragt er sodann: "Glaubst du, dass diese Menschen Eigenschaften haben wie Liebe, Treue, Loyalität, Sanftmut?" Gott habe sie "da hin gegeben in einem verworfenen Sinn". Die Sünden, die "ein normaler Mensch" ekelhaft finde, begingen sie, weil ihre moralischen Grenzen von Gott aufgehoben seien.

Vor zwei Wochen solidarisierten sich Schüler*innen des nahegelegenen Theodor-Heuss-Gymnasiums mit den angegriffenen Queers (Bild: Theodor-Heuss-Gymnasium / Instagram)
In Indien, von wo aus Moses nach Deutschland ausgewandert ist, sei all das kein Thema, "jeder hasst Homos", erzählt er triumphal lachend. Als Moses neu in Deutschland war, habe er zunächst jedoch tatsächlich versucht, mit "ihnen" zu reden. Das aber habe er dann nicht gekonnt und deshalb mit Botschaften der Kirchen, in die er zunächst gegangen war, gefremdelt. Dann habe er aber Pastor Steven Anderson von der US-amerikanischen Muttersekte der Pforzheimer Fundi-Gemeinde, der "Faithful Word Baptist Church", predigen gehört. Da habe er verstanden, dass er nicht allein sei mit seiner Meinung über "Homos".
Inzwischen glaubt "Bruder Moses" sogar, dass die anderen christlichen Kirchen und Personen, die sich offiziell gegen Queerfeindlichkeit aussprechen, in der Angelegenheit schlicht lügen würden. Zwar hätten sich andere Christ*innen von der Pforzheimer Sekte und dem zweiten Teil des Bibelverses über den gleichgeschlechtlichen Sex von Männern ("und sie sollen unbedingt getötet werden. Ihr Blut sei auf ihnen!") distanziert. In Wahrheit aber würden sie alle zustimmen und ebenfalls finden: "Das ist ein Gräuel!" Selbst sie würden gar nicht sagen, dass Homosexualität Liebe sei. Das scheint Moses wieder auf ein "natürliches" Empfinden zurückzuführen. Moses eigener Vater habe ihm zum Beispiel, als er klein war, zu Aids erzählt, dass die Krankheit "Gottes Strafe" für Homosexuelle sei. "Und jetzt weiß ich: Er hat die Wahrheit gesagt."
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Hass auf Frauen und ein Einblick in die Gründungsgeschichte
Auch misogyne Botschaften hat Moses seinem Publikum wieder mitgebracht. Laut einer britischen Studie könnten Frauen, erzählt er, ein Geheimnis im Durchschnitt knapp zwei Tage für sich behalten, ehe sie es weiter erzählten. Dabei kann sich Moses sein Lachen wieder nicht verkneifen: "Die meisten Frauen können ein Geheimnis nicht länger für sich behalten."
Moses aber hasse keine Frauen, denn das Problem mit den Geheimnissen und der Treulosigkeit von Frauen in ihren Beziehungen "liegt in der Natur der Frauen", die da wäre: "Sie vertrauen leicht, sie lassen sich leicht manipulieren und das ist der Grund, warum Satan Eva verführt hat und nicht Adam." Satan habe gewusst, dass ein Mann "stark" sei.
Satan greife darum auch die Männer durch die Frauen hindurch an, erklärt Moses. Und in der Erklärung spiegelt sich wieder deutlich, warum Mädchen, Frauen und ihre Körper von so vielen religiösen Gruppierungen als politisches Schlachtfeld begriffen werden. Frauen sollten aus dem genannten Grund auch keine Führungsrollen übernehmen, besonders nicht in der Gemeinde. Es seien die Männer, die im geistlichen Krieg "an der Front" sein und ihren Frauen und Kindern predigen müssten
Über die mutmaßliche Gründungsgeschichte der "Baptistenkirche Zuverlässiges Wort" erfährt man in der Hetzpredigt außerdem noch Folgendes. Im Jahr 2018 habe sich "Bruder Moses" durch das Ansehen von Predigten im Netz in seine jetzige Richtung entwickelt, womit seine "Wiedergeburt" als Evangelikaler gemeint sein dürfte.
2020 habe er dann ein Bild von Fundi-Anführer Anselm Urban mit Steven Anderson von der "Faithful Word Baptist Church" im Internet gesehen. Da habe er gewusst: "Das ist mein Bruder." Daraufhin habe er Urban via Facebook kontaktiert. Über eine WhatsApp-Gruppe habe er schließlich noch mehr "geistliche Brüder" gefunden. Gut möglich also, dass aus dieser Chatverbindung über das Internet die Sekte entstanden ist, die sich letztlich im Frühjahr in Pforzheim angesiedelt hat.
Seit Ende 2021 hatte queer.de über die Aktivitäten der Gruppierung berichtet. In einer Hetzpredigt hatte Sektenanführer Anselm Urban den Tod des Queerbeauftragten der Bundesregierung, Sven Lehmann, ebenso so gefordert wie die Ermordung aller queeren Menschen (queer.de berichtete). Der dann begonnenen Strafverfolgung entzog sich Urban durch Flucht in die USA zur Muttersekte "Faithful Word Baptist Church". Die Aktivitäten der im Frühjahr diesen Jahres in Pforzheim gegründeten "Baptistenkirche" koordiniert Urban. Vor Ort sind aber auch andere Laienprediger tätig.
Wegen der gleich zu Beginn der Gemeindegründung wieder aufgenommenen Hetzpredigten hatte queer.de Anfang März gefragt: "Ist diese Pforzheimer Kirche eine kriminelle Vereinigung?" Auch Landtagsabgeordnete hatten sich der Auffassung angeschlossen und ein Verbot der Vereinigung gefordert (queer.de berichtete). Die linke Wochenzeitung "Jungle World" wies zuletzt noch ein mal auf die auch antisemitischen Ideen sowohl der US-Muttersekte als auch vom deutschen Sektenführer Anselm Urban hin, der zunächst der AfD nahegestanden haben soll, eher er sich zum Hardcore-Fundi gewandelt habe. Die Frage ist, wie lange sich Behörden und Öffentlichkeit das fortgesetzte Spiel der Hass-Sekte noch gefallen lassen wollen.












