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Buchtipp
Lesbische Groschenromane und ein Dragking im Chinatown der 1950er Jahre
Malinda Los Roman "Last night at the Telegraph Club" ist eine sanft erzählte Coming-of-Age Geschichte in einer zutiefst homophoben Welt, die kleine Lücken für homosexuelles Begehren und queere Schwesternschaft lässt.

Symbolbild: San Franciscos Chinatown im Jahr 1957 (Bild: IMAGO / Heritage Images)
- Von Mara Luise Günzel
23. April 2023, 08:54h 3 Min.
Wenn ich an die 1950er Jahre denke, denke ich zuerst an Petticoat-Kleider und Lana Del Rey. An Exil-Chines*innen und "gay panic" in der Highschool eher weniger. Doch in Malinda Los erstmals in Deutschland erschienen Roman "Last night at the Telegraph Club" (Amazon-Affiliate-Link ) geht es genau darum.
Die 17-Jährige Lily steht kurz vor ihrem Abschluss in San Francisco, als sie Kathleen, kurz Kath, kennenlernt. Diese nimmt sie mit in eine neue und aufregende Welt voller queerem Begehren und Leben abseits der engen heteronormativen Gesellschaft. In dessen Zentrum steht der titelgebende "Telegraph Club" mit seiner Hauptattraktion, der "Herrenimitatorin" (also Dragking) Tommy Andrews.
Eine Zeitreise ins Chinatown der 1950er Jahre

"Last night at the Telegraph Club" ist als gebundene Ausgabe sowie als E-Book für erhältlich
Malinda Los erster Roman in deutscher Sprache besticht vor allem durch seine reiche Welt. Ihr Chinatown der 1950er Jahre wirkt weniger wie eine starre Kulisse als ein Ort, an dem tatsächlich Menschen leben. Selbst kleinste Details sind hervorragend recherchiert.
Lily findet in der dunkelsten Ecke eines kleinen Supermarkts etwa lesbische Groschenromane, die damals relativ verbreitet waren. Ihre Tante kann nur einmal im Jahr anrufen, weil die Ferngespräche per Telefon sonst zu teuer wären. In der Schule müssen die Kinder das Szenario einer Atombombe über San Francisco üben. Ihrem Vater werden die Ausweispapiere entzogen, weil er im Verdacht steht, Kommunist*innen zu helfen. Die ganze Welt steht im Zeichen des Kalten Krieges – und mittendrin ist Lily mit ihren eigenen kleinen und großen Problemen.
Der allgegenwärtige anti-asiatische Rassismus wird nicht ausgespart. Lily begegnet ihm nahezu überall. Ihre Reaktion ordnet ihn ein, stellt ihn als negativ dar, ohne den Zeigefinger zu heben. Auch sonst fügt sich Lilys chinesische Herkunft organisch in die Handlung ein. Charaktere sprechen Kantonesisch und Mandarin. Fußnoten helfen Leser*innen mit Übersetzungen und Einordnungen von chinesischer Kultur. Diversität ist organisch in die Handlung eingewoben.
Tiefgehende Charaktere, explizite Inhalte
Insgesamt ist dieser Roman eine absolute Bereicherung für jede junge queere Leserin. Auch wenn die Empfehlung des Verlags mit 14 Jahren eventuell etwas niedrig angesetzt ist, da die Detailliertheit überfordernd sein könnte. Es gibt auch sexuell explizite Inhalte, wie zum Beispiel eine Szene, in der die Protagonistin masturbiert, oder der erste Sex zwischen ihr und Kath. Das macht den Roman aber auch für ältere Leser*innen interessant, wenn diese Lust auf Coming-of-Age Geschichten haben. Anders als in vielen Young-Adult Romanen sind Handlung und Charaktere tiefgehend und nicht nach Schema F.
Käufer*innen sollten sich allerdings auch vom Marketing nicht täuschen lassen. Das Buch ist kein klassisches Drama, wie es der Verlag mit dem Klappentext vermuten lässt. Er ist eher eine sanft erzählte Coming-of-Age Geschichte in einer zutiefst homophoben Welt, die kleine Lücken für lesbisches Begehren und lesbische Schwesternschaft lässt. Und allein dafür ist "Last night at the Telegraph Club" unbedingt lesenswert!
Malinda Lo: Last night at the Telegraph Club. Roman. Aus dem Englischen von Beate Schäfer. 448 Seiten. dtv Verlagsgesellschaft. München 2023. Gebundene Ausgabe: 19 € (ISBN 978-3-423-76419-3). E-Book: 12,99 € (ISBN 978-3-423-44139-1)
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