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Münster

Queerer Pionier: Heute wäre Rainer Plein 75 geworden

In Münster demonstrierten am 29. April 1972 homosexuelle Menschen erstmals in Deutschland auf der Straße für ihre Rechte. Der mutige Organisator Rainer Plein (1948-1976) würde heute Geburtstag feiern.


Rainer Plein (1948-1976) auf der von ihm organisierten ersten deutschen Homosexuellendemonstration am 29. April 1972 in Münster (Bild: Archiv Rosa Geschichten im Stadtarchiv Münster)
  • 25. April 2023, 03:09h 8 4 Min.

Fast auf den Tag vor einem Jahr wurde in Münster das 50. Jubiläum der ersten Homosexuellendemo in Deutschland gefeiert. Organisiert hatte die Demo am 29. April 1972 der Student Rainer Plein. Sie sollte an den ersten Geburtstag der Emanzipationsgruppe "Homophile Studenten Münster" (HSM) erinnern. Heute würde Plein 75 Jahre alt.

Mit handgefertigten Plakaten hatten Rainer Plein und sein Mitstreiter Roman Eck zu einem ersten Treffen eingeladen. 20 Interessierte folgten damals dem Aufruf, neben schwulen Männern auch lesbische Frauen. Sie planten Gruppenabende und gemeinsame Feten, wollten die Gesellschaft über die Diskriminierung homosexueller Menschen aufklären und sich für Akzeptanz und Anerkennung einsetzen.

Über die Resonanz waren Rainer Plein und die HSM-Aktiven allerdings enttäuscht. "Da wir die Erfahrung gemacht haben, dass wir durch Information die Gesellschaft gar nicht erreichen, weil sie sich dagegen sperrt, weil sie eben nicht kommt, müssen wir zur stärkeren Möglichkeit der Konfrontation greifen", sagte Plein in einem Filmbeitrag des WDR.

"Linke Parolen waren ihm fremd"


Rainer Plein mit Megaphon auf der Demo (Bild: Archiv Rosa Geschichten im Stadtarchiv Münster)

Konfrontation, das hieß Demonstration. Energisch und zupackend gewann Rainer Plein die kleine Gruppe Aktiver in der HSM, zum 29. April 1972 die erste Homo­sexuellen-Demo in der deutschen Geschichte auf die Beine zu stellen (queer.de berichtete).

Transparente wie "Brüder & Schwester, warm oder nicht, Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht" prägten das Bild der Demonstration. "Darüber war Rainer Plein höchst unglücklich. Linke Parolen waren ihm fremd. Er war eher ein liberaler Bürgerrechtler", erinnert sich sein Mitstreiter Sigmar Fischer. "Mein ältester Bruder war voller Enthusiasmus und Idealismus. Er kämpfte für Gerechtigkeit", ergänzt Rüdiger Plein.

Rainer Plein organisierte den HSM-Infodienst als Plattform für die Gruppen. Intensiv arbeitete er an deren Vernetzung. Mit Erfolg: Am 9. Dezember 1972 gründete sich die Deutsche Aktionsgemeinschaft Homosexualität. Die HSM zerbrach jedoch an inneren Konflikten, dadurch war sie seit November 1973 nicht mehr arbeitsfähig und stellte die Aktivitäten im Mai 1974 offiziell ein (queer.de berichtete).

Erfolgloser Kampf gegen die Bundeswehr

Rainer Plein kämpfte als Reserveoffizier gegen die Diskriminierung von schwulen und bisexuellen Männern durch die Bundeswehr. Eine Ernennung zum Oberleutnant der Reserve wollte er nur annehmen, wenn die Bundeswehr gleichzeitig seine Homosexualität anerkennt. Gegen die Rücknahme seiner Beförderung prozessierte Plein vergeblich. Erst am 20. Mai 2021 verabschiedete der Deutsche Bundestag ein "Gesetz zur Rehabilitierung der wegen einvernehmlicher homosexueller Handlungen, wegen ihrer homosexuellen Orientierung oder wegen ihrer geschlechtlichen Identität dienstrechtlich benachteiligten Soldatinnen und Soldaten" (queer.de berichtete).

Diesen späten Erfolg seines Engagements erlebte Rainer Plein nicht mehr. Im Frühsommer 1976 zog er sich endgültig aus der schwulen Emanzipationsszene zurück. In tiefer Depression setzte Plein am 22. November 1976 seinem Leben ein Ende (queer.de berichtete).

Späte gesellschaftliche Anerkennung fand Rainer Plein und die Mitbegründerin der Homosexuellen Frauen Münster (HSM) Anne Henscheid , als 2017 der Rat der Stadt Münster im Neubaugebiet Rumphorst-Viertel zwei Straßen nach den beiden queeren Aktivist*innen benannte.


Der Rainer-Plein-Weg wurde 2017 vom Stadtrat beschlossen (Bild: KCM Münster)

Zum 50. Jubiläum der ersten deutschen Homosexuellen-Demonstration fand im vergangenen Jahr ein Festakt im Rathaus statt, bei dem sogar Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) vorbeischaute (queer.de berichtete). 1972 war ein Meilenstein – nicht nur für Münster, sondern bundesweit. Das hob auch Wüst zurecht in seinem Grußwort hervor. Rainer Plein ist und bleibt ein Pionier dieser Entwicklung.

Neue Website und ein "Regenbogenviertel"

Passend zu seinem 75. Geburtstag hat das LWL-Museum für Kunst und Kultur vor wenigen Tagen die Website queer-muenster.de zur queeren Geschichte der Stadt gelauncht. Damit sind die Inhalte der im Oktober 2022 eröffneten Ausstellung "Queer Münster" erstmals online zugänglich. Darüber hinaus soll auf der Plattform die historische Forschung und Materialsammlung mit Hilfe der LGBTI-Community weitergeführt werden. So hofft das Museum, dass ihm noch "viele ungehobene (Quellen-)Schätze in Kellern, auf Dachböden oder in Schränken" zur Verfügung gestellt werden.

Auch die Stadt Münster zeigt aktuell Flagge und will das Bahnhofsquartier in ein "Regenbogenviertel" verwandeln: Bis Mitte Mai sollen dort u.a. mehrere Ampelanlagen mit gleichgeschlechtlichen Pärchen ausgestattet werden. Darüber hinaus erhalten Straßenlaternen Aufkleber in Regenbogenfarben, und auch eine Sitzbank und mehrere Fahrradbügel sollen in Pride-Farben erstrahlen. All dies werde "die öffentliche Sichtbarkeit der Community weiter stärken", erklärte Markus Chmielorz vom Amt für Gleichstellung. (mize/pm)

-w-

#1 SebiAnonym
  • 25.04.2023, 07:25h
  • Pionieren wie ihm haben wir so viel zu verdanken... Sie haben dazu beigetragen, dass wir heute schon viel weiter sind als damals. Und sie haben viel Mut bewiesen in einer Zeit, als die meisten Menschen sich noch angewidert abwendeten, wenn sie nur schon das Wort "Homosexualität" hörten.

    Schade, dass er so viele Fortschritte nicht mehr erlebt hat, weil er sich das Leben genommen hat. Auch er hätte sicher noch so viel beitragen können.

    Das zeigt aber auch wieder mal, wie sehr Unterdrückung und Ausgrenzung Menschen kaputt macht, dass sie keinen anderen Ausweg als den Selbstmord sehen. Neben den unzähligen Opfern des § 175 gibt es auch noch zahlreiche LGBTI, die zwar nie nach § 175 verurteilt wurden, aber dennoch Opfer deutscher Politik wurden.
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#2 LothiAnonym
  • 25.04.2023, 08:52h
  • Ohja, ich kann mich noch gut an diese und meine erste Schwulen Demo in Münster erinnern. Ich kannte niemanden der Organisatoren, denn ein Freund sagte mir da sei eine besondere Demo und wir müssen da hin. Münster war damals noch recht Kleinbürgerlich und besonders sehr viele Studenten sorgten täglich um die Mittagszeit in der Innenstadt vor der Lamberti Kirche für eine große Ansammlung. Es war immer was los auf den Platz. Die Bürger waren geschockt über den süßlichen Geruch von Haschisch der in der Luft hing. Ohne Studenten hätte es womöglich keine Schwulen Demo gegeben.
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#3 Pride
  • 25.04.2023, 09:00h...
  • Queere Jubiläen in Münster dürfen die Tötung von Malte nicht vergessen machen.
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