https://queer.de/?45382
Interview
"The Whale"-Autor Samuel D. Hunter: "Charlie ist Jesus"
Er schrieb das Theaterstück und auch das Drehbuch für den Film. Samuel D. Hunter über die christliche Symbolik von "The Whale" und warum er kein Problem damit hat, dass ein nicht so dicker Hetero einen schwer übergewichtigen Schwulen spielt.

Brendan Fraser spielt den schwer übergewichtigen Englischlehrer Charlie, der seine Wohnung nicht mehr verlassen kann (Bild: A24)
- Von
27. April 2023, 02:36h - 4 Min.
Samuel D. Hunter, geboren 1981 in Idaho und seit seinem Studium in New York City lebend, wurde 2011 mit dem Theaterstück "A Bright New Boise" bekannt, für das er den Obie Award erhielt. Ein Jahr später feierte sein nächstes Stück "The Whale" zunächst in Denver und dann in New York Premiere und wurde unter anderem mit dem Drama Desk Award und dem GLAAD Media Award ausgezeichnet.
Für Darren Aronofskys Verfilmung des Stücks, die aktuell in den deutschen Kinos zu sehen ist, schrieb der schwule Dramatiker selbst das Drehbuch (Filmkritik von Sebastian Galyga). "The Whale" wurde mit zwei Oscars ausgezeichnet, darunter für Hauptdarsteller Brendan Fraser, musste sich aber auch Kritik gefallen lassen. Zu drei der Vorwürfe, die dem Film gemacht werden, nahm Hunter in einem kurzen Interview Stellung.

Poster zum Film. "The Whale" startet am 27. April 2023 bundesweit in den Kinos
Mr. Hunter, nicht allen Zuschauer*innen gefällt, wie der schwer übergewichtige Protagonist Ihres Films dargestellt oder dass er von Brendan Fraser verkörpert wird, der in Wirklichkeit sehr viel schlanker ist. Ist das ein Aspekt, über den Sie viel nachgedacht haben?
Ich bin ja nur der Autor, nicht der Regisseur. Und wenn ich ein Theaterstück schreibe, was "The Whale" ja zunächst war, dann verschwende ich nicht allzu viele Gedanken daran, wie die Geschichte am Ende umgesetzt wird. Mein ganzer Fokus gilt der Figur und ihrer Story. Einer der Impulse für mich, "The Whale" zu schreiben, lag in meiner eigenen Biografie: ich habe sehr lange mit meinem Gewicht gerungen, eigentlich meiner gesamten Zwanziger über. Ich wog sehr viel mehr als heute, denn ich war depressiv und bekämpfte das mit Essen. Mein Glück war, dass ich viele Menschen um mich hatte, die mir da herausgeholfen haben, alle voran mein heutiger Ehemann. Aber viele Menschen haben das nicht, und genau darüber wollte ich erzählen.
Aber Sie werden als Drehbuchautor sicherlich auch in gewisse Entscheidungen involviert gewesen sein, wie Ihr Protagonist nun auf der Leinwand aussieht…
Für mich war es stets das oberste Ziel, dass diese Figur wie ein echter Mensch wirkt, glaubhaft, authentisch, dreidimensional. Dafür wusste ich die Geschichte bei Darren Aronofsky in guten Händen, denn er hatte bei "The Wrestler" schon einmal ähnliches geleistet. Und ich wusste, dass auch er sich sehr bewusst darüber war, dass dicke Menschen im Kino sonst viel zu oft als Witzfiguren oder Klischees gezeigt werden, über die man sich lustig macht. Gerade weil die Schauspieler*innen dann oft irgendwelchen Fatsuits tragen, die sehr offensichtlich künstlich aussehen. Unser Ansatz war deswegen eigentlich das Gegenteil davon.

Brendan Fraser, Darren Aronofsky und Samuel D. Hunter (v.l.n.r.) bei der Premiere von "The Whale" im November 2022 in New York (Bild: IMAGO / Everett Collection)
Es wird dieser Tage auch oft gefordert, queere Rollen authentisch zu besetzen, nicht zuletzt, weil offen queere Schauspieler*innen nach wie vor viel weniger Job-Chancen haben als andere. Auch in dieser Hinsicht ist der heterosexuelle Brendan Fraser vielleicht nicht für jeden die Idealbesetzung, oder?
Mir als Geschichtenerzähler geht es vor allem darum, dass man meine Figuren so wahrhaftig wie möglich zum Leben erweckt. "The Whale" wurde in den vergangenen zehn Jahren sicherlich in 100 verschiedenen Inszenierungen auf der ganzen Welt auf die Bühne gebracht. Die Frage der sexuellen Identität des Hauptdarstellers hat mich dabei nie so sehr interessiert wie die, ob er es schafft, sich wirklich überzeugend in die Rolle einzufühlen. Bei Brendan bestand daran vom ersten Moment an keinen Zweifel. Ich spürte gleich bei unserer ersten Begegnung, dass er komplett verstanden hatte, was für einen Mann er da spielt.
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Und wie stehen Sie zur christlichen Symbolik, der Religiosität, die Aronofsky dem Stoff in gewisser Weise verpasst hat?
Die gefällt mir ehrlich gesagt gut, einfach weil mein eigenes Verhältnis zu Religion und Christentum reichlich kompliziert ist. Ich wuchs in einer Kleinstadt in Idaho auf, wo ich eine fundamentalistisch-christliche High School besuchte. Als ich – nicht freiwillig – als schwul geoutet wurde, musste ich die Schule verlassen, was mich ziemlich hart traf, denn die Religion bedeutete mir etwas, und noch heute liebe ich den christlichen Glauben und seine Grundsätze.
Eine meiner ersten Ideen für "The Whale", die ich mal in ein Notizbuch schrieb, lautete wahrscheinlich nicht zufällig: Charlie, also der Protagonist, ist Jesus. Nicht buchstäblich natürlich, aber metaphorisch. Was ich übrigens Darren nie erzählt habe. Aber wie gesagt, mir gefällt diese Deutung. Denn so sehr mich bis heute die Politisierung des Christentums verletzt, unter der ich als 17-jähriger litt, so sehr habe ich heute verstanden, wie wichtig christliche Werte und Prinzipien für mich sind.
|
The Whale. Drama. USA 2022. Regie: Darren Aronofsky. Cast: Brendan Fraser, Sadie Sink, Ty Simpkins, Hong Chau, Samantha Morton, Sathya Sridharan. Laufzeit: 117 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Plaion Pictures. Kinostart: 27. April 2023.
Mehr zum Thema:
» Zu dick aufgetragen: "The Whale" jetzt im Kino (26.04.2023)
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
10:05h, ProSieben:
Two and a Half Men
Folge 250: Zehn Finger, zehn Zehen – Walden und Alan bekommen die Mitteilung, dass sie für eine Adoption zugelassen wurden und "ihr" Baby bald zur Welt kommt.
Serie, USA 2014- 5 weitere TV-Tipps »















