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Sachbuch
Stefan Verra – Der Mario Barth der Körpersprache
Der Österreicher Stefan Verra ist einer der gefragtesten Körpersprache-Experten in Europa. Mit "Körpersprache gendert nicht" hat er ein pseudowissenschaftliches Buch veröffentlicht, das vor Sexismus und Queerfeindlichkeit nur so trieft.

In seinem Buch "Körpersprache gendert nicht" verheddert sich Stefan Verra, Jahrgang 1973, in einem Wirrwarr aus Geschlecht und Biologie (Bild: Promo)
- Von Nathalie Burkowski
7. Mai 2023, 07:31h 7 Min.
"Genderwahn", "Gendergaga", "Gender-Mainstream" – der Titel des neuen Buches "Körpersprache gendert nicht" von Stefan Verra reiht sich nahtlos in Kampagnen konservativer Medien und Sprecher*innen ein. Dabei will sich der in München lebende Österreicher als verständnisvoll inszenieren und mit Hass nichts zu tun haben. Er sieht sich vielmehr als selbstloser Erklärer von Kommunikations-Missverständnissen, die seiner Ansicht nach die Debatten rund um Gender und Geschlecht dominieren.
Auseinandersetzungen über den Gender-Pay-Gap, über Transfeindlichkeit oder auch Gewalt gegen Frauen würden eines übersehen: die Körpersprache. Der Mensch könne noch so weit entwickelt sein, könne inklusiv reden und schreiben – doch laut Verra interessiert sich der weibliche oder männliche Körper eben nicht für eine verbale Gleichberechtigung und kann mit Gendersternchen wenig anfangen. Nein, Männer und Frauen – laut Verra die einzigen ausschlaggebenden Kategorien – sind unterschiedlich, da ist er sich sicher, und zwar von Geburt an. Die körperlichen Unterschiede seien zwar minimal, doch die Natur bestehe auf körpersprachlichen Unterschieden, die wiederum zu sozialen führten. Denn – so der Pseudo-Experte – alles lasse sich auf den menschlichen Trieb überhaupt zurückführen: die Fortpflanzung, oder auch "den Drang zur erfolgreichen Reproduktion unseres Genoms".
Viel geschrieben, wenig gelesen
Tatsächlich lässt sich Verra als recht erfolgreich beschreiben. Mit seinen knackigen Kurzanalysen (mal drei Minuten über Putin, mal über Österreichs Ex-Kanzler Kurz) hat er es auf einige Bühnen geschafft. Nicht nur im privaten Fernsehen auf RTL oder Pro Sieben wurde er eingeladen, auch im öffentlich-rechtlichen ORF war er dutzende Male zu sehen. Seine Auftritte sind beschwingt und zugänglich, er erinnert an den benachbarten Sportlehrer, der sich ungefragt und jederzeit als "jung geblieben" beschreiben würde. Mit dieser Art scheint er viel Nachfrage zu generieren, denn pro Jahr gibt er locker mehr als 100 Auftritte, hierbei vor allem in Form von Seminaren, die auch mal über 2.000 Euro kosten können.
"Körpersprache gendert nicht" ist sein fünftes Sachbuch. Das neueste Buch ist jedoch nicht nur ein Ratgeber für Verhandlungsstrategien wie sein Werk "Die Macht der Körpersprache im Verkauf", sondern suggeriert einen wissenschaftlichen Anspruch. Tatsächlich sind vereinzelt auch Quellen angegeben, am Ende ergeben sie eine Bibliografie von Wikipedia und Statista sowie wissenschaftliche Publikationen aus den frühen 2000er Jahren über Schimpansen. Eine Liste, auf die eher ein Mittelschüler, als ein 50-jähriger Mann mit Publikationserfahrung stolz sein dürfte. Weder ist das Buch besonders gut recherchiert noch ist es in seiner Arbeit besonders ehrlich. Der Großteil der Inhalte beschränkt sich dann doch auf Behauptungen, für die es keine Quellen gibt, weil es eben keine geben kann.
Wie sollte man auch etwa beweisen, dass ein Frauengehirn "mehr auf Kooperation als auf Dominanz gepolt ist" oder dass "die […] Verschaltung im weiblichen Gehirn […] Neugier und Aktivitätsbewusstsein geringer als den Gedanken an mögliche Gefahren und Einsamkeit [bewertet]"? Hätte Verra gründlich recherchiert, wäre er vielleicht auf fundierte Sachbücher wie "The Gendered Brain" oder den Begriff Neurosexismus gestoßen – und hätte das Manuskript beschämt von seiner Festplatte gelöscht.
Männer können eben nicht anders als auch mal zuzuschlagen

Verras Buch "Körpersprache gendert nicht" ist im März 2023 im Ariston Verlag erschienen
Stefan Verra gibt wieder, was für ihn selbst offensichtlich ist: Frauen wirken auf ihn kooperativer, ergo haben sie ein kooperativeres Gehirn. Männer verbindet er mit Aggressionen, entsprechend sind ihre Hormone oder Neuronen irgendwie in diese Richtung geschaltet. Daraus ergibt sich für ihn eine recht einfache Welt. Wenn Verra über männliche Gewalt an Frauen schreibt, dann bringt er viel Verständnis mit: "Oft kommt der Einwand, dass auch Frauen gewalttätig sind, nur eben psychisch. Ja, korrekt, und viele sind sehr geschickt darin. Es bringt Männer zur Weißglut, und sie antworten mit körperlicher Gewalt. Was wohl auch ein Indiz für die unterschiedliche vorgeburtliche Spezialisierung ist. Zynischerweise könnte man sagen, so fügt eben jedes Geschlecht auf seine bevorzugte Art dem anderen Geschlecht Leid zu."
Diese Aussage trieft vor patriarchaler Gewalt, doch im Biologisierungs-Kosmos müssen auch Femizide entschuldigt werden, daher auch die Zuschreibung einer "vorgeburtlichen Spezialisierung". Verra sagt essentiell: Männer können eben nicht anders als auch mal zuzuschlagen, wenn die Olle die ganze Zeit rumzickt und -meckert. Der Glaube daran, die Geschlechterunterschiede auf biologische Faktoren reduzieren und damit erklären zu können, sitzt tief. Im Ergebnis entsteht ein Weltbild, das keinerlei Änderungen zulässt.
Die von Verra erzählte Welt ergibt ein Quadrat, gefüllt mit Annahmen und Verhaltensregeln, die natürlich alle ganz von allein befolgt werden, weil sie genetisch angelegt sind. Männer sind Menschen mit Spermien, Frauen sind Menschen mit einer Eizelle, beide wollen sich unbedingt fortpflanzen. Also habe die Evolution sie mit verschiedenem Rüstzeug in Form von Hormonen und Gehirnen ausgestattet, die zwar eine andere Körpersprache sprechen, aber immerhin die gleichen Worte kommunizieren: "Ich will Sex".
Queere Menschen passen nicht in Verras Konzept von Geschlecht
Diese gegenderte Körpersprache besteht hier aus "mehr lächeln" und da aus "mehr Faust heben". Verra betont natürlich, dass nicht alles auf alle zutrifft, aber das wären eben die Phänotypen Mann oder Frau. Rund um die Frage, was man mit Menschen außerhalb des erstickend kleinen Quadrats machen soll, stößt auch Verra an seine Grenzen. Queere Menschen passen nicht unbedingt in sein Konzept von Geschlecht. Auch Frauen in der Menopause wären bei Verra übrigens keine Frauen mehr. Menschen, die kein Interesse an Elternschaft haben, aber dennoch gern maskulin oder feminin auftreten, sind ebenso ein unbeantwortetes Rätsel.
Zumindest für queere Menschen, insbesondere trans und homosexuelle, hat Verra eine Antwort für sich und sein Publikum gefunden, die einen Schlag in die Magengrube gleichkommt. In der 8. Schwangerschaftswoche könne es zu einem unvorhergesehenen Hormonhaushalt kommen, sodass der Fötus zu viel oder zu wenig Testosteron bekommt. In einem seiner Videos erklärt er, dass dort auch eine Begründung für Homosexualität liege – bekommt ein "männlicher Embryo" zu wenig Testosteron, würde der spätere Mann zur Homosexualität neigen und generell femininer sein. Umgekehrt würden "weibliche Embryonen", die zu viel Testosteron bekommen, eher männliche Züge entwickeln. Auch trans Menschen erklärt er sich mit dieser "außerplanmäßigen" Entwicklung. Immerhin – an einer anderen Stelle werden trans Menschen noch als "talentierte Transvestiten" (S.42) bezeichnet, die sich von "Damen" unterscheiden, da sie keinen Nachwuchs produzieren können.
Hier und da streut Verra ein, dass Homosexualität ganz normal sei. Angst machen ihm Sexualitäten jenseits der Heteronormativität anscheinend dennoch, schließlich muss er sein Lesepublikum gleich wieder beruhigen, dass nur 0,1 bis 0,5 Prozent bzw. 1 bis 5 Prozent der Weltbevölkerung überhaupt trans oder homosexuell seien. Also kein Grund zur Sorge, dass die queere Community das Ende der Menschheit einläutet.
Legitimation von Zwangsheteronormativität und Patriarchat
Geschlecht ist komplex und kompliziert. Egal, welche Kategorien man wählt, um es beschreiben zu wollen, Geschlecht entzieht sich Eindeutigkeiten. Will man nun jedoch eine Mann/Frau-Schablone auf seine Quadrat-Welt legen, müssen zwangsläufig alle Identitäten, die dieser Schablone nicht entsprechen, als abnormal pathologisiert werden. In einer zwangsheteronormativen Gesellschaft gibt es keinen Platz für Menschen, die homosexuell sind oder nicht eindeutig den derzeitigen Annahmen von Geschlecht entsprechen. Man merkt, wie brüchig diese konstruierte Welt ist. Geschlechterrollen, wie wir sie kennen, seien organisch gewachsen und wären nur auf einer Skala von tausenden Jahren Evolutionsbiologie in einer fernen Zukunft änderbar. Doch gleichzeitig gibt es eine umfangreiche Kultur, die diese doch eigentlich biologischen Tatsachen vehement verteidigen muss. Verra kratzt an der Erkenntnis, dass das Quadrat nur bewirkt, dass sich Menschen innerhalb eines engen Raums anpassen müssen, auch wenn sie eigentlich ganz andere Impulse hätten.
Stefan Verras "Körpersprache gendert nicht" ist Teil einer kulturellen Legitimation von Zwangsheteronormativität und Patriarchat. Dafür, dass der Autor Experte von Sprache sein soll, merkt man schnell, dass er sehr wenig zu sagen hat. Zugleich ist es wenig überraschend, dass so ein Buch auf der Bestsellerliste in Österreich landet. Schließlich ist die alte, binäre Welt im Wandel – und mit ihr auch die Menschen. Das Quadrat fällt auseinander wie ein Streichholzhaus. Hinter den Mauern: Freiheit.
Stefan Verra: Körpersprache gendert nicht: Weibliche und männliche Signale verstehen – und Erfolgsfaktoren gezielt einsetzen. 224 Seiten. Ariston Verlag. München 2023. Taschenbuch: 20 € (ISBN 978-3-424-20271-7). E-Book: 17,99 €
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"Denn so der Pseudo-Experte alles lasse sich auf den menschlichen Trieb überhaupt zurückführen: die Fortpflanzung, oder auch "den Drang zur erfolgreichen Reproduktion unseres Genoms"."
Na dann lass uns schnell mal Kultur, Kunst, Humanismus und alles was nicht zum Vögeln gehört, einstampfen. Ich fang mal mit einem nutzlosen Buch an...
Manchmal ist es gut kein Buch zu schreiben, als ein schlechtes Buch zu schreiben. (Gutenberg seine Nachbarin)