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Folge 24 von 53

Schwule Symbole im Film: Häuser und Gebäude von außen

Ein Haus kann symbolisch für ein Zuhause stehen. Dagegen werden Hochhäuser und Wolkenkratzer oft als Inbegriff von Kälte bzw. Anonymität und Türme als großer Phallus inszeniert.


Eine schwule Adaption nach Edgar Allan Poe: "House of Usher" (2008)

Gebäude – Haus und Zuhause

Gebäude wie das Weiße Haus in Washington sind mehr als Bauwerke mit Räumen. Manchmal sind sie auch etwas ganz anderes, und der Begriff "Haus" kann auch eine übertragene Bedeutung haben: Mit der Bezeichnung als "Haus Gottes" wird eine Kirche mit Leben gefüllt, "Haus Habsburg" kennzeichnet eine Abstammungsfamilie und mit dem Begriff "aus gutem Hause" lässt sich eine gute Herkunft bezeichnen. Ein Haus kann Zuhause und Heimat sein. Seine Fassade entspricht dem äußeren Erscheinungsbild eines Menschen. Die Bewohner*innen können aber auch mit seiner Größe, seinem äußeren Zustand und der Farbe charakterisiert und gleichgesetzt werden.

Das Weiße Haus und das Kapitol

Im Werbematerial des Films "Sturm über Washington" (1962, s. Rezension auf queer.de) ist das Kapitol in Washington, der Sitz des US-Parlaments, zu sehen. Der Film "Outrage. Do ask, do tell" (2009) wird mit einem Bild beworben, in dem zwei schwule Männer in Richtung Kapitol schauen. Im Biopic "Der Fluch des Edgar Hoover" (2013) über den schwulen FBI-Chef ist neben dem Kapitol auch einige Male das Weiße Haus, der Sitz des US-Präsidenten, zu sehen. Beide Gebäude sind Symbole der politischen Macht und in beiden Gebäuden werden wichtige und auch schwulenpolitische Entscheidungen gefällt, die für Millionen Menschen bestimmend sind.


Das Kapitol in Washington als Symbol der US-Gesetzgebung in "Sturm über Washington" (1962) und "Outrage" (2009)

Häuser als Metapher – "aus gutem Hause"

In dem Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971, 28:15 Min., hier online) wird kritisch gesagt, die meisten Schwulen entsprächen dem Typ des unauffälligen Sohnes "aus gutem Hause". Dies ist ein typisches Beispiel, wie mit der "Haus"-Metapher auf eine gutbürgerliche Herkunftsfamilie verwiesen wird. Eine ähnlich lange Geschichte wie der Ausdruck "aus gutem Hause" hat die Formulierung "jemandem den Hof machen", d.h. sich um die Gunst eines anderen bemühen, wie sie etwa im Filmlexikon "Out im Kino" (2003) mit Bezug auf "Ein Mann sieht rosa" (2000), "Jeffrey" (1995) und "Faustrecht der Freiheit" (1975) verwendet wird.

Rein metaphorisch auf Häuser bezogen sind auch Selbstbezeichnungen queerer Wahlfamilien, die in der Doku "Paris is burning" (1990) genannt werden und so "klangvolle Namen wie 'House of Saint-Laurent', 'House of Ninja' oder 'House of Chanel'" tragen (s. "Out im Kino", 2003, S. 274). In "Neubau" (Deutschland 2020) ist der transmann Markus hin- und hergerissen zwischen seinem bisherigen Leben in der Provinz und dem Wunsch nach einem neuen Leben in Berlin. Über den Titel verbindet der queere Heimatfilm ein Gebäude mit der Art zu leben.

Ein Haus ist ein Zuhause

Der Wunsch von Schwulen nach "einem trauten Heim", wie er in "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971) sprachlich veraltet zum Ausdruck gebracht wird, meint den Wunsch nach einem spießig-gemütlichen Zuhause. Mit positiver Wertung erscheint dieser Wunsch im Titel der Dokumentation "Our House. Kids of Gay and Lesbian Parents" (2000). In "Männer al dente" (2010) träumen zwei Männer von einem gemeinsamen Leben und einem gemeinsamen Haus und verbinden damit ihre Wohn- mit ihrer Lebensgemeinschaft. "Die Mitte der Welt" (2016) wird mit der Zeichnung eines Hauses beworben, wodurch das Haus zum Lebensmittelpunkt wird.


Ein Haus als Zuhause in der Dokumentation "Our House" (2000)

Auch das Haus, das sich Tod und Emmett in der US-Serie "Queer as Folk" gemeinsam kaufen, ist deutlich als ein neues Zuhause inszeniert (Folge 3/5, 3/6). Michael wünscht sich ebenfalls, so etwas wie "Schatz, ich bin zu Hause", sagen zu können (Folge 1/12). Später ist er mit Ben auf Haussuche, der zu ihm sagt: "Wir bauen uns zusammen ein Zuhause" (Folge 5/2).

Das "Genesis House" und der Verlust eines Zuhauses

Eine komplexe Haus-Metaphorik bietet der Film "Save me" (2007), in dem schwule zu heterosexuellen Jugendlichen "umerzogen" werden sollen. Diese "Umerziehung" findet im christlich geprägten und nach der Bibel benannten "Genesis House" statt, wodurch schon das Gebäude einen christlichen Stempel bekommt. Einer der Jugendlichen erinnert sich anhand einer Kinderzeichnung eines Hauses an seine Kindheit und seine Familie, andere werden "therapiert", indem sie kleine Vogelhäuschen bauen sollen. Die Leiterin des Hauses hat selbst einen schwulen Sohn, den sie jedoch "des Hauses" verwiesen hat, weil sie einen Schwulen "nicht unter meinem Dach" duldete. Das Dach steht hier pars pro toto für ihr Haus und symbolisch für die Familie, zu der der schwule Sohn nun nicht mehr gehört.


Eine komplexe Haus-Metaphorik bietet der Film "Save me" (2007, Ausschnitt)

In einem ähnlichen Zusammenhang stehen die Äußerungen "Verlass mein Haus" in "American Vagabund" (2013) und "Get out of my house!" in "Desnudos" (2013). Den auch physisch gezeigten Rauswurf eines Schwulen aus einem Haus wie in "Awakening" (2008) kann man als symbolischen Ausdruck für den sozialen Ausschluss aus dem Leben ansehen. Die Rausgeworfenen stehen damit sinnbildlich "draußen vor der Tür".

Phallische Häuser

Die deutsche Sexkomödie "Das gelbe Haus am Pinnasberg" (1970) des schwulen Regisseurs Alfred Vohrer wurde mit einer Zeichnung beworben, die dieses gelbe Haus als Phallus erscheinen lässt, was insbesondere an der Form des Daches (= Eichel) und am Kaminrauch (= Sperma) liegt. In diesem Haus arbeiten auch vier schwule Hausangestellte, deren Geschichten im Film erzählt werden. Mit einer sehr ähnlichen, sexuell aber weniger deutlichen Zeichnung eines Hauses wurde auch die Sexkomödie "Die munteren Sexspiele der Nachbarn" (1978) vermarktet.


Ein Haus als Phallus, das Dach als Eichel und der Kaminrauch als Sperma auf dem Plakat der Sexkomödie "Das gelbe Haus am Pinnasberg" (1970). Ähnlich in "Die munteren Sexspiele der Nachbarn" (1978)

Sexualisierte Häuser

Durch verschiedene Filmtitel, die sexuelle Signalwörter enthalten, wie "Bathhouse" (2006), "My Big Gay Frat House" (2008) und "House of Boys" (2009), werden Häuser zum wichtigsten Teil des Films und zum Dreh- und Angelpunkt schwuler Geschichten.

Auch durch Werbetafeln, die in einigen Filmen an Häuserfassaden zu sehen sind, können Sexualisierungen vorgenommen werden. In "Christian und sein Briefmarkenfreund" (1972), einem homophoben Lehrfilm, der vor gleichgeschlechtlichem sexuellem Missbrauch warnen soll, ist es vielleicht nur Zufall, dass in einer kurzen Szene ein Bettengeschäft gezeigt wird. Ich halte es jedoch nicht für einen Zufall, dass in anderen Filmen Geschäfte mit den Werbetafeln "Hardware" (in "Teenage Kicks", 2016), "Meat Market" (in "Dish", 2009) und "Nail me" (in "Eating Out 3", 2009, mit dem Untertitel "Nagel mich") zu sehen sind.


Häuser als Mittelpunkt schwuler Geschichten: "Bathhouse" (2006) und "House of Boys" (2009)

Reihenhäuser und Normierung, Wurzeln und Flügel

Der siebenjährige Ludovic in "Mein Leben in Rosarot" (1997) lebt mit seinen Eltern in einer gutbürgerlichen Reihenhaussiedlung. Ludovic, der lieber ein Mädchen wäre, scheint da nicht hineinzupassen. Es kommt zu einem Umzug der Familie als Versuch eines Neubeginns. Die Häuser der Familie Ludovics und die ihrer Nachbar*innen sind identisch und verweisen im Film auf Normierung, Spießertum und fehlende Individualität.

Braucht ein Mensch in Bezug auf sein Wohnungsumfeld eigentlich "Wurzeln" (= Kontinuität) oder "Flügel" (= Veränderung)? Zwei Filme zeigen diese beiden Seiten: Das Brüderpaar Francisco und Thomas hat in "From Beginning to End" (2009) immer nur in einem Haus gewohnt und außer ihrer gegenseitigen Liebe nie eine andere kennen gelernt. In "The Mostly Unfabulous Social Life of Ethan Green" (2005) soll ständiges Umziehen auf Bindungsprobleme verweisen und darauf, dass ein Mann seinen Platz im Leben noch nicht gefunden hat.

Pornos – von Villa Romeo bis zum Hothouse

Es gibt mehr als 100 Schwulenpornos, die sich im Filmtitel oder durch Bildmotive auf unterschiedliche Formen von Häusern beziehen. Einige von ihnen beziehen sich auf ein Zuhause ("Home alone", "At home with Eric"), andere auf Häuser, die für Reichtum stehen ("Villa Romeo", "Hot Property", "The Mansion", "The Bella Villa"). Das häufig verwendete Wort "house" wird oft mit sexuellen Signalwörtern verbunden ("Funhouse", "Bathhouse", "Gay Massage House", "House of Dreams"), aber nur bei einigen von ihnen ist das Haus auf dem Cover auch tatsächlich zu sehen ("Clubhouse", "Hothouse", "House of Pleasure").


Besondere Häuser in "Hothouse" "House of Pleasure"

Andere Signalwörter verweisen auf gewünschte Anonymität wie Hostel ("Hostel Buddies", "Hostel Heat"), Hotel ("Hotel California", "Love Hotel") und Motel ("Motel Sex", "Motel California"). Zwei Signalwörter werden mit jungen Männern in Verbindung gebracht, wohl auch deshalb als besonders zugkräftig angesehen und auch in Serien häufig verwendet: "Frathouse" als Ausdruck für Verbindungshäuser ("Frathouse", "Frat Boy", "Frat Boys") und "Dorm" als Ausdruck für Studierendenwohnheime ("Secret Dorms", "Dorm Daze", "Dorm Life"). Einige Pornolabels tragen das Wort "House" in ihrem Namen ("Hothouse Video", "Boys Halfway House", "Blue Hotel") und verbinden es mit weiterer Symbolik ("Hothouse Backroom" mit Bezug auf "Hintereingang").


Lebendige Häuser – Häuser verändern sich wie die Bewohner*innen

Es gehört zu den klassischen Motiven in Horrorfilmen, Gebäuden Leben einzuhauchen. Etwas weniger dramatisch kann ein Gebäude, ähnlich wie die Bewohner*innen, altern und Risse bekommen. Die Redensart vom "Aufrechterhalten der Fassade" verbindet den äußeren Eindruck eines Menschen mit dem einer Hausfassade. Auch Gebäude haben eine befristete Lebensdauer, sie können abgerissen werden. Ein Gebäude kann, wie in "Das Parfüm", sogar zusammenstürzen, nachdem das sprichwörtliche "Knistern im Gebälk" den drohenden Zusammenbruch des Gebäudes angekündigt hat.

Häuser mit Eigenleben

Das bekannte Sprichwort "Die Augen sind das Fenster zur Seele" lässt sich umdrehen: "Die Fenster sind die Augen eines Hauses". Ein Haus lässt sich wie ein menschliches Wesen mit Eigenleben inszenieren. Es gibt Filme, vor allem aus dem Horror- und Mystery-Genre, die schon im Titel das Haus mit seiner besonderen Bedeutung hervorheben und in denen die Häuser zu leben scheinen. Dazu gehört "Mommy's House" (2007), worin Richard und Carl nach einer Autopanne stranden, und "House of Usher" (2008), eine gekonnte schwule Adaption nach Edgar Allan Poe.

In den Kontext von Häusern mit einem Eigenleben gehören auch einige Filme, in denen Homosexualität einen Teil der Nebenhandlung ausmacht. Die Handlung von "The Rocky Horror Picture Show" (1974) ist in einem Schloss verortet, das am Ende in den Weltraum entschwebt. Das Schloss in "Eine Leiche zum Dessert" (1976, hier Trailer) mit Truman Capote scheint zu leben und die Türen und Fenster selber zu schließen. In "Der vierte Mann" (1983, hier Trailer) scheint die Wohnung mit der Nr. 4 den/die Betrachter*in selber anzuschauen. Geisterhäuser bzw. unerklärliche Vorkommnisse kommen auch in "The Gay Bed and Breakfast of Terror" (2007), in "1313. Bermuda Triangle" (2012) und in "Jess & James" (2015) vor.

Der schlechte Zustand von Häusern und Menschen

Der schlechte Zustand der Häuser in Venedig in "Tod in Venedig" verweist auf den Tod. "Visconti hebt den körperlichen Verfall des Protagonisten besonders hervor" (Wikipedia), der dem Zustand der Stadt Venedig entspricht. Im Film "Maurice" (1987) wirkt es ein wenig banal, wenn es durch die Wohnungsdecke auf das schöne Klavier tropft. Es sind jedoch Risse in der äußeren Fassade, die das bürgerliche Leben gefährden und mit den Auswirkungen von Maurices Homosexualität parallelisiert werden. In "Strapped" (2010) regnet es in ähnlicher Symbolik in die Wohnung eines älteren Schwulen hinein. In "Bitterer Honig" (1961) und "Closing Numbers" (1993) verweist der schlechte Wohnungszustand der schwulen Protagonisten auf ihre schlechte psychische Verfassung.

Mit seinem Film "The Garden" (1990) schuf Derek Jarman eine experimentelle Filmcollage zwischen Apokalypse und einem erträumten Garten Eden. In einer der surrealistischen Schwarzweiß-Szenen tropft es durch ein Dach auf den Schreibtisch – auf das Modell eines Hauses. In "Keiner liebt mich" (1994) von Doris Dörrie kommt Fanny (D: Maria Schrader) nicht damit zurecht, dass sie schon 30 Jahre alt ist, und wohnt zusammen mit dem schwulen Lebenskünstler Orfeo (D: Pierre Sanoussi-Bliss) in einem recht desolaten Hochhaus. Sowohl für das Hochhaus als auch für Fanny scheinen die besten Jahre vorbei zu sein.


In Derek Jarmans Film "The Garden" (1990) tropft es durch ein Dach auf ein kleines Haus

Häuser und Menschen haben nur eine begrenzte Lebenszeit. In der Form, wie in "Im Reservat" (1973) ein alternder "Transvestit" in einem Abrisshaus lebt, wird aus dem geplanten Abriss des Hauses ein Symbol für den Tod. Die zerbröckelnde Pracht der Gründerzeit-Häuser Ost-Berlins passt in "Zurück auf Los" (2000) gut zu den Körpern, die durch die Folgen von Aids langsam zerstört werden. Im Kurzfilm "Vapor" (2010, 3:45 Min., hier online) trifft ein älterer Schwuler die Entscheidung, seine Homosexualität zu akzeptieren, woraufhin die Fassade seiner Wohnung Risse bekommt und man ein "Knistern im Gebälk" hört. In "Das gelbe Haus am Pinnasberg" (1970) kommt es nach einem "Knistern im Gebälk" zum Zusammensturz des Hauses.

Der drohende Verlust von Haus und Beziehung

Wohn- und Lebensumstände können durch Eigenbedarfskündigungen bedroht werden. In "Die verlorene Sprache der Kräne" (1991) nach einem Roman von David Leavitt wird eine Ehefrau nach 20 Jahren damit konfrontiert, dass ihr Mann schwul ist und wegen Eigenbedarf der gemeinsame Mietvertrag gekündigt wird, wodurch sie gleich in doppelter Hinsicht ihr Zuhause verliert. Das Strandhaus in "Wellen" (1998) steht zum Verkauf und verweist damit auf die Frage, was im Leben von zwei Männern Bestand hat, was sich verändert und was verloren geht. "Hausnummer 15" (2004) greift über den nicht mehr passenden Haustürschlüssel die Frage nach einem Zuhause und homo- bzw. heterosexuellen Lebensentwürfen auf.

Die gemeinsame Arbeit an einem Haus und an einer Beziehung

An einem schlechten Haus kann man arbeiten und mit gemeinsam durchgeführten Renovierungsarbeiten lässt sich die Arbeit an einer Liebesbeziehung parallelisieren: In "Red Dirt" (2000) arbeitet Lee alleine an dem von Griffith angemieteten Haus und ebenso alleine an einer Beziehung mit ihm, während in "Bruderschaft" (2009) Lars and Jimmy gemeinsam mit der Renovierung eines Strandhauses und dem Aufbau ihrer Beziehung beschäftigt sind. In "Die Hütte am See" (2017) kommen sich Leevi und der Asylbewerber Tareq durch die Arbeit an der Hütte näher. Die Bedeutung dieser Hütte ist auch daran zu erkennen, dass sie in den Filmtitel übernommen wurde.


Leevi und Tareq arbeiten gemeinsam in "Die Hütte am See" (2017)

Pornos – lebende und spukende Häuser

Auch in einzelnen Pornos werden Häuser auf dem Cover so inszeniert, dass sie ein Eigenleben zu haben scheinen. Es geht um Häuser, in denen es zu spuken scheint ("The Haunting") und die mit dunklen Wolken und Vollmond ("Frat House Cream") bzw. Gewitter "The House of Morecock" inszeniert werden.


Schwuler Sex und spukende Häuser: "The Haunting" und "The House of Morecock"


Hochhäuser und Wolkenkratzer – Kälte und Tristesse

Die symbolische Bedeutung von Hochhäusern als Wahrzeichen für Wohlstand und Macht war mitbestimmend für das Attentat auf das New Yorker World Trade Center im Jahre 2001. Hochhäuser prägen das äußere Bild von Großstädten. Im positiven Sinne sind sie Ausdruck für das wilde Nachtleben und die gewünschte Anonymität einer Großstadt. Im negativen Sinne verweisen sie auf Vereinsamung, Isolation und den Verlust von Individualität. Von einem Hochhaus kann man auf andere hinunterschauen, was Macht, Stärke und Potenz ausdrücken kann.

Emotionale Kälte und Überlegenheit

Bei der Beurteilung der Inszenierungen von Hochhäusern in schwulen Filmen kann man sich recht gut an der Farbsymbolik orientieren. Wenn es um emotionale Kälte geht, sind die Szenen eher in Blau gehalten, wie die recht langen Einstellungen von blauen Hochhäusern in "Implikation" (2004, hier online), die Macht und Einfluss eines großen homophoben Arbeitgebers wiederspiegeln, während die engagierte Mutter in diesem Kurzfilm kontrastierend dazu in Rot und Beige inszeniert ist. Damit vergleichbar sind die blauen Hochhäuser im Kontext von Einsamkeit in dem Animationsfilm "Arrival" (2016). Die Hochhäuser in "Ein Kuss im Schnee" (1997) sind schneebedeckt, was in anderer, aber ebenso passender Form emotionale Kälte zum Ausdruck bringt.


Ein Hochhaus als Inbegriff emotionaler Kälte und Macht in "Implikation" (2004)

Graue Tristesse

Wenn die Tristesse im Vordergrund steht, sind die Hochhäuser in Filmszenen eher grau gehalten, wie in "Das Ende des Regenbogens" (1979), der vom Alltag des Strichers Jimmy handelt, in "Jonathan – Die Passion" (aka: "Chemin de croix", 2008, 4:05 Min., hier online), in dem es um einen Jungen geht, der von zu Hause abhaut, in "Omar" (2009), der die Homophobie in einer Hochhaussiedlung thematisiert, in "Mann im Bad" (2010), worin Omar und Emmanuel sich nicht mehr lieben, und in "Ich liebe dich, ich kann das nicht" (2012), in dessen Mittelpunkt ein positiver HIV-Test und ein Freitod stehen.


Graue Hochhaus-Tristesse im Leben des Strichers Jimmy in "Das Ende des Regenbogens" (1979)

Die Bedeutung grauer Hochhäuser wird besonders deutlich, wenn sie einen farblichen Kontrast zu anderen Elementen des Films bilden. Das ist in der britischen Komödie "Beautiful Thing" (1996) zu beobachten, die von der Liebe zwischen Jamie und Ste handelt. Der Film wurde mit unterschiedlichen Motiven beworben, auf fast allen erkennt man die Tristesse der Hochhaussiedlung, in der die beiden wohnen (in Grau), und Bildelemente, die auf die Liebe der beiden Jungen verweisen (in Rot). Es sind gerade die farblichen Kontraste, die wirken. Einen ähnlichen Kontrast kann man in "Tattoo" (2013) beobachten, worin die Affäre zwischen einem Soldaten und dem Anführer eines anarchistischen Kabaretts in Brasilien 1978 geschildert wird. Die grauen Hochhäuser der Armee-Kaserne werden dem bunten schwulen Kabaretttreiben entgegengesetzt und zeigen damit den Kontrast zwischen Anpassung und Freiheit auf.


Die graue Hochhaussiedlung und die Liebe von Jamie und Ste in "Beautiful Thing" (1996)

Anonymität der Großstadt

Hochhäuser bieten nicht nur Isolation in negativer, sondern auch Anonymität in positiver Hinsicht. Das Hochhaus in "Wofür hältst du mich?" (2009) scheint insofern eine bedingt positive Bedeutung für Schwule zu haben, weil es eine Anonymität bietet, die einem nicht geouteten Schwulen entgegenkommt, was in ähnlicher Form auch für die Sex-Party in "The Everlasting Secret Family" (1988) gilt. Die Doku "Kuba und die Nacht" (2006) über schwules Leben in Kuba wird mit einem Motiv beworben, das hinter farbig gekleideten Schwulen graue Hochhäuser zeigt. Die Ansicht von Jean Boullet, dass die Hochhäuser in Alfred Hitchcocks "Cocktail für eine Leiche" (mit seinem breiten homoerotischen Subtext) "ganz und gar" auf phallischer Symbolik basieren würden (Jean Boullet: "Die Erotik im 20. Jahrhundert", 1967, S. 391) kann ich nicht teilen, weil diese Hochhäuser eher als Kennzeichen für die Großstadt New York fungieren.


Die Anonymität eines Hochhauses in "Wofür hältst du mich?" (2009)

Über architektonische und gesellschaftliche Utopien

In dem preisgekrönten Kurzfilm "Utopien" (2012, hier online) erkunden zwei junge Männer, Thomas und Julien, die Vororte von Paris und besuchen leerstehende Gebäude und utopische Sozialbauten.


Mut zur Umsetzung architektonischer und schwulenpolitischer Utopien – "Utopien" (2012)

Inspiriert von dieser mutigen und kreativen Architektur haben auch sie eine persönliche Utopie – nämlich die, einander lieben zu können. Der Regisseur Manfred Rott hat seinen Film auf Youtube recht pessimistisch kommentiert: "Die Utopie der Liebe erscheint genauso vergänglich wie die Zukunft einer vergangenen Epoche."

Pornos – Hochhäuser und die Anonymität der Großstadt


Das Nachtleben einer Großstadt in "Big City Guys"

Auch in Pornos werden Hochhäuser tendenziell in Blau gehalten, wenn sie Kälte und Anonymität zum Ausdruck bringen sollen ("Boys do it", "Man in the City Part 2"). Erkennbar ist dies vor allem in Pornos, die die Arbeitsplatzsituation in Hochhäusern aufgreifen (Reihen "Men Hard at Work" und "Work Loads").
Hochhäuser werden dagegen eher in Schwarz inszeniert, wenn sie das wilde Nachtleben einer Großstadt vermitteln sollen ("Big City Guys", "Suck me up", "Cum Back to Chicago"). Das wird dann besonders deutlich, wenn passend zu den Hochhäusern auch der Titel die Nacht betont. Beispiele sind "In the Heat of the Night" und der spanische Porno "Anoche" (= Letzte Nacht).

Es kommt zu einer symbolischen Überschneidung, wenn die Skyline einer Großstadt mit ihren Hochhäusern stellvertretend für die jeweilige Stadt steht ("Cum Back to Chicago", "New York City Pro") oder wenn es neben den Gebäuden auch um die Straßenschluchten geht, die auf die Straße bzw. Gosse (Folge 28) als Ausdruck einer schlechten sozialen Situation verweisen ("Home Alone in da Hood", "Die Gang").


Türme und Festungen – Phallus, Orientierung und Schutz

Türme können, wie in Märchen ("Rapunzel", "Dornröschen"), Gefängnisse sein. Wenn sich Menschen mit Türmen über andere erheben, stehen sie, wie beim "Elfenbeinturm" und dem "Turmbau zu Babel", für Hochmut. Türme können je nach Inszenierung auch Phallussymbole sein. Ein Leuchtturm steht in positiver Hinsicht für Weitblick und Orientierung, in negativer Hinsicht für Einsamkeit, wobei es eine symbolische Überschneidung mit Licht (Folge 50) gibt. Burgen und Festungen sind auch in religiöser Hinsicht ("Ein feste Burg ist unser Gott") Symbole des Schutzes und der Sicherheit.

Türme – Phallussymbole

Es ist selten, dass Türme so deutliche Phallussymbole sind wie in Fassbinders "Querelle" (1982) und der Eiffelturm in "Dick. The documentary" (2013). In "Die Simpsons" (Folge 6/25) wird angesichts eines Ölturms (= Phallus) mit herausspritzendem Öl (= Sperma) sexuelle Deutlichkeit vor allem durch die Kommentierung von Mr. Burns gegenüber Waylon Smithers erreicht: "Bald wird dieses gewaltige Gemächt die kostbare Flüssigkeit herausspritzen lassen. Ein fast sexueller Akt", wobei sich der homo­sexuelle Kontext auch über das Verhältnis von Waylon Smithers zu Mr. Burns ergibt. In dem Film "You can't curry love" (2009) ist der Wolkenkratzer "30 St Mary Axe" in London zu sehen, der an einen Phallus erinnert und in England häufig auch "The Gherkin" (= Die Gurke) genannt wird.


Deutlicher Phallus: Ein Befestigungsturm in Rainer Werner Fassbinders "Querelle" (1982)

In der Regel bleibt es der Phantasie der Zuschauer*­innen überlassen, ob sie im Kontext einer Turm-Szene wie in Almodóvars "Das Gesetz der Begierde" (1987) und "No night is too long" (2002) ein Phallus-Symbol erkennen möchten. In recht uneindeutiger Form sind auch die Türme in "Abschiedsblicke" (1986), "Arie" (2005) und "Sebastian Castro – 38 Degrees" (2013) in Szene gesetzt.


Deutlicher Phallus: Ein spritzender Ölturm in "Die Simpsons" (Folge 6/25)

Türme – Phallussymbole oder Symbole für eine Stadt

Ein Turm kann auch symbolisch für die jeweilige Stadt stehen. In dem Schwenk des Regisseurs Wieland Speck von schwulen Männern zum Ost-Berliner Fernsehturm in "Westler" (1985) kann man ein Phallus-Symbol, aber auch ein Symbol für die Hauptstadt der DDR sehen. Auch die Fokussierungen des Frankfurter Messeturms in "Tunnelblick" (2004) und des New Yorker Chrysler Building in "Disco Beaver from Outer Space" (1978) können als phallisch oder als Symbolisierungen der beiden Städte gesehen werden.


Phallische Türme: Szenen aus "Tunnelblick" (2004) und "Disco Beaver from Outer Space" (1978)

Leuchttürme – Orientierung in der Dunkelheit

Leuchttürme lassen sich wie in "I am Gay and Muslim" (2012) als Symbole für eine Orientierung in schwierigen Zeiten einsetzen. Mit dieser Bedeutung lassen sich mit etwas Phantasie auch die Leuchttürme in "Der spanische Gärtner" (1956), "Summer Blues" (2002), "Beneath the Skin" (2015) und "Teenage Kicks" (2016) verstehen.


Orientierung in stürmischen Zeiten: Der Leuchtturm in "I am Gay and Muslim" (2012)

In selteneren Fällen ist der Leuchtturm – auch hier in seiner positiven Bedeutung für eine Orientierung im Leben – eine nicht reflektierte Metapher. So heißt es in "Eating Out 2" (2006): "Jakob war von jeher ein strahlender Leuchtturm." Aufgrund seiner darstellerischen Leistungen in einem Porno bekommt Emmett in "Queer as Folk" einen Fanbrief mit den Worten: "Du bist wie ein Leuchtfeuer in der schäbigen Dunkelheit des Cyberspace" (Folge 2/8). Ein solches "Leuchtfeuer" ist in seiner Bedeutung einem Leuchtturm recht ähnlich, wobei sich eine symbolische Überschneidung mit Feuer (Folge 44) ergibt.

Die Wohnung als "Festung"

Das englische Sprichwort "My home ist my castle" ist auch in Deutschland bekannt und bedeutet, dass ein Haus ein Ort der Zuflucht und Sicherheit ist. In diesem Zusammenhang ist die trans Mieterin Trudi Hütten in der "Tatort"-Folge "Altes Eisen" (Folge 808, 2011) zu verstehen, die durch Gentrifizierung aus ihrer Wohnung verdrängt werden soll und sagt: "Diese Wohnung ist meine kleine Festung, ist mein Rückzugsort."

Der Körper als "Festung"

In leicht veränderter Symbolik lässt sich diese Bedeutung einer "Festung" auch auf den Schutz des eigenen Körpers beziehen. Im Biopic "Lawrence von Arabien" (1962) wird vorsichtig angedeutet, dass Lawrence von einem anderen Mann anal vergewaltigt wurde. Der Film basiert auf dessen autobiographischer Schrift "Die sieben Säulen der Weisheit" (hier Ausgabe von 2021), in der er über die Vergewaltigung schrieb, dass "die Zitadelle meiner Unversehrtheit unwiderruflich verlorengegangen war". Als Zitadelle wird eine Festungsanlage bezeichnet, die einen Schutz vor Eindringlingen bieten soll. Es ist eine Metapher, die im Zusammenhang mit Lawrence von Arabien auch der Filmhistoriker Vito Russo ("Die schwule Traumfabrik", 1990, S. 109) zitiert.

Es gibt übrigens einen Film, der das gewaltsame Eindringen in eine Befestigungsanlage als symbolischen Ausdruck für eine anale Vergewaltigung visualisiert: In der Persiflage "Myra Breckinridge" (1970, 1:10:35 h., hier online) wird – stark ironisch gebrochen – die anale Vergewaltigung Rustys durch Myra (früher Myron) mit einem Umschnalldildo dargestellt. In einem von mehreren Parallelschnitten ist zu sehen, wie mit einem großen Rammbock und viel Gewalt das massive Tor einer Befestigungsanlage aufgestoßen wird.


Eine Festung als Anus und ein Rammbock als Phallus in "Myra Breckinridge" (1970)

Pornos zum Thema

Auf Covern von Schwulenpornos kommt es recht häufig vor, dass ein Mann neben einem phallisch wirkenden Turm abgebildet ist, wie z.B. bei "Lifestyles" und "Romeo. The Legend", beide mit dem Empire State Building. Die phallische Symbolik wird besonders deutlich, wenn ein Turm neben einer Erektion zu sehen ist ("Twink Sexcapades") und wenn er, wie der Torre Glòries in Barcelona ("Tims Tool in Barcelona"), in seiner Form besonders deutlich an einen Phallus erinnert. (Man beachte auch die Ähnlichkeit des Torre Glòries mit dem vorhin schon erwähnten "30 St Mary Axe".) Manchmal wird ein phallischer Turm im Hintergrund auch zwischen zwei Männern inszeniert ("The Book" mit dem Empire State Building, "Bay City Bears").

Auch in Pornos kann es zu einer symbolischen Überschneidung zwischen einem sexuellen Symbol und dem einer Stadt kommen, wie beim Berliner Fernsehturm ("Summer in Berlin", "Berlin Fuckers", "East Berlin"), bei der Berliner Siegessäule ("Berlin Pride") oder dem CN Tower in Toronto ("Toronto Cum"). Das gleiche gilt für den Eiffelturm ("French Kiss", "Tiger's Eiffel Tower"), den das Pornolabel "French Connection" auch in seinem Logo führt. Die beiden Zwillingstürme des früheren World Trade Centers sind ein Symbol für New York, werden in Pornos aber auch auf schwule Zwillinge bezogen. In dem Porno "Hervé Handsomes Twin Towers" wird der Begriff mit zwei schwulen Zwillingen verbunden, die sich in einem Hallenbad aufhalten und vermutlich gleich von einem Springturm springen werden. Ähnliches gilt für den Porno "Twin Towers" mit den Zwillingen Sean und John. Mindestens zehn Darsteller in Schwulenpornos haben sich nach einem Turm benannt und greifen dabei wie üblich auf sexuelle Anspielungen und Alliterationen zurück ("Jack Tower", "Tim Towers", "Hank Hightower").


Der Torre Glòries in Barcelona auf dem Cover von "Tims Tool in Barcelona" (Ausschnitt) und zwei Zwillinge mit Türmen in "Hervé Handsomes Twin Towers"

Bei Burgmotiven auf Porno-Covern geht es erkennbar nicht um die Bedeutung von Schutz und Sicherheit, sondern um Reichtum ("Wilde Castle", "Lords of Jet Set Manor") und um ein Wortspiel mit dem Sprichwort "My home ist my castle" ("My Cock is my Castle"). Burgen sind zwar meistens positiv besetzt, können in seltenen Fällen aber auch ein Symbol für die Hölle und den Teufel sein ("Hellhouse") und scheinen, so unheimlich wie sie in "The House of Morecock" (s.o.) inszeniert sind, auch zu leben.

-w-

#1 VitelliaAnonym
  • 11.06.2023, 19:35h
  • Ja, es ist ein großer Unterschied, ob ich von dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin (mein Vater war Architekt und Statiker) erzähle, oder von meinem ZUHAUSE!

    Das war gut, aber meinen Eltern aus dem kath. Köln waren auch Gotteshäuser wichtig.
    Mir nicht!
    Habe selber einen Kopf zum Denken.
    Wenn ich das schon wieder lese, habe ich genug:
    "Die Leiterin des Hauses hat selbst einen schwulen Sohn, den sie jedoch "des Hauses" verwiesen hat, weil sie einen Schwulen "nicht unter meinem Dach" duldete."
    Diese fromme, ganz schlechte Mutter, die ihren Sohn verstößt, weil er schwul ist.
    Man sieht, wie brutal man werden kann mit dem überflüssigen Gottesglauben, anstatt selber was zu denken:
    Hat sich ihr Sohn sein Schwulsein willkürlich ausgesucht??
    Was ist schlecht an einem Menschen, weil er schwul ist?
    NICHTS - es kommt bei jedem Menschen auf den Charakter an und was er leistet, auch in seinem Beruf.
    Ist die "Mutter" etwas Besseres, da gefühlsmäßig Hetero?
    Nein, schlechter ist sie!
    Die eigenen Kinder sollten einem wichtiger sein, als religiöse Dogmen und Hetzer gegen Schwule und trans Menschen.
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