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Queerfeindliche Kampagne
Vor Lesung in München: NZZ stellt Transidentität von Julana infrage
In München sollen am Dienstag zwei Dragkünstler*innen und das 13-jährige trans Mädchen Julana eine Lesung in einer Bibliothek halten. Die Skandalisierung des Events, an dem sich sogar der Münchner OB beteiligte, geht unterdessen weiter.

Die Titelseite des Buches "Julana – endlich ich. Mein Weg vom Jungen zum Mädchen"
- 12. Juni 2023, 14:31h 4 Min.
Die "Neue Zürcher Zeitung" heizt die Atmosphäre um die Drag-Lesung in München-Bogenhausen mit einem fragwürdigen Artikel weiter an – und könnte dazu beitragen, dass das trans Mädchen Julana Gleisenberg möglicherweise nicht auftreten kann. In dem Artikel der traditionsreichen schweizerischen Zeitung wird das familiäre Umfeld von Julana kritisiert und indirekt angezweifelt, ob sie wirklich trans ist.
Die 13-Jährige soll eigentlich am Dienstagnachmittag gemeinsam mit Dragqueen Vicky Voyage und Dragking Eric BigClit in der Stadtteilbibliothek München-Bogenhausen vor Familien auftreten. Sie soll dabei aus ihrem 2021 erschienen Buch "Endlich ich! Mein Weg vom Jungen zum Mädchen" vorlesen. Gegen die Veranstaltung will unter anderem die AfD protestieren – und wirbt dafür mit einem demagogischen Plakat, das laut CSD München an die Dreißigerjahre des letzten Jahrhunderts erinnere (queer.de berichtete).
Die Eltern von Julana überlegen jetzt wegen des Trubels, den Auftritt kurzfristig abzusagen: "Wir sind in Kontakt mit der Polizei", erklärte ihr Vater Jörg Gleisenberg gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" (Bezahlartikel). "Wenn wir vor Ort sehen, dass das zu viel ist, drehen wir um."
Der am Freitag veröffentlichte NZZ-Artikel trägt die Überschrift: "Ein 'Transkind' soll bei einer Lesung mit Drag-Darstellern auftreten – seine Geschichte wirft Fragen auf." In dem Artikel wird den deutschen Medien unter anderem vorgeworfen, die Transidentität des Kindes einfach so zu akzeptieren. Dabei wird der Vater beschuldigt, sich mit queeren Themen beschäftigt zu haben – und der Vorwurf in den Raum gestellt, dass dies den "Sohn" (NZZ) trans gemacht haben könnte. So kritisiert die Zeitung etwa:
Was in den Berichten nicht vorkommt: Julanas Vater ist seit Jahren im Vorstand eines Vereins aktiv, der sich neben Transgeschlechtlichkeit und Queerness auch für Menschen einsetzt, die gerne BDSM praktizieren, also sadomasochistische Sexualpraktiken.
Gegenüber der SZ stellte der Vater jedoch klar, dass er sich erst nach dem Coming-out seines Kindes mit dem Thema Transgeschlechtlichkeit auseinandergesetzt habe. Außerdem habe die Lesung seiner Tochter nichts mit BDSM zu tun.
Als einziger "Experte" zu trans Themen wird im NZZ-Artikel ausgerechnet Alexander Korte ("ein ausgewiesener Experte für Transsexualität und Transidentität") zitiert. Dass es sich bei Korte auch um einen queerfeindlichen Aktivisten handelt, der etwa den letztes Jahr veröffentlichten "Welt"-Beitrag "Wie ARD und ZDF unsere Kinder indoktrinieren mitverfasst hatte, wird hingegen verschwiegen.
Die NZZ, die in der Schweiz als Qualitätszeitung gilt, hat in den letzten Jahren immer mehr Sympathien bei der politischen Rechten in Deutschland gesammelt. Sie berichtet gern wohlwollend über rechte Umtriebe in der Bundesrepublik – und betreibt gerne pauschale Kritik an deutschen Medien, wie sie ebenfalls bei AfD oder RT üblich sind. Hans-Georg Maaßen, der erst letzten Monat mit einer queerfeindlichen und rassistischen Rede für Aufregung sorgte, hatte die NZZ bereits 2019 in einem Tweet als "Westfernsehen" bezeichnet – also als freies Medium in einer Diktatur.
Altbekannter "Propaganda"-Vorwurf
Die von der NZZ angewandte Taktik, jungen queeren Menschen ihre Identität abzuerkennen, ist übrigens nicht neu: In der Vergangenheit wurde sie auch oft gegenüber jungen Homosexuellen angewendet, denen eingeredet wurde, dass ihre Gefühle nur eine "Phase" oder dass sie von älteren Homosexuellen "verführt" worden seien. In queerfeindlichen Ländern wie Russland oder Ungarn diente diese Panikmache dazu, mit sogenannten "Homo-Propaganda"-Gesetzen die Sichtbarkeit von queeren Menschen einzuschränken. In den letzten Jahren wurde zunehmend auch gegen "Trans-Propaganda" polemisiert.
Zwar gibt es sogenannte Drag Queen Story Hours – also altersgerechte Lesestunden von Dragqueens für Kinder – in Deutschland schon seit Jahren, zuletzt wurden sie aber vermehrt skandalisiert. Anfangs machte nur die AfD Stimmung gegen die Events, zur Lesung in München entdecken aber auch Politiker*innen demokratischer Partei ihre queerfeindliche Seite – allen voran Vize-Ministerpräsident Hubert Aiwanger (queer.de berichtete). Selbst der als liberal geltende Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter machte in der "Bild"-Zeitung Stimmung gegen die Lesestunde, entschuldigte sich aber später für seinen Kommentar (queer.de berichtete).
Das Bündnis "München ist bunt" hat für Dienstag ab 15.30 Uhr vor der Stadtbibliothek Bogenhausen (Rosenkavalierplatz 16) zu einer Solidaritätsdemo für die Lesung aufgerufen. (dk)
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Leider erreichen sie immer öfter damit genau das, was sie wollen: einige von uns bekommen es mit der Angst zu tun und ziehen sich zurück. Damit tun wir genau, was sie bezwecken: wir machen uns selbst unsichtbar.
Ich fordere keinesfalls, dass die 13jährige nun unbedingt dort auftreten soll. Wenn die psychische Belastung zu groß wird, muss das Kind beschützt werden.
Was ich aber anprangere, ist, als angeblich ehrbare Erwachsene ein Kind aufs Bösartigste für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Dazu habe ich nur ganze zwei Worte übrig:
Pfui Teufel!