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München
Trans Mädchen sagt Teilnahme an queerer Lesestunde in München ab
Nach der Stimmungsmache der "NZZ" und wegen der angekündigten Gegenproteste wird die 13-jährige Julana "aus Angst vor Gewalt" nicht an der Drag-Lesung in München teilnehmen. Die Stadt duldet unterdessen die Hetzplakate der AfD.

Plakatmotiv zur Lesung "Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt" am 13. Juni um 16 Uhr in der Stadtbibliothek München-Bogenhausen
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13. Juni 2023, 09:55h 4 Min.
Das 13-jährige trans Mädchen Julana, Autorin des Buchs "Endlich ich! Mein Weg vom Jungen zum Mädchen", wird nicht an der Veranstaltung "Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt" in München teilnehmen. Das bestätigten die Familie und die Stadtbibliothek gegenüber queer.de. Dragqueen Vicky Voyage und Dragking Eric BigClit werden dagegen wie geplant um 16 Uhr in der Stadtbibliothek Bogenhausen (Rosenkavalierplatz 16) vor Familien mit Kindern ab vier Jahren vorlesen.
"Wir werden nicht lesen und ziehen uns aus der Öffentlichkeit zurück aus Angst vor Gewalt", teilte Julanas Familie mit. Am Montag habe sie telefonische Drohungen erhalten. Die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) hatte am Freitag mit einem polemischen Artikel das familiäre Umfeld von Julana kritisiert und indirekt angezweifelt, ob sie wirklich trans ist (queer.de berichtete). "Wir verstehen die Absage angesichts der Umstände", erklärte eine Sprecherin der Stadtbibliothek gegenüber queer.de.
Vier rechte Gegendemonstrationen vor der Bibliothek
Ein weiterer Grund für Julanas Absage sind gleich vier rechte Gegendemonstrationen, die vor der Bibliothek angemeldet wurden. Die AfD demonstriert unter dem Motto "Hände weg von unseren Kindern! Verbot von Genderpropaganda und anderen Perversionen!", während der Verein "Stimme der Stillen" für den Schutz von Kindern beten will. Zwei Privatpersonen meldeten außerdem die Kundgebungen "Drag Devels schleichts Euch – Finger weg von den Kindern" sowie "Zukunft unserer Kinder in unserem Land. Werteverfall und die Lösung" an.
Unterstützer*innen der Drag-Lesung demonstrieren wiederum um 15.30 Uhr vor der Bibliothek unter dem Motto "Für ein weltoffenes München!". Wie ein Polizeisprecher gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" erklärte, werden "auf jeden Fall ausreichend Einsatzkräfte" vor Ort sein, um die beiden Lager notfalls voneinander fernhalten zu können.

Plakatmotiv für die Unterstützungsdemo
Keine Übertragung der Lesung ins Internet
Die rund 70 Plätze für die Lesung sind seit langem ausgebucht. Nachdem die Presse erst ausgeschlossen werden sollte, entschied sich die Stadtbibliothek am Montagabend nach Kritik des Bayerischen Journalisten-Verbands zu einer Übertragung der Lesung für Journalist*innen mit Presseausweis in einen weiteren Raum der Bibliothek. "Der Zugang zum eigentlichen Veranstaltungsraum ist nach wie vor Eltern und Kindern vorbehalten – uns ist wichtig, dass der geschützte Raum für Familien bestehen bleibt", heißt es in einer Information für die Presse. In der Übertragung sollen ausschließlich die Lesenden zu sehen sein.
Einer Live-Übertragung ins Internet hätten die Künstler*innen nicht zugestimmt, erklärte die Sprecherin der Stadtbibliothek auf Nachfrage von queer.de. Auch habe man die Sache "nicht noch größer machen" wollen.
KVR geht nicht gegen AfD-Plakate vor

Hetze nach NSDAP-Vorbild: Plakat der AfD in München (Bild: CSD München)
Trotz mehrerer Strafanzeigen wegen Volksverhetzung sieht die Stadt München keine Möglichkeit, die Hetzplakate der AfD gegen die Drag-Lesung zu entfernen. "Nach sorgfältiger rechtlicher Prüfung kann das KVR keine eindeutige Erfüllung eines Straftatbestandes feststellen, teilte das Kreisverwaltungsreferat (KVR) auf Anfrage der "Abendzeitung" mit. "Nur dann aber wäre es dem KVR rechtlich möglich, diese Plakatierung zu untersagen." Das KVR ist die Sicherheits- und Ordnungsbehörde der Stadt.
Auf den Plakaten mit den Parolen "Hände weg von unseren Kindern!" und "Genderpropaganda verbieten!" stellt die AfD einen queeren Menschen als Gefahr für Kinder dar. Das Motiv, das für die Protestkundgebung der Rechtsaußenpartei wirbt, zeigt einen verängstigten Jungen, dem sich von hinten eine geschminkte Person mit Bart und gefärbten langen Haaren in offenkundig übergriffiger Absicht nähert. Den CSD München erinnerten Bildsprache und Polemik des Plakats "stark an die Propaganda der 30er Jahre" (queer.de berichtete).
"Ich kann nachvollziehen, dass ein solches Plakat als diskriminierend und abstoßend empfunden wird, weswegen wir den Inhalt des genannten AfD-Plakats und mögliche Maßnahmen bereits am vergangenen Freitag umfassend rechtlich geprüft haben", sagte KVR-Chefin Hanna Sammüller-Gradl (Grüne) gegenüber der "Abendzeitung". "Die geltende Rechtslage ermöglicht uns als Kreisverwaltungsbehörde keine weiteren Schritte."
Zerstörung der Plakate ist für die Linke "gerechtfertigter Notstand"
In einem Offenen Brief an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hatte die Linke Bayern zuvor die Entfernung der Plakate gefordert. "Der Text im Zusammenhang mit dem Bild, das ganz offen Anleihen an antisemitischen Karikaturen der NS-Zeit nimmt, ist als Verwirklichung des Tatbestandes der Volksverhetzung gem. § 130 StGB anzusehen", so Landessprecherin Adelheid Rupp. "Sollte sich die Landeshauptstadt München scheuen diesen Konflikt einzugehen, so sehe ich bei einer Sachbeschädigung dieser Plakate den gerechtfertigten Notstand als gegeben an." Wie zuvor bereits der katholische Priester Wolfgang F. Rothe erstattete auch Rupp Strafanzeige.
Florian Siekmann, queerpolitischer Sprecher der Landtags-Grünen, kritisierte neben der AfD auch die bayerischen Regierungsparteien: "Die CSU muss sich fragen, welche Geister sie mit ihrer Stimmungsmache vor der Veranstaltung gerufen hat", erklärte der Abgeordnete in einer Pressemitteilung.
Anfang Mai hatte die CSU-Fraktion im Bezirksausschuss München-Bogenhausen ein Verbot der queeren Lesestunde gefordert, CSU-Generalsekretär Martin Huber empörte sich über die "woke Frühsexualisierung" (queer.de berichtete). Bayerns Vize-Ministerpräsident Huber Aiwanger (Freie Wähler) brachte die Lesestunde sogar mit Pädophilie in Verbindung, sprach von "Kindswohlgefährdung" und einem "Fall fürs Jugendamt" (queer.de berichtete).













