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500 Menschen protestieren friedlich
"Ganz München hasst die AfD": Demo gegen Hetze bei Drag-Lesung
Während Rechtsextreme in der bayerischen Landeshauptstadt wütend gegen Vielfalt protestieren, geben doppelt so viele Menschen Kontra.

Hunderte protestierten in München gegen die Einfalt der queerfeindlichen Kräfte (Bild: IMAGO / Wolfgang Maria Weber)
- 14. Juni 2023, 07:50h 5 Min.
Vor der Tür gibt es Sympathiebekundungen, Pfiffe und wütenden Protest, drinnen werden Bilderbücher vorgelesen mit der Botschaft: Trau dich, so zu sein, wie du bist. Doch weil die Vorlesenden in einer Münchner Stadtbibliothek Dragqueen Vicky Voyage und Dragking Eric BigClit sind, haben unter anderem die AfD und Vertreter*innen der Reichsbürger- und Querdenker-Bewegung zum Protest gerufen. "Finger weg von unseren Kindern" heißt es auf Plakaten, andere warnen vor "Frühsexualisierung". Die Zahl der Befürworter*innen der Lesung ist am Dienstag aber mehr als doppelt so hoch: Rund 500 meist junge Menschen, viele bunt geschminkt und kostümiert, erheben ihre Stimmen gegen Hetze und für Diversität und Toleranz – lautstark, aber friedlich, wie die Polizei feststellt. Die Demo wurde von "München ist bunt" organisiert.
Für Kinder ab vier Jahren bot die Bibliothek die Lesung mit den Drag-Künstler*innen an, die mit ihren Kostümen und ihrer auffälligen Schminke in eine Kunstfigur schlüpfen. "Wir brauchen Vorbilder, die zeigen, dass es okay ist, anders zu sein, das ist die schlichte Botschaft", sagt der Direktor der Stadtbibliothek, Arne Ackermann.
Rechtsextreme Jugendliche dringen in Bibliothek ein
Das sieht eine Teilnehmerin bei den queerfeindlichen Kräften anders. "Ein Mann, der sich als Frau verkleidet und sich große Klitoris nennt – allein wenn der sich schon vorstellt, transportiert er eine sexuelle Erregung, die er den Kindern aufdrängt", schimpft die Psychotherapeutin. Zwischendurch verschaffen sich sieben Jugendliche der Identitären Bewegung Zutritt zur Bibliothek. Die Lesung finden sie nicht, sie ist in einem anderen Bereich. Kurz darauf führt die Polizei die Jugendlichen ab.
/ _LinaDahm_Mein erster, verkürzter Recap zu #muc1306.
Lina Dahm (@_LinaDahm_) June 13, 2023
Das war eine eindrucksvolle Antwort auf queer- und transfeindliche Hetze. Nicht so eindrucksvoll war, dass das irre Polizeiaufgebot nicht in der Lage war, extrem rechte AktivistInnen daran zu hindern, in die Bibliothek einzudringen.
Aufreizende Kleider, Geschlechtsteile und sexuelle Anzüglichkeiten – bei der Lesung gibt es sie nicht. Fehlanzeige. Es wird gelacht, gesungen und erzählt. Vicky Voyage schwebt im Prinzessinnenkleid herein, mit schwingendem Rock und Zopf-Perücke. Schnell wird klar, wen sie darstellt: "Lass jetzt los" singt sie, Prinzessin Elsas Lied aus dem Film "Die Eiskönigin – Völlig unverfroren". Ihr Begleiter stellt sich den Kindern als Prinz Eric vor, im Gewand des "Kleinen Prinzen" von Antoine de Saint-Exupéry.
Gebannt lauschen Kleine und Große der Botschaft, sich nicht zu verbiegen und nichts auf die Meinung anderer zu geben. In "Der Junge im Rock" geht ein Bub im Rock in den Kindergarten. "Echte Jungs ziehen Hosen an", lästern die Kinder. Felix ist verunsichert – bis sein Vater eine Idee hat. Und in "Flora und der Honigkuss" will eine Prinzessin partout keinen der Frösche heiraten, die ihr die Eltern der Reihe nach vorstellen. Eine Qual für Flora – bis Mila auftaucht.
Antiqueerer Block reicht bis zu CSU, Freien Wählern und SPD
Die Gegner*innen machten dennoch seit Wochen Stimmung gegen die Lesung, neben der AfD auch Vertreter*innen der CSU und Bayerns Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger, der wegen angeblicher Kindeswohlgefährdung nach dem Jugendamt rief (queer.de berichtete). Sogar der als liberal geltende Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter machte Stimmung gegen das Event, entschuldigte sich aber später für seinen Ausbruch (queer.de berichtete). Und in den sozialen Medien tobte ein Sturm der Entrüstung: Von "Perversen" war die Rede, gar von "Kinderfressern". Auch auf der AfD-Veranstaltung war von "Pädophilie" die Rede.
/ robertandreaschAuf der #AfD-Bühne folgen Andreas Reuter (AfD), Alexandra Motschmann (#DieBasis), Katrin Ebner-Steiner (AfD) u. Simon Kuchlbauer (AfD). Letzterer spricht von "Pädophilie und "Andersartigkeit".Das queere Protestpublikum hält mit "Halt die Fresse!" & Musik dagegen. #muc1306 #m1306 pic.twitter.com/toeH1f0gH7
Robert Andreasch (@robertandreasch) June 13, 2023
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Bei der CSU gibt es inzwischen aber auch andere Töne: So schließt sich CSU-Kommunalreferentin Kristina Frank der Grünen-Bürgermeisterin Katrin Habenschaden und dem SPD-Stadtrat Christian Vorländer an und demonstriert auf der Seite von "München ist bunt" für Vielfalt. Auf der Kundgebung wird unter anderem "Ganz München hasst die AfD" skandiert.
/ Maria_dieLinkeWir sind lauter #muc1306 pic.twitter.com/xr0twwrAzt
Maria Mayr (@Maria_dieLinke) June 13, 2023
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Trotz der Solidaritätsbekundungen wurde die Welle an Beschimpfungen den Eltern der trans Autorin Julana Gleisenberg offenbar zu viel. Die 13-Jährige wollte aus ihrem Buch "Julana, endlich ich" lesen. Doch die Anfeindungen hätten in den vergangenen Tagen so stark zugenommen, dass ihre Eltern ihre Teilnahme absagten (queer.de berichtete).

Eine Homo-Hasserin in Aktion (Bild: IMAGO / ZUMA Wire)
Morddrohungen gegen Dragqueen
Auch Bibliotheksleiter Ackermann berichtet von Drohungen. "Es ging soweit, dass wir gefragt wurden, ob die Bibliothek kugelsichere Scheiben hat", sagt er. Vicky Voyage bekam sogar Morddrohungen. Das habe ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. "Die AfD macht gerade Stimmung durch Angst und Unwissen", meint Dragqueen Pinay Colada, "dass die queere Community jetzt hier rumläuft wie der Rattenfänger von Hameln und versucht, die Kinder zu frühsexualisieren." Die Dragqueen betont: "Uns ist es einfach nur wichtig, zu zeigen, dass es egal ist, wie du bist, wie du dich fühlst, dass du machen kannst, was du möchtest, solange du niemand verletzt oder beleidigst."
/ ER_Bayern | Nach der Lesung fand eine Pressekonferenz mit den Drag-Künster*innen statt8: jetzt noch Abschluss-PK mit den Künstler:innen und Arne Ackermann, Direktor der Stadtbibliothek. Er bedankte sich bei @muenchen_bunt für den Support vor der Tür. #muc1306 #dragisnotacrime #noafd pic.twitter.com/clvBk6jRXp
Endstation Rechts. (@ER_Bayern) June 13, 2023
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In ihrer Kindheit gab es solche Lesungen nicht. "Wenn ich als kleiner junger, queerer Ausländer so was gehabt hätte, dann hätte ich mich viel mehr getraut, ich selbst zu sein", sagt die schwarze Dragqueen. "Wir sind perfekt. Wir sind so schön, wie wir sind. Und das möchten wir weitertragen." Das wolle die AfD kaputt machen. "Die benutzen das Wort Kindeswohl als Deckmantel für irgendeinen Schwachsinn."
/ FloSiekmann | Priester Wolfgang F. Rothe, der Anzeige gegen ein AfD-Hetzplakat zur Drag-Vorlesung gestellt hatte, sprach auch auf der Demo@WolfgangFRothe hat Anzeige gegen die homofeindliche Hetze der AfD gestellt. Als Priester läuft er beim CSD mit und kämpft für eine vielfältige Gesellschaft, auch wenns gegen seine Kirche geht. Danke #München #Drag #DragLesung pic.twitter.com/cktvr5WdjD
Florian Siekmann (@FloSiekmann) June 13, 2023
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"Wir haben die Welt heute ein bisschen bunter gemacht"
"Wir haben die Welt heute ein bisschen bunter gemacht, wir stehen für Vielfalt und Toleranz und Diversität", freut sich Vicky Voyage nach der Vorlesung. Eric BigClit sieht das genauso. Dass sein Künstlername bei vielen für Aufregung sorgte, kann er nicht verstehen. "Keine Angst vor der Klitoris", sagt er. Das sei nichts anderes als ein medizinischer Fachbegriff für ein Körperteil. "Sie tut nichts, sie beißt nicht, sie ist einfach nur da." (dpa/dk)














