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Köln
"To Be Seen. Queer Lives 1900-1950" mit Grimme Online Award ausgezeichnet
Die Grimme Online Awards gelten als wichtigste Auszeichnungen für Online-Publizistik in Deutschland. Neben dem Thema "Erinnern" dominierten in diesem Jahr Tiefenrecherchen das Feld der Gewinner*innen.

Eine Fotografie aus der Ausstellung "To Be Seen. Queer Lives 1900-1950" zeigt den Tänzer und Künstler Alexander Sacharoff (Bild: Deutsches Theatermuseum München / Archiv Hanns Hold)
- 15. Juni 2023, 23:55h - 4 Min.
Die interaktive Ausstellung "To Be Seen. Queer Lives 1900-1950" des NS-Dokumentationszentrums München ist am Donnerstagabend in Köln mit einem Grimme Online Award in der Kategorie "Kultur und Unterhaltung" ausgezeichnet worden.
Das Projekt des NS-Dokumentationszentrums München erzählt in fünf Kapiteln Deutschlands queere Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Insbesondere in der Weimarer Republik existierte eine erstaunliche Vielfalt queeren Lebens. So gab es in den 1920er Jahren allein in Berlin etwa 80 lesbische Bars und Treffs. Die blühenden Subkulturen wurden dann von den Nazis zerstört.
"Die akribisch zusammengetragene Fülle von Material und Informationen beeindruckt und vermittelt Wissen auf sehr anschauliche Weise", lobte die Jury. "Dabei scheut die schlicht gestaltete Seite keine Ambivalenz, sondern setzt auf eine kluge Auswahl an Medien und Mitteln, um gegenwärtigen Zeitgenoss*innen ein umfassendes Bild von den Modernen der Vergangenheit, von den Brüchen und Kontinuitätslinien zu geben, die die Vorgeschichte der laufenden Echtzeit bilden."
Die reale Ausstellung "Queer Lives" war bis zum 21. Mai 2023 im NS-Dokumentationszentrum München zu sehen (ausführlicher Bericht von Axel Krämer).
Auch Stolpersteine- App ausgezeichnet
Ebenfalls ausgezeichnet wurden zwei umfangreiche Recherchen zur NS- und DDR-Vergangenheit. Mit einem Grimme Online Award geehrt wurde zum einen eine vom Westdeutschen Rundfunk (WDR) entwickelte App und Website "Stolpersteine NRW", die auf die 16.000 Stolpersteine in Nordrhein-Westfalen Bezug nimmt. Mit den in den Boden eingelassenen Messingsteinen erinnert der Künstler Gunter Demnig seit vielen Jahren an Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden. Der WDR erzählt in seinem Angebot die Lebensgeschichten vieler dieser Opfer, darunter auch schwule Männer.
Ebenfalls ausgezeichnet wurde ein "Scrollytelling" mit dem Titel "Im Takt" zu dem geschlossenen Jugendwerkhof Torgau in der DDR, das von der gleichnamigen Gedenkstätte selbst entwickelt wurde. Der Jugendwerkhof war ein besonders brutales Heim, in dem "auffällige" Kinder und Jugendliche auf Linie gebracht werden sollten. "Eindrücklich vermittelt die gute Aufbereitung die Heimtücke und die Bösartigkeit des Heimsystems, ohne zu dramatisieren", lobte die Jury.
Die weiteren Preisträger*innen
Neben dem Thema "Erinnern" dominierten Tiefenrecherchen das Feld der Gewinner*innen. Hierzu gehörte die von Correktiv.Lokal erstellte Multimedia-Story "Schwangerschaftsabbruch in Deutschland". Sie deckt auf, wie schlecht die Informations- und Versorgungslage für Menschen ist, die in Deutschland einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen wollen.
Als weitere herausragende Rechercheleistung würdigte die Jury die Podcast-Serie "Teurer Wohnen" vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Sie zeigt anhand eines Beispiels aus Berlin-Charlottenburg, wie ein intaktes Haus mit erschwinglichen Mietwohnungen abgerissen wird und an der Stelle ein Komplex mit teuren Eigentumswohnungen entsteht. Die Mieter*innen müssen wegziehen.
Ebenfalls ausgezeichnet wurde eine Produktion des schweizerischen "Tages-Anzeiger" (Zürich), die Online-Doku "Das Ende vom ewigen Eis" über das Abschmelzen des antarktischen Thwaites-Gletschers. Nach Meinung der Jury haben es die Autor*innen geschafft, ein hochkomplexes naturwissenschaftliches Phänomen in einer zugänglichen Geschichte zu erzählen, die auch Nicht-Wissenschaftler*innen verstehen: "Damit bringen sie ein brisantes und sehr aktuelles Thema aus der Nerd-Ecke in die breite Öffentlichkeit."
Auch Tiktok- und Youtube-Kanal unter den Gewinner*innen
Zudem prämierte die Jury zwei Social-Media-Angebote: Ein Award ging an den Tiktok-Kanal "Dein Bruder Stève" von Stève Hiobi, der als Ein-Mann-Betrieb ohne Redaktion und technischen Support Nachrichten aus und über Afrika verbreitet. "Obwohl die Plattform TikTok durchaus kritisch zu bewerten ist, treffen die Videos von Stève Hiobi genau dort auf eine junge Zielgruppe, die sonst nur sehr schwer mit nachrichtlichen Inhalten zu erreichen ist", so die Jury.
Das zweite prämierte Angebot in diesem Bereich war der vom WDR betriebene Instagram-Kanal "Hand drauf" mit Information und Unterhaltung für Gehörlose. Die sogenannte Mehrheitsgesellschaft wird durch Untertitel einbezogen. Das Urteil der Jury: "Das ist Inklusion: Anderen die Teilhabe an der eigenen Lebenswirklichkeit und dem eigenen Blick auf die Welt zu ermöglichen, um letztlich die Abgrenzung zu verkleinern."
Der Publikumspreis ging wieder einmal an einen Youtube-Kanal, diesmal an das wissenschaftsjournalistische Angebot "Doktor Whatson". Es behandelt Themen rund um Physik, Umwelt, Philosophie, Nachhaltigkeit und Technologie.
Erst der zweite Preis für ein queeres Projekt
Die Grimme Online Awards gelten als wichtigste Preise für Online-Publizistik. Die Direktorin des Grimme-Instituts, Frauke Gerlach, bilanzierte: "Für unser kulturelles, politisches und gesellschaftliches Miteinander sind hochwertige Angebote, die ein Gegengewicht zu Polarisierung und Populismus bilden, wichtiger denn je."
Als erstes LGBTI-Projekt in der 20-jährigen Geschichte des Preises wurde vor zwei Jahren der von queer.de präsentierte Podcast QUEERKRAM von Johannes Kram mit einem Grimme Online Award ausgezeichnet (queer.de berichtete). (mize/dpa)
Links zum Thema:
» Homepage zum Grimme Online Award
Mehr zum Thema:
» Bericht über die Ausstellung "To Be Seen. Queer Lives 1900-1950": Wie hätte ich mich im Nationalsozialismus verhalten? (26.03.2023)
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de















