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Potsdamer Ortsteil Golm

Krise und klamme Kassen: Wie rechte Teenager mit Gewalt übernehmen, wo sich der Staat zurückzieht

Während der Coronapandemie bildete sich im Potsdamer Ortsteil Golm eine Gruppe von rechten Problemteenagern. Erst queerfeindliche und rassistische Übergriffe bewogen die Kommune zum Handeln.


Unter der Pubertät von Teenager*innen leiden diese nicht immer nur selbst (Symbolbild) (Bild: Farmgirlmiriam / pixabay)

Im Potsdamer Stadtteil Golm kommt es seit zwei Jahren immer wieder zu rechten Parties und Vandalismus sowie zu rassistischen und queerfeindlichen Übergriffen durch eine Gruppe Jugendlicher. Die Teenager*innen, die auf dem Golmer Universitätscampus Zeit verbringen und feiern, griffen bereits im Juli und November vergangenen Jahres Student*innen aus rassistischen Motiven an. Im Februar 2023 wurden außerdem zwei Männer aus queer- und transfeindlichen Motiven geschlagen (queer.de berichtete).

Weil Polizei und von der Universität bezahlte, private Sicherheitsdienste ihre Bestreifung schließlich verstärkt haben, hat sich die Lage inzwischen beruhigt. Das Problem scheint aber vor allem gedeckelt, nicht gelöst. Denn was bisher fehlte, sind angemessene Angebote der Sozialarbeit. Sorgen bereiten den Golmer*innen denn auch die kommenden Wochen. Dann beginnen die Sommerferien.

Queerfeindlicher Übergriff und Brandbrief von Jugendfreizeitladen

Zu der Attacke in der Nacht vom 10. auf den 11. Februar hatte die Polizei mitgeteilt, dass zwei Männer im Alter von 20 und 21 Jahren angegriffen worden seien. Einem von ihnen schlugen Jugendliche demnach ins Gesicht und schubsten ihn zu Boden. Dort soll anschließend weiter auf den Mann eingeschlagen worden sein. Auch der Begleiter wurde demnach angegriffen. Der Allgemeine Studierendenausschuss, die politische Vertretung von Student*innen an einer Hochschule oder Universität, hatte später mitgeteilt: Zu dem brutalen körperlichen Angriff sei es aus trans- und homophoben Motiven gekommen.

Wenige Tage später hatte der Golmer Jugendfreizeitladen "Chance" dann mit einem Brandbrief für noch mehr Aufmerksamkeit auf das Problem mit den Teenager*innen gesorgt. Wollte man der Lage Herr werden, so Kathleen Knier und Birgit Uhde vom Leitungsteam des Ladens im Brief, brauche es mobile Jugendarbeit. In dem Schreiben hatten sie unmissverständlich formuliert: "Die Gruppen von der Straße können wir nicht mehr erreichen".

Von den Teenager*innen gehe laut den Sozialarbeiter*innen andauernd Gewalt und Zerstörung aus. Die Liste abseits der Übergriffe auf Menschen: Einbrüche, Diebstähle, Hakenkreuzschmierereien, aufgebrochene und beschädigte Fahrzeuge, eingeschlagene Scheiben, Eindringen in die Universität, Störungen von Vorlesungen, Vandalismus im Innen- und Außenbereich der Hochschule sowie ein Angriff auf die technische Leitzentrale der Universität – mit Böllern und Raketen. Bis zu 40 Jugendliche sollen an der Tat am Tag nach den Silvesterfeierlichkeiten beteiligt gewesen sein.

Insgesamt soll es sich aber um 60 Jugendliche handeln, die in Golm auf problematische Weise in Erscheinung treten. Gut eine Woche später seien an einem Lesecafé die Fenster eingeworfen worden. Allein dem Studierendenwerk soll durch Vandalismus ein Sachschaden im fünfstelligen Bereich entstanden sein, wie Sprecherin Josephine Kujau Medien gegenüber mitgeteilt hatte. Hinzu kommen Vorfälle am Bahnhof sowie an einer Grundschule im Nachbarortsteil, an der etwa Sofas aufs Dach geschleppt und von dort herunter geworfen worden seien.

Rechtsrock, Rassismus, Transfeindlichkeit

Doch nicht nur durch Zerstörung und Übergriffe machten die Problemteenager*innen auf sich aufmerksam. Wenn es gerade mal nicht knallte, wurde auf dem Campus gefeiert – oft lief dabei laut rechtsradikale Musik und es wurde Feuer gemacht. Die rechte und queerfeindliche Einstellung, die einige Jugendliche dabei mitbringen, spiegelt sich auch in einem Grafitti, das der Berliner "Tagesspiegel" in einem Bericht präsentierte. Dabei ist ein Zeichen, das eine Abwandlung des Mars- und des Venus-Symbols zeigt, übersprüht worden. Ein daneben angebrachter, sprachlich holpriger Spruch lautet: "Never surrender kill the Transgender".

Rechte Grafittisprüche tauchten jedoch regelmäßig am Campus auf. Und schon vor den Übergriffen wurden Student*innen rassistisch beleidigt. 150 Studierende trafen sich auch deshalb, aber vor allem anlässlich der queerfeindlichen Attacke auf zwei Männer zum Ratschlag unter dem Titel "Reclaim Golm".

"Ich finde es schockierend, dass Politik, Uni und Polizei nur über die Straftaten reden und den politischen Hintergrund dieser Taten völlig ausklammern", kritisierte Micke Guckelsberger von den engagierten Student*innen zu diesem Anlass. Die Auswahl der Angegriffenen sei nicht zufällig gewesen, folge rechten Weltbildern. Bei den rassistischen Übergriffen, die sich zwei mal gegen einen Mann und eine Frau gerichtet hatten, sollen Sprüche wie "Deutschland! Ausländer raus!" gerufen worden sein.

Die Studierenden forderten Stadt und Universität auf, das Problem deutlich zu benennen. Ihrer Meinung nach weise das Golmer Problem über die rechten Teenager*innen hinaus. Aktiv im Ort seien sowohl die AfD als auch die Neonazipartei "Dritter Weg". Und: Verweise auf mangelnde Angebote für Jugendliche griffen zu kurz. Hinter dem Phänomen steckten auch die Eltern der Jugendlichen – und deren politische Einstellung. Die Universität wiederum kritisierte die Stadt: "Nur weil das jetzt in Golm ist, ein bisschen jenseits der Innenstadt, kann man nicht einfach sagen, da muss die Universität selbst sehen, wie sie klarkommt", sagte Sprecherin Silke Engel im April.

Kommune erreichte Jugendliche in Krisenjahren nicht

Entstanden sei das Problem ursprünglich aufgrund der Schließungen in der Coronapandemie, wie die Leiterin der Freizeiteinrichtung Knier, die auch parteilose Ortsvorsteherin ist, dem "Tagesspiegel" erklärte. Der Jugendfreizeitladen sei geschlossen geblieben, die Teenager*innen aus den Angeboten herausgefallen.

Zunächst hatte die Stadt mit der Einstellung von Streetworker*innen auf das Treiben der Teenager*innen reagieren wollen. Bereits im Frühjahr vergangenen Jahres hatte der Freizeitladen den Jugendhilfeausschuss der Stadt nämlich über den Bedarf informiert. Im September 2022 beschloss der Ausschuss denn auch die Einrichtung von zwei halben Stellen. Doch die Verwaltung von Potsdam konnte oder wollte die Anstellungen zunächst nicht umsetzen. Sie sah sich dazu aufgrund der Inflations- und Energiekrise und der daraus resultierenden finanziellen Situation nicht in der Lage. Die Universität reagierte mit der verstärkten Beauftragung privater Security. Außerdem zeigte die Polizei verstärkt Präsenz auf dem Campus.

Seit März soll es nun zu keinen weiteren Vorfällen mehr gekommen sein, wie die Brandenburger Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD) jetzt im Ausschuss für Wissenschaft und Kultur des Brandenburger Landtags vermelden konnte – nicht aufgrund von Sozialarbeiter*innen, sondern wegen des mit allen Beteiligten, inklusive des Ortsbeirats, abgesprochenen Vorgehens von Polizei und Sicherheitsdiensten. "Die Strategie verfängt offenbar", so Schüle zu der inzwischen ruhigen Lage.

Das sieht auch Kathleen Knier so. Die Aufmerksamkeit nach den Übergriffen auf Menschen habe mit dazu beigetragen, dass die Jugendlichen nun "auf der Hut" seien. Sorgen bereiten Knier allerdings die Sommerferien. Die beginnen in Brandenburg am 13. Juli – und bedeuten für die Jugendlichen viel freie Zeit, die es totzuschlagen gilt. Gut, dass sich die Stadt Potsdam inzwischen doch zu der Besetzung der Streetworkstelle durchringen konnte. Ihren Dienst aufnehmen soll die zum 1. Juli. Die Potsdamer Landtagsabgeordnete Isabelle Vandre (Linke) warf der AfD im Landtagsausschuss vor, eine Mitschuld an den Gewalttaten in Golm zu tragen.

Ebenfalls per Brandbrief war die Öffentlichkeit im April auf die Lage an einer Schule im brandenburgischen Spree-Neiße-Kreis aufmerksam geworden. In dem Brief zeichneten die Lehrkräfte, die das Schreiben nicht namentlich unterschrieben haben, ein düsteres Bild vom Geschehen an ihrer Schule. Als Beispiele wurde unter anderem die verfassungsfeindliche Verbreitung von rechtsextremen Symbolen, Schriften, Musiktiteln und Gewalt an der Schule genannt. Schulmobiliar werde mit Hakenkreuzen beschmiert, im Unterricht werde rechtsextreme Musik gehört, in den Schulfluren demokratiefeindliche Parolen gerufen, hatte es geheißen (queer.de berichtete).

Behörden registrieren insgesamt einen deutlichen Anstieg der sogenannten Jugendkriminalität über das frühere Niveau hinaus, nachdem das Phänomen im Zuge von Lockdowns und Schulschließungen zunächst zurückgegangen war. Die genauen Gründe dafür aber sind unter Expert*innen umstritten.

-w-

#1 KopfschüttelAnonym
  • 16.06.2023, 13:40h
  • Und währenddessen erklärt man Klimakleber zu Terroristen. Aber auf dem rechten Auge blind bleiben.
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#2 DEUSAnonym
  • 16.06.2023, 20:57h
  • Ich wohne selber in Eiche, direkt neben Golm, und studiere an der FH. Wir haben zum Glück "nur" mit randarlierenden Jugendlichen zu tun, und nicht welchen, die auch noch rechtsradikal und/oder queerfeindlich sind. Aber man bekommt trotzdem viel mit, gerade wenn man sich mit den Studierenden der Uni austauscht. Dass die Stadt Potsdam und evtl. auhc das Land Brandenburg zu wenig getan hat, ist in vielen Bereichen erkennbar, und wenn hier schon über 60 Jugendliche ein solches Auftreten zeigen, dann liegt die Dunkelziffer wahrscheinlich noch höher.
    Ich hoffe echt, dass den Jugendlichen einhalt geboten wird, selbst wenn das bedeutet, dass sie Mal auf den Mund fliegen.
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#3 PolitikverdrossenAnonym
  • 16.06.2023, 22:37h
  • Antwort auf #2 von DEUS
  • Offen gesagt sind es wihl nicht nur die Jugendlichen - gegen diese Form von Rechtsterrorismus sollte dich schon lange vorgegangen werden.
    Klimaaktivisten "scheint" man aber eher im Fokus zu haben "vermutlich" weil es gesellschaftlich akzeptierter ist.
    Man will ja schließlich keine Stimmen an die Nazi-Partei AFD und ihren Nacheiferer der "demokratischen" Partei CDU verlieren.
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