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Folge 25 von 53

Schwule Symbole im Film: Häuser von innen

Häuser sind manchmal ein Spiegelbild ihrer Bewohner*innen. Eine besondere Bedeutung hat der Kleiderschrank ("Closet"), der zu Begriffen wie Coming-out und Outing führte.


In dem Sci-Fi-Mysteryfilm "Closets" (2015) fungiert der Schrank als ein Art Zeitkapsel, die den schwulen 16-jährigen Henry in eine andere Zeit katapultiert

Hausbewohner*innen und ihr Seelenhaushalt

Die individuellen Wohnverhältnisse von Menschen werden als ein Spiegel ihrer Psyche angesehen, der – zumindest klischeehaft – u.a. Rückschlüsse auf ihre Persönlichkeit, ihre Reife und ihre Bildung zulässt. Auch ein Begriff wie "Seelenhaushalt" verweist auf die Parallelen zwischen psychischer Situation und Haushaltsführung. Wir bestimmen, wen wir in unser Haus und unser Leben lassen. Ein leeres (und nicht beleuchtetes) Zimmer ist ein aussagekräftiges Bild für den Tod eines Menschen.

Spiegelbild sozialer Verhältnisse

Häuser drücken vor allem unsere sozialen Beziehungen aus: In "Das indiskrete Zimmer" (1962) geht es um Hilfe in einer Hausgemeinschaft und damit auch um den schwulen Musiker Johnny ("Out im Kino", 2003, S. 177). Werden die unterschiedlichen Bewohner*innen eines Hauses vorgestellt, wie in "Keiner liebt mich" (1995) oder "The Yacoubian Building" (2006), geht es häufig um einen Mikrokosmos der Gesellschaft.

Dem im faschistischen Italien verfolgten Schwulen Dr. Fadigati wird in "Brille mit Goldrand" (1987) seine große Wohnung zerschlagen und er wohnt am Ende nur noch in einer kleinen und unordentlichen Wohnung. Das teure Haus von Rasmus und das billige Haus von Nicklas in "The boy who couldn't swim" (2011) verdeutlichen ihren unterschiedlichen sozialen Status. Das Motiv, mit dem der Film "Twist" (2003) – eine schwule Variante von Charles Dickens' Roman "Oliver Twist" – beworben wird, zeigt Twists Bett in erkennbar ärmlichen Verhältnissen. Wirtschaftliche Not, die ihn dazu zwingt, auf den Strich zu gehen, wird so über einen Raum zum Ausdruck gebracht.


Armut, die zur Prostitution führt, in "Twist" (2003)

Spiegelbild sexueller Verhältnisse

Äußerungen über Zimmer sind manchmal Äußerungen über Sexualität. Als in "Mein Leben in Rosarot" (1997) Jérôme seinem Freund Ludovic die Aufteilung der Zimmer bei sich zu Hause aufzeigt, macht Ludovic mit seiner Antwort "Bei uns ist das andersrum" nicht nur eine Aussage über spiegelverkehrte Architektur, sondern – in einem erkennbar emanzipatorischen Kontext – auch über sich selbst. Das Jugendzimmer des 15-jährigen Felix in "HerzHaft" (2007) – mit Bett, Spielzeugautos und einem Teddybären – wird wohl auch deshalb ausführlich gezeigt, um den Zuschauenden bei der Beantwortung der Frage zu helfen, ob Felix wohl schon reif genug ist, eine einvernehmliche sexuelle Beziehung mit einem erwachsenen Mann einzugehen. In der US-Serie "Queer as Folk" (Folge 4/11) fällt eine Äußerung über Zimmer im Kontext nicht ausgelebter Sexualität: "Mein Haus hat viele Zimmer. Ich bewohne aber nur wenige. Die restlichen Räume bleiben verschlossen."


Das Bett des 15-jährigen Felix in "HerzHaft" (2007)

Ein leeres Zimmer verweist auf den Tod

Wer das leere Zimmer und das leere Bett in "Buddies" (1985) sieht, weiß sofort, dass Robert an den Folgen von Aids gestorben ist. Ein leeres Zimmer verweist in "Beginners" (2010) auf den Tod von Olivers Vater und in "Férfiakt" (2006) darauf, dass die Ehefrau die Wohnung und das gemeinsame Leben verlassen hat.


Das Zimmer ist leer und der Mensch ist tot: "Beginners" (2010)

Leben Häuser und Wohnungen eigentlich auch nach dem Tod der Bewohner weiter? Ist dort eine Energie vorhanden und spürbar? In "Last Address" (2010, hier online) von Ira Sachs werden die letzten Wohnungen und Häuser gezeigt, in denen schwule Künstler wie Keith Haring, Robert Mapplethorpe und Reinaldo Arenas bis zu ihrem Tod infolge von Aids gewohnt und gelebt haben und die auch danach noch deren kontinuierliche Präsenz im öffentlichen Bewusstsein wachrufen sollen. Der Regisseur bezeichnet die Häuser als "evocation of the continued presence of these artists".


Die letzte Wohnung von Reinaldo Arenas in "Last Address" (2010). Mit der Stimmung auf diesem Foto wollte der Fotograf möglicherweise an Arenas' auch verfilmten autobiografischen Roman "Bevor es Nacht wird" anknüpfen

Bei dieser "Präsenz" verstorbener schwuler Prominenter dachte ich unweigerlich an den Porno "Pension complète" (1988) von Jean Daniel Cadinot, der die Erlebnisse einer Gruppe junger Schwuler erzählt, die in Bayern das Schloss Neuschwanstein besuchen. Auch der homosexuelle bayerische "Märchenkönig" Ludwig II. ist bis heute präsent und die Bedeutung von Schloss Neuschwanstein lässt sich ohne die Persönlichkeit des Königs wohl kaum vermitteln.

Pornos – Mitbewohner

In Schwulenpornos wird das Wort "Roommates" ("Roommates", "Room Mates 15", "Dirty Roommates", "Breeding Roommates") als sexuelles Signalwort eingesetzt. Die Serie "My Straight Roommate" zeigt in mindestens neun Folgen Phantasien schwuler Männer in Verbindung mit heterosexuellen Mitbewohnern. In "My Straight Roommate 9" trägt das Plakat die Aufschrift: "He claims he's straight, but he always leaves his bedroom door wide open." In diesem Fall symbolisiert die Tür die (erwünschte) sexuelle Offenheit des Mitbewohners.


Mitbewohner als sexuelle Phantasie in "Roommates" und "My Straight Roommate"


Von Dachboden bis Keller – Vom Oberstübchen bis zu den Leichen im Keller

In einigen Filmen symbolisiert ein Haus den menschlichen Körper, wobei einzelne Räume zu Persönlichkeitsanteilen werden können. So stellen Redensarten wie "nicht ganz dicht sein" und "im Oberstübchen nicht ganz richtig sein" zwischen dem Kopf und einem Dachzimmer eine Verbindung her. Mit einem Schlafzimmer und vor allem mit Betten wird auf sexuelle Beziehungen hingewiesen. Der Keller ist ein Symbol für das Unbewusste und die Instinkte und verweist – wie in der Redensart "Leichen im Keller" – auf Angst, Missbrauch und Gewalt.

Der Dachboden


Zwei Schwule "Under one Roof"

Der Filmtitel "Under one Roof" (2002) verdeutlicht, dass zwei Männer gemeinsam "unter einem Dach" wohnen. Damit wird – ähnlich wie bei der Redewendung vom "Dach über dem Kopf" – das Dach pars pro toto sinnbildlich zum Haus. Der Filmtitel erinnert vermutlich nicht ganz zufällig an den gleichnamigen Titel eines der ersten schwulen Schlager: Er wurde von "The Rubettes" (1973) gesungen, ist aber auch als "Mike und sein Freund" (1976) von Bernd Clüver bekannt.

Bei dem schwulen Helmer, der in "Oben ist es still" (2013) seinen sterbenden Vater auf dem Dachboden unterbringt, ist nicht die Etage ausschlaggebend, sondern die auch über den Filmtitel erreichte assoziative Verknüpfung von "oben" mit dem "Himmel" im religiösen Sinne.

Vom Dachboden handelt auch "The Gay in the Attic" (2011, hier online) – ein ironischer Film über die Ängste und die Verunsicherung, die ein auf dem Dachboden lebender Schwuler auslöst. Der Dachboden wird manchmal auch als verbotener Raum inszeniert, zu dem man sich, wie in "Das Bildnis des Dorian Gray" (2009) und "Pianese Nunzio" (1996), nur mit einem besonderen Schlüssel Zugang verschaffen kann. In Dream Boy (2008) vergewaltigt Burke den jungen Nathan auf einem Dachboden und lässt ihn anschließend dort hilflos zurück.


Ein komischer Kauz in "The Gay in the Attic" (2011)

Das Schlafzimmer als sexuelles Signalwort

Das Schlafzimmer verweist auf die persönliche Sphäre des Menschen und ist der Raum, in dem meistens das Sexleben stattfindet. In Filmen werden Schlafzimmer oft sexualisiert. Obwohl das Schlafzimmer in "Cocktail für eine Leiche" (1948) nicht zu sehen ist, bietet schon seine Erwähnung genug Anlass, es dem homo­erotischen Subtext des Films zuzuordnen (D. A. Miller: "Anal 'Rope'". In: "Inside/Out: Lesbian Theories, Gay Theories", hg. von Diana Fuss, 1991, S. 119-141). Die Sexualisierung eines Schlafzimmers kann z.B. dadurch erfolgen, dass hier persönliche Gespräche zwischen Männern stattfinden, wie in "Unser Weg ist der beste" (1976), oder durch die Hervorhebung im Filmtitel wie in "Bedrooms and Hallways" (aka "Kreuz und queer", 1998). Die Einrichtung des klischeehaft rosa Schlafzimmers von Bruno (D: Jean-Paul Belmondo) in "Ein irrer Typ" (1977) verweist nicht nur durch ihre Farbsymbolik, sondern auch durch die weiblich konnotierte Innenausstattung auf die Homosexualität des Protagonisten. In "Tropfen auf heiße Steine" (2000) ist "Schlafzimmer" ein Signalwort für Sex. Ähnliches gilt für den Satz "I guess it's bedtime" in "Chapo" (2012). Die besondere Bedeutung von Fenstern in Schlafzimmern wird nächste Woche behandelt.


Das rosa Schlafzimmer von Bruno (D: Jean-Paul Belmondo) in "Ein irrer Typ" (1977)

Das Schlafzimmer und die Aufstellung der Betten

In US-Filmen der Fünfzigerjahre mussten auch bei Ehepaaren zwei getrennt stehende Einzelbetten zu sehen sein, wenn das Schlafzimmer sichtbar war. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass Menschen bei Betten nicht nur ans Schlafen, sondern mindestens so sehr an Sex denken.

Das Beziehen eines Einzelbetts in dem Aids-Drama "Früher Frost" (1985) macht – ohne dabei über Sex reden zu müssen – das Ende bzw. eine Pause der sexuellen Beziehung von Peter und Michael deutlich. Das Etagenbett in dem Kurzfilm "Miles Apart" (4:30 Min., hier online) deutet die Verhinderung von Sex durch Jeffreys homophobe Mutter an. In "The Best Friend" (2013) könnte die Inszenierung der besonderen Nähe zweier Männer ein sexuelles Verhältnis suggerieren, aber die zwei getrennten Betten im gemeinsamen Schlafzimmer sagen etwas anderes. Die Position von Betten kann aber auch eine sexuelle Beziehung andeuten, recht deutlich in "Lass jucken, Kumpel" (2. Teil, 1973), worin zwei Schwule ihre Betten zusammenschieben. In "Sag nicht, wer du bist" (2013) sieht man von Tom (D: Xavier Dolan) und Francis zunächst nur zwei getrennte Einzelbetten und erst später, dass diese zusammengeschoben wurden.


Getrennte Betten in "The Best Friend" (2013)

Der Film "Eban and Charley" (2000) wird mit dem Motiv des jungen Charley beworben, der fast nackt auf seinem Bett sitzt und die Betrachter*­innen fast einladend ansieht. "Shared Rooms" (2016) wirbt mit dem Motiv einer Bettszene, die verdeutlicht, wie sich schwule Paare eine Wohnung, Räume und das Leben teilen.


Paare teilen sich Räume und das Leben in "Shared Rooms" (2016)

Auch bestimmte Hotelbuchungen lassen sich in diesem Kontext erwähnen: In "J. Edgar" (2011) wird auf die Buchung einer "Zwei-Zimmer-Suite […] anstelle von zwei Einzelzimmern" hingewiesen, die eine Aussage über das Verhältnis des FBI-Direktors Edgar Hoover zu seinem Vertrauten Clyde Tolson macht, für den das zweite Zimmer gedacht ist. Eine ähnliche Formulierung zum gleichen Freundespaar ist auch in "Der Fluch des Edgar Hoover" (2013) zu hören.

Sex im Keller

Die schwule Kellerbar in dem dänischen Kurzfilm "Nomansland" (2013) zeigt die schwule Undergroundszene in Kopenhagen. Trotz (oder wegen) des rauen Klimas und der Drogen kann man auf diese Kellerbar die wenigen positiven Assoziationen, die mit Kellern verbunden sind, übertragen, wie "mutterschoßartige Unterwelt, Ungestörtheit, Entspannung" und "Schutz" ("Das Buch der Symbole. Betrachtungen zu archetypischen Bildern", 2011, S. 574).

"Ungestörtheit, Entspannung" und "Schutz" treffen auch zu, wenn in einem Keller anonymer Sex stattfindet wie in "Prinz in Hölleland" (1993), "Die jungen Wilden" (2008) und "Le fil" (2009). In "Queer as Folk" ist der Darkroom der Disco Babylon zwar ebenerdig, aber ein anderer Darkroom (Folge 1/20) und ein SM-Studio (Folge 1/15) sind in einem Keller untergebracht. Es ist Sex, der das Tageslicht scheut und für den man sich versteckt, der den Zuschauer*­innen aber den erotischen Kitzel vermittelt, bei verboten wirkenden Handlungen dabei zu sein. Es ist ein Blick in die Abgründe eines Kellers bzw. ein Blick hinter die Kulissen.

Gewalt im Keller


Gefangen im Keller in "Jetzt gehörst du mir" (2007)

Die Äußerung "Wir alle haben Leichen im Keller" in "Eating Out 2" (2006) bezieht sich hier auf eine schwule Beziehung und damit (trotz ironischer Brechung) auf das Ungesagte, Verdrängte und verschämt Eingestandene.

Im schwulen Mystery-Kurzfilm "Le cas d'O" (2003) wird der Keller, wie in dem Genre üblich, als beängstigend, schaurig und unheimlich inszeniert. In Kellern werden Männer gefangen gehalten, wie in "Jetzt gehörst du mir" (2007) und in der "Tatort"-Folge "Lauf eines Todes" (Folge 227, 1990), vergewaltigt wie in "Pulp Fiction" (1994), "Sleepers" (1996) und "Hard" (1998) oder gefoltert wie in "Eulogy for a Vampire" (2009). Die Form, wie in "Goat" (2016) die Tür zum Keller geschlossen wird, verdeutlicht, dass den zuvor hineingeführten Männern niemand zu Hilfe kommen wird. Anschließend werden sie sexuell gedemütigt und es werden von ihnen Folterfotos wie in Abu Ghraib geschossen. Ein Keller ist ein Ort, an dem die Opfer alleine sind und niemand ihre Schreie hört.

Im Keller schreckt man auch vor Mord nicht zurück. In "Ein kriminelles Paar" (1999) wird nicht nur Luc als Sexsklave im Keller gefangen gehalten, sondern auch die Leiche von Saïd gefunden und in "Perdido" (2010) wird hier der Sexualpartner ermordet.

Pornos – von "Under One Roof" bis zum "Kellerloch"

Auch in einzelnen Pornos ist das Dach bzw. der Dachboden ein Ort von Sex ("Raw Roof Top Sluts", "Boys in the Attic"), wobei die jeweiligen Beschreibungen erkennen lassen, dass der Dachboden als besonderer Ort mystisch und geheimnisumwittert ist und für Erinnerungen, Gewalt und Geheimnis steht.

Das Schlafzimmer hat auch in Schwulenpornos höchstens in zweiter Linie mit Schlafen zu tun ("In the Bedroom", "Bedroom Eyes", "Sex in the Bedroom", "My Lovely Bedroom"). Die Kissen auf einem Bett dienen nicht nur erotischen Kissenschlachten ("Soldier Sleepover", "Slutty Sleepover"), sondern können in zweifacher Form zu einem Symbol werden: Zum einen ist vom Kissen der Ausdruck "pillow talk" abgeleitet – eine entspannte, intime Unterhaltung nach dem Sex ("Pillow Talkin'", "Dirty Pillow Talk"). Zum anderen werden im Ausdruck "Kissenbeißer" die Schmerzen beim passiven Analverkehr zum Ausdruck gebracht, der zum Filmtitel "Bite the Pillow" führte und nach der Inhaltsbeschreibung auch in dem Porno "Covert Missions 2" aufgegriffen wird.

In den Pornos, die auf einen Keller als Handlungsort Bezug nehmen ("The Cellar", "Basement Buttfuckers", "Basement Fuck", "Keller/Cellar"), werden manchmal auch Anus-Metaphern ("Kellerloch") und Tiermetaphern verwendet ("The Dragon Files in the Basement"). Mit Sex im Keller ist in erster Linie als "dreckig" geltender Sex gemeint ("Dirty Fuckers", "Dirty Habits", "Down and Dirty"). Darüber hinaus stehen Keller wie in "Anal Detention" auch für Gefangennahme, Folterung und Angst. Eine Ausnahme davon ist der Porno "Sexy Dolls" mit einem Keller als Ort der vergessenen Erinnerungen. Ein Label bezieht sich mit dem Namen "Basement Buttfuck" deutlich auf den Keller. Unter Verwendung gängiger phantastischer Venedig-Klischees findet in Jean Daniel Cadinots "Le voyage à Venise" (1986) Sex im Rahmen geheimnisvoller Rituale in einem angeblich venezianischen Keller statt.


Eine besondere Form der Unterhaltung nach dem Sex wirbt für den Sex in "Pillow Talkin'". Sex im Keller in "The Cellar"


Der Kleiderschrank – Coming-out and proud of the closet

Der Kleiderschrank steht für Ordnung im Leben und für einen Ort, an dem man etwas verschließen will, das einem als wertvoll erscheint. Jeder Mensch darf selber bestimmen, was er anderen Menschen zeigt. Das kann auch etwas sein, das man ängstlich hüten will. In den USA wird seit Stonewall mit der Redewendung "coming out of the closet" (= "aus dem Kleiderschrank herauskommen") ausgedrückt, dass Schwule und Lesben offen mit ihrer Homosexualität umgehen, dies wurde eine "zentrale Metapher" der Emanzipationsbewegung (Wikipedia). Davon abgeleitete Begriffe wie "Coming-out" und "Outing" sind mittlerweile international gebräuchlich.

Die meistens nur übertragene Verwendung des Ausdrucks "closet"

"Closet", "Coming-out" und "Outing" gehören zu den symbolischen Begriffen, die am häufigsten losgelöst von ihrer ursprünglichen bildlichen Bedeutung verwendet werden. Trotz internationaler Verwendung sind es meistens Filme aus den USA, die diese Begriffe auch im Titel als bloße Redewendung aufgreifen. Dazu gehören Spielfilme wie "The Closet" (2001, aka "Ein Mann sieht rosa"), "Closet Monster" (2015), aber auch Kurzfilme wie "The Closet" (1973, 2008), "In the Closet" (1994, 2015), "Monster in the Closet" (2013), "Beyond the Closet" (2009) und "Out Now" (2005). Zu nennen sind auch Dokumentationen wie "Word is Out" (1977), "The Celluloid Closet" (1995), "Out. For the long run" (2011) und "Inside the Chinese Closet" (2015). Zu den wenigen deutschen Filmen, die diese Formulierungen im Titel aufgreifen, gehört neben dem schwulen Film "Coming Out" (DDR 1989) auch der lesbische Film "Kommt Mausi raus?" (1994).


Reflektiert die gesellschaftliche Situation, aber nicht die Schrank-Symbolik des Titels: "Coming Out" (DDR 1989)

Der sichtbare "closet" im Film

Von der symbolischen Bedeutung her sind die schwulen Filme spannender, die in diesem Kontext einen Kleiderschrank auch zeigen. Hingewiesen sei auf drei Kurzfilme aus unterschiedlichen Genres: Im Horrorfilm "In the Closet" (2008) wird mit der ersten schwulen Begegnung ein Geist im Kleiderschrank geweckt. Im vietnamesischen Drama "The Closet" (2011) hat sich der junge feminine Ti in seinem Schrank mit Fotos und Zeitungsartikeln fast wohnlich eingerichtet und traut sich erst spät heraus. In dem Sci-Fi-Mysteryfilm "Closets" (2015) fungiert der Schrank als ein Art Zeitkapsel, die den schwulen 16-jährigen Henry in eine andere Zeit katapultiert.

In den Filmen, bei denen nicht schon der Titel auf den "Schrank" aufmerksam macht, fallen die Filmszenen unterschiedlich deutlich aus. Ich halte es zumindest für möglich, dass die Szene mit dem Kleiderschrank in dem Trans*-Drama "I want what I want" (1971, 10:30-12:00 Min., hier online) auf seine symbolische Bedeutung hin inszeniert worden ist. In "Unser Weg ist der beste" (1976) ist es wie ein Insidergag inszeniert, dass der Makler den (nicht geouteten) Philippe am Ende des Films mehrdeutig auf die vielen Schränke in der neuen Wohnung aufmerksam macht. An politischer Deutlichkeit kaum noch zu überbieten ist in "The Simpsons" (Folge 13/9) eine Szene, in der ein Kleiderschrank mit der Aufschrift "Stayin' in the closet" auf einem CSD-Wagen präsentiert wird.


Ein "Stayin' in the closet"-Wagen auf dem CSD in "The Simpsons" (Folge 13/9)

Der "closet" in "South Park"

Aufgrund ihrer breiten Rezeption lohnt es sich, auf zwei Filme näher einzugehen. In der "South Park"-Folge "Schrankgeflüster" (Folge 9/12, OF: "Trapped in the Closet", 2005) versteckt sich Tom Cruise in einem Kleiderschrank und möchte nicht herauskommen. Da Cruise gerichtlich gegen diese Folge vorging, wurde auch in den deutschen Medien über die Bedeutung des Schrankes im schwulen Kontext berichtet. Eine Besprechung im "Spiegel" (25. Oktober 2011) zeigt, dass der sprachliche Hintergrund in Deutschland immer noch erklärt werden musste: "Der Witz basiert auf einer amerikanischen Redewendung ('to come out of the closet') für das Coming-out eines Homo­sexuellen."


Tom Cruise versteckt sich in einem Kleiderschrank ("Southpark", Folge 9/12)

Der "closet" in "Brokeback Mountain"

Am Ende von "Brokeback Mountain" (2006) sieht Ennis in Jacks Schrank und die Kamera aus dem Schrank heraus zu Ennis. Joachim Pfeiffer geht ausführlich darauf ein, wie in dieser Schrank-Szene die "Semantik des Closet" wörtlich umgesetzt wurde: "Jacks Kleiderschrank hat kein Fenster nach draußen. Er steht für das Versteck und die Ausweglosigkeit ihrer Beziehung. In einer Umkehrung der Blickrichtung befinden sich die Zuschauer […] plötzlich selbst im Kleiderschrank" (Joachim Pfeiffer: "Verkehrte Western-Helden? Zur komplexen Erzählstruktur von Ang Lees Film 'Brokeback Mountain'". In: "Männer und Geschlecht", Heft 21, 2007, S. 229-239). Der Autor verweist dabei auch auf die Bedeutung des Buches von Eve Kosofsky Sedgwick "Epistemology of the Closet" (1990), das die Geschichte des "Closet"-Motivs anhand literarischer Beispiele veranschaulicht.

Was von Joachim Pfeiffer vielleicht etwas trocken-wissenschaftlich formuliert ist, wird im Abspann von "Curtains" (2012) als emanzipatorische Botschaft emotional so auf den Punkt gebracht: "Closet ist for clothes & not for you. Be out and proud."


Die wörtliche Umsetzung der "Closet"-Semantik in "Brokeback Mountain" (2006)

Der Schrank als schlecht zu übersetzende Metapher

Wenn der Schrank in US-Filmen als Metapher eingesetzt wird, stellt sich die Frage nach einer adäquaten Übersetzung. Der Originaltitel des französischen Films "Le placard" (2001) und sein US-Verleihtitel "The Closet" funktionierten. Die wörtliche Übersetzung mit "Der Wandschrank" hätte als deutscher Verleihtitel jedoch nicht funktioniert und der Film wurde daher aus guten Gründen anders, nämlich als "Ein Mann sieht rosa", vermarktet.

Auch die direkte Übersetzung einer Filmszene aus "Zwei irre Typen auf heißer Spur" (1982), in der über Schwule gesagt wird: "Jahrelang haben sie sich im Schrank versteckt", war vermutlich für die deutschen Zuschauer*­innen nur eingeschränkt verständlich. Viele witzige Andeutungen in "The Simpsons" wie "coming out of the pep closet" (Folge 11/2), "It came out of the closet" (Folge 8/15) oder das Schild "Sterling Closet" als Anspielung auf "Staying in the Closet" (Folge 22/11) gingen bei der Synchronisation genauso verloren wie die vergleichbaren Schrankwitze in "Happily Divorced" (Folgen 1/4, 2/8, 2/13). Dass sich Teds Katze in "Queer as Folk" (Folge 4/13) in einem Schrank versteckt, wird mit einem "Coming-out"-Hinweis kommentiert. Natürlich können dies nur die Menschen verstehen, die auch den Ursprung der Redewendung kennen. In "Meeresfrüchte" (2004) wird, leider etwas halbherzig, der Versuch unternommen, den "Schrank" im schwulen Kontext zu erklären: Er "ist was Poetisches. Ein Bild eben."

Die "Schrank-Schwuchtel"

Der trockene Humor einer Folge der Comedy-Serie "Der Tatortreiniger" (Folge 2/4) basiert vor allem darauf, dass der (heterosexuelle) Tatortreiniger (D: Bjarne Mädel) – in der Hälfte der gesamten Folge – mit einem Schwulen im Schrank eingeschlossen ist. Diese Schrank-Szene gewinnt an Deutlichkeit, weil der kurz zuvor in dieser Wohnung Ermordete von seinem Lebenspartner als "Schrank-Schwuchtel" bezeichnet wurde, eine seltene und – wie auch hier – nicht unbedingt abwertende Bezeichnung in Form einer Alliteration für einen nicht offen schwul lebenden Mann.


Der Schrank der "Schrank-Schwuchtel" in "Der Tatortreiniger" (Folge 2/4)

Die Ableitung "Coming In"

Von "Coming-out" abgeleitet sind die Titel der beiden Spielfilme "Coming In" (1997, 2014) und der Serie "Coming In" (2016), worin jeweils ein schwuler Mann seine Heterosexualität entdeckt. Das gilt auch für Jeremie in dem Film "Toute première fois" (2015), der mit dem Text "It's a funny story of a 'Coming In'" beworben wird. In all diesen Filmen sind Männer gemeint, die sich im Laufe eines Prozesses ihrer Heterosexualität bewusst werden und lernen, offen dazu zu stehen. Die Bedeutung von "Coming-out" wird damit erkennbar ins Gegenteil verkehrt, dies passt aber nur bedingt in das oben beschriebene symbolische Bild eines Schrankes, weil sich Heterosexuelle nie verstecken mussten.

Pornos – "out" bedeutet auch "raus aus den Klamotten"

Auch in Pornos werden die Begriffe "out" und "closet" meistens als Bezeichnung für ein offen schwules Leben ("Latinos out of the Closet", "Out!") bzw. ein versteckt schwules Leben (Reihe "In the Closet") verwendet. Dazu gehört auch der Titel "Walk-in Closet", der gleichermaßen einen begehbaren Kleiderschrank und ein Ausgehen mit Frauen meint, um damit einen heterosexuellen Eindruck zu erwecken. Ein schwules Pornolabel heißt "Gentlemen's Closet". Nur ganz selten werden in Schwulenpornos diese Begriffe optisch mit einem Kleiderschrank verbunden ("The Closet. No one comes out!").


Der Kleiderschrank in "Latinos out of the Closet" und "The Closet. No one comes out!"

In Pornos wie "Out in the Office" und "Out of Clothes" geht es nicht mehr um ein Herauskommen aus der Anonymität, sondern um ein Herauskommen aus den Klamotten. Das Wort "out" wirkt darüber hinaus wie ein beliebtes schwules Signalwort, das zwar oft in Titeln verwendet wird, sich dabei aber auf vollkommen andere Lebensbereiche beziehen kann ("Hanging Out", "No Way Out", "Out Sider", "Flipped out", "Knock Out", "Chill Out", "Lights Out", "Out of Control", "Eat me out").

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