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Interview
Wie kam es zum queeren Reenactment der "Zauberflöte"?
Mit ihrem Stück "Der Flötenzauber" drehen die Schlagenknaben nicht nur den Titel von Mozarts bekannter Oper um. Vor der Premiere am Donnerstag in Berlin trafen wir die drei Performer*innen zum Interview.

Die Schlangenknaben lernten sich bei einer Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte" kennen (Bild: Valentin Eisele)
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21. Juni 2023, 08:12h 10 Min.
Ein Stück für Fans und Nicht-Fans der "Zauberflöte": Mit ihrer Performance "Der Flötenzauber" drehen die drei Performer*innen der "Schlagenknaben" nicht nur den Titel von Mozarts bekannter Oper um, sondern möchten zugleich die Hierarchien an performativen Aufführungsorten durchrütteln. Vor der Premiere am Donnerstag, den 22. Juni 2023 im Berliner TAK-Theater trafen wir das künstlerische Trio aus Carla (sie), Jakob (they/keine) und Viola (sie) zum Interview.
In Kürze ist Premiere eures Stückes "Der Flötenzauber" in Berlin: Welche Stimmung herrscht hinter der Bühne?
Carla: Aufregend! Wir machen alles, was richtig Bock macht: singen, tanzen, in Schlangen springen, an der Stange…
Viola: Wir haben eine Poledance-Stange, ein Alphorn, Kostüme, eine Schlange… Und jetzt ist gerade der Moment, in dem sich alles zusammenfügt mit der Musik, die wir gebaut haben.
Carla: Wir sind seit zweieinhalb, fast drei Wochen in den Intensivproben. Wir haben viele Helfer*innen, und wir proben gerade am meisten mit Hendrik LeBour, ein Tänzer und Choreograf aus Belgien, der unser "Auge von außen" ist.
Jakob: Choreografie heißt in dem Sinne, dass Hendrik sich total auf unseren Humor und die Erzählweise einlässt. So haben wir da eine gute Dynamik zusammen.
Viola: Es ist keine Regie in dem Sinne, sondern eine kollektive Entwicklung.
Carla: Bereits seit Monaten beschäftigen wir uns mit der "Zauberflöte" intensiv und nehmen musikalisches Material daraus…
Viola: Die Hits!
Damals in den Charts ganz weit oben…
Carla: … und machen jetzt wirkliche Hits draus, verändern die teils stark, teils fast nicht.
Ihr habt darüber geredet, dass die choreografierende Person euren Humor aufnimmt: Wie würdet ihr euren Humor beschreiben?
Jakob: Unser Humor ist glaube ich, dass wir manchmal so baff von Verhältnissen sind, dass wir uns in ein übertriebenes Gelächter stürzen und sie im zweiten Schritt reenacten. In dieser Nachstellung toxischer Unterdrückung entwickeln wir einen großen Spaß – weil wir uns selbst ermächtigen und konkrete Kommentarebenen an eine Entlarvung knüpfen. Ganz essenziell binden wir dieses politische Anliegen an unsere Körper, mit denen wir intensiv arbeiten.
Carla: Was wir eigentlich machen, ist ein Reaction-Video auf die "Zauberflöte".
Woher kommt die Inspiration durch die "Zauberflöte"?
Carla: Wir haben da mal gearbeitet…
Viola: Unser Kollektiv ist entstanden in einer Produktion der "Zauberflöte": Da hat sich ein reicher Typ einen Traum verwirklicht, Opernregisseur zu sein, und hat sich alles eingekauft dafür: ein Orchester und Solist*innen.
Was man(n) halt so macht an einem Donnerstagnachmittag…
Viola: Ich kannte Leute aus dem Orchester und meinte: "Wir machen die Knaben, ich bring noch welche mit!" Und Carla kannte Jakob, und hat Jakob mitgebracht, und dann war das so ein "magic match". Wir haben die drei Knaben gespielt, die im Stück immer wieder als Wegweiser auftauchen, aber auch die Schlange, das Monster am Anfang, das auftaucht, um Tamino zu erschrecken. Und dafür haben wir die Kostüme gemacht -- es war eine furchtbare Erfahrung, die wir in dieser Opernproduktion geteilt haben.
Carla: Aber wir haben uns gefunden, und daraus wurde unser Kollektiv geboren.
Viola: Wir haben uns weiterhin getroffen und beschlossen, auch weiterhin zusammen zu singen. Wir haben die Kostüme aus der "Zauberflöt"e-Produktion miteinander kombiniert und als Ersatz für ein Orchester elektronische Beats zu der Oper hinzugefügt. Und dann haben wir angefangen, auch andere Songs zu machen.
Viola: "Der Flötenzauber" ist unsere erste Inszenierung im Theaterkontext.

Die Schlangenknaben im Flötenzauber (Bild: Valentin Eisele)
Welche thematischen Schwerpunkte verwendet ihr aus der "Zauberflöte"?
Jakob: Wir stellen nicht die Handlung chronologisch nach, sondern umreißen sie nur kurz. Eigentlich picken wir uns so Inhalte raus, die für uns aus der "Zauberflöte" relevant sind, und stellen bestimmte Zeilen aus und bearbeiten diese.
Viola: Die Narrative, die in der Geschichte enthalten sind, sind teils total diskriminierend. Wir erforschen beispielsweise die Geschichte der Königin der Nacht: Was singt sie da, welche Rolle hat diese Frau?
Carla: Und was projiziert Emanuel Schikaneder eigentlich in diese Rollen? Oft geht unter, dass er das Libretto (also den Text der Oper) geschrieben hat, weil Mozart immer als Komponist ins Gespräch gebracht wird.
Jakob: Es gibt eine Figur, den Monostatos, dessen Song wir nicht nachstellen wollen: Er ist böse rassistisch, wird aber bis heute an Opern tatsächlich mit dem Text gezeigt. Das ist immer häufiger zu sehen: Das Bühnenbild wird modernisiert, die Inhalte werden hingegen nicht angefasst. Diese Narrative und die patriarchale, rassistische Institution, die dort aufgebaut wird, bleiben unkommentiert. Niemand übernimmt die Verantwortung dafür.
Viola: Und all das passiert in einem Stück, das als Einstiegsoper für Kinder gilt. Die "Zauberflöte" ist nach wie vor eine der meistgespielten Opern. Wir haben das Gefühl, die wirklichen Inhalte werden nicht aufgearbeitet.
Ist euer Versuch beispielshaft für bestimmte Inszenierungen, die eigentlich eine Überarbeitung und einen "Scan" auf diskriminierende Inhalte bräuchten?
Carla: So könnte man das sagen, ja. Es ist ein Paradebeispiel – und zufällig auch das, in dessen Inszenierung wir uns gefunden haben.
Wie ist euer autobiografischer Zugang zu Opern, Musik, Theater und performativen Künsten?
Jakob: Ich habe Theaterschauspiel studiert und dort enge Raster kennengelernt, wie Kunst umzusetzen ist. Hier führt man eher Ideen von anderen aus, die auch in Hierarchien eingebettet sind: Die Regie an dem Haus ist abhängig ist von der Vorstellung der Hausverwaltung für die jeweilige Spielzeit usw. Oft arbeiten hier Leute zusammen, die nicht gut miteinander funktionieren, aber als Ensemble nach außen hin gut wirken. Das ergibt für mich keinen Sinn, davor bin ich geflüchtet.
Carla: Ich habe eine Schauspielausbildung gemacht und dann Musik und Bewegung studiert an der Musikhochschule. Ich habe viel in der freien Szene gearbeitet, an der Schnittstelle zwischen Musik und Theater. Obwohl die Oper genau diese Fusion darstellt, habe ich gemerkt, dass ich etwas an ihr richtig komisch finde: einerseits die Strukturen, andererseits auch die Inhalte.
Viola: Ich spiele Horn und bin viel mit klassischer Musik aufgewachsen. Nach der Schule habe ich in der Jungen Oper in Stuttgart gearbeitet und störte mich an der wenig agilen Aufführungskunst dort. Dann habe ich zusammen mit Carla studiert und bewegte mich in die performative freie Szene, von der ich davor gar nichts wusste. Die Schlangenknaben sind mein persönliches Coming-out in beiden Bereichen: Musik und Performance.
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Inwiefern finden die Melodien Eingang in eure Inszenierung?
Jakob: So 50-50 aus Eigenkomposition und Original: Wir haben bei manchen Songs mit dem textlichen Material gearbeitet und dann frei dazu improvisiert, haben Töne und Harmonien rausgenommen, die dann in einem Loop kommen. Ansonsten ist das Werk entfremdet und hat durch das Performance-Setting eine andere Ebene…
Carla: …oder durch die Sounds: Es ist eben kein Orchester auf der Bühne, sondern elektronische Musik.
Viola: Aber wenn man sich als "Zauberflöten"-Fan bezeichnet, wird man auch nicht enttäuscht. Die bekanntesten Melodien tauchen auf, und es ist spannend, diese zu entdecken.
Wie kann ich mir den erzählerischen Verlauf eurer Performance vorstellen?
Carla: In der originalen "Zauberflöte" sind die drei Knaben diejenigen, die immer wieder den Protagonist*innen Hinweise geben und durch den Abend führen. Das haben wir übernommen: Wir treten wieder als die drei Knaben auf, interagieren mit dem Publikum und führen an den einzelnen Themen und Songs entlang durch den Abend.
Viola: Chronologisch gehen wir nicht vor, sondern wir tauchen in die Charaktere ein.
Jakob: Wie ein Blick ins Backstage: Wie geht's eigentlich Tamino? Wir sind eigentlich immer die Schlangenknaben, die in enger Verbindung mit den Charakteren stehen, sie jetzt aber mit Abstand aus einem anderen Licht sehen. Wir nehmen uns als Performer*innen nicht aus, sondern sind uns bewusst darüber, Teil einer künstlerischen Branche zu sein, die die Geschichte 230 Jahre lang getreu erzählt hat.
Wie viele Leute sieht man insgesamt auf der Bühne?
Alle: Uns drei.
Jakob: Als drei reale Menschen schlüpfen wir in die verschiedensten Rollen. Lese ich gerade die Figur oder beschäftige ich mich mit meiner eigenen Position zu dem Thema, in das eine Figur involviert ist? Die Unterscheidungen verschwimmen zunehmend, alles wird fluid. Außerdem kommt die Entdeckung der Schlangenknaben äußerlich über die Kostüme: die Schlange mit ihrem verführerischen Kostüm und die Knaben mit den maskulin konnotierten Bärten. Das Drag-Sein und die Repräsentation eines fluiden Geschlechts bieten viele performative Handlungsspielräume, über Sachen zu verhandeln. Die Fusion der Schlangenknaben bietet in ihrem Ursprung viele bespielbare Ebenen, sodass wir in keiner genderspezifischen Rolle gefangen sind. Wir ermöglichen den Figuren aus der "Zauberflöte" eine Befreiung von Geschlechterzuschreibungen.
Ihr habt über die Lust an Körperlichkeiten gesprochen. Wie lässt sich das hier in den Kontext bringen?
Jakob: Wir sind alle an irgendeinem Punkt in unserer Biografie aus institutionellen Zwängen, die uns gelehrt haben, wie der Körper einzusetzen ist, geflüchtet. Witzigerweise haben wir uns genau aus diesem unbedingten Wunsch gefunden, den eigenen Körper jederzeit selbstbestimmt zu benutzen. Das schafft so eine bestätigende und wohlwollende Atmosphäre während der Proben, weil wir uns und unseren Körpern so vertrauen.
Viola: Wir arbeiten nach dem Lustprinzip, insbesondere mit unseren Körpern: Wo empfinden wir Lust oder haben Freude am gemeinsamen Musizieren, am körperlichen Ausdruck, wo führt uns das hin?
Während den Proben habt ihr versucht, einen möglichst hierarchiefreien Raum zu etablieren. Inwiefern spürt ihr eine positive Auswirkung auf euch, im direkten Vergleich zu Produktionen an Institutionen wie Opern und Theatern?
Jakob: Dieser Vergleich zeigt schon, dass wir uns nicht in den direkten Dienst einer Institution stellen. Wir haben eine Vision und holen uns die Leute ins Team, also auch im Kostüm, für Zaubertricks, in der Technik. Wenn sich ein Unwohlsein ergibt und sich Machtverhältnisse auswirken (und das kann durchaus passieren und ist auch okay), dann gibt es bei uns den Raum, das mitzuteilen.
Viola: Ich glaube, es ist wertvoll, dass wir als Trio so gut funktionieren und die Produktionsgröße überschaubar ist. Hierarchien sind hier schneller zu entdecken.

"Wir arbeiten nach dem Lustprinzip, insbesondere mit unseren Körpern" (Bild: Valentin Eisele)
Ich habe bei euch allen den Wunsch nach Freiheit gehört, sich nicht in Strukturen einzupassen und eine Fluchtbewegung weg von hierarchischen Strukturen: Habt ihr einen Wunsch an Institutionen wie Oper oder Theater, wie es in zehn Jahren aussehen könnte? Habt ihr eine Vision, wie so ein Ort aussehen könnte?
Viola: Schöne Frage.
Carla: Ich glaube, das wird schwieriger, je mehr Leute involviert sind. Dennoch glaube ich, dass es möglich ist, auch ein großes Haus mit mehr Freiheit und Mitbestimmungsrecht für alle zu kreieren.
Jakob: Das liegt auch an der Besetzung der oberen Etagen der Hierarchien. Also solange die einfach nur Privilegien genießen und das nicht checken, können keine Themen angesprochen werden, die relevant sind. Traditionen werden nicht angetastet, weil niemand die Notwendigkeit verspürt, sie zu brechen. Wir finden so gut wie keine inklusiven Ansätze in Theater und Oper, es wird noch immer strikt nach Stereotypen und Schönheitsidealen gesucht. Vor allen in den Themengebieten Queerness und Rassismen herrscht noch immer ein belächelndes Verhältnis von oben, gegen das es mühselig ist vorzugehen.
Viola: Ein ganz wichtiger Punkt ist, sich reduzieren zu können. Man muss auch kleiner und leiser denken können, ohne das Alte eben abzusprechen. Der Gedanke der großen Theater- und Opernhäuser scheitert an der Baufälligkeit vieler Gebäude und der anstehenden Pensionierung vieler Orchestermitglieder in den nächsten Jahren. Diesen Generationenwechsel denkt niemand mit.
Carla: Schon die Ausbildung an den Hochschulen ist verkrustet: Schauspieler*innen und Musiker*innen werden vielmehr zu Dienstleister*innen als künstlerisch Aktiven ausgebildet.
Viola: Die internationale Opernwelt ist zunehmend kommerzialisiert: Die Stars reisen von Opernhaus zu Opernhaus, singen ihre bekannten Rollen, und das kostet eine Menge Geld, da sich die Opernhäuser davon größere Zuschauer*innen-Zahlen erhoffen. Dieses Starsystem gilt es zu hinterfragen.
In dem Namen eures Kollektivs spiegelt sich ja eine Nicht-Binarität wider. Inwiefern findet die Auflösung von Geschlechterbinaritäten statt?
Carla: In fast allen Opern spielt diese Binarität eine krasse Rolle. Ich hab eine Statistik gelesen, die zeigt, dass die Rolle des Soprans überproportional oft stirbt, während der Bass nie sein Leben lassen muss. Femizide manifestieren sich in den Opern. Diese Geschlechterzuschreibungen können wir von den Rollen wegnehmen und etwas mehr Bewegung in die Besetzung bringen.
Jakob: Die Frage ist für mich ein guter Impuls. Wir benennen die Genderbinarität und zeigen, dass sie da ist, und auch, dass die Figuren kein Bock darauf haben.
Wie viele Aufführungen habt ihr geplant?
Viola: In Berlin haben wir zwei, also am 22 und 23. Juni in TAK-Theater, und eine in Nordhausen im Zirkus Zappelini am 30. Juni 2023.
Links zum Thema:
» Homepage der Schlangenknaben mit weiteren Informationen
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
















Sollen sie doch ...
ABER:
Nein, das wollte ich NICHT sehen!
Der originale MOZART mit seiner hervorragenden Musik und Oper "Die Zauberflöte" ist um Klassen besser.
Es gibt viele (überflüssige) Nachahmer/innen, von denen man schon nach ein paar Jahren nichts mehr hört.
MOZART wurde 1756 geboren - und wird noch heute weltweit in allen Opernhäusern und Konzertsälen aufgeführt.
Nur Qualität hält sich so lange!
Nur das Original interessiert mich.