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Ab Donnerstag im Kino
Trans Frau undercover
Im Kriminaldrama "Bis ans Ende der Nacht" geht es dunkel und kalt her. Von Gangstern und queerer Liebe. Auf der Berlinale ausgezeichnet und mit ein paar Schwächen – dennoch unbedingt einen Kinobesuch wert. Allein schon wegen Thea Ehre!

Leni Malinowski (Thea Ehre, 2.v.l.) kommt für die geheime Mission aus dem Gefängnis frei (Bild: Grandfilm)
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21. Juni 2023, 11:21h - 4 Min.
Die kriminelle Unterwelt ist hart, abgebrüht, voll skrupelloser Schurken und Geschäftsmänner, die auch noch echt Kerle sind, alles dreht sich um harte Fakten, hartes Geld und harte Drogen. Und doch ist es auch ganz anders. In seinem neuen Spielfilm "Bis ans Ende der Nacht" zerschlägt Regisseur Christoph Hochhäusler den Kriminalfilm und setzt die Bruchstücke queer wieder zusammen.
Eigentlich könnte es nicht simpler und näher an der Standard-Vorgehensweise der Großstadtpolizei sein. Polizist Robert (Timocin Ziegler) soll sich als verdeckter Ermittler als Partner der gerade aus dem Gefängnis entlassenen Leni (Thea Ehre) ausgeben, um sich in die persönlichen Kreise von Großdealer Victor (Michael Sideris) einzuschleusen. Doch so simpel ist es dann doch nicht. Denn Robert und Leni haben eine romantische Vergangenheit. Noch vor Lenis Coming-out als trans hat sich Robert in sie verliebt. Nun muss er nicht nur den glücklichen Freund, sondern auch gleich noch hetero spielen.
Die überraschende Sanftheit des Untergrunds

Poster zum Film: "Bis ans Ende der Nacht" startet am 22. Juni 2023 bundesweit in den Kinos
Regisseur Hochhäusler hat sich nicht wenig aufgeladen. Bereits der Titel lässt große und fragwürdige Vorbilder anklingen. Die Gangstergeschichte durchzogen von emotionalen Fäden ist eigentlich ganz Teil der Tradition. Was das Genre des Noir-Krimis auszeichnet, ist nämlich gerade die Düsternis und die Zerrissenheit sowohl in den Bildern als auch im metaphorischen Sinne in der Handlung und den Beziehungen. Während die aber klassischerweise heterosexuell und cis sind, werden diese Linien in "Bis ans Ende der Nacht" immer wieder auf faszinierende Weise zersetzt. In der Düsternis der gegenwärtigen Großstadt erzählt der Film eine ganz wunderbar erbauliche Idee: Die bekannten Tropen und erzählerischen Muster versagen, und es ist an Leni und Robert, ihre Geschichten neu und eigenmächtig zu erzählen.
Was sich auf der einen Seite als so spannende Geschichte darstellt, hat jedoch auch deutliche Schwächen, wenn es um die filmische Ausführung geht. "Bis ans Ende der Nacht" orientiert sich auch visuell ganz ausführlich an den Genretraditionen. Robert ermittelt – das ist schon zu viel gesagt. Die Kriminalhandlung tritt immer wieder so sehr in den Hintergrund, dass mensch sie zeitweise beinahe vergisst. Robert ermittelt weniger, als dass er sich von Kriminalhandlungs-Versatzstücken durch eine wabernde Dunkelheit treiben lässt. Ob in der Tanzschule oder im Club von Gangster Victor, ob im Nobelrestaurant oder der zur Tarnung angemieteten Wohnung: Die Welt ist nächtlich verschattet. Selbst in der Sichtbeton-Penthousewohnung sitzen die Schatten in den Ecken.
Die Absicht des Films ist klar, auch bildlich ist dies ein Abstieg ins Dunkle, eine Reise durch die Nacht. Kameramann Reinhold Vorschneider unterstreicht die visuellen Absichten des Films durch ein voyeuristisches Suchspiel. Mal ist die Kamera spannerhaft weit entfernt, scheint sich einzuschleichen; dann ist sie ganz nah an den Schauspielenden, vermittelt das Gefühl, sich hier gerade aufzudrängen. In der Intention hervorragend. Jedoch gelingt dieses visuelle Spiel immer nur abschnittsweise. Streckenweise rutschen die Bilder ein bisschen zu sehr Richtung Sonntagabendfernsehen ab.
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Ein schauspielerisches Glanzlicht
Bisher unerwähnt: Neben Leni und Robert gibt es da noch die Beziehung zwischen Victor und seiner Freundin Nicole (Ioana Iacob), die ebenfalls – wenn auch ganz andere – Beziehungsprobleme haben. Was als Gegenfolie zur zentralen Liebesgeschichte zwischen dem Polizistin und der (vermeintlich) Kriminellen gedacht ist, fällt allerdings komplett flach. Hier fehlt es dem Drehbuch von Florian Plumeyer Handlung an Idee und Fokus. Die boshafte Unglücklichheit und die Brutalität, die zwischen diesen vier hervorragend angelegten Figuren erzählt werden könnte, bleibt leider etwas dünn.
Strahlendes Glanzlicht des Films, es kann nicht anders gesagt werden, ist eindeutig Thea Ehre als Leni. Ein Glück, dass dieser Film sie hat. Über weite Strecken trägt sie die Handlung eigenhändig und schafft es, all die kleineren Schwächen auszugleichen. Auch in den Einstellungen, in denen die kinematografische Präzision nachlässt, strahlt Ehres Schauspiel und füllt den Moment aus.
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Bei der diesjährigen 73. Berlinale wurde die 23-Jährige für ihre Darstellung in "Bis ans Ende der Nacht" mit einem Silbernen Bären als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet. Während die Auszeichnung mehr als gerechtfertigt ist, ist es beinahe etwas frech, dass sie als Nebendarstellerin eingeordnet wird. Ihr Spiel ist eines der Hauptargumente für diesen Film.
Die Großstadt ist ein erzählerischer Klischepfuhl und bis an die mit klebrigen Kippenstummeln miefende Stadtgrenze auserzählt. "Bis ans Ende der Nacht" zeigt, dass das nicht der Fall ist, und schafft es mit einer nicht makellosen, aber doch sehenswerten akut gegenwartlichen Kriminal- und Liebesgeschichte zu unterhalten. Im Zentrum brilliert Thea Ehre, für die allein sich der Kinobesuch lohnt.
Bis ans Ende der Nacht. Drama. Deutschland 2023. Regie: Christoph Hochhäusler. Cast: Timocin Ziegler, Thea Ehre, Michael Sideris, Ioana Iacob, Rosa Enskat, Aenne Schwarz, Gottfried Breitfuß, Sahin Erylmaz, Ronald Kukulies. Laufzeit: 119 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: Grandfilm. Kinostart: 22. Juni 2023
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20:15h, rbb:
Legenden
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