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Bundestagsdebatte
Anti-Gender-Antrag der AfD verleitet sogar CDU-Politikerin zum Gendern
Die AfD lässt den Deutschen Bundestag mal wieder über geschlechtergerechte Sprache debattieren – dieses Mal mit einem "Copy-und-Paste-Antrag".

Die AfD-Abgeordneten amüsieren sich bei der Gender-Debatte (Bild: Screenshot Parlamentsfernsehen)
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22. Juni 2023, 09:52h 4 Min.
In einer lebhaften Debatte ging es am Mittwochabend im Bundestag eine gute halbe Stunde ums Gendern. Zum wiederholten Male hatte die AfD einen entsprechenden Antrag gestellt ("Keine Verfremdung durch sogenannte Gendersprache", PDF). Dieses Mal machte sich die Rechtaußenfraktion besonders wenig Arbeit: Sie kopierte in großen Teilen einen Antrag der Thüringer CDU-Fraktion, der vergangenen Herbst mit Unterstützung der AfD angenommen worden war (queer.de berichtete).
Für die AfD trat Mariana Harder-Kühnel ans Rednerpult – und sprach nicht nur über das Thema, sondern auch über Wahlumfragen, "unbezahlbare Wärmepumpen" oder "schwangere Männer". Beim Gendern, so behauptete die 48-Jährige, gehe es – wie bei vielen Ampelprojekten – um nichts weniger als die "Unterdrückung der Mehrheit". Deshalb sei ein Verbot des Genderns nicht nur in Behörden, Schulen und Universitäten nötig, sondern auch im – eigentlich politisch unabhängigen – öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Genau diese Verbote fordert der CDU/AfD-Antrag.

Mariana Harder-Kühnel würde gerne dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk einen Maulkorb verpassen (Bild: Screenshot Parlamentsfernsehen)
"Typisches Manöver"
Der SPD-Abgeordnete Helge Lindh bezeichnete den AfD-Antrag als "typisches Manöver", mit der die Rechtsaußenfraktion die CDU vorführen wolle. Der Wuppertaler warf der AfD vor, "manisch besessen von Gendern und Identität" zu sein. "Sie sind die größte Sprachpolizei", so Lindh weiter. In seiner Rede stellte er heraus, dass die AfD den Antrag auch aus Queerfeindlichkeit stelle – und auch die CDU auf diesen Zug aufspringe:
In der letzten Debatte hat Ihr maximal unentspannter Kollege Martin Reichhardt bei meiner Rede zu Gendern und Ihrem Sprachkampf folgendes gesagt. Ich zitiere aus dem Protokoll: "Welche Frau war denn mit Ihnen zusammen?" Und wenig später: "Sie sind doch weder Mann noch Frau." Ja, wäre das denn ein Problem, wenn ich nicht Mann oder Frau wäre? Für uns ist das kein Problem. Aber das zeigt, wie Sie ticken. Das zeigt doch diese zynische Menschenverachtung, diese toxische widerliche Männlichkeit, die Sie vor sich her tragen.
Aber mit Männlichkeit und mit Menschlichkeit hat das überhaupt nichts zu tun. Das zeugt von dieser Frauenfeindlichkeit, dieser Homophobie und dieser zutiefst queerfeindlichen menschenverachtenden Haltung. Das ist das Problem! Und das müssen sich auch alle klarmachen. Übrigens, mit Verlaub, auch [CDU-Parteichef Friedrich] Merz: Wenn man solche Diskurse bedient, bedient man letzten Endes genau einen solchen Geist und ein solches Denken. Das steckt hinter Ihrem Kampf gegen die Gendersprache.

Helge Lindh wirft der AfD "zynische Menschenverachtung" vor (Bild: Screenshot Parlamentsfernsehen)
Die CDU-Abgeordnete Katja Leikert zeigte sich hingegen tiefenentspannt über den "Copy-und-Paste-Antrag von den AfDler*innen", so die Hessin im Gendersprech. "Normalerweise mach ich das gar nicht, aber das triggert Sie alle so schön." Leikert verteidigte sogar die Ampel-Regierung: Die Koalition habe nicht vor, das Gendern zu "verordnen". Man befinde sich im "gesellschaftlichen Wandel" und Sprache verändere sich.
Leikert wies die AfD zudem süffisant darauf hin, dass die Fraktion selbst in ihrem Antrag die verhasste geschlechtergerechte Sprache verwende: So habe man aus dem CDU-Antrag die Formulierung "Mehrheit der Sprechenden" übernommen – das sei ein "substantivierendes Partizip" und "Ausdruck von Gendersprache". "Insofern scheint der Wandel auch irgendwie bei ihnen angekommen zu sein", höhnte Leikert.

(Bild: Screenshot Parlamentsfernsehen)
Wesentlich unentspannter gaben sich ihre Fraktionskollegen Ralph Edelhäußer (CSU) und Philipp Amthor (CDU) in ihren Reden: "Diese Art zu kommunizieren verunstaltet unsere deutsche Sprache", polterte etwa Edelhäußer über geschlechtergerechte Sprache. Der gelernte Bankkaufmann äußerte sogar ernsthaft Sorgen, dass männliche Anreden entfernt werden und sich die Parlamentsabgeordneten in 50 Jahren "um die Männer kümmern müssen."
Amthor war in seiner teils polemischen Rede sogar kaum von einem AfD-Parlamentarier zu unterscheiden. So empörte er sich über den angeblichen "Genderzwang" und die "Volkserziehungsattitüde" der Regierung. "Die Mehrheit der Menschen in unserem Land will keine Sprechverbote", erklärte Amthor weiter und wies gleichzeitig Vorwürfe zurück, dass sich die CDU für Sprechverbote einsetze. Es sei eben sinnvoll, "dass der Staat so spricht, wie es die deutsche Grammatik vorsieht und nicht mit grammatikalisch falscher Gendersprache."
Wer ist die Verbotspartei?
Denise Loop (Grüne) warf der CDU hingegen vor, mit ihren Forderungen nach Genderverboten die wahre Verbotspartei zu sein: "Sie können sich nicht hier hinstellen und behaupten, jeder und jede solle so sprechen und schreiben dürfen wie er oder sie will, und gleichzeitig gemeinsam mit der AfD Sprachverbote beschließen." Neben der Zusammenarbeit von CDU und AfD in Thüringen nahnnte sie als Beispiel etwa, dass die CDU in Hamburg – gemeinsam mit der AfD – eine queerfeindliche Anti-Gender-Volksinitiative unterstützt (queer.de berichtete).

Denise Loop kritisiert die CDU für ihre Verbotsfantasien (Bild: Screenshot Parlamentsfernsehen)
Über den AfD-Antrag lustig machten sich Heidi Reichinnek (Linke) und Nicole Bauer (FDP): "Wir treffen uns ja öfter hier", erklärte etwa Reichinnek. "Wie muss ich mir das eigentlich bei der AfD vorstellen? Gibt es bei Ihnen jedes Mal einen Alarm, wenn sie lange nicht übers Gendern geredet haben? Sind Sie dann alle ganz hibbelig? Mal ehrlich, Ihr Genderwahn macht mir langsam ein bisschen Sorgen." Bauer höhnte danach über die "Berufsempörer" von der AfD – und fügte bedauernd an: "Schade, wir könnten die Zeit auch mit wirklich Sinnvollem nutzen."
Der Antrag wurde am Ende in die Ausschüsse verwiesen. Bundestagsvizepräsidentin Aydan Özoğuz (SPD) konnte sich ein in sarkastischem Ton vorgetragenes "Ich wünsche allen Ausschussmitgliedern viel Freude bei der Debatte" nicht verkneifen.
Links zum Thema:
» Die Debatte auf bundestag.de















Es braucht bei eingefahrenen Traditionen einen langen Atem und Zeit für Veränderungseinsicht und zeigt aber auch, wo sich Menschen, die sich in den Traditionen eingerichtet haben, um ihre Pfründe sorgen.
So geht es eben nicht um die Belange der so oft hochgelobten pluralistisch-freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft, sondern eher um den Machterhalt durch Wandlungsunfähigkeit und eine nicht vorhandene Bereitschaft, sachlich über diese Belange zu diskutieren, Bedenken sachlich und belegbar zu begründen, sondern um stammtischmanierliche Differmierung derjenigen, die nicht in das vernagelte Denken hineinpassen.