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Roman
Eine lesbische College-Liebe im Viereck
Mit "She Gets the Girl" hat das Autorinnen-Paar Rachael Lippincott und Alyson Derrick eine nicht sehr tiefgehende, aber immer wieder unterhaltende Geschichte über zwei sehr gegensätzliche Schülerinnen veröffentlicht.
- Von
24. Juni 2023, 00:32h - 5 Min.
Oft wartet die große Liebe genau dort, wo es am wenigsten zu erwarten ist. Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel: Du weiß nie, wie es schmeckt, wenn du es nicht selbst probierst. Manchmal folgt die Liebe keinem Plan. Sondern sie macht blind, doch wer einmal liebt, dem glaubt mensch nicht. Verwechsle nicht deine Fantasien mit der Wirklichkeit. Ach, und Gegensätze ziehen sich an!
Alex und Molly könnten unterschiedlicher nicht sein. Die eine ist der chaotische Sturkopf mit viel Selbstvertrauen und Charisma, die ein "Girl" nach dem anderen rumkriegt. Die andere ist das schüchterne Mauerblümchen, das gerne Ordner neu etikettiert, außer der eigenen Mutter keine sozialen Kontakte hat und nicht weiß, wie sie ihren Hyperschwarm Cora auch nur ansprechen, geschweige denn verführen soll.
Kennen wir, haben wir schon gelesen

"She Gets the Girl" ist am 15. Juni 2023 bei dtv als Taschenbuch und E-Book erschienen
Diese altbekannte Paarung an Hauptfiguren gibt es in allen Genres und Zeiten: Das ungleiche und sich gegenseitig weder geheuere noch sonderlich sympathische, aber durch komplexe äußere Umstände zur Zusammenarbeit gezwungene Duo, das aber im Laufe der Handlung die gegenseitigen Vorurteile abbaut. Und damit diese (die Handlung) ins Rollen kommt, werden in "She Gets the Girl" auch irgendwelche äußeren Umstände herangezogen, die wiederzugeben den Rahmen sprengen würden. Entscheidend: Alex und Molly sind ein Team, spielen beste Freundinnen, gezwungenermaßen. In bekannter "10 Dinge, die ich an dir hasse"-Manier entwickeln sich dann natürlich doch echte Gefühle zwischen den beiden. Doch ist das wirklich nur Freundschaft?
Sehr angenehm am ersten gemeinsamen Roman des Ehe- und Autorinnenpaares Rachael Lippincott und Alyson Derrick ist, dass Queerness nicht als Problem erzählt wird. Molly und Alex sind beide Frauen, die Frauen lieben – und das tut eigentlich auch gar nichts zu Sache. Kein Konflikt mit der Familie, kein Aneinandergeraten mit der Gesellschaft, keine Selbstzweifel. Keine Diskriminierung, keine Ausgrenzung in der Uni. Während es ausdrücklich zu begrüßen ist, dass Literatur durch die Entproblematisierung queeren Lebens auch einen nicht zu unterschätzenden Schritt in Richtung Normalisierung macht, werden so aber auch schnell seine sonstige Mittelmäßigkeit frei.
Zwei junge Frauen gefangen in einem Geflecht aus Liebe und Beziehungen. Eigentlich nur eine Liebesgeschichte – wie es sie zuhauf gibt. "She Gets the Girl" fällt in die Kategorie austauschbare Popcorn-Literatur zum gedankenlosen Wegsnacken. Menschen, die eine Liebesschmonzette mit und für junge Leute nach der anderen durchheizen, werden auch hier ihren Spaß haben. Der Roman ist ungefährlich, freundlich und sehr zahm. Alles ist auf weiche Gemütlichkeit gebürstet und mit dem Gefühl, dass am Ende eh alles gut wird, durchwebt. Er wirft mit plumpen Weisheiten um sich, um immer wieder die Illusion von Tiefgang zu erzeugen, ein alter Seifenoperntrick.
Die HDMI-Realität

Rachael Lippincott und Alyson Derrick mit der englischen Originalausgabe ihres Romans (Bild: Instagram)
Nie lässt der Roman sich wirklich auf die Extreme seiner Figuren ein, die er ja eigentlich beschwört. Nie wird Alex so richtig chaotisch, kein einziges Mal driftet Molly wirklich in ihrem Kontrollwahn ab. Es bleibt sehr zahm. Und als Fortsetzung: auch ziemlich bieder und amerikanisch prüde. Sprachlich ist "She Gets the Girl" ebenfalls auf dem Niveau einer sehr stark sprudelwässrig verdünnten Weißweinschorle, die zum Salat mit Provence-Hähnchenstreifen getrunken wird. Oder in anderen Worten: sehr wenig Geschmack, alles rutscht irgendwie runter, aber nichts ist wirklich gekonnt zubereitet.
Leider gehört "She Gets the Girl" in die Gruppe Romane, die immer wieder den Verdacht aufkommen lassen, dass die verfassende Person – im vorliegenden Fall: die verfassenden Personen noch nie Kontakt mit der Welt hatten. Immer wieder sagen Figuren Sachen und tun Dinge, die eben fürs Fortschreiten der Handlung unabdingbar sind, aber kein realer Mensch so sagen und tun würde. Um das auszugleichen, werden dann wiederholt vollkommen irrelevante und durch die Umständlichkeit ihrer Erwähnung aufhaltende Details eingebaut. So reicht es beispielsweise nicht, dass Molly und Alex, nachdem sie Frozen Yoghurt gegessen haben, den Laden verlassen, es muss erzählt werden, dass sie ihre leeren Becher unterwegs noch in den Müll werfen. Wenn ein Film geschaut wird, muss erzählt werden, dass dieser auf dem Computer aufgerufen und von dort aus via HDMI-Verbindung auf dem Fernseher gezeigt wird.
Das ist besonders ärgerlich, weil es nicht nötig wäre, im doppelten Sinn. Zum einen ist diese Information nicht handlungsrelevant und trägt nichts zu Stimmung oder Figurencharakterisierung bei. Zum anderen wäre "She Gets the Girl" ohne diese unbeholfenen Versuche, Realität zu schaffen, viel stärker. Denn: Trotz all der genannten Schwächen und der Mittelmäßigkeit gehört der Roman doch zu den besseren Bahnhofsbuchhandlungs-Büchern. Obwohl er sprachlich nervt und die Figuren abgedroschenen Klischees sind – trotzdem wollte ich wissen, es weitergeht. Trotz des (elendigerweise nicht übersetzten!) Titels, der ja bereits alles verrät, wollte ich wissen: Schafft sie es denn nun und kriegt das "Girl" rum?
In seiner Seifenopern-Art ist "She Gets the Girl" durchaus immer wieder unterhaltend. Für eine nachgiebige, vielleicht gar etwas unaufmerksame, weil auf einem Auge schlafende Lektüre durchaus geeignet. Solange mensch nichts erwartet, kann mensch auch nicht enttäuscht werden. Und Liebe wartet die Liebe an ungewöhnlichen Orten. Nicht zu viel nachdenken und hinein ins Flache Binsenweisheitsgras.
Rachael Lippincott, Alyson Derrick: She Gets the Girl. Manchmal hat die Liebe keinen Plan., Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Nina Frey. 368 Seiten. dtv. München 2023. Taschenbuch: 17 € (ISBN 978-3-423-44247-3). E-Book: 14,99 €
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