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Interview

Wie groß ist die Gefahr, dass sich Geschichte wiederholt?

Die Netflix-Doku "Eldorado – Alles, was die Nazis hassen" zeigt die queere Freiheit im Berlin der Weimarer Republik und ihr Ende mit der Herrschaft Hitlers. Wir sprachen mit Regisseur Benjamin Cantu über Entstehung und Aktualität seines Films.


Szene aus "Eldorado – Alles, was die Nazis hassen" (Bild: Netflix)

Für seinen Debütspielfilm "Stadt Land Fluss" gewann Benjamin Cantu 2011 den Teddy Reader's Award auf der Berlinale. 2021 erschien die vierteilige True-Crime-Serie "Dig Deeper" auf Netflix, an der er als Showrunner beteiligt war. Nun präsentiert der Berliner Regisseur für den Streaming-Anbieter den Dokumentarfilm "Eldorado – Alles, was die Nazis hassen" (Regisseur für Reenactments: Matt Lambert; die Produzenten: Felix Kriegsheim und Nils Bökamp). Start ist am Mittwoch, den 28. Juni 2023 (queer.de berichtete).

Erzählt wird in "Eldorado" von der queeren Community im Berlin der Weimarer Republik, die im titelgebenden Lokal einen schillernden Treffpunkt fand, an dem auch Stars wie Marlene Dietrich oder Nazi-Größen wie Ernst Röhm verkehrten. Doch mit der Herrschaft der NS-Diktatur endete die queere Freiheit der 1920er Jahre. Rosa Listen tauchten auf, queere Menschen wurden verhaftet, in Konzentrationslager gesteckt und ermordet .

Wir sprachen mit Benjamin Cantu, wie es zu dem historisch wichtigen Film kam. was die Zuschauer*innen erwarten dürfen und wie groß die Gefahr die Gefahr eines Backlash für queere Menschen heute ist.


Benjamin Cantu (Bild: Alona Nahmias)

Herr Cantu, wie unterhaltsam dürfen Dokumentationen sein?

Das hängt sehr von dem Thema ab, das man behandelt. Eigentlich gibt es da kein Limit, auch ein extrem beobachtender, investigativer Dokumentarfilm wird am Ende des Tages im Schneideraum bearbeitet. Selbst die traumatischsten Geschichten können so emotional auf uns wirken, dass sie fesseln und unterhalten. Eine Begrenzung erscheint mir deswegen nicht notwendig.

Benötigt man einen Untertitel wie "Alles, was die Nazis hassen", um aufzufallen?

Es ist wichtig, erst einmal eine Tür zu öffnen, wenn man komplexe Inhalte wie die Geschichte der queeren Bewegung und deren Verfolgung in Deutschland darstellen möchte. Dazu können Schlagworte hilfreich sein, um in dem riesigen Angebot überhaupt wahrgenommen zu werden. Die Konkurrenz ist schließlich groß.

Wie schwierig war es, ein Projekt wie dieses auf die Beine zu stellen? Erweist sich Netflix da als neuer Anlaufpunkt für queere Stoffe?

Der Anlauf dieses Projektes war erst einmal schwierig. Wir haben über Jahre hinweg versucht, das Projekt zusammen mit anderen Sendern auf die Beine zu stellen. Wir begannen 2016 mit dem Schreiben. Als Netflix schließlich anfing, auch in Deutschland zu produzieren, hatten wir früh ein Konzept erarbeitet, das gut zu dem Streaming-Anbieter gepasst hat. Wir wussten, welche Erzählformen wir nun verwenden konnten und welche Möglichkeiten sich dabei eröffneten. Danach ging alles ziemlich schnell. Das war eine wunderbare Erfahrung nach den vielen Jahren der Starre und der Frustrationen. In Netflix fanden wir einen Partner mit queerem Bewusstsein.

Wird Ihre Doku nun auch in Ländern gezeigt, die kaum durch Toleranz glänzen?

Aktuell kann ich noch nicht sagen, in welchen Territorien die Doku ausgestrahlt wird. Natürlich hoffe ich, dass dieses Stück über queere Geschichte in allen Ländern zu sehen sein wird.


Historisches Foto eines schwulen Paares aus dem Film (Bild: Netflix)

Wie erklären Sie sich, dass es bislang so gut wie gar nichts über dieses Thema gegeben hat?

Spannende Frage! Weshalb wird queere Geschichte vor und während der NS-Zeit nicht in Museen, Schulen oder Universitäten als Teil deutscher Historie vermittelt? Wir haben uns das alles mühevoll erarbeitet. Enorm geholfen hat mir die Unterstützung eines Netzwerks aus großartigen Historiker*­innen, die sich ganz dem Erforschen dieses viel zu lange unterdrückten Teils deutscher Geschichte widmen. Dazu gehören Robert Beachy, Dr. Klaus Mueller, Morgan M. Page und Ben Miller. Queere Geschichte wurde gerne unter den Teppich gekehrt und totgeschwiegen! Nicht nur von der Forschung, sondern auch von Familien bis weit in die Nachkriegszeit. Die Verfolgung ging in der Bundesrepublik bis 1969 weiter mit dem berüchtigten Paragrafen 175, der erst 1994 endgültig abgeschafft wurde.

Ihr Themenspektrum reicht vom schwulen SA-Kommandeur Röhm bis zu den ersten geschlechts­angleichenden Operationen bei trans Frauen, von Sexualforscher Magnus Hirschfeld bis zu Rosa Winkeln im KZ. Andere Fragen kommen dagegen gar nicht vor, etwa wer das "Eldorado" betrieb oder wie es die Arbeiterklasse mit den Schwulen und Lesben hielt. Wäre eine Serie nicht die passendere Form für dieses Themen-Potenzial gewesen?

Wir hatten anfangs über eine Serie nachgedacht, mittlerweile sind wir froh, dass wir uns für den dokumentarischen Spielfilm entschieden haben. Diese Gleichzeitigkeit von Freiheit und von Unterdrückung, dieser unmittelbare Bruch, war eine schicksalhafte Erfahrung für queere Menschen in jener Zeit. Das wollten wir nicht zerlegen in eine Folge über trans Menschen, eine Folge über Lesben, eine Folge über Schwule, eine über Nazis. Ich finde es ganz schön, dass es nun dieses Feuerwerk geworden ist. Es ist eine große Geschichte, eine emotionale Reise, die diese historischen Figuren durchlebt haben. Darunter sind neben bekannten Namen wie Magnus Hirschfeld und Tennisstar Gottfried von Cramm auch die zwei ersten trans Frauen der Geschichte, Toni Ebel und Charlotte Charlaque. Meine Hoffnung ist, dass wir dazu anregen, sich mit diesen Themen weiter zu beschäftigen. Es gibt noch zahllose Geschichten, die erzählt werden sollten.

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Dazu gehört die Geschichte des Sexualforschers Magnus Hirschfeld. Von ihm gibt es Gerüchte, wonach er unter dem Namen "Tante Magnesia" selbst in Drag im "Eldorado" unterwegs gewesen sein soll...

Das würde ich stark auf den Prüfstand stellen. Soweit ich weiß, ist er sicher nicht in Frauenkleidern durch das "Eldorado" gelaufen. Wir wissen, dass er dort verkehrt haben soll, um seine Beobachtungen in der queeren Szene zu machen. Ich glaube nicht, dass er so ein großer "Eldorado"-Fan war. Übrigens waren dessen Betreiber gar nicht queer, sondern haben ein geschicktes Geschäftsmodell aus Berlins queerem Ruf in der Welt gemacht.

Erschreckend an dieser Doku ist die Erkenntnis, wie schnell die Stimmung gekippt ist: von ausgesprochen liberal bis aggressiv intolerant. Wie groß ist die Gefahr, dass auch heutzutage Toleranz nur eine dünne Firnis ist und das Pendel schnell in die andere Richtung schlagen kann?

Statt Toleranz benötigen wir einen viel weitergehenden Begriff von Zusammenleben und Empathie. Ich glaube nicht, dass die Mehrheitsgesellschaft eine queere Minderheit tolerieren sollen muss, sondern wir müssen ein Selbstverständnis davon haben, dass queere Menschen mit allen Rechten und Pflichten genauso Teil dieser Gesellschaft sind und nicht marginalisiert werden dürfen. Dass diese Freiheiten auch heute so fragil sind, finde ich sehr erschreckend. Das gilt ja nicht nur für wenig liberale und totalitäre Länder wie Uganda oder Russland. Die Stigmatisierung queerer Menschen passiert aktuell ja auch sehr stark in Teilen der USA. Ich will mir nicht ausmalen, was es bedeutet, wenn Floridas Gouverneur Ron DeSantis wirklich US-Präsident wird.

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Kann "Eldorado" da als kleine Impfung taugen? Oder überschätzt man die Wirkung eines Films?

Ich hoffe absolut, dass der Film uns daran erinnert, wie dieses gesellschaftliche Pendel plötzlich in die andere Richtung ausschlagen kann. Und daran, was die Konsequenzen sein können! Stigmatisierung auf dem Papier oder in politischen Reden hat unmittelbare Folgen in der Realität von queeren Menschen. Das kann sofort in Gewalt umschlagen. Wir müssen deswegen extrem achtsam sein und uns dagegen wehren! Aber dieser Film soll uns auch positiv berühren und Hoffnung geben. Queere Menschen vor 100 Jahren haben genauso gefühlt und geliebt wie wir heute.

Infos zum Film

Eldorado – Alles, was die Nazis hassen. Dokumentarfilm. Deutschland 2023. Regie: Benjamin Cantu. Laufzeit: 92 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. Ab 28. Juni 2023 auf Netflix
-w-

#1 DQ007
  • 25.06.2023, 13:30hBerlin
  • Sehr groß, denn Menschen sind entweder nicht fähig oder willens, aus der Geschichte zu lernen. Aktuell sieht man dass momentan in Thüringen (Sonneberg) und Russland, wo Faschisten an die Macht streben (Sonneberg), oder sie schamlos missbrauchen (Putins Russland)
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#2 Schon
  • 25.06.2023, 17:14hFürth
  • Antwort auf #1 von DQ007
  • Geschichte kann sich nicht wiederholen, denn wir haben jetzt ganz andere Möglichkeiten der Überwachung und der Informationsverwaltung. Wer früher durch Empathie oder auch Schlamperei dem System entgangen ist, würde heute erfasst, interniert und ermordet.
    Nie war es einfacher Hass und Falschinformation in die Welt zu setzen. Wo früher ein Raum mit einer Druckerpresse nötig war, genügt heute ein Smartphon uhd ein Heer von Bots schaffen virtuelle Skandale.

    Aus dem Grund ist es heute wichtiger denn je in der Bevölkerung Bildung und Problembewusstsein zu schaffen. Wir müssen sichtbar werden, damit Hater uns nicht als Außerirdische darstellen können. Wir müssen das schaffen, dass Hass gegen Menschen ein absolutes Tabu und Gewalt gegen Menschen ein Tabubruch ist.
    Wir müssen es auch schaffen dass die CIS Bevölkerung weiss, dass trans Menschen extremes Leid erfahren und keine Paradiesvögel sind, denen nix besseres einfällt, als CIS Menschen durch ihre Existenz zu belästigen.
    Wir haben einen Berg von Aufgaben und es wird nicht einfach, aber wir haben nichts zu verlieren.
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#3 DQ007
  • 25.06.2023, 19:43hBerlin
  • Antwort auf #2 von Schon
  • Dass Geschichte sich doch wiederholen kann, wenn auch in Variationen, zeigen Beispiele aus den USA, Russland, Deutschland und dem Vereinigten Königreich.
    Sicher, die AfD wird nie so mächtig wie die NSDAP sein, aber doch mächtig genug (auf lokaler, Landes, oder Bundesebene), um Dinge negativ zu verändern. Allein ihre permanente Rhetorik gegen Flüchtlinge und uns, hat das Land schon verändert! Es ist nicht besser, sondern schlechter für Flüchtlinge und uns geworden.
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