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Filmtipp
Eine solch junge Repräsentation von trans Menschen ist eine kleine Revolution
Der Spielfilm "20.000 Arten von Bienen", der am Donnerstag im Kino startet, ist eine händereichende Einladung zur Empathie. Die zehnjährige Hauptdarstellerin Sofía Otero wurde auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet.

Lucía (Sofía Otero) leidet darunter, dass die Leute sie hartnäckig bei ihrem abgelegten Geburtsnamen nennen (Bild: DCM)
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27. Juni 2023, 09:06h - 4 Min.
"Wenn die Larven zu Bienen werden, streifen sie die Haut ab", erklärt Lourdes ihrer Nichte Lucía mit einem gutmütigen Seitenblick. Ihren Sommer verbringt die Achtjährige in der Großfamilie im spanischen Baskenland, ihr wird das Handwerk der Imkerei und die Faszination an der tierischen Bienengesellschaft weitergereicht. Bienen dienen in "20.000 Arten von Bienen" als sinnliche Metaphorik für Transformation und Metamorphose, dreht sich der spanische Berlinale-Film doch um die Entdeckung der eigenen Weiblichkeit des jungen trans Mädchens Lucía.
Über die Ferien beschließt Ane (Patricia López Arnaiz), mit ihren drei Kindern zu ihrer Mutter und Verwandten in die naturverbundene Peripherie zu reisen. Durch den Entwurf und den Bau von Frauenskulpturen versucht sie sich an der Bewerbung als Kunstprofessorin, ist mit ihrer jetzigen Anstellung unzufrieden. Während sie sich mit der handwerklichen Konstruktion des femininen Körpers beschäftigt, entdeckt Lucía (Sofía Otero) simultan Weiblichkeit für sich, die infolge eines intensiven inneren Coming-out-Prozesses mehr nach außen dringt.
Bienen als Sinnbild für Toleranz und Solidarität

Poster zum Film: "20.000 Arten von Bienen" startet am 29. Juni 2023 bundesweit in den Kinos
Das stößt auf unterschiedliche Resonanz, ist doch ihr familiäres Umfeld stark durch den katholischen Glauben geprägt. Dem jungen Mädchen und der Mutter werden durch die Großmutter Lita (Itziar Lazkano) eine Sozialisierung als Nesthäkchen unterstellt: Lucía sei zu verwöhnt und daher "verwirrt". Ihre Mutter nimmt sie in Schutz, schafft es aber oft nicht zu ihrer Tochter durchzudringen.
Regisseurin Estibaliz Urresola Solaguren nimmt sich in ihrem Spielfilmdebüt immer wieder die Zeit, behutsam familiäre Dynamiken und die jahrelangen Spannungsfelder zu entschlüsseln. Es geht um sich verfestigende Enttäuschungen und Verurteilungen in der Mutter-Tochter-Beziehung – eine eingestaubte Empathie füreinander, die sich in der Mimik des ausnahmslos guten Casts niederschlägt.
In dieses existierende Konfliktfeld stößt Lucía in diesem Sommer, ist einem fehlenden Vertrauen in die eigene Selbstbestimmung ausgesetzt. Sie erfährt viel Fremdbestimmung und Herablassung: Szenen, in denen über ihren Rücken hinweg diskutiert wird – und in denen Protagonistin wie Zuschauer*innen nur handlungsunfähig zuhören können. Neben der liebevollen, aber doch oft überforderten Mutter ist es vor allem Tante Lourdes (Ane Gabarain), die ihr wohlgesinnt zur Seite steht und das Bienenvolk als Sinnbild für gegenseitige Toleranz und Solidarität nutzt.
Immer wieder verliert sich die Kamera in Details der baskischen Naturlandschaft, spielt mit dort auffindbaren Seltsamkeiten und Ambiguitäten. "20.000 Arten von Bienen" fühlt sich in dieser Sinnlichkeit oft selbst wie Urlaub an: ein bisschen Erholung und Entschleunigung, auch ein angenehmer Schmerz. In der Abwesenheit von männlichen Figuren und Urbanität, unter starken Frauen und Ländlichkeit stellt sich Lucía den Zerreißproben der Geschlechterdysphorie und lernt Uneindeutigkeiten zu ertragen.
Ein Film der be-sticht
Es dürfte wohl keine Augen trocken lassen, die zehnjährige Sofía Otero in dieser Rolle glänzen zu sehen. Sie schafft in ihrer Darstellung eine unvergleichbare Ehrlichkeit und Verletzlichkeit und zugleich ein eindringliches Porträt der resultierenden Isolation. Die Regisseurin lernte sie in der baskischen Organization Naizen ("Ich bin") kennen, die sich speziell an trans Kinder und Jugendliche richtet. Diese Wahl stellt sich als Glücksgriff heraus: Bei der diesjährigen Berlinale gewann Otero den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung.
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"20.000 Arten von Bienen" be-sticht, um in der Bienen-Metaphorik zu bleiben, durch seine ruhige Erzählweise und der betonten Unaufgeregtheit. Regisseurin Solaguren lässt Schauspieler*innen wie Bildern Einwirkungszeit – und verlangt so von den Zuschauenden Geduld, sich diesem stillen Gefühlsgewitter auszusetzen. Der Film ist eine händereichende Einladung zur Empathie, eine solch junge Repräsentation von trans Menschen auf der Leinwand gleicht schon einer kleinen Revolution.
Ich wünschte mir, es hätte schon früher solche warmherzigen Bilder gegeben – und hoffe zugleich sehr, dass sie vielen Menschen eine Vision schenken können.
20.000 Arten von Bienen. Originaltitel: 20.000 especies de abejas. Drama. Spanien 2023. Regie: Estibaliz Urresola Solaguren. Cast: Sofía Otero, Patricia López Arnaiz, Ane Gabarain, Itziar Lazkano, Sara Cózar, Martxelo Rubio. Laufzeit: 128 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 6. Verleih: DCM. Kinostart: 29. Juni 2023
Links zum Thema:
» Deutsche Homepage zum Film
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