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Konferenz 2024
Empörung über Vergabe des Bibliotheken-Weltkongresses nach Dubai
Die deutsche Präsidentin des Weltverbands IFLA verteidigt die Entscheidung, auch wenn queere Besucher*innen sich nicht sicher fühlen könnten.

Pride-Einfärbung der Bibliothek der Universität Kastilien-La Mancha, wie sie der Twitter-Account der queeren Gruppe innerhalb des Bibliotheken-Weltverbands aktuell verbreitet. Muss der Regenbogen im nächsten Jahr zuhause bleiben? (Bild: Biblioteca UCLM / twitter)
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29. Juni 2023, 15:34h 7 Min.
In der Internationalen Vereinigung bibliothekarischer Verbände und Einrichtungen (IFLA) ist ein Streit über die vor wenigen Tagen bekannt gegebene Vergabe der jährlichen Weltkonferenz an das Emirat Dubai ausgebrochen – und über eine Stellungnahme des Verbands, der queere Teilnehmende praktisch für verzichtbar erklärte.
Nach der Konferenz in diesem August in Rotterdam soll die nächste erstmals in einem Land mit arabischer Sprache stattfinden, schrieb der Weltverband in der Ankündigung vom 19. Juni. Die IPFLA sehe sich zunehmend als globale Organisation, die "geografische und kulturelle Inklusion im Einklang mit unseren Grundwerten" fördern wolle, und freue sich daher auf die Partnerschaft.
/ IFLAIFLA #WLIC2024 to be held in Dubai, UAE! Join us for our first-ever Congress in the Arabic-speaking world!
IFLA (@IFLA) June 19, 2023
Read about it here: https://t.co/HYyuE8cx88 pic.twitter.com/lLbcsAqvY8
Die IFLA-Präsidentin Barbara Lison, die Leiterin der Stadtbibliothek Bremen, betonte in der Eklärung, alle profitierten davon, "wenn wir neue Stimmen und Perspektiven hören und Erkenntnisse aus unserer eigenen Arbeit teilen können". Weiter in der Stellungnahme heißt es, die IFLA basiere "auf der Verpflichtung zu gemeinsamen Werten und Prinzipien und der Förderung von Gerechtigkeit, Vielfalt und Inklusion in ihrer gesamten Arbeit".
Kriminalisierung und Zensur
In Dubai können homosexuelle Aktivitäten mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden – für muslimische Gläubige sind nach dem archaischen Scharia-Recht auf dem gesamten Gebiet der Arabischen Vereinigten Emirate sogar Folterstrafen oder gar eine Hinrichtung möglich. Seit mehreren Jahren sind keine Verurteilungen wegen Homosexualität bekannt, allerdings werden Personen aus dem In- wie Ausland auch wegen ähnlichen Delikten wie öffentliches Küssen, Verstößen gegen die guten Sitten oder "Crossdressing" verurteilt. 2017 sorgte etwa die Verurteilung eines Schotten zu einer dreimonatigen Haftstrafe in Dubai für Aufregung – er hatte einen reichen Jordanier in einer Bar aus Versehen berührt (queer.de berichtete).
Die Vereinigten Arabischen Emirate zensieren auch Kinofilme – aktuell etwa den neuesten Spider-Man-Film wegen trans Inhalten (queer.de berichtete) – und diverse Bücher. Personen mit einem anderen Geschlechtseintrag als männlich oder weiblich im Reisepass, wie es in Deutschland möglich ist, wird die Einreise in die Vereinigten Arabischen Emirate verweigert.
Die Vereinigten Arabischen Emirate sind eine autokratische Föderation von sieben Scheichtümern, Dubai ist eines davon. Jegliche Äußerungen, die soziale Unruhen auslösen könnten, sind verboten. Beleidigungen, selbst im privaten Raum, können strafrechtlich verfolgt werden. Laut den Menschenrechtsorganisationen Human Rights Watch und Amnesty International sitzen mindestens 64 Emiratis aus politischen Gründen im Gefängnis. "Wegen der flächendeckenden und weitreichenden polizeilichen Überwachung des öffentlichen Raums ist nicht mit Demonstrationen, Streiks oder ähnlichen öffentlichen Protesten zu rechnen", schreibt das Auswärtige Amt zu den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Queere Teilnehmende praktisch für verzichtbar erklärt
Nach erster Kritik aus mehreren Verbänden aus aller Welt – die IFLA umfasst rund 1.700 Mitglieder und 500.000 Bibliotheken aus 150 Ländern – legten Barbara Lison und ihre angehende Nachfolgerin, die Australierin Vicki McDonald, in einer gemeinsamen Stellungnahme vom 21. Juni noch einmal nach. Der Vorstand habe sich die Entscheidung für Dubai nicht einfach gemacht und dabei "nach relevanten Informationen gesucht und die möglichen Auswirkungen auf einige Gruppen, insbesondere die LGBTQIA+-Community, berücksichtigt".
/ IFLAIn choosing a location for #WLIC2024, our purpose is to connect library & information professionals, to expose participants to new international ideas & opportunities...Change happens through dialogue & certainly cannot happen if we are not present.
IFLA (@IFLA) June 21, 2023
See: https://t.co/Wu0yB8mRY4 pic.twitter.com/dD6PBW96wb
"Unsere Kollegen" aus der MENA-Region seien begeistert über die Ausrichtung, so die Stellungnahme. "Sie sehen darin eine Chance für die Stärkung der Bibliotheken und unseres Berufsstandes – insbesondere für Frauen – und glauben auch, dass der Kongress ein Katalysator für Veränderungen sein kann und den Teilnehmern die Instrumente an die Hand gibt, die sie brauchen, um ihre Regierungen zum Handeln zu bewegen, um die Bibliotheken zu stärken und die Communities, denen sie dienen, zu unterstützen. Ohne die Konferenz wird diese Chance verpasst."
Die Bewerbung Dubais sei "sehr überzeugend" gewesen und habe das "Engagement für Menschenrechte" hervorgehoben, woran man das Emirat bei der Ausgestaltung des Programmes erinnern werde. Mit der Wahl des Veranstaltungsortes unterstütze oder sanktioniere man keine Regierung, so die IFLA-Führung, sondern wolle Bibliotheks- und Informationsfachkräfte zusammenzubringen. "Veränderung geschieht durch Dialog und kann sicherlich nicht geschehen, wenn wir nicht anwesend sind. Wir können keinen Einfluss nehmen, wenn wir nicht bereit sind, zuzuhören und zu verstehen, und es erfordert Mut, respektvoll anderer Meinung zu sein und andere Perspektiven anzuerkennen."
Dubai gelte als "sichere Stadt", so das Statement. "Während anerkannt wird, dass sich Mitglieder der LGBTQIA+-Community bei der Teilnahme am WLIC 2024 möglicherweise nicht sicher fühlen, selbst wenn sie die offiziellen Reisehinweise befolgen, wird es andere Communities geben, die sich bei der erstmaligen Teilnahme an einem WLIC sicher fühlen. Wir werden unser Möglichstes tun, um sicherzustellen, dass die Gestaltung des Programms so inklusiv wie möglich ist."
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Kritik aus vielen Teilen der Welt
In der Bibliothekswelt rumort es es seitdem deutlich. Verbände, etwa aus den USA, Großbritannien oder Norwegen, um nur einige zu nennen, fordeten eine Rücknahme der Entscheidung für Dubai oder zumindest klare Bekenntnisse für die Sicherheit unter anderem von queeren Besuchenden und zur Durchführung etwa von LGBTI-Veranstaltungen. Der dänische Verband DIK sagte bereits eine Teilnahme ab – und erinnerte an den Kongress 2018 in Malaysia, der zu jener Zeit stattfand, als dort zwei mutmaßliche Lesben verurteilt und dann öffentlich ausgepeitscht wurden (queer.de berichtete)
Der deutsche Berufsverband Information Bibliothek verurteilte die Vergabe an Dubai "aufs Schärfste": "Der Verband wird dort nicht offiziell vertreten sein und wir unterstützen keine Reisen unserer Mitglieder." Die Durchführung stehe den Grundwerten des Weltverbands, speziell dem Bekenntnis zur Förderung und Wertschätzung von Vielfalt und Inklusion, entgegen: "Dubai ist kein demokratisches und freies Land, und insbesondere die Einhaltung grundlegender Menschenrechte, sei es in Bezug auf Frauen oder auf Mitglieder der LGBTQ+ Gemeinschaft, ist nicht gewährleistet."
/ bib_info#Stellungnahme und #Appell des BIB zur Wahl des #Austragungsortes Dubai für den @IFLA-Weltkongress 2024. #wlic2024
BIB (@bib_info) June 27, 2023
Der BIB verurteilt die Entscheidung den #Weltkongress 2024 in #Dubai durchzuführen + appeliert an das Governing Board. https://t.co/28F7KD0wY3
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Der BIB setze sich ein für "eine weltoffene und diverse Gesellschaft mit freiem Zugang zu Information und Literatur" und fordere daher, die Entscheidung rückgängig zu machen, und von Verbänden und Partner in Deutschland, diese Position zu teilen. Auch stehe man hinter der Stellungnahme der LGBTQ+ Users Special Interest Group (SIG).
/ ifla_lgbtqResponse to the announcement about IFLA WLIC 2024 in Dubai, United Arab Emirateshttps://t.co/pVJBrx0pYC
IFLA LGBTQ (@ifla_lgbtq) June 22, 2023
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Die offizielle queere Vereinigung innerhalb des Weltverbands betonte, dass man in Dubai auf das reguläre queere Programm aus Fortbildungen für Bibliothekar*innen, Vernetzungen queerer Büchereien und vielem mehr verzichten müsste, zumal die Namen der Gruppenmitglieder teilweise auf der Webseite gelistest seien und das Emirat auch gegen Ausländer vorgehe. Man begrüße die Ausweitung auf neue Staaten und Regionen der Welt, erkenne aber einen Unterschied zwischen Bedenken zu Sicherheit, kulturellen Verschiedenheiten und Vorurteilen einerseits und eingeschränkter Meinungsfreiheit zu LGBTQ+-Themen, rechtlichen Fragen und Gefängnis andererseits. Wie solle man an 'gemeinsamen Werten und Grundsätzen und der Förderung von Gerechtigkeit, Vielfalt und Inklusion' arbeiten, wenn die Meinungs- und Gewissensfreiheit nicht gewährleistet zu sein scheint, fragt das Statement.
Die Gruppe geht mit ihrem eigenen Verband hart ins Gericht: "Da die Grund- und Informationsrechte von LGBTQ+ Menschen auf der ganzen Welt bedroht sind (siehe z.B. die kürzlich in Uganda verabschiedeten Gesetze, die die Todesstrafe für Homosexualität vorsehen, oder die vielen Aufrufe zur Zensur in den Vereinigten Staaten), ist es erstaunlich, dass die IFLA-Führung entweder die Rechte und das Wohlergehen einiger ihrer Mitglieder nicht in Betracht zieht, oder dass sie sich damit zufrieden gibt, die Teilnahme von Mitgliedern der LGBTQ+-Gemeinschaft an der kommenden WLIC zu unterbinden."
Die queeren IFLA-Mitglieder fragen, ob von ihnen ein Verstecken erwartet wird, die Nicht-Anreise oder das Riskieren einer Gefängnisstrafe. Letztlich gehe es um die Frage, welchen Welt der Vorstand, der offenbar keinen richtigen internen Konsultationsprozess führte, der queeren Community innerhalb der IFLA beimesse. Der Vorstand müsse daher kommunizieren, "wie er diese Situation zu lösen gedenkt, in der ein Teil der IFLA nicht tagen darf und viele einzelne Mitglieder das Gefühl haben werden, wegen der Wahl des Tagungsortes nicht teilnehmen zu können, und wie die IFLA solche Situationen in Zukunft vermeiden kann".
Kommt noch Bewegung in die Sache?
Am Mittwoch gab die IFLA via Twitter bekannt, dass die Entscheidung für Dubai "starke Reaktionen" ausgelöst habe, "sowohl positive und negative". "Der IFLA-Vorstand nimmt dieses Feedback ernst und bespricht derzeit die nächsten Schritte, um die Meinungen aller Mitglieder einzuholen."
/ IFLAIFLAs announcement regarding the decision to hold #WLIC2024 in Dubai, UAE has generated strong reactions, both positive & negative. The IFLA Governing Board takes this feedback seriously and is currently discussing the next steps to take in order to gather views from all Members pic.twitter.com/52QaGCQIGM
IFLA (@IFLA) June 28, 2023
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"Menschen- und Freiheitsrechte gelten in Dubai offensichtlich wenig, wo Personen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung sowie Opfer sexueller Gewalt (meist Frauen), Haftstrafen drohen oder diejenigen mit Strafverfolgung rechnen müssen, die sich kritisch über die Politik äußern", kritisierte am Donnerstag derweil auch der Deutsche Bibliotheksverband. "Mit der Entscheidung für Dubai schließt die IFLA sehr viele Bibliothekar*innen von einer Teilnahme aus, die sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten nicht angemessen sicher und frei bewegen und verhalten können. Um des Anspruchs der globalen Repräsentanz willen nimmt die IFLA in Kauf, dass wesentliche Teile unserer Gemeinschaft regelrecht ausgegrenzt werden. Diese Gewichtung ist aus unserer Sicht falsch."
Die IFLA sei in der Pflicht, "sich erkennbar und verlässlich dafür einzusetzen, dass das Gastgeberland sichtbar dafür sorgt, dass allen Teilnehmer*innen unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung und Identität oder politischer Überzeugung eine sichere und freie Teilnahme am IFLA-Weltkongress möglich ist. Wir erwarten, dass sich das Konferenzprogramm frei von jeder Beeinflussung an den Werten der IFLA ausrichtet."
















Eine Schande!