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"Pleiteticker"-Bericht
Gingen "Trans-Antifa-Schläger" in Berlin auf Lesben los, weil die "keine Lust auf Männer" hatten?
Der Julian-Reichelt-Blog "Pleiteticker" behauptet, dass in Berlin Lesben von trans Frauen angegriffen wurden, weil sie keinen Sex mit ihnen wollten. Doch stimmt das? Und welche Rolle spielt Ex-"Bild"-Kolumnistin Judith Sevinç Basad?

Bei der Demonstration am Freitag wurden auch Fahnen der Anti-Trans-Bewegung von Kelly-Jay Keen-Minshull gezeigt (Bild: Jeja Klein)
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30. Juni 2023, 14:24h 8 Min.
Am Freitag vor einer Woche demonstrierten 25 transfeindliche Aktivistinnen als "Real Dyke March" durch Berlin-Charlottenburg. Mitten drin: Die für ihre transfeindlichen Äußerungen bekannte Judith Sevinç Basad sowie ein weiterer Mitarbeiter vom "Pleiteticker", dem rechten Nachrichtenblog von Ex-"Bild"-Chef Julian Reichelt.
Folgt man dem am Dienstag anonym veröffentlichten Bericht des Mediums, müssen sich schlimme Szenen in Berlin zwischen Savignyplatz und Wittenbergplatz abgespielt haben: Angriffe auf Lesben etwa, weil die nicht mit den "Männern" beziehungsweise transgeschlechtlichen Frauen schlafen, sie nicht in ihren Räumen haben wollten, Auflauereien und Hinterhalte. Die Stimmung: so aggressiv, dass die Polizei das Reporter*innenteam kurzzeitig sogar wegschickt habe – "aus Angst, dass die Situation eskalieren könnte". Doch stimmt das auch?
Eine "gefährlich-aggressive Stimmung"
Immer öfter müssten "ganz normale Frauen" Hass, Hetze und Gewalt befürchten, weil sie sich "nicht der Agenda von Trans-Aktivisten anpassen wollen", heißt es einleitend im Artikel unter dem Titel "Weil sie keine Lust auf Männer haben: Trans-Antifa-Schläger gehen auf Lesben los!" Auch am Freitagnachmittag am Berliner Kudamm versuchten demnach vermummte Aktivist*innen, "eine kleine Gruppe Lesben anzugreifen", und zwar während einer "Demo". Der Grund für die Attacke demnach: "Sie sprechen sich gegen Männer in ihren Schutzräumen aus". Hintergrund sei zudem, heißt es weiter, dass sich transgeschlechtliche Frauen "immer häufiger" als lesbische Frauen identifizierten, in der Community aufgenommen und auf Lesbenpartys mitfeiern wollten sowie forderten, dass Lesben mit ihnen ins Bett gehen sollten. Darauf folgen weitere Talking Points der "Gender Critical"-Bewegung.
So wird der Eindruck erzeugt, als hätte sich auf der berühmten Berliner Einkaufsmeile Kudamm im alltäglichen Straßengeschehen ein aus einer Gruppe heraus begangener physischer Übergriff auf eine Lesbengruppe ereignet – und zwar, weil die Opfer nicht mit den Täter*innen Geschlechtsverkehr hätten haben wollen. Weil die so Attackierten bei den genannten Entwicklungen nicht mehr mitmachten, hätte die Lesbengruppe nun in Berlin demonstriert, heißt es dann aber erst im zweiten von drei Abschnitten des Artikels zum eigentlichen Zweck der Demonstration.
Der Gruppe gegenüber hätten, wird schließlich weiter erzählt, deutlich mehr Gegendemonstrant*innen gestanden, 200 an der Zahl. Die hätten bereits zuvor online zum "Canceln" der "Lesben-Demonstration" aufgerufen. Vor Ort hätten sie sie dann als "Nazis und Terfs" beschimpft. Die Stimmung sei dabei derart aggressiv gewesen, "dass die Polizei unser Reporterteam wegschickte, aus Angst, dass die Situation eskalieren könnte".
Während der Demonstration seien zudem immer wieder "Gruppen von vermummten, meist männlichen Trans-Aktivisten" aufgetaucht, die "im Vorfeld hinter Häuserecken und Kreuzungen lauerten, um die Frauen gezielt aus dem Hinterhalt anzugreifen." Sie seien auch angebrüllt und angepöbelt worden. Ein "gewalttätiger Angriff" konnte demnach "aber vermieden werden." Laut Zwischenüberschrift habe auch die Polizei die Stimmung als gefährlich und aggressiv beschrieben. "Polizei: gefährlich-aggressive Stimmung" heißt es da.
Polizei widerspricht Beschreibungen
Doch nicht nur die beiden Mitarbeiter*innen des "Pleiteticker" haben die Demonstration begleitet. Auch ich war vor Ort – ursprünglich nur, um Fotos für Bebilderungen von Artikeln über "Gender Critical"-Aktivist*innen zu schießen. Und: Nicht nur mein Eindruck der verhältnismäßig harmlosen Gegenproteste deckt sich nicht mit dem beim "Pleiteticker" erschienenen Bericht. Auch die Berliner Polizei selbst will die Behauptungen aus dem "Pleiteticker"-Artikel mir gegenüber nicht bestätigen.
Auf die Frage, ob vermummte Trans-Aktivist*innen versucht haben, eine kleine Gruppe von Demonstrantinnen des "Real Dyke March" anzugreifen, antwortete Pressesprecherin Anja Dierschke: "Während des Aufzugs 'Lesbische Sichtbarkeit' bekundeten einzelne Teilnehmende der Gegendemonstration verbal ihren Unmut und versuchten, in den besagten Aufzug zu gelangen." Also: Störversuche und ein Eindringen in die Demonstration gab es durchaus. Weiter heißt es von der Polizei: "Um dieses Vorhaben zu unterbinden und einen friedlichen Verlauf der Versammlung zu gewährleisten, sprachen Einsatzkräfte die störenden Personen an. Lediglich eine störende Person musste unter Zuhilfenahme der einfachen körperlichen Gewalt, in Form von Drücken und Schieben, aus dem Aufzug geholt werden. Ihr wurde ein mündlicher Platzverweis erteilt." Weder sahen es die Beamten vor Ort als notwendig an, eine Anzeige zu fertigen, noch, die Personalien der Person festzustellen.
Zur Frage, ob die Polizei das Reporter*innenteam weggeschickt habe und ob die Rechte der Presse dabei beachtet wurden, heißt es: "Der Polizei Berlin ist bekannt, dass sich vier Medienvertretende in der Versammlung aufhielten und diese selbstständig auch wieder verließen. Zu keinem Zeitpunkt erfolgten konkrete Verhaltensempfehlungen durch die Einsatzkräfte an die Medienschaffenden."
Auch mit Angriffen aus dem Hinterhalt durch vermummte Gegendemonstrant*innen hatte die Polizei am Freitag selbstausweislich nicht zu kämpfen. Die Darstellung von Pressesprecherin Dierschke liest sich weit weniger dramatisch als die des "Pleitetickers": "Die Polizei Berlin erhielt einen Hinweis, nach dem eine Personengruppe gerade dabei sei, sich im Nahbereich die Gesichter zu verhüllen. An der Kreuzung Kurfürstendamm/Meineckestraße stellten Einsatzkräfte mehrere Personen fest. Nach Ansprache dieser Personen entfernte sich die Gruppe vom Ort."
Ob die Polizei denn wenigstens einen gewalttätigen Angriff auf die Demonstration der Trans-Feindinnen verhindert habe, wollte ich dann noch wissen. Antwort: "Zum aktuellen Zeitpunkt sind der Polizei Berlin keine gewalttätigen Angriffe im Zusammenhang mit der besagten Demonstration oder der Gegendemonstration bekannt."
Manipulation durch Bebilderung
Auch die Situation, die der "Pleiteticker" zur Bebilderung nutzt und die, so wird es durch die Überschrift suggeriert, die "Trans-Antifa-Schläger" in Aktion zeigen könnte, stellt sich auf meinen vor Ort geschossenen Fotos deutlich harmloser dar.

Screenshot von der Hauptseite des "Pleiteticker"
Aus einer anderen Perspektive aufgenommen zeigt mein Bild: Die Gruppe von Gegendemonstrant*innen war von der "Gender Critical"-Demonstration durch eine Straße getrennt. Trotz grün leuchtender Ampel machen die Gegendemonstrant*innen nicht den Anschein, die Straße überqueren zu wollen und die aufgrund ihrer geringen Anzahl gemäß Versammlungsrecht auf den Gehsteig verwiesene Demogruppe anzugreifen.

Auf dem Bild deutlich zu erkennen: Die Fahrbahn, die die Kontrahent*innen trennte (Bild: Jeja Klein)
Ein Blick auf Satellitenbilder bei Google Maps belegt zudem: Am Ort des Geschehens, identifizierbar durch das U-Bahn-Schild "Adenauerplatz", trennt eine dreispurige Fahrbahn die Kontrahent*innen. Doch der beim "Pleiteticker" verwandte Bildausschnitt ist so gewählt, dass die Füße der Gegendemonstrant*innen und damit auch die Fahrbahn nicht erkennbar sind. So wirken die Gegendemonstrant*innen viel näher, als sie es in Wirklichkeit waren.
Andernorts hielten zwei Gegendemonstrant*innen dem vermeintlichen Lesbenmarsch übrigens ein Transparent entgegen, das die tatsächliche Motivation zum Gegenprotest mehr als deutlich machte: "real feminism is trans* inclusive" hatte dort in blauen und roten Lettern gestanden. Mit dem beim "Pleiteticker" suggerierten Ablauf, wonach trans Frauen auf eine Lesbengruppe aus Wut über den Ausschluss aus Lesbenräumen oder über eine sexuelle Zurückweisung losgegangen wären, haben die wahren Gründe für den Protest also eher weniger zu tun. Den Gegendemonstrant*innen ging es um Feminismus und Trans-Rechte.

Feminist*innen zeigten ein Banner mit der Aufschrift: "real feminism is trans* inclusive" (Bild: Jeja Klein)
Basad-Video zeigt ganz andere Situation
Zwar ist nicht eindeutig ersichtlich, von wem der Artikel genau stammt. Doch "Pleiteticker"-Autorin und Ex-"Bild"-Kolumnistin Judith Sevinç Basad veröffentlichte nicht nur den Artikel selbst auf ihrer Twitter-Seite, sondern auch einen sechsminütigen Videobeitrag vom Demo-Tag. Der Clip, den sie auch eingesprochen hat, enthält teils identische Formulierungen. Auch eine im dritten Artikelabschnitt geschilderte Interviewsituation mit der jungen Demo-Anmelderin ist in den bewegten Bildern enthalten. Im gleichsam von Basad geführten Interview behauptet die "Gender Critical"-Aktivistin unter anderem noch, dass Gegendemonstrant*innen versucht hätten, die Teilnehmer*innen "anzuspringen" – ein Vorwurf, den die Berliner Polizei nicht bestätigen kann.
Der "Pleiteticker"-Artikel folgt bei Basad dann unterhalb des Videotweets als Antwort bzw. innerhalb des Twitter-Threads. Basads falsche Berichterstattung erreichte auf dem sozialen Medium so über 5.800 Likes, 2.200 Retweets, über 900 Kommentare und über 700.000 Views (Stand: Donnerstag Abend). Der Text des Tweets weist in die selbe Richtung der Desinformation: "20 Lesben gingen in Berlin auf die Straße, weil sie keinen Sex mit Männern haben wollen. Die Reaktion: Ein Mob von 200 (!) Trans-Aktivisten formiert sich und versucht, die Frauen anzugreifen. Was im Namen der Diversität gerade passiert, ist einfach unbegreiflich."
Schaut man sich den Clip an, wird jedoch auch deutlich, woher die Behauptung stammen könnte, die Polizei habe Basad und ihren Kollegen aus Angst vor Eskalation weggeschickt. Tatsächlich enthält das Video eine Sequenz, in der der Filmende im Gespräch mit einem Polizisten einen zuvor durch den Beamten erteilten "Rat" erwähnt, den Ort des Geschehens zu verlassen. Nur ist der gar nicht derjenige Ort, an dem sich die "Gender-Critical"-Aktivistinnen zu dem Zeitpunkt sammelten.
Basad und ihr Kollege hatten sich in Wahrheit zu zweit, Dutzende Meter abseits und hinter einer Parkanlage mit Gebüsch und Bäumen inmitten der angemeldeten Auftaktkundgebung der Gegenproteste begeben. Dort haben sie sich durch die große, im Tweet als "Mob" bezeichnete und angeblich so gefährliche Menge bewegt und die Menschen dabei von Nahem gefilmt. Dabei waren sie, das zeigen die Bilder, durchaus Anfeindungen ausgesetzt.
Mit dem im Text behaupteten Ablauf aber, wonach die Polizei die "Pleiteticker"-Autor*innen weggeschickt hätte, als Gegendemonstrant*innen Teilnehmerinnen des "Real Dyke March" als "Nazis" und "Terfs" beschimpft hätten, geschweigedenn während des vermeintlichen Angriffs der vermummten "Trans-Antifa-Schläger", hat die gezeigte Situation nichts zu tun. Die Aggressionen, die der für ihre transfeindlichen Äußerungen bekannten Basad galten, wurden zu einer akuten Bedrohungslage gegenüber "Lesben" umgelogen, die doch nichts weiter gewollt hätten, als nicht von Männern zum Geschlechtsverkehr gezwungen zu werden.
Ein Gutes aber dürfte die ganze unaufrichtige Berichterstattung über den Berliner Demonstrationstag haben: Dass nur 25 Teilnehmerinnen bereit waren, eine in sozialen Medien häufig doch so groß wirkende Bewegung auch auf den Straßen der Hauptstadt zu vertreten, haben nun nochmal mehr Menschen mitbekommen.














