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Land Brandenburg
Spremberg: "Wir lassen uns diese Stadt niemals wegnehmen"
Nach dem queerfeindlichen Brandanschlag auf eine Kirche und rechtsextremen Vorfälle wie in Burg setzte die Initiative #unteilbar-Spremberg am Samstag mit einem Fest für Solidarität und Vielfalt ein wichtiges Zeichen.

Die Regenbogenflagge an der Michaelgemeinde in Spremberg zum CSD Cottbus im Jahr 2021 (Bild: michaelgemeinde / facebook)
- Von Silke Nauschütz, dpa
2. Juli 2023, 03:25h 4 Min.
Der Bäcker am Markt im südbrandenburgischen Spremberg bekommt an diesem Julitag Konkurrenz. Viele selbstgemachte Leckereien von geflüchteten Frauen sind an einem der Stände des Bündnisses #unteilbar-Spremberg zu haben, bunte Regenbogenschirme sind aufgespannt. Das Fest für Solidarität und Vielfalt wird zum dritten Mal gefeiert und hat damit fast schon Tradition. In diesem Jahr hat es noch einen anderen Hintergrund.
In der Nacht zum Samstag vergangener Woche hatten unbekannte Personen in der Stadt im Landkreis Spree-Neiße einen Brandsatz gegen eine Regenbogenfahne geworfen, die am Glockenstuhl einer Kirche hing (queer.de berichtete). Menschen hatten zum Christopher Street Day eine Filmveranstaltung besucht. Neben der Fahne entstand laut Polizei in etwa vier Metern Höhe an der Giebelwand eine Verrußung. Auch auf Bodenplatten vor dem Turm wurden Verrußungen sichtbar. Verletzt wurde niemand. Der Staatsschutz ermittelt.
Staatssekretär: "Wir als Land stehen an Ihrer Seite!"
Etwa 200 Menschen sind an diesem Samstag zum Fest gekommen, sitzen in Liegestühlen oder an Bierbänken, Kinder laufen mit bunten Luftballons über den Platz. Die Veranstaltung und den Bäcker trennt nur ein schmaler Weg, Gäste sitzen bei Kaffee und Kuchen und blicken neugierig auf die Akteur*innen des Festes, manche informieren sich an einem Stand auf dem Markt, nehmen ein Getränk an der "Unteilbar", auch zwei stadtbekannte Anhänger der rechtsextremen Szene beobachten das Fest von Weitem.
Bürgermeisterin Christine Herntier (parteilos) ist gekommen, der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Christian Stäblein und Kulturstaatssekretär Tobias Dünow (SPD). Sie alle sprechen dem Bündnis Mut zu. Dünow verurteilt die Tat als "eklig". Ein Brandanschlag auf eine Gemeinde, die sich explizit für Toleranz und gegen Diskriminierung einsetze, in unmittelbarer Nähe zu schlafenden Menschen – all das sei an Schändlichkeit nicht zu überbieten, so der Kulturstaatssekretär. Er dankt Pfarrer Lukas Pellio und seiner Gemeinde für das "ausdauernde" Engagement und versichert: "Wir als Land stehen an Ihrer Seite!"
Bischof Stäblein spricht von einem Brandanschlag, der "feige, widerlich, gefährlich und abstoßend" sei. "Gott hat die Welt bunt und solidarisch geschaffen. Lasst uns nicht zulassen, dass das kaputt geht. Lasst uns das feiern. Und lasst uns da aufstehen, wo Gewalt einzieht, und Angst gemacht werden soll", sagt Stäblein in seiner Rede. Die Kirche sei ein Schutzraum. "Wer diesen Schutzraum angreift, greift uns alle, greift euch alle an."
Eine Stadt im Strukturwandel
Das Thema ist unbequem für die Stadt Spremberg, die mitten im Strukturwandel steckt und selbst mit dem Slogan "Perle der Lausitz" wirbt. Erste Ansiedlungsbemühungen im Industriegebiet Schwarze Pumpe zeigen Erfolg. Die Stadt braucht Weltoffenheit für Zuzug und Fachkräfte. Auch bundesweit gibt es viel Aufmerksamkeit. Im Februar hatte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) für den Aufbau eines Wasserstoff-Speicherkraftwerks im Industriepark Schwarze Pumpe zwei Förderbescheide in Höhe von 28,5 Millionen Euro übergeben.
Bürgermeisterin Christine Herntier, die für die Lausitzer Kommunen in Brandenburg in der Kohlekommission saß, will nach vorne denken, wie sie sagt. Das Fest sei notwendig. Zwei rechtsextreme Vorfälle an Schulen in Spremberg seien angezeigt worden, das Bewusstsein sei geschärft worden, sagt Herntier. Sie könne die Bürger*innen nur ermutigen, sich zu melden. Den Stadtverordneten habe sie gesagt: "Rechtsextremismus lauert immer und wenn er dann vorkommt, dann erschrickt man sich." Viele wollten sich mit dem Thema nicht befassen. "Da müssen wir nachschärfen." Tiefe Strukturen und Netzwerke des Rechtsextremismus zu erkennen – dafür gebe es institutionelle Einrichtungen, sagt die Politikerin.
Inzwischen spricht der Burger Lehrer Max Teske. Er und seine Kollegin Laura Nickel hatten rechtsextreme Vorfälle an ihrer Schule öffentlich gemacht und damit eine bundesweite Debatte ausgelöst. Teske ist in Spremberg zur Schule gegangen. Der 31-Jährige berichtet, wie er Gewalt, Rassismus und Mobbing erlebt hat. "Das ist genau die richtige Haltung, die wir in diesen Zeiten einfach brauchen", ruft er den Gästen des Festes zu. "Wir sind alle hier, um in Spremberg zu zeigen: Wir sind vielfältig und bunt, wir lassen uns diese Stadt niemals wegnehmen." Ganz Brandenburg, ganz Deutschland müsse ein sicherer Raum für alle Menschen werden.















