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Tschetschenien

Wieder Angriff auf "Nowaja Gaseta"-Journalistin in Grosny

Elena Milaschina, die als erste über die LGBTI-Verfolgung in Tschetschenien berichtete, und ihr Anwalt wurden brutal zusammengeschlagen und bedroht.


Milaschina nach dem Angriff (Bild: Novaya Gazeta / Crew Against Torture)

  • 5. Juli 2023, 10:51h 1 3 Min.

Eine Investigativjournalistin der unabhängigen russischen Zeitung "Nowaja Gaseta" ist nach Angaben der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial in Tschetschenien zusammengeschlagen und schwer verletzt worden. Die Tschetschenien-Expertin Elena Milaschina und ihr Anwalt Alexander Nemow seien am frühen Dienstag nach ihrer Ankunft in der russischen Kaukasusrepublik attackiert worden, erklärte Memorial in Online-Netzwerken. Bereits früher hatte Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow die Journalistin offen mit dem Tod bedroht.

Milaschina und ihr Anwalt wurden nach dem Angriff am frühen Dienstagmorgen in ein Krankenhaus eingeliefert und danach in das benachbarte Nordossetien verlegt, am Mittwoch konnten beide nach Moskau reisen. Zu dem Angriff hieß es, maskierte und bewaffnete Männer hätten den Wagen der preisgekrönten Journalistin auf dem Weg in die regionale Hauptstadt Grosny gestoppt. Die Männer hätten mit einer Pistole gedroht, sie zu töten, sollte sie weiter berichten. Sie schlugen und traten, auch mit Schlagstöcken, auf die beiden Insassen ein und zerstörten alle vorhandenen Dokumente und Technik. Milaschina seien die Finger gebrochen worden, sie habe Prellungen "am ganzen Körper" und verliere von Zeit zu Zeit das Bewusstsein. Auch der Kopf wurde ihr teilweise geschoren und sie wurde mit grüner Farbe überschüttet. Der Anwalt erlitt unter anderem eine Stichverletzung in einem Bein.

/ novayagazeta_en | Mehr zu dem Angriff im Medium von Milaschina
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Medienberichten zufolge waren Milaschina und Nemow nach Grosny gereist, um an der Urteilsverkündung im neuesten Prozess gegen Sarema Musajewa teilzunehmen, die aus einer Familie von Menschenrechtsaktivisten und Kadyrow-Gegnern stammt. Im Januar 2022 war sie von tschetschenische Sicherheitskräften aus dem russischen Nischni Nowgorod quasi nach Tschetschenien entführt worden – ähnlich wie 2020 ein queeres Geschwisterpaar (queer.de berichtete). Ihr wurde nach Angaben des russischen Exilmediums Medusa ein Angriff auf einen Polizisten vorgeworfen – sie wurde zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt.

Die "Nowaja Gaseta", deren Chefredakteur Dmitri Muratow 2021 den Friedensnobelpreis erhielt, galt jahrelang als eine der wichtigsten unabhängigen russischen Zeitungen. Seit dem Jahr 2000 wurden sechs Mitarbeiter*innen getötet, darunter die Enthüllungsreporterin Anna Politkowskaja. Im Zuge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine wurden der Zeitung im letzten Jahr ihre Druck- und Onlinelizenz gestrichen, die Webseite blockiert. Das Team startete von Riga aus eine europäische Ausgabe.

Immer zügelloseres Klima der Rechtlosigkeit

Milaschina war bereits 2020 bei der Berichterstattung über einen anderen Prozess in Grosny verprügelt und bedroht worden (queer.de berichtete). Deutschland und Frankreich hatten den Kreml danach zum Schutz von Journalist*innen aufgefordert – bei Russlands Präsident Wladimir Putin prallten allerdings Forderungen, seinen Statthalter in Tschetschenien bei dessen zahlreichen Menschenrechtsverletzungen zu zügeln oder gar nach russischen Gesetzen behandeln zu lassen, regelmäßig ab.


Milaschina ist eine der wenigen unabhägigen Journalistinnen in Russland, die über Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien berichtet – und das nach jahrelangen Bedrohungen und der immer eingeschränkteren Pressefreiheit auch heute noch (Bild: Amnesty International)

Ein Wegschauen Russlands galt auch damals schon für die Verfolgung von LGBTI in Tschetschenien, über die Milaschina in der "Nowaja Gaseta" in Zusammenarbeit mit dem russischen LGBT Network als erste berichtet hatte (queer.de berichtete). Im Frühjahr 2017 waren über hundert Männer wegen vermuteter Homosexualität von Sicherheitskräften verschleppt und in außergesetzlichen Lagern an der Seite von anderen Inhaftierten wie Drogensüchtigen gefoltert worden, einige von ihnen starben dabei. Nach internationaler Empörung wurde das mutmaßliche Hauptinhaftierungslager geräumt, später kam es aber immer wieder zu kleineren Verfolgungen, die auch vermutete Lesben oder Transsexuelle umfassten, zuletzt zu einer größeren Welle Anfang 2019 (queer.de berichtete).

Während Milaschina immer neue Details und Beweise für die Verfolgung veröffentlichte, verschleppten die zuständigen russischen Behörden allerdings alle Ermittlungen, während Kadyrow die Verfolgung unter homofeindlicher Hetze immer wieder abstritt (queer.de berichtete). Europarat und OSZE hatten eigene Untersuchungen zu den Verfolgungen angestellt und in den letzten Jahren Russland mehrfach aufgefordert, Hintergründe zu ermitteln, Verantwortliche zu bestrafen und das "Klima der Rechtlosigkeit" in der Region zu beenden (queer.de berichtete). Inzwischen gilt das "Klima der Rechtlosigkeit" immer mehr auch im restlichen Russland, während Kadyrow eine wichtige Rolle im Krieg gegen die Ukraine spielt. (afp/nb)

-w-

#1 EuropäerAnonym
  • 05.07.2023, 22:13h
  • Was für Barbaren. Hochachtung für den Mut dieser Frau.
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