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Folge 28 von 53

Schwule Symbole im Film: Wege

Bei der symbolischen Bedeutung von Wegen geht es nicht nur um Lebenswege und Weggefährten, sondern auch um Umwege und Abwege. Bei Roadmovies ist eine Sinnsuche elementar.


Szene aus Gus Van Sants Meisterwerk "My Own Private Idaho – Das Ende der Unschuld" (1991)

Lebensweg und Reise – Wege der schwulen Selbstfindung

Weg, Wanderung und Reise sind archaische symbolische Begriffe für den Lebensprozess und die Bewältigung eines Lebensweges ("seinen eigenen Weg gehen"), die auch im Christentum eine große Bedeutung haben (Jesus: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben"). Sie sind aber auch modern und finden sich in Songs wie "Highway to Hell" wieder. Zur sogenannten "Heldenreise" gehören archetypische Grundmuster, die durch typische Situationsabfolgen und Figuren gekennzeichnet sind und die man nicht nur in Filmen, sondern auch in Märchen findet.

Die schwule Reise im Filmtitel – Lebensweg

Das Motiv der Reise ist auch in schwulen Filmen omnipräsent und kann für Veränderung und Erkenntnisgewinn stehen. Einige Filme greifen die Weg- bzw. Straßen-Symbolik schon im Titel auf. Der Titel des Films "Getting Straight" (1970), der am Rande auch Homosexualität behandelt, lässt sich nur frei mit Einschlagen des geradlinigen bzw. des "rechten" Weges übersetzen. Auch für den Film "Unser Weg ist der beste" (aka "The Best Way to Walk" oder "La meilleure façon de marcher", 1976) hätte man durchaus einen passenderen deutschen Titel finden können wie z.B. "Die beste Art, den eigenen Weg zu gehen". Bei dem Film "The Journey of Jared Price" (2000) hebt auch der deutsche Untertitel ("Eine sinnliche Reise in die sexuelle Selbstbestimmung") die symbolische Bedeutung der Reise der Hauptfigur hervor. Der Film "Ein Weg. Auf den Spuren einer langen Beziehung" (aka "Path", 2017) behandelt die Beziehung von Andreas und Martin.

Bei den vielen schwulen Kurzfilmen lohnt ein Hinweis auf folgende Beispiele: In "Safe Journey" (2002) soll eine Statue der chinesischen Gottheit Guanyin einem schwulen Mann eine sichere Reise durch sein Leben bescheren und in "Sin ruta / Without Direction" (= Ohne Richtung, 2012) flüchtet ein schwuler Musiker aus Guatemala. In zwei Filmen geht es im weiteren Sinne um einen Ausweg: In "Way out there" (= Weg nach draußen, 2012) ist ein Familienvater nach seinem Coming-out auf der Suche nach einer schwulen Ersatzfamilie und im Kurzfilm "The way out" (= Der Weg hinaus, 2018) wird die Geschichte von Ryan erzählt, der bis zu seinem Coming-out ein Doppelleben führt.

Die klassische "Heldenreise"

Zu den regelmäßigen Topoi schwuler Filme gehört es, dass ein unbedarfter junger Mann vom Dorf in die Großstadt kommt, dort das schwule Leben für sich entdeckt und sein Coming-out hat. Damit wird eine sogenannte "Heldenreise" erzählt. Sie gehört zu den archetypischen Grundmustern einer Geschichte, auf denen auch Filme beruhen, die sich aber auch in Mythen, Märchen und sogar Videospielen finden lassen und die durch ähnlich wiederkehrende Situationen und Figuren gekennzeichnet sind. So gehören zu den Archetypen der Heldenreise "der Unschuldige" und "der Sucher". In "Formula 17" (2004) zieht ein junger und sexuell unerfahrener Mann vom Dorf in die Großstadt Taipei und ist auf der Suche nach seiner sexuellen Identität. Dies ist – zumindest von der Grundstruktur her – eine sehr alte Geschichte. Auch die Dialoge unterstützen die symbolische Bedeutung dieser Reise. Chou liebt Bai, hat aber Angst vor der Flüchtigkeit der Liebe. Bai über die Liebe: "Aber wir können ihr hinterherlaufen [..] und sie zurückholen". Chou: "Meine Füße tun weh." Bai: "Ich trage dich." Im schon erwähnten Film "The Journey of Jared Price" (2000) verdeutlicht auch der DVD-Backcovertext die "Heldenreise": "So ist die Reise des Jared Price eine doppelte – die aus der beengenden Heimat in die Großstadt und die vom Jungen zum jungen Mann, der seinen Weg im Leben findet."


Ryan und sein Coming-out in "The way out" (2018). "The Journey of Jared Price" (2000) ist eine "sinnliche Reise in die sexuelle Selbstbestimmung"

Es gibt viele weitere Beispiele für Filme, in denen ein Schwuler z.B. nach Berlin zieht, wie in "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971) und in "Styx" (2004), nach Paris wie in "Brüder" (2005), nach London wie in "Breakfast on Pluto" (2005) und in "Piccadilly Pickups" (2000), nach Manila wie in "Ohne Ausweg" (2008), nach Tel Aviv wie in "Mary Lou" (2009), nach Saigon wie in "Lost in Paradise" (2011) oder nach New York wie in "Ausgeflippt" (1977) und "Five Dancers" (2013). Zu den bekanntesten Beispielen gehört wohl Roland Emmerichs "Stonewall" (2015), worin Danny Winters aus der amerikanischen Provinz nach New York flieht, wo er sich ein befreites schwules Leben erhofft.

Der Koffer – Symbol für Aufbruch und Reise

Niels Rauter ist in seiner Arbeit "Reiner Gebrauchsgegenstand? Der Koffer als Symbol in Reise und Tourismus" (2011) der Frage nachgegangen, inwiefern der Koffer neben seiner praktischen Verwendung auch die symbolischen Werte des Besitzers und der Reise repräsentiert. Im schon erwähnten Film "Formula 17" (2004) ist bei der "Heldenreise" des jungen Chou sein roter Koffer – als Symbol für Reise und Aufbruch – stets präsent. In gleicher Bedeutung ist ein Koffer bzw. das Packen von Koffern in vielen Filmen deutlich in Szene gesetzt, wie in "I want what I want" (1971), "Kopfüber" (1998), "Jonathan. Die Passion" (2008), "Another Gay Sequel" (2008) und "Tattoo" (2013).


Der sehr präsente rote Koffer des jungen Chou in "Formula 17" (2004)

Die Reise – der Lebensweg als Klammer der Erzählung

Die Hinfahrt am Anfang und die Rückfahrt am Ende des Films sind oft eine Klammer um die erzählte Geschichte und eine Möglichkeit, sie harmonisch abzurunden bzw. abzuschließen. Dazu gehören Filme, die mit einer Busfahrt "eingerahmt" sind, wie "Am Lagerfeuer" (1999), oder mit einer Zugfahrt wie "Außerirdische" (1993), "Krámpack" (2000) und der Kurzfilm "Boy who couldn't swim" (2011).

"Unterwegs" mit Jan Krüger

Im Rahmen einer Frage an den offen schwulen Regisseur Jan Krüger betont das Online-Magazin "Sissy" (2011) zu Recht: "Es ist ja charakteristisch für deine Geschichten, dass es darin um Menschen in Bewegung geht, schon die Titel sagen das: 'Unterwegs', 'Rückenwind', 'Auf der Suche'." Das stimmt, diese drei Filme lassen sich so zusammenfassen: "Unterwegs" (2004) handelt von einer Fahrt an die polnische Ostseeküste, "Rückenwind" (2009) von den Erlebnissen eines Freundespaares auf einer Radtour, und in "Auf der Suche" (2011) begibt sich Simons Mutter Valerie gemeinsam mit seiner ehemaligen Geliebten auf die Suche nach ihrem verschwundenen Sohn. Es sind drei Filme, die sich im weiteren Sinne als "Heldenreisen" und zum Teil als Roadmovies bezeichnen lassen. "Unterwegs" ist eine mögliche Referenz an den einflussreichen Roman "Unterwegs" von Jack Kerouac, der 2012 unter dem Titel "On the road" (2012) verfilmt wurde und später noch Thema sein wird.

Schlussszenen – weiterer gemeinsamer Lebensweg

Schlussszenen in Filmen, in denen sich Menschen auf den Weg machen, verweisen symbolisch auf ihren weiteren Lebensweg. Charles und Harry gehen in "Unter der Treppe" (1969) nicht nur zu einer Gerichtsverhandlung, sondern haben auch einen weiteren gemeinsamen Lebensweg vor sich. Das Wegfahren mit dem Freund in "Dakan" (1997) ist auch eine Lebensentscheidung für den weiteren Lebensweg mit diesem und nicht mit der Ehefrau. Dazu gehört auch das gemeinsame Weggehen zweier Freunde am Ende von "Frühstück?" (2002) und von Michael und Alex in "Who We Are" (2010, 15:35 Min., hier online) ebenso wie das gemeinsame Wegfahren in "Cowboy" (2008). Die Schlussszenen dieser Filme sind auf diese Weise als Happy End inszeniert.

Die Schlussszenen dreier schwuler Kurzfilme sind hier besonders hervorzuheben: In "Meet Joe Gay" (2000) ist die Schlussszene als kitschiges Märchen inszeniert, in dem Joe Gay mit seinem Prince Charming auf einem Pferd davonreitet. Am Ende des Animationskurzfilms "Cruise Patrol" (2013, 6:15 Min., hier online) geht ein Liebespaar gemeinsam eine Straße entlang und dabei – in typisch amerikanischer Weise – der untergehenden Sonne entgegen. Der Kurzfilm "Through the Fields" (aka "Passer les champs", 2015, 26:30 Min., hier online) wurde mit einem Motiv beworben, bei dem zwei sich liebende Männer in der letzten Einstellung zusammen auf dem Motorrad wegfahren.


Eine Reise in Jan Krügers Film "Unterwegs" und der gemeinsame Lebensweg zweier Männer am Ende von "Passer les champs" (2015)

Schlussszenen – getrennte Lebenswege

Manchmal gehen zwei Freunde auch getrennte Wege, dargestellt u.a. in der vorletzten Einstellung mit Frank und Johnny in "We Think the World of You" (1988) und in der letzten Einstellung mit Matthieu und Jan in "Prora" (2012). In der vorletzten Szene von "Der Brief" (2008) geht Patrick alleine seinen Weg, während sein Freund Adrian stehen bleibt. Die Schlussszenen von Filmen, in denen Männer alleine aufbrechen, verdeutlichen, dass sie zumindest weiter auf dem Weg zu sich selbst sind, wie Benny in "Fögi ist ein Sauhund" (1998), Gabriel in "Trick" (1999), Logan in "Wild Tigers I Have Known" (2006), Leo in "Leo's Room" (2009) und Rafa in "El inicio" (2010).


Patrick geht in "Der Brief" (2008) alleine seinen Weg

Die Arte-Kompilation "Worum geht's bei Luchino Visconti?" (11:05 Min., hier online) weist darauf hin, dass viele der Filme des schwulen Regisseurs damit enden, dass ein Mensch in eine unbekannte Zukunft geht: "Menschen drehen uns den Rücken zu und treten langsam, ganz langsam, in den Hintergrund oder aus dem Bild."

Metaphern – filmische "Meilensteine" und die Richtung im Leben

Es gibt noch viele weitere Wege-Metaphern in schwulen Filmen, wie die Äußerung von Oscar Wilde in "Der Mann mit der grünen Nelke" (1960), dass die Jugend noch "am Anfang des Weges" stehe. Im weiteren Sinne gehören dazu auch zwei Äußerungen von Vito Russo ("Die schwule Traumfabrik", 1990, S. 140, 192): Der Film "The Boys in the Band" (1970) "pflasterte den Weg" für weitere Filme und die Doku "Word is out" (1977) wird von ihm als ein "Meilenstein" bezeichnet. Ein "Meilenstein" wurde früher für das Messen einer Entfernung verwendet, dient heute aber nur noch als symbolischer Begriff. In "Flames of Passion" (1989) findet sich die Formulierung: "Now, voyager. Sail thou forth. To seek and find." In einer Folge der Serie "Criminal Minds" (Folge 8/15) wird eine Konversionstherapie in der Sprache der Täter als "Pfad der Erlösung" bezeichnet. Sehr eindrucksvoll ist eine Szene in "Don't Ever Wipe Tears Without Gloves" (2012, 00:28 Min., hier Trailer), in der zwei Freunde im Schnee auf einer Kreuzung stehen und sich über die Richtung unterhalten, die sie dem Leben noch geben wollen: "Weißt du, welche Richtung?" "Nein." Kreuzungen sind auch sonst typische Symbole für anstehende Lebensentscheidungen.


Eine Kreuzung bezeichnet verschiedene Lebenswege in "Don't Ever Wipe Tears Without Gloves" (2012)

Pornos – schwule Sexreisende

Einige Titel von Schwulenpornos machen deutlich, dass sich schwule Männer auf einer Reise mit erwartbaren sexuellen Erlebnissen befinden ("Voyage", "The Journey", "Sex Traveler", "Sex Voyager", Jean Daniel Cadinots "Le voyage à Venise"). Es ist klar, dass damit nicht nur eine Ortsveränderung, sondern symbolisch auch eine innere Reise gemeint ist. Die Titel spielen offenbar auch mit der Vorstellung von anonymen sexuellen Kontakten im Urlaub.


Schwule Sexreisende in "Voyage" und "The Journey"

Viele der metaphorischen Bedeutungen werden offenbar nicht immer bewusst und reflektiert eingesetzt. So lassen sich mit der Weg-Metapher eine schwule Art zu leben ("Showing him the gay way") und rauer bzw. harter Sex ("Raw Ways", "Hard Way") zum Ausdruck bringen. Zudem lässt sich das Wort synonym für "immer" ("Bareback all the Way") verwenden. Der Titel "The very first step" verweist inhaltlich auf den Weg junger Männer ins Porno-Business. Zu den sexuell doppeldeutigen Titeln gehört "Crossed Path", der auch den Weg zwischen Schwanz und Arsch meint. Der Porno-Titel "Let me go" verweist – im Kontext von einvernehmlichen SM-Spielen – auf die Bitte, freigelassen zu werden.


Steinige Wege – schwule Selbstfindung auf Um- und Abwegen

"Auf dem Weg sind wir analog zum Beschreiten eines gelegentlich steinigen, gefahrvollen […] Weges Gefahren ausgesetzt, müssen Hindernisse überwinden, erleben Irr- und Umwege, geraten in Sackgassen, in die Nähe von Abgründen, […] empfinden unser Leben als ein Labyrinth der Irrungen und Wirrungen […]. Oft müssen auch Entscheidungen gefällt werden (Scheideweg, Weggabelung), denn geradeaus verlaufen die wenigsten Wege" (Symbolonline). Ein typisches Beispiel für Abwege ist die "Gosse", die als Ort sozialer Ausgrenzung in der nächsten Folge behandelt wird.

Neue Wege und Umwege im Filmtitel – Lebenswege

Es ist beeindruckend, wie viele schwule Filme schon im Titel symbolisch zum Ausdruck bringen, dass die Lebenswege von Schwulen häufig nicht geradlinig verlaufen, wie "Der Trip. Eine Liebe auf Umwegen" (2002), "Umleitung ins Glück" (2007), "Liebe geht seltsame Wege" (2014), "The secret path" (2014) und "Xenia. Eine neue griechische Odyssee" (2014).

Laut dem Backcover-Text geht es in dem Film "Umleitung ins Glück" (2007) um eine Erfüllung "nach der ein oder anderen Umleitung". In dem Independent-Drama "Boulevard. Ein neuer Weg" (2014) verkörpert Robin Williams (in seiner letzten Rolle) einen Ehemann, der seit mehr als 25 Jahren verheiratet ist und dessen Leben sich schlagartig verändert, als er den jungen Callboy Leo kennenlernt. Der Film wird, passend zum Titel, mit einem Standbild aus dem Film beworben, auf dem Robin Williams in seinem Auto eine Straße entlangfährt.


"Liebe geht seltsame Wege" (2014) und Robin Williams auf dem Weg in "Boulevard. Ein neuer Weg" (2014)

Umwege und andere Wege als Metaphern

Neben den Titeln gibt es weitere Möglichkeiten, in Filmen symbolisch oder metaphorisch Umwege zum Ausdruck bringen. Dazu einige Beispiele: In "Westler" (1985) sehen die Zuschauer*innen den unglücklich wirkenden Thomas in einem Schlachthaus einen Weg entlanggehen, während die Liedzeile "Geh deinen Weg" im Hintergrund wie eine Mahnung wirkt, noch einen anderen Weg einzuschlagen. Recht klassisch ist die Äußerung des verheirateten schwulen Juweliers Lothar Cassano in der "Tatort"-Folge "Lauf eines Todes" (Folge 227, 1990) über sein Verhältnis zu seiner Ehefrau: "Ich bin schon lange andere Wege gegangen."

In "Einsam, zweisam, dreisam" (1994) werden Menschen erwähnt, die sich zunächst darüber ärgern, dass sie sich im Urlaub verfahren haben: "Aber später wird einem klar, dass das der beste Teil der ganzen Reise war." Aus dem Film "Wäre die Welt mein" (2008) lässt sich sogar Shakespeare zitieren: "Der Weg wahrer Liebe verlief niemals gerade" ("The course of true love did never run smooth"). Dagegen basiert die Äußerung einer Mutter, dass ihr Sohn vom "rechten Weg abgekommen" sei, in "American Vagabund" (2013) auf Zitaten aus der Bibel (Sprüche Salomos 15, 10 und 15, 21). Auch eine Folge der Serie "Cucumber" (Folge 5) bietet viele Wege-Metaphern zu schwulen Lebenswegen an, wie z.B.: "Manchmal biegen wir falsch ab, manchmal verirren wir uns."

Die Metapher "gegen den Strom schwimmen"

Mit der Redensart "gegen den Strom schwimmen" wird zum Ausdruck gebracht, dass sich Menschen trotz möglicher Nachteile bewusst anders als die Mehrheit verhalten und sich nicht anpassen. Vielleicht hatten die Verantwortlichen des Films "Oscar Wilde" (1997) eine solche oder ähnliche Redensart vor Augen, als sie die Szene drehten, in der sich Oscar Wilde (D: Stephen Fry) seinen Weg durch eine Menge von Richtern bahnt, die an ihren traditionellen Roben und Perücken leicht erkennbar sind. Dies kann auch als Ausdruck dafür verstanden werden, dass Wilde versuchte, sich dem geltenden Strafrecht entgegenzustellen. Eine ähnliche Szene mit einer Menschenmenge und Loïc gibt es in "Dummer Junge" (2004).


"Oscar Wilde" (1997) schwimmt gegen den Strom

Die letzte Reise – der Tod

Irgendwann geht jeder Mensch auf seine "letzte Reise" – eine übliche Formulierung für das Sterben und den Tod. In diesen Zusammenhang gehört Viscontis Film "Der Tod in Venedig" (1971), in dem Gustav Aschenbach auf seiner Reise, die ihn nach Venedig gebracht hat, an sich selbst die Fragen richtet: "Auf welchen Wegen bin ich? Was gehe ich da für einen Weg?" Zu dieser Symbolik gehört auch die Äußerung "Glückliche Reise!" von einer Mutter zum Freitod ihres Sohnes Franz in François Ozons "Tropfen auf heiße Steine" (2000) und Miks Satz "Gute Reise, Bruder!" bei der Beerdigung in "Teenage Kicks" (2016).

Einige schwule Filme greifen schon im Titel eine solche letzte Reise schwuler Männer auf: Der Film "Roommates. Bis ans Ende des Weges" (1994) zeigt die Bewohner eines Wohnheims der Aids-Hilfe. In "Hildes Reise" (2004) geht es um den Tod bzw. den testamentarischen Willen eines Menschen, den einige als Hilde und andere als Martin Hilder kennen. In dem Kurzfilm "Let me go" (2015) stirbt Christian Nerron an der Seite seines Freundes an den Folgen von Aids.


Wenn das Leben langsam verblasst – der Tod von Hilde in "Hildes Reise" (2004)

Pornos – steinige Wege

Auch einige Schwulenpornos machen in ihren Titeln metaphorisch darauf aufmerksam, dass das Leben aus harten ("THR3. The hard Way") bzw. steinigen Wegen ("Stony Ways") besteht und man in Situationen geraten kann, aus denen es scheinbar keinen Ausweg gibt ("No way out").


Steinige Wege in "Stony Ways" und kein Ausweg in "No way out"


Roadmovies – unterwegs den eigenen Platz finden

Roadmovies sind ein typisch US-amerikanisches Genre, bei dem die Handlung überwiegend auf der Straße bzw. auf einer Reise angesiedelt ist. Den Boden dafür ebneten literarische Werke. In diesen Filmen, in denen die Protagonisten oft Outlaws sind, ist die Reise ein Symbol für die Suche nach Freiheit und Identität. Roadmovies haben sich zwar im Lauf der Zeit verändert, handeln aber immer noch von einer inneren und äußeren Reise. Einige Protagonisten laufen weg und andere suchen nach ihren Wurzeln. Einige wollen die Gesellschaft hinter sich lassen und andere endlich ihren Platz in ihr finden.

Die Anfänge

Zu den das Genre prägenden literarischen Werken gehört Jack Kerouacs 1957 erstmals veröffentlichter Roman "Unterwegs". Er gilt als Manifest der so genannten Beatniks und als einer der wichtigsten Texte der Beat Generation. Der Roman ist autobiographisch und stellt in den Romanfiguren Kerouacs schwulen Freundeskreis dar. Carlo Marx ist Allen Ginsberg, Old Bull Lee ist William S. Burroughs und Sal Paradise entspricht Jack Kerouac selbst (Wikipedia). Dem Roman wird ein großer Einfluss auf die frühen Roadmovies zugeschrieben, die meistens als Buddie-Movies mit viel Intimität, aber ohne Sex inszeniert sind und häufig von Outlaws handeln. In "Easy Rider" (1969) wird ein Schwuler als "queer" beleidigt. In den Achtzigerjahren galt das Genre allerdings schon als erschöpft.

Queere Roadmovies am Anfang der Neunzigerjahre

Anfang der Neunzigerjahre gab es einen Wendepunkt. Den Beginn machte das vielfach als lesbisch rezipierte Roadmovie "Thelma und Louise" (1991). Die Referenzen zu diesem Film – wie in "Die Simpsons" ("Die rebellischen Weiber", Folge 5/6, 1993) oder "Queer as Folk" ("Pride", Folge 2/4, 2002) – verweisen auf seine Bedeutung. Noch im selben Jahr lief "North of Vortex" (1991), eine Dreiecksgeschichte mit einem schwulen Dichter, einem bisexuellen Matrosen und einer Kellnerin.


Szene aus "North of Vortex" (1991)

Gus Van Sants Roadmovie "My Own Private Idaho – Das Ende der Unschuld" (1991) mit den Hauptdarstellern Keanu Reeves und River Phoenix gilt neben anderen Filmen als Auslöser für das New Queer Cinema. Einen besonderen Status bekam auch "The Living End" (1992), der ebenfalls zum New Queer Cinema gehört und – bis heute sehr überzeugend – Aids und Homosexualität in Form eines Roadmovies behandelt. Mit solchen Filmen wurden erkennbar neue Themen und Impulse in das klassische Roadmovie eingebracht und es wird leidenschaftlich darüber diskutiert, inwieweit das queere Roadmovie das Genre in dieser Zeit quasi revitalisiert hat.

Queere Roadmovies seit den Neunzigerjahren

Die späteren queeren Roadmovies führen die Themen fort. "Priscilla – Königin der Wüste" (1994) zeigt zwei Schwule und eine trans Person auf einer Reise durch Australien mit vielen Begegnungen und Begebenheiten. In "Transamerica" (2005) ist das Genre "Road Movie ein Vehikel für die doppelte Selbstfindung der Protagonisten" ("Filmdienst") – womit Bree und ihr Sohn gemeint sind.


Die Weite der Wüste in "Priscilla – Königin der Wüste" (1994)

Der Film "Straße der Liebe" (aka "Tarik El Hob", 2001) führt einen algerisch-französischen Mann auf seinem Weg der schwulen Selbstfindung über Frankreich und die Niederlande bis nach Afrika. Am Ende des Films ist ein Lied mit der Zeile "Two men are on the road to love" zu hören. Im schon erwähnten "Xenia. Eine neue griechische Odyssee" (2014) wird für Danny und seinen älteren Bruder die Reise zu ihrem griechischen Vater eine Art Initiationsreise. Zum Genre gehören außerdem "Felix" (2000), "Y tu Mama, tambien. Lust for Life" (2002) und "Jess & James" (2015).

"On the road" (2012) nach Jack Kerouacs Roman

Erst im Jahre 2012 wird Jack Kerouacs Roman "Unterwegs" von 1957 verfilmt – als "On the road" (2012), der u.a. zeigt, wie sich ein Mann bei einem Mann prostituiert, um unterwegs zu überleben.


Szene aus der Literaturverfilmung "On the road" (2012) nach Jack Kerouacs Roman

Die Bedeutung von Roman und Film ist an den Referenzen in anderen Filmen spürbar: "The Conrad Boys" (2006) nimmt mehrfach Bezug auf diesen Roman. In "Porn Punk Poetry" (2014) will ein Stricher aus seinem Leben ausbrechen und träumt davon, Jack Kerouacs Strecke nachzufahren. Auch wenn das Auto mit seinen vielfältigen symbolischen Bedeutungen erst später betrachtet wird, sei an dieser Stelle schon einmal darauf hingewiesen, dass nach Siegfried Reinecke ("Autosymbolik in Journalismus, Literatur und Film", 1992, S. 276) das schnelle Auto bei Jack Kerouac "identisch mit antiautoritärer jugendlicher Lebenskraft und ein Mittel der sexuellen Befreiung" ist.

Pornos – "road" und Route als Lebensweg

Es gibt mehrere Schwulenpornos, die auf ihren Covern nicht nur Männer, sondern auch Straßen als wirkungsvolle zentrale Motive zeigen. Durch die Covergestaltung verweisen sie auf Roadmovies, indem die Weite einer Straße betont wird, die bei äußerer Leere scheinbar ins Nichts führt. Viele dieser Pornos führen das Wort "road" wie ein Signalwort in ihrem Titel ("Max & Jake's Road Strip", "Raw Road Trip", "On the road with Rudolf Schneider", "The Road Home").


Die Weite einer Straße und "road" als Signalwort in "Max & Jake's Road Strip" und in "The Road Home"

Das Wort "road" lässt sich auch mit anderen Metaphern und Symbolen kombinieren ("Barebacking USA Road Trip 1", "Beefy Boyz on the Road"). Die "Route" hat die gleiche Bedeutung ("Arcade on Route 69"), wobei "Route 69" eine leicht erkennbare Referenz auf die berühmte "Route 66" und die Sexstellung 69 ist.

-w-

#1 56James35Anonym
  • 09.07.2023, 11:23h
  • "La vie de l'homosexuel est une errance" das hatte ein französischer Aktivist in den 70er Jahren gesagt.
    Das Wort "errance" lässt sich nur schwer ins Deutsche übersetzen".
    "Errance" ist die ewige Suche/Sucht/Sehnsucht nach einem Du, nach einem Ort, nach einem Heim.
    Je mehr Partner, desto mehr Leere, desto mehr Einsamkeit.
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#2 romulusAnonym
  • 11.07.2023, 15:04h
  • Bei dem unter Pornos aufgeführten und abgebildeteten "Voyage" handelt es sich mitnichten um einen Porno, sondern um den fünften Spielfilm (Hong Kong 2013) des queeren Filmemachers Scud, der bereits 2010 mit "Amphetamine" bei den Berlinale Teddy-Awards vertreten war.
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