https://queer.de/?46248
Fragen an Alfonso Pantisano
Kein Budget, kaum Kompetenzen: Was macht die "Ansprechperson Queeres Berlin"?
Der Berliner Senat hat den Aktivisten und SPD-Politiker Alfonso Pantisano zur ersten "Ansprechperson Queeres Berlin" berufen. Gegenüber queer.de verrät der 48-Jährige mehr über seine Aufgaben und Pläne. Kritik kommt von den Grünen.

Alfonso Pantisano gehört zu den bekanntesten queeren Aktivist*innen in Deutschland. Beruflich war er zuletzt persönlicher Referent der SPD-Vorsitzenden Saskia Esken, nun wurde er vom Berliner Senat zur ersten "Ansprechperson Queeres Berlin" berufen (Bild: SenASGIVA)
- Von
12. Juli 2023, 05:09h 7 Min.
Die Hauptstadt hat seit Dienstag einen eigenen Queerbeauftragten, und Berlin wäre nicht Berlin, wenn es an der Ernennung von Alfonso Pantisano zur ersten "Ansprechperson Queeres Berlin" nicht auch Kritik geben würde. Die Community werde "vor vollendete Tatsache gestellt", empörten sich etwa die queerpolitischen Sprecher*innen der Grünen im Abgeordnetenhaus, Sebastian Walter und Laura Neugebauer. "Berlin hat starke queere Strukturen, die politisch und finanziell weiter ausgebaut werden müssten, anstatt Geld für einen Beauftragten zu investieren, dessen Aufgaben losgelöst von den Bedarfen der Community vorgegeben werden und dessen Notwendigkeit fraglich ist." Das sei "der Regenbogenhauptstadt unwürdig", so die beiden Oppositionspolitiker*innen.
In der Tat besetzt der SPDqueer-Landesvorsitzende Pantisano eine Stelle, die er in den Koalitionsverhandlungen mit der CDU selbst mit ausgehandelt hat. Auf eine öffentliche Ausschreibung wurde verzichtet, und wieder einmal soll ein schwuler cis Mann die gesamte queere Community vertreten. Um diese Makel zu überdecken, organisierte der clevere Strippenzieher sehr freundliche Pressemitteilungen von dgti und LesbenRing, die sofort nach seiner Ernennung durch den Senat von einem "Gewinn für die LSBTI*Community" sprachen bzw. den "herausragenden Ruf" des SPD-Politikers lobten.
Nun kann man Alfonso Pantisano mangelnde Kompetenz für die Aufgabe oder fehlenden Einsatz für Vielfalt tatsächlich nicht vorwerfen. Auch der LSVD Berlin-Brandenburg gratulierte, fand jedoch etwas zurückhaltendere Worte. "Damit das Leuchtturmprojekt 'Ansprechperson Queeres Berlin' des schwarz-roten Senates einen Mehrwehrt entfaltet, muss die Stelle mit entsprechenden Kompetenzen ausgestattet werden", forderte Vorstandsmitglied Danina Schwarm. "Fest steht für uns: Die queeren Communitys in Berlin brauchen kein Sprachrohr und auch keine*n staatlich eingesetzte*n Fürsprecher*in. Als starke und laute Zivilgesellschaft konnten und können wir uns auch weiterhin aus eigener Kraft Gehör verschaffen." Gebraucht werde der neue Queerbeauftragte als "Anpacker und Brückenbauer, der die verschiedenen Akteur*innen aus Communitys und Politik an einen Tisch holt".
Noch am Dienstag hatten wir Alfonso Pantisano einige Fragen zu seiner neuen Aufgabe gestellt, die er in der Nacht zum Mittwoch schriftlich beantwortete.
Was sind deine konkreten Aufgaben als "Ansprechperson Queeres Berlin"?
Wo soll ich anfangen? Wenn man sich das Aufgabenprofil anschaut, dann wird schnell klar, dass es dem Berliner Senat sehr wichtig ist, dass wir uns um diese vielfältigen Themen kümmern. Dazu gehören die Planung und Leitung regelmäßig stattfindender Runde Tische zu unterschiedlichen Themen, aber eben auch die Anregung und Entwicklung von Maßnahmen gegenüber dem Senat, die nicht bereits in bestehenden Programmen abgedeckt werden. Wir werden ein Projektefond "Queeres Leben in den Bezirken" aufbauen und neben all den anfallenden repräsentativen Aufgaben, ab nächstes Jahr den 14. Mai zum landesweiten Magnus-Hirschfeld-Tag ausrufen. Ein Herzensthema ist mir die Sichtbarkeit der unterschiedlichsten queeren Communitys, die wir schwule cis Männer leider viel zu oft übersehen oder bewusst ignorieren. Das müssen und werden wir in Zukunft besser machen.
Wo ist die Stelle genau angesiedelt? Bekommst du eigene Mitarbeiter*innen, verfügst du über ein eigenes Budget?
Es mir eine große Freude, dass das Amt unter dem Dach der Senatsverwaltung für Vielfalt und Antidiskriminierung angesiedelt ist. Hier kommen viele Themen zusammen, die die queeren Communitys betreffen, und es gibt hier sehr viel Expertise durch Menschen, die sich unermüdlich auch für unsere Belange einsetzen. In meinem Team werden erstmal zwei Personen arbeiten, und ich kann es kaum abwarten, dass wir dann bald mit der vielen Arbeit loslegen können. Die Frage nach einem Budget finde ich sehr wichtig, doch damit wird sich der Haushaltsgesetzgeber, also das Parlament, beschäftigen müssen. Ich bin zuversichtlich, dass mich das Abgeordnetenhaus in meiner Arbeit und bei der Umsetzung meiner Vorhaben unterstützen wird.
Um welche Themen wirst du dich zuerst kümmern?
Mein erster Termin heute ist gemeinsam mit den Queer-Beauftragten der Berliner Bezirke. Ich freue mich auf das Kennenlernen und werde schauen, wie ich sie in ihrer wichtigen Arbeit unterstützen kann. Es stehen auch das alljährliche Lesbisch-schwule Stadtfest und der Christopher Street Day an, wo ich die Gelegenheit nutzen werde, viele Aktivist*innen, Verbände und Initiativen zu treffen. Aber auch der Kontakt und der Austausch mit unseren Bürger*innen steht bei mir ganz oben auf der Prioritätenliste, denn sie wissen am besten, wie es ist, ein queeres Leben in Berlin zu leben und welche Sorgen und Ängste sie beschäftigen.
Die Hasskriminalität gegen queere Menschen ist besorgniserregend, denn wir haben über zwei Übergriffe täglich in unserer Regenbogenhauptstadt. Dazu werde ich in den nächsten Tagen im Polizeipräsidium sein und entsprechende Gespräche führen. Gerade während und am Rande der queeren Veranstaltungen vermelden mittlerweile fast alle deutschen Städte unterschiedlichste Gewaltdelikte. Hier müssen wir ran. Da wird die Unterstützung der Innensenatorin, die auch gleichzeitig die Vorsitzende der Innenminister*innen-Konferenz ist, wichtig werden.
Welche Einflussmöglichkeiten hast du auf andere Senatsverwaltungen?
Wenn ich etwas gelernt habe im Aktivismus, dann ist es beharrlich zu sein. Queeres Leben muss als Querschnittsthema gesehen werden. Da wird es wichtig sein, dass sich auch alle Senatsverwaltungen dieser Erwartungshaltung öffnen. Queere Menschen wollen nicht nur während der Pride-Events gesehen und wertgeschätzt werden, sondern an jedem einzelnen Tag. Hierfür werde ich mich mit viel Engagement einsetzen und freue mich auf die Zusammenarbeit mit den zuständigen Senator*innen und ihre Mitarbeitenden.
Was sagt du dem Regierenden Bürgermeister, der keinen Brief in "Gendersprache" unterschreiben will?
Persönlich sehe ich es so: Politiker*innen sollten Vorbilder für die gesamte Stadtgesellschaft sein und allem vermeintlich Neuem offen gegenübertreten. Denn am Ende ist die erste richtige Ansprache einer Person immer auch ein Zeichen des Respekts. Gleichzeitig habe ich Verständnis, dass sich manche Menschen mit der inklusiven Sprache schwertun, weil sie ein Leben lang anders gesprochen und geschrieben haben.
Der Regierende Bürgermeister will Bürgermeister aller Berliner*innen sein – also auch aller Menschen, die sich nicht hinter einer Binarität versammeln und gerade hier bei uns gesehen und wertgeschätzt werden wollen. Das finde ich erstmal toll! Wenn er mich also fragen würde, wäre meine Empfehlung an Herrn Wegner, dem Gendersternchen nicht das Licht auszuschalten.
Für mich handhabe ich es so: Alle dürfen so sprechen und schreiben, wie sie wollen. Sie sollten aber dann alle in Ruhe lassen, die sich für die inklusive Sprache entscheiden und vor allem keine Verbote aussprechen. Da liegt meine Hoffnung also bei den jungen Menschen, die uns vormachen, dass sich die Welt in Zukunft in manchen Punkten eben anders drehen wird. Ob wir nun wollen, oder nicht.
Klaus Lederer befürchtet, dass mit der Berufung von Queer-Beauftragten die Relevanz von Queerpolitik als Querschnittsthema abnimmt. Wie willst du das verhindern?
Das ist eine spannende Sichtweise, denn Queerpolitik wird doch noch lange nicht ausreichend als Querschnittsthema gesehen. Klaus Lederer schätze ich sehr, wir sind befreundet und wohnen auch im gleichen Bezirk, wo seine Fraktion auf Bezirksebene genau diesen Queer-Beauftragten verlangt, den er jetzt auf Landesebene plötzlich infrage stellt.
Und auch die Grüne Fraktion in Berlin überrascht mit unterschiedlichen Haltungen: Auf der einen Seite finden sie den eigenen Queer-Beauftragten auf Bundesebene notwendig und fordern gleichzeitig, dass in den Berliner Bezirken auch solche Beauftragte eingesetzt werden. Auf der anderen Seite sagen sie aber, dass es einen Queer-Beauftragten auf Landesebene nicht braucht.
Mein Ziel ist es, dass wir queere Sichtweisen und Lebensrealitäten in allen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereichen stärken. Da ist ein guter Austausch mit allen Beteiligten mehr als wichtig, und genau darauf werde ich mich konzentrieren.
Im Vorfeld wurde kritisiert, dass erneut ein schwuler cis Mann ohne öffentliche Ausschreibung Queerbeauftragter werden soll. Wie willst du die gesamte queere Community repräsentieren?
Es ist für mich, gerade bei meiner eigenen Biografie, eine Ehre diese großen Aufgaben zu übernehmen. Als Sohn von italienischen Gastarbeitern, der neben der Homophobie immer wieder auch andere Formen der Ausgrenzung erfahren musste, werde ich mich mit aller Kraft dafür einsetzen, unsere vielfältigen Communitys zu repräsentieren. Ich werde viel zuhören und mich dort einsetzen, wo meine Unterstützung gebraucht wird, denn am Ende haben wir doch alle das gleiche Ziel: Ein selbstbestimmtes und sicheres Leben führen zu können, wo unsere Würde unangetastet bleibt!
Mehr zum Thema:
» Alfonso Pantisano ist neue "Ansprechperson Queeres Berlin" (11.07.2023)













Hat er doch gerade vorgemacht:
"Für mich handhabe ich es so: Alle dürfen so sprechen und schreiben, wie sie wollen."
Das ist praktisch, weil von diesen Allen sicherlich niemand auf die Idee kommen wird, ihn als schwulen cis-Mann bei diesem "so sprechen, wie sie wollen" zu misgendern oder wegzulassen.
Ist also sehr großzügig, wenn Leuten erlaubt wird, mich als nicht-cis-Person zu diskriminieren, wegzulassen und in der sprachlichen Repräsentanz auszulöschen, wenn sie das wollen. Besonders wenn ein cis-Mann das anderen cis-Männern erlaubt, die den größten Teil dieser "alle" ausmachen werden, die diese Erlaubnis gern hätten. Gleichzeitig machen sie, also diese cis-Männer, den größten Teil der Menschen in unserem Staat aus, die über Macht und Repräsentationspositionen verfügen, und das ist ein Problem.
Und natürlich gab es ja auch keine Differenzierung: "Ich persönlich handhabe xy so: z. ... Als Queerbeauftragter allerdings, der alle Communities repräsentiert, auch Lesben, die bei generalisiertem Maskulinum immer unsichtbar sind, und Nicht-Binäre, die bei Nicht-Verwenden von Gendersternchen de facto für nichtexistent erklärt werden, kann ich selbstverständlich nur schärfste Kritik an Menschen üben, die unseren Staat repräsentieren und aus einer solchen Position heraus demonstrativ auf dem Recht queerer Menschen auf Sichtbarkeit herumtrampeln."
Ja, leider musste das aber jetzt ich schreiben und im Interview kam es nicht vor.
Man darf Menschen nie nach dem bewerten, was sie erzählen. Man muss sich ansehen, was sie TUN.
"Wenn er mich also fragen würde, wäre[...]"
Wenn er dich also fragen würde und du im Dienst als Queerbeauftragter bist, dann wird der Typ gefälligst auseinandergenommen, bis er nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, verdammte Scheiße nochmal.
Aber ich schätze, da greift dann eben doch der cis-männliche Bro-Faktor. Und am Ende rerpäsentiert man einfach wieder... cis-Männer.