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Folge 30 von 53

Schwule Symbole im Film: Verkehrsbauten und -regeln

Menschen verkehren miteinander: privat, beruflich, im Straßen- und beim Geschlechtsverkehr. Auch Brücken und Tunnel können Menschen in unterschiedlicher Form miteinander verbinden.


Liebe unter einer Brücke: Szene aus dem Kurzfilm "HerzHaft" (2007)

Brücken – sie werden gebaut und abgebrochen

Brücken sind Vermittlungs- und Friedenssymbole, können Menschen verbinden und machen das Überschreiten von Grenzen möglich. Trotz ihrer meistens massiven Bauweise werden Brücken als schwebend wahrgenommen und können Ängste des Einstürzens auslösen. Redewendungen wie "eine goldene Brücke bauen", "Brücken hinter sich abbrechen" und "Eselsbrücke" zeigen weitere Bedeutungen auf. In einigen Fällen sind Brücken Symbole für die Stadt, in der sie stehen. Bei Brücken gibt es symbolische Überschneidungen mit Fähren und Regenbögen.

Die Arte-Kompilation "Brücken im Film" (hier online) verweist recht gut auf die symbolische Bandbreite von Brücken. Gezeigt wird darin der Schluss des homoerotischen Films "Interview mit einem Vampir" (0:20 Min.). Brücken werden als Grenze (1:30 Min.), als wichtige strategische Orte (2:50 Min.) und als Wendepunkte bzw. Orte des Übergangs bezeichnet. In "Beim Sterben ist jeder der Erste" ist eine Brücke wie ein "Tor" inszeniert, hinter dem der Alptraum (einer mann-männlichen Vergewaltigung) beginnt (1:55 Min.).

Brücken verbinden Männer

Viele schwule Filme verdeutlichen durch Brücken Verbindungen zwischen Männern. In einigen Filmen sind sie besonders präsent bzw. mehr als einfache Symbole für zwischenmenschliche Beziehungen. Am Schluss von "Die Lederjungen" (1964) gehen der heterosexuelle Reggie und sein schwuler Freund Pete getrennte Wege, wobei diese offen gehaltene Szene durch die Brücke, über die Reggie geht, ein positives Ende bekommt. In "Abschiedsblicke" (1986) hängen im Badezimmer in einem Rahmen Abbildungen von insgesamt 15 Brücken, dessen Bedeutung jedoch unklar bleibt. In "Fishbelly White" (1998, 13:10 Min., hier online) und seinem Remake "The Mudge Boy" (2003) ist eine Brücke ein als gefährlich inszenierter Fluchtpunkt und ein Ort der vorsichtigen homoerotischen Annäherung. In "Lola und Bilidikid" (1999) gibt es ein starkes Gewitter mit Blitzen, als draußen auf der Brücke Lolas Bruder Sexkontakte sucht, womit Sex wie eine Naturgewalt wirkt. Der Ort an einer Brücke ist im Kurzfilm "HerzHaft" (2007, hier online) nicht nur ein Treff-, sondern auch ein späterer Fluchtpunkt für einen jungen Mann, der außerdem eine Brückennachbildung bei sich zu Hause hat. Dieser Film wird mit dem Motiv der Brücke sogar beworben. In "The Broken Tower" (2011) schwenkt die Kamera vom Sex der beiden Männer zum Fenster, aus dem heraus eine Brücke zu sehen ist – das ist eine literarische Anspielung auf Hart Cranes bekanntes Gedicht "The Bridge", das die Erfahrungen des Autors als Homosexueller aufgreift.

Brücken verbinden Menschen auch über Länder hinweg. Die Schlussszene in "Westler" (1985) mit dem DDR-Flüchtling Thomas auf der Prager Karlsbrücke ist vielleicht gar nicht symbolisch gemeint, kann aber gut so gesehen werden. In "The Bridge" (2005) wird die Brücke als Zeichen der Verbindung zwischen einem Australier und einem Russen bereits im Titel aufgegriffen. Der Film "Spasibo" (2012) veranschaulicht durch eine Brücke das Verhältnis zwischen einem Franzosen und einem Russen.

Für die, die sich für Filme über Brücken und Schwule interessieren, kann ich noch auf die weiteren spannenden Inszenierungen in "Red Dirt" (2000), "Feeding Boys" (2003), "Formula 17" (2004), "Right by me. An meiner Seite" (2005), "Wild Tigers I Have Known" (2006), "Speechless" (2012) sowie auf die Kurzfilme "Silver Road" (2006, 1:20 Min., hier online), "Ruben" (2012, 6:15 Min., hier online) und "100 M Freestyle" (2013) hinweisen.

Sich verändernde Brücken – sich verändernde Verbindungen

Einige Brücken sind nicht statisch und können sich auch verändern: In "Felix" (2000) schließt Felix Freundschaften und es schließt sich zur gleichen Zeit eine Drehbrücke, die auf eine andere Art aber ebenfalls eine Verbindung zwischen Menschen herstellt. Felix hat früher auf einer Fähre gearbeitet, die in ähnlicher Form wie eine Brücke Menschen über das Wasser miteinander verbindet.

In "Amphetamin" (2010) ist eine Brücke, bei der in der Mitte noch das verbindende Element für die Fertigstellung fehlt, ein Symbol für die sich anbahnende Beziehung zweier Männer und es wird betont, dass ihre Liebe die bestehenden Unterschiede zwischen ihnen "überbrücken" könne.


Die Drehbrücke in "Felix" (2000) schließt sich

Die "Golden Gate Bridge" von San Francisco

San Francisco hat zwei bedeutende Brücken: die Bay Bridge und vor allem die Golden Gate Bridge. Die Golden Gate Bridge ist das Wahrzeichen der gesamten Bay Area und für viele ein Symbol für die USA. Ihrem Namen nach ist sie zwar ein Tor, aber nicht selbst ein Tor zu einer anderen Welt, sondern "nur" eine Brücke über ein Tor, womit die Meerenge gemeint ist, die den Pazifik mit der Bucht von San Francisco verbindet. San Franciscos Golden Gate Bridge symbolisiert in vielen schwulen Filmen – wie in "Electric City. Far from normal" (2008) – eine der in homosexueller Hinsicht wohl aufregendsten Städte der USA (Folge 29).


Die Golden Gate Bridge als Wahrzeichen von San Francisco: "Electric City. Far from normal" (2008)

Aber wo Licht ist, ist auch Schatten: Es gibt keinen Ort in den USA, an dem sich mehr Menschen umbringen als auf dieser Brücke, wobei LGBT an dieser Stelle sogar fünfmal häufiger als andere den Freitod wählen ("Die Brücke der Selbstmörder", in: "Die Welt", 4.5.2007).

Brücken als Metapher – Brücken statt Mauern


Die Brücken hinter sich abbrechen in "Burn the bridges" (2007)

In der Serie "Law & Order" (Folge 2/21) wird mit einer Brücke als Metapher der schwule Stadtrat James Vogel charakterisiert: Er "hat Brücken errichtet, keine Mauern". In "Full Speed" (1996) wird ein Roman vorgelesen, in dem es um eine Brücke zwischen Himmel und Erde geht, woraufhin sich Jimmy fragt, ob er wohl eher eine Brücke oder Gott sei. Der Titel "Burn the bridges" (2007) bezieht sich nicht auf eine physische Brücke, sondern um eine US-Redensart, die mit der deutschen Redewendung "alle Brücken hinter sich abbrechen" vergleichbar ist. Die Offstimme in "Curtains" (2012, 4:05 Min., hier online) beschreibt das Coming-out als eine Brücke, die überquert wird. In "Gatecrasher" (2012, 2:35 Min., hier online) ist "Bridge" der Name einer Schwulenkneipe.

Mit seiner bildhaften Sprache zeigt Hermann J. Huber in "Gewalt und Leidenschaft" (1989) weitere Bedeutungsebenen auf, wenn er z.B. darauf verweist, in welcher Form Schwulenfilme als eine "Brücke" angesehen würden (S. 7), wie der Regisseur James Ivory mit dem Film "Maurice" (1987) "Brücken zum England unserer Jahre" baue (S. 118) und wie der Film "Tänze des Lasters" (1987) einen "Brückenschlag von den prüden 20ern in die spießigen 80er" Jahre (S. 204) darstelle.

"Unter der Brücke" und die soziale Situation

Brücken haben auch negative Bedeutungen. In "Straßenkinder" (1992) leben Jugendliche und junge Erwachsene unter einer Autobahnbrücke in Hollywood. Auch in "American Vagabund" (2013) sind Brücken zu sehen, die der Visualisierung einer sozialen Situation dienen – hier der eines schwulen Paares, das Angst hat, unter einer Brücke leben zu müssen. In diesen Filmen sind Brücken ein Ausdruck von Obdachlosigkeit. In dem Kurzfilm "Dear Friend" (2011, u.a. 12:30 Min., hier online) hat man das Gefühl, dass unter einer Autobahnbrücke niemand mitbekommt, wenn sich zwei Jungs prügeln und lieben. Unter einem Brückenfragment in "Amor Electrico" (2014, 9:45, 20:40 Min., hier online) ist es einsam und schmutzig. Diese Brücke wurde nie fertiggestellt und führt scheinbar ins Nichts, was intuitiv zu dem Gedanken führt, wohin wohl der weitere Lebensweg führt. In "Der Mann, der Yngve liebte" (2008) steht eine Brücke mit einem Freitodversuch und in "Animals" (2012) mit der versuchten Tötung eines Freundes in Verbindung.


Eine Brücke, die ins Nichts führt – in "Amor Electrico" (2014)

Pornos – die Brücken von Frisco und die Sexposition

In Schwulenpornos sind eigentlich nur zwei Brücken relevant. Sie sind leicht erkennbar vor allem ein Symbol für die Stadt San Francisco, in der sie sich befinden und die wie keine zweite Stadt für eine bewegte schwule Szene steht: die Bay Bridge ("After Hours", "Fleet Week 2") und vor allem die Golden Gate Bridge ("Wild Weekend", "Road Trip San Francisco Vol. 11"). Die Bay Bridge ist erstaunlicherweise sogar auf dem Cover eines Pornos zu finden, der eigentlich von Männern aus Prag handelt ("Cute Men of Prague"). Die Golden Gate Bridge ist auf dem Filmcover der Dokumentation "Toby Ross & the 70s" zu sehen. Hier dokumentiert Ross eine besondere Epoche des Schwulenpornos in San Francisco auch anhand von Hardcore-Szenen.

Einige Schwulenpornos beziehen sich beim Namen "Golden Gate" offensichtlich auch auf die gleichnamige Sexposition, die von dieser Brücke abgeleitet ist und der Sexposition "Doggystyle" ähnelt (s. urbandictionary).


Die Golden Gate Bridge als Kulisse für den Porno "Wild Weekend" und der Doku "Toby Ross & the 70s"


Tunnel – wenn der Arsch zur Metrostation wird

Der Tunnel hat vor allem zwei symbolische Bedeutungen: Zum einen steht er für das sprichwörtlich bekannte Licht am Ende des Tunnels. Zum anderen kann der Tunnel in Verbindung mit einem Zug, der in ihn hineingleitet, für Penetration stehen. So wird die Schlussszene von Alfred Hitchcocks "Der unsichtbare Dritte" (1959) – im Rahmen einer vaginalen Penetrations-Symbolik – als Hitchcocks "größter Sieg gegen die Zensur" angesehen (Wikipedia).

Das Licht am Ende des Tunnels – Hoffnung

Im Zusammenhang mit der Redensart vom "Licht am Ende des Tunnels" steht wohl eine symbolische Szene in dem Aids-Drama "Abschiedsblicke" (1986), das zu einer Zeit entstand, als diese Krankheit noch einem Todesurteil gleichkam. Die Angst vor dem Tod und die Zuversicht einer künftigen Verbesserung der Situation prägen den Film. Auch das Licht am Ende des Tunnels in "Permanent Residence" (2009, R: Scud) ist wohl als Ausdruck von Hoffnung gemeint.


Licht am Ende des Tunnels in "Abschiedsblicke" (1986)

Auch der Erotikfilm "The night at the end of the tunnel" (2011) von Toby Ross spielt im Titel und in der bildlichen Gestaltung mit dem "Licht am Ende des Tunnels".

Der Tunnel erscheint jedoch auch als angstbesetzter Ort und als Ort der Gewalt, der ähnlich wie ein Keller dunkel und unheimlich ist. Das Licht am Ende des Tunnels in "American Vagabund" (2013, Trailer, 1:30 Min., hier online) steht wohl in Verbindung mit den Hoffnungen und Wünschen von schwulen Obdachlosen. Im Kontext eines Unfalltodes steht das Licht am Ende eines Tunnels in "Your Every Day and Night" (2014). Die Redensart ist so bekannt, dass es sofort verstanden wird, wenn in der "Tatort"-Folge "Blick in den Abgrund" (Folge 381, 1998) die Hoffnung ausgedrückt wird, dass das Licht am Ende des Tunnels hoffentlich kein Zug sei.


Das Licht am Ende des Tunnels in "Permanent Residence" (2009)

Der Tunnel als Rektum – Bilder für Analverkehr

In einigen Filmen ist der Tunnel ein deutliches Symbol für das Rektum und zusammen mit einem einfahrenden Zug eine Andeutung von Analverkehr. Eine deutliche und zudem unterhaltsame Darstellung bietet die Animation eines pinken Zuges in "Drawn Together" (Folge 2/4), der in einen Berg mit zwei Hügeln (= Hintern) einfährt und mit einem "blutenden" Tunnel zudem auf die ungenügende Vorbereitung auf Analverkehr verweist. Auch eine Tunnelfahrt in der US-Serie "Queer as Folk" (Folge 2/16) hat einen deutlich homo­sexuellen Hintergrund, während die Züge, die in "A very natural thing" (1974) und "Swoon" (1992) in einen Tunnel fahren, durch die Art der Inszenierung und vom Schnitt her eine Anspielung auf Analverkehr sein können, aber nicht unbedingt müssen.


Ein deutlicher Bezug zu Analverkehr: der pinke Zug in "Drawn Together" (Folge 2/4)

Der Tunnel als Rektum – ohne Phallus

Die Deutlichkeit der Darstellung eines Tunnels als Rektum schwindet auch dann, wenn es keinen Zug als Phallus-Symbol gibt. Wenn in "Amphetamin" (2010) ein kleiner, runder, dunkler Tunnel mit viel Schlamm und Morast der Ort ist, an dem ein Mann anal vergewaltigt wird, kann ich mir noch recht gut eine anale Symbolik vorstellen – im Gegensatz zu dem eckigen und hellen Tunnel, der in "Spetters" (1980) der Ort der analen Vergewaltigung eines Mannes ist. Andere Filme – wie der James-Bond-Film "Diamantenfieber" (1971), in dem zwei schwule Auftragskiller durch einen dunklen, runden Tunnel mit dem Schild "Activate" fahren – lassen ebenfalls einen Interpretationsspielraum. Es ist aber wohl übertrieben, in den großen Abwasserröhren in "Interview mit einem Vampir" (1994), "The Wolfes of Kromer" (1998), "Fishbelly White" (1998) und "Oranges" (2004) anale Symbole zu sehen. Je nach Inszenierung sind solche Röhren – oder auch der dunkle Tunnel in "Wild Tigers I Have Known" (2006) – in erster Linie bedrohlich wirkende Elemente.


Der Ort einer analen Vergewaltigung: ein Tunnel in "Amphetamin" (2010)

Der Tunnel als Rektum – Metaphern für Analverkehr

Ich kenne drei Filme, in denen ein Tunnel sprachlich mit Analverkehr verbunden wird: Antoine hat im Film "Abendanzug" (1986) "keine Lust", aus seinem "Arsch" durch Sex mit Bob (D: Gérard Depardieu) "'ne Metrostation" zu machen. Zwei Jahrzehnte später wird in "Another Gay Movie" (2006) im Kontext von Analverkehr von einer "Fahrt in den Tunnel" gesprochen. In einer Folge der Serie "The Big Bang Theory" ("Die Bushose", Folge 4/12) teilt Raj seinem Freund Howard seinen für ihn unverständlichen Traum mit: Sie beide waren so reich, "dass wir uns nebeneinander liegende Villen kaufen konnten. Es gab dort einen Geheimtunnel von deinem Vorgarten zu meinem Hinterngarten." Im Gegensatz zu Raj versteht Howard die sexuelle Bedeutung dieses Traums sofort.

Weitere Bedeutungen – "russischer Tunnel" als rektales "Russisches Roulette"

Das "Russische Roulette" ist ein potenziell tödliches Glücksspiel, bei dem die Trommel eines Revolvers, in der sich nur eine Patrone befindet, so gedreht wird, dass die Position der Patrone den Beteiligten unbekannt ist. Im Film "Russian Tunnel" (OF: "Tunel Russo", 2008) ist der "russische Tunnel" eine Abwandlung, mit dem Unterschied, dass der Lauf des Revolvers vor dem Abschuss nicht gegen den Kopf gerichtet, sondern in den Anus des Opfers eingeführt wird. In diesem Film quälen zwei Polizisten ein schwules Opfer in Form einer offenbar "spiegelnden Strafe", bei der die Form der Strafe einen Bezug zur vorgeworfenen Handlung (Analverkehr) widerspiegeln soll und daher der Revolver in das Rektum des Opfers eingeführt wird.


Rektales Russisches Roulette in "Tunel Russo" (2008

Der Kurzfilm "Tunnelblick" (2004) behandelt die Liebe eines Schwarzfahrers und eines Kontrolleurs. Er ist zwar in einer U-Bahn verortet, spielt im Titel aber eher mit dem sogenannten "Tunnelblick", d.h. der Unfähigkeit oder Unwilligkeit, Dinge außerhalb dessen wahrzunehmen, wofür man sich gerade interessiert.

Pornos – Tunnel als Anus und als Zeittunnel

Auf den Pornocovern "Homo Love Tunnel" und "Ludovic's Sex Tunnel" ist der Tunnel – in Verbindung mit dem Bildmotiv – ein Symbol für den Anus. Bei zwei weiteren Filmen geht es offenbar darum, dass der Tunnel angstbesetzt ist. In "Gnadenlos" unterstützt der Tunnel optisch die Qualen und (einvernehmliche) Gewalt in diesem Film. Auch beim Cover des Science-Fiction-Pornos "The Visitor" kann man von einer Gleichsetzung des Tunnels mit (einvernehmlicher) Gewalt ausgehen.

In dem Porno "L.A. Zombie" (2010, Trailer, 1:10 Min., hier online) von Bruce LaBruce bewegt sich der schwule Protagonist (D: François Sagat) in einem Tunnel rückwärts, vorwärts und wieder zurück, was offenbar auf den sprichwörtlich bekannten "Zeittunnel" Bezug nimmt.


Ludovics Anus ist "Ludovic's Sex Tunnel" (Ausschnitt)


Bahnhof und Bahngleise – Entgleisungen und Entgleiste

Bis vor einigen Jahrzehnten galten Bahnhöfe aus bürgerlicher Sicht wegen der sich dort sammelnden Halbwelt als anrüchige Orte. Eine symbolische Bedeutung hat der Bahnhof u. a. als Ausgangsort für den weiteren Lebensweg. Mit dem Wort "Endstation" lässt sich der Tod eines Menschen zum Ausdruck bringen. Wenn "der Zug abgefahren" ist, hat man eine Chance vertan. Bahngleise dienen nicht nur der Fahrzeug-, sondern symbolisch auch der Lebensführung. Dies wird im Englischen etwas deutlicher, weil das Wort "rail" nicht nur "Gleis" und "Schiene", sondern auch "Geländer" und "Reling" bezeichnet.

"Halbwelt" von Bahnhöfen

Früher gehörten Stricher zur "Halbwelt" von Bahnhöfen. Hier wurden Drogen verkauft und Bahnhofstoiletten für anonyme sexuelle Begegnungen genutzt. Die Inszenierungen von Bahnhöfen in "Das Ende des Regenbogens" (1979), "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" (1981) mit dem Stricher Detlef, "Der verführte Mann" (1983) und "Gossenkind" (1992) sind im Rahmen dieser klischeehaften Zuschreibungen zu sehen. Sowohl in älteren als auch in neueren Filmen gibt es aber auch andere Inszenierungen. In "Teorema. Geometrie der Liebe" (1968), "Flames of Passion" (1989) und "The Boy Who Couldn't Swim" (2011) haben Bahnhöfe eher die Bedeutung von Verkehrsknotenpunkten.

Sie sind heute in Filmen vor allem emotionale Orte von Abschied und Wiedersehen. In "Eastern Boys. Endstation Paris" (2013) ist mit dem Titel ein Pariser Bahnhof gemeint. Er ist kurz zu sehen, spielt aber als "Endstation" im Film keine große Rolle. Dies erinnert an das Bonmot von Oscar Wilde im gleichnamigen Film (1997) über den Freitod eines Mannes in einem Bahnhofshotel: "Es sind doch zumeist Endstationen, die im Leben eine Rolle spielen."


Der Bahnhof in "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" (1981)

Weitere Bedeutungen – Männer vom "anderen Bahnsteig"

Der Anglist Jody Skinner verweist in seiner Arbeit "Bezeichnungen für das Homo­sexuelle im Deutschen" (1999, 2. Bd., S. 210-211) auf Umschreibungen für Homo­sexuelle wie "auf dem falschen Bahnhof", "vom anderen Bahnhof", "auf dem falschen Bahnsteig" oder "vom anderen Bahnsteig" (S. 52-53). Außerdem dokumentiert er auch Begriffe wie "Entgleister" (S. 101) und "Prellbock" (= passiver Homo­sexueller, S. 256).

Eine Frage wie "Ist der tatsächlich vom anderen Bahnsteig?" in der Sex-Komödie "Ich möchte dich pinseln" (1978) ist daher leider typisch für den Zeitgeist der Siebziger- bis Achtzigerjahre und als Beleidigung zu verstehen.

Gleise – Lebensentscheidungen

Gleise haben manchmal die symbolische Bedeutung von Lebenswegen und Lebensentscheidungen. Das hat u.a. Jimmy Somerville gut in Szene gesetzt: Gemeinsam mit seiner Band Bronski Beat zeigt er in dem Musikvideo zu "Smalltown Boy" (1984, hier online), wie ein junger Mann (D: Jimmy Somerville) von zu Hause auszieht und sich in einen Zug setzt, wobei die Gleise mit ihren vielen Verästelungen aufzeigen, in wie viele unterschiedliche Richtungen das weitere Leben verlaufen kann. Text und Video lassen darauf schließen, dass die Zugfahrt in eine Großstadt führt, wo der junge Mann als Schwuler freier leben kann als in dem Provinznest, aus dem er kommt.


Die Anfangsszene aus dem Musikvideo zu "Smalltown Boy" (1984)

In der Schlussszene von "Harry und Max" (2004) wird auf veraltete Eisenbahnschwellen hingewiesen, deren Schienen "schon lange abmontiert" sind. Schwellen verteilen das Gewicht auf die Gleise und gewährleisten, dass die Spur gehalten wird. Die Äußerung ist daher im Kontext eines Rückblicks auf das frühere Liebesverhältnis der Protagonisten zu sehen, bei dem der ältere Harry für den jüngeren Bruder Max eine wichtige Orientierung und Lebenshilfe war. Auch die Gleise in "Tunnelblick" (2004) sind im Kontext von Lebensentscheidungen zu sehen.


Lebensentscheidungen in "Tunnelblick" (2004)

Gleise werden in Filmen jedoch in erster Linie eingesetzt, weil sie Gefahr bedeuten und damit für Spannung sorgen, wie in "Der kleine Tod" (1995), "Fishbelly White" (1998), "Wild Tigers I Have Known" (2006), "Into the Lion's Den" (2011), "Your Every Day and Night" (2014) und "Something must break" (2014). In "Ein Käfig voller Narren" (3. Teil, 1985) und "Ruben" (2012) stehen Gleise auch für die Möglichkeit von Suizid.

Pornos

Eine Episode in Jean Daniel Cadinots "Gamins de Paris" (= Kinder von Paris, 1992) arbeitet deutlich erkennbar mit dem früheren Schmuddel-Image von Bahnhöfen. Ein junger Mann geht die Bahngleise entlang, biegt an einer Weiche ab, sucht Unterkunft in einem Güterwagen, hat dort Sex mit einem Obdachlosen und wird nachher von diesem beklaut.


Toilettenanlagen – "Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen"

In ähnlicher Form wie Bahnhöfe waren früher auch öffentliche Toiletten (sogenannte Klappen) traditionelle Orte für anonymen schwulen Sex. Klappen können dann zu einem Symbol werden, wenn sie im Kontext der Szene auf einen Ort anonymer sexueller Kontakte aufmerksam machen und indirekt auf die gesellschaftliche Situation von Schwulen verweisen. Es irritiert, dass in Philipp A. Tschirbs Buch "Das Klo im Kino" (2007) selbst in einem eigenen Kapitel über "gleich­geschlechtliche Begegnungen" (S. 128-141) keine schwulen, sondern nur heterosexuelle Männer vorkommen.

"Raus aus den Toiletten" – raus aus der Anonymität

Solange es öffentliche Toiletten gibt, waren diese vermutlich immer Treffpunkte für anonyme homo­sexuelle Kontakte, was sich seit dem 18. Jahrhundert auch belegen lässt. In "Nicht der Homo­sexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971) gibt es zwar auch eine Szene, wo Toiletten als Orte für anonyme und gefährliche Sexkontakte stehen. Viel wichtiger ist jedoch der Kampfspruch "Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen", mit dem dieser Film endet und der danach zu einem wichtigen Slogan der sich (auch aufgrund des Films) formierenden zweiten deutschen Homo­sexuellenbewegung wurde. Durch diesen Slogan – eine Art indirekte "Übersetzung" von "out of the closets" – wird aus "Toiletten" ein Symbol für ein versteckt schwules Leben, während die "Straßen" auf ein offen schwules Leben verweisen.


Toiletten als Symbol für versteckt schwules Leben in "Nicht der Homo­sexuelle ist pervers …" (1971)

Toiletten als "Paläste"

Der Titel des Films "East Palace, West Palace" (1996) – des ersten explizit schwulen Films aus China – nimmt Bezug auf die östlich und westlich im Park der Verbotenen Stadt gelegenen öffentlichen Toiletten in Peking. Für die Schwulen in China sind diese Toiletten in euphemistischer Umgangssprache "Paläste" – also etwas Besonderes, weil sie die seltene Möglichkeit der sexuellen Kontaktaufnahme bieten. In dieser euphemistischen Benennung – ähnliches kennt man auch von sogenannten "tearooms" – kann man eine symbolische Bedeutung erkennen.


Szene aus "East Palace, West Palace" (1996)

Schnelle Nummern in schnellen Zügen

Der verheiratete Keith wird in "Closing Numbers" (1993) von seiner Ehefrau Anna wegen seiner "schnelle(n) Nummern auf Toiletten" deutlich kritisiert. Diese Äußerung korrespondiert im Film mit der Schnelligkeit des Zuges, auf dessen Toilette Keith Sex mit einem anderen Mann hat, während der Zug von außen während der Fahrt gezeigt wird. In "Wer mich liebt, nimmt den Zug" (1998) geht es beim Sex in der Zugtoilette nicht nur um die Gefahr, von anderen erwischt zu werden, sondern auch um das Gefahrenpotenzial einer HIV-Infektion.

Toiletten als Thema und Motiv – ohne symbolische Bedeutung

Gerade beim Thema Klappen lässt sich gut aufzeigen, dass Toiletten häufig Thema und Motiv ohne symbolische Bedeutung sind. Schon Kenneth Anger verweist mit einem überbetonten "Gents"-Schild in seinem Film "Fireworks" (1947, 3:30 Min., hier online) offenbar auf diese Klappenkultur. In dem homophoben US-"Aufklärungs"film "Boys beware" (1961, 7:55 Min., hier online) und seinem Remake "Boys aware" (1973, 8:25 Min., hier online) werden Kinder und Jugendliche vor Homo­sexuellen in öffentlichen Toiletten ausdrücklich gewarnt. Dagegen wird in "Pink Narcissus" (1971) und "Prick up your ears. Das stürmische Leben des Joe Orton" (1987) der Sex auf Klappen recht früh auch selbstbewusst inszeniert. Bei "Taxi zum Klo" (1980) werden die Klappen sogar schon im Filmtitel aufgegriffen. In der Arte-Kompilation "Toiletten im Film" (hier online) wird auch auf die Bahnhofsklappe in "Der verführte Mann" (2:05 Min., 1983) eingegangen.


Ein Klassiker des schwulen Kinos: "Taxi zum Klo" (1980)

Die Enttabuisierung von schwulem Sex auf Klappen im Film setzte zu einem Zeitpunkt ein, als diese, zumindest in Deutschland, nur noch wenig Bedeutung hatten. Sex in Klappen wird daher heute eher in ausländischen Filmen thematisiert wie in "Get Real. Von Mann zu Mann" (1998), "In schlechter Gesellschaft" (2000), "Contact" (2002), "James" (2008, 4:45 Min., hier online), "Eating Out" (Teil 5, 2011) und "WC masculino" (2017, hier online).

Pornos – von "tearooms" bis "restrooms"

Auch für Pornos gilt, dass Klappen recht häufig ein Motiv, aber ohne symbolische Bedeutung sind. In US-Schwulenpornos geht es dabei um Toiletten ("Toilettes pour hommes"), "tearooms" ("Tearoom. Tete-a-tetes"), "restrooms" ("No Rest in this Rooms") und "men's rooms" ("Men's Room", "Men's Room. We've all been there") bezeichnet werden. Manchmal sind Toiletten in dieser Bedeutung auf dem DVD-Cover zu sehen ("Cherokeee Station", "Same Story, Different Dude").

Bei Hinweisen auf Klappen wird in ähnlicher Form wie bei anderen Räumen mit Signalwörtern gearbeitet, wie auch bei Darkrooms bzw. "backrooms" (s. Kap. Hintertür, Folge 27), "play rooms", "game rooms", "locker rooms" und die "steam rooms" in Saunen.


Die Toilette als Treffpunkt in "Men's Room" und "Men's Room. We've all been there"


Verkehrsregeln – Inszenierung von Orientierung

Der Begriff "Verkehr" bezeichnet u.a. die Beförderung von Personen, wird aber auch für den gesellschaftlichen Umgang und für sexuelle Beziehungen zwischen Menschen verwendet. Menschen "verkehren" in unterschiedlicher Form und in unterschiedlichen Graden der Intimität miteinander. Verkehrsregeln, Verkehrszeichen und Ampeln werden in Filmen symbolisch eingesetzt, wenn sie Orientierungshilfen geben oder auf Gefahren aufmerksam machen sollen. Nicht nur im Straßenverkehr, sondern auch in Filmen und Träumen funktionieren rote Ampeln als Warnsignal.

Verkehrsregeln, Verkehrsschilder und Geschlechtsverkehr

Der Kurzfilm "Crossroad" (= Kreuzung, 2016) handelt davon, wie sich die Wege zweier Männer kreuzen, und ist ein typisches Beispiel dafür, wie Verkehrssituationen auf Lebenssituationen übertragen werden können. Das Motiv des gelben Absperrbandes mit der Aufschrift "Do not cross", mit dem der Film "Vorstadt Geheimnisse" (2010) beworben wird, kann unter Berücksichtigung von dessen Inhalt nur als Verweis auf eine sexuelle Grenzziehung verstanden werden. Es gibt viele Menschen, die sich mit ihrem Auto immer nur im Kreis bewegen, ständig auf der Überholspur sind und manchmal falsch abbiegen. Solche Beispiele werden in den nächsten zwei Folgen über Autos und andere Verkehrsmittel noch konkretisiert.

Ein frühes Beispiel für den Einsatz von Verkehrsschildern ist der Film "Alexander: The Other Side of Dawn" (1977). Der Protagonist Alexander will in Hollywood ein Filmstar werden, wird aber zum Stricher. Im Hintergrund sieht man ein auffälliges Stopp-Schild, offenbar als Ausdruck davon, dass es in Alexanders Leben ab einem gewissen Punkt nicht mehr weitergeht.

In "Eating Out" (Teil 4, 2011) ist ein Schild "No Sex" mit zwei nackten Männern zu sehen, das dem Verkehrszeichen für ein eingeschränktes Halteverbot nachempfunden ist. In "Wildwechsel. Eine Screwball-Komödie" (2013) wird ein (ironisches) Verbotszeichen mit zwei Männern gezeigt und der Film wird mit dem Motiv eines Verkehrsschildes, das (ironisch) vor einem Wildwechsel (= Partnerwechsel) warnt, beworben.


Ein Stopp-Schild in "Alexander: The Other Side of Dawn" (1977) und ein "No Sex"-Schild in "Eating Out" (2011)

Ampeln – Rotlicht und grünes Licht

In Filmen werden manchmal Ampeln gezeigt, um mit ihren Farben Parallelen zu den Lebensumständen der Protagonisten herzustellen. Das deutlichste Beispiel dafür ist wohl "Deep Red" (2009), worin ein Stricher beim Sex mit seinem Freier auf das Wort "red" als vereinbartes sogenanntes "Stopp-Wort" zur Beendigung eines bis dahin einvernehmlichen Rollenspieles nicht reagiert und parallel dazu auch eine rote Ampel gezeigt wird. In bewusster Anlehnung an eine Ampel werden die drei Ampel-Farben als abgestufte "Stopp-Wörter" zur Beendigung von sexuellen Rollenspielen ausdrücklich empfohlen (siehe Ratgeber "Erotik.Markt").


Das Tiefrot der Ampel illustriert den Filmtitel "Deep Red" (2009)

Als Morgan Morgan im gleichnamigen Film (2012) befürchtet, an einem wichtigen Fahrradrennen nicht teilnehmen zu dürfen, springt die Fahrrad-Ampel von Grün auf Gelb und dann auf Rot. Weitere Beispiele sind etwas weniger deutlich: In "Invulnerable" (2005) wird nach dem Coming-out des Protagonisten als HIV-Positiver eine Ampel gezeigt, die von Gelb auf Rot schaltet, und in "Silver Road" (2006, 8:10 Min., hier online) versucht eine blinkende Ampel an einer einsamen Kreuzung die atmosphärische Situation von zwei Männern zu unterstreichen. Die Ampel lässt sich übrigens auch metaphorisch einsetzen, wenn in dem Filmlexikon "Out im Kino" von Axel Schock und Manuela Kay (2003, S. 177) betont wird, es habe "grünes Licht" für die Komödie "In & Out" (1997) gegeben.

Pornos – Achtungszeichen und "Einfahrt verboten"

Auf den DVD-Covern von Schwulenpornos sieht man zwar ab und zu warnende Verkehrszeichen, die jedoch nicht wirklich warnen, sondern die Aufmerksamkeit auf etwas verboten Wirkendes lenken sollen. Typisch dafür sind die dreieckigen Achtungszeichen mit einem Ausrufezeichen ("Heavy Lifting", "Bareback Circus", "Le chantier à défonce"). Ein DVD-Cover mit zwei Verkehrsschildern, die die Einfahrt verbieten ("Turned Out 3"), soll wohl mit dem Eindringen in den Körper assoziiert werden. Pornos, in denen die Darsteller auf Kondome verzichten, werden nicht nur mit dem Slogan "No Condoms", sondern auch mit dem bekannten Verkehrszeichen für ein eingeschränktes Halteverbot beworben, womit Kondome quasi "verboten" werden ("Black Bareback Riders", "Bare Builders").


Verkehrszeichen, die in "Heavy Lifting" und "Turned Out 3" nicht warnen, sondern Aufmerksamkeit verschaffen

In "Big Black Cock for Big Black Guys" ist das "O" ein runder Warnhinweis vor Atomenergie, womit wohl eine besonders starke Entladung gemeint ist. Der Titel des Pornos "Rimming Road" ist wie ein Verkehrszeichen gestaltet, das auf eine Landstraße verweist. Manchmal wird auch Absperrband gezeigt ("Bareback Black Fuckers", "Boner Alert") oder ein Leitkegel, der – mit etwas Phantasie – mit einem Analplug assoziiert werden kann ("Working Day" vom Label "Man Size").

-w-

#1 Tobi CologneAnonym
  • 23.07.2023, 10:40h
  • Auch in der Literaturgeschichte waren Tunnel schon immer Symbole, die nicht nur für den Verkehr standen, sondern auch für den anderen Verkehr...
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