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Penélope Cruz als starke Mutter eines trans Jungen

Bei der Vorstellung seines Films "L'immensità" outete sich der italienische Regisseur Emanuele Crialese als trans. Das persönliche Drama über einen trans Jungen und seine Mutter in den 1970er Jahren startet heute in den deutschen Kinos.


Szene aus "L'immensità": Trans Junge Andrea (Luana Giuliani, li.) und seine Mutter Clara (Penélope Cruz) singen und tanzen in ihrer imaginären Glitzerwelt der italienischen Schlagershows im Fernsehen (Bild: Prokino)

Bloß nicht durchs Schilf. Unmissverständlich sagt die Mutter Clara das, Verbot und Warnung zugleich. Doch was nicht erlaubt ist, ist für Kinder natürlich umso aufregender. Das Schilf liegt gegenüber des neuen Wohnkomplexes am Stadtrand Roms, in das die Familie gerade erst gezogen ist. Es ist dicht, wirr und unübersichtlich. Und damit ein geradezu symbolhafter Weg.

Doch die Warnung der Mutter bezieht sich vor allem auf die andere Welt, die hinter dem Schilf liegt. Dort leben Roma in einfachen Holzbaracken. Und dort kann Andrea – in Italien ein typischer Männername – sich unter diesem selbst gewählten Namen vorstellen. Durch die mittellangen Haare und die jungenhafte Kleidung zweifelt auch niemand daran. Ein Weg und eine Welt, die das zwölfjährige Kind genießt, die Mutter aber streng verbietet.

Die coole Mutter in ihren grandiosen Outfits


Poster zum Film: "L'immensità – Meine fantastische Mutter" startet am 27. Juli 2023 im Kino

Die Mutter (Penélope Cruz) nennt ihr Kind, genau wie der Vater Felice (Vincenzo Amato), Adri, kurz für den Geburtsnamen Adriana. Dabei sagt Andrea seiner Mutter ganz offen, dass er nicht Adriana ist. Die Mutter habe ihn falsch gemacht. "Ich komme aus einer anderen Galaxie."

Während Clara das gar nicht zum Problem macht (aber auch nicht unterstützt), gibt der Vater seiner Frau die "Schuld" daran. Das ist nur eines der vielen Themen, über die sich das Ehepaar streitet. Von Liebe und Zärtlichkeit ist zwischen den Eltern kaum etwas zu spüren, stattdessen herrscht fast immer eine angespannte Stimmung. Clara blüht vor allem dann auf, wenn ihr Mann nicht da ist.

Das Drama "L'immensità", zu Deutsch "die Unendlichkeit", trägt nicht umsonst den treffenden Untertitel "Meine fantastische Mutter". Denn genau das ist Penélope Cruz als Clara: Eine für die 1970er Jahre in Italien selbstbewusste Mutter. Eine, die die Kinder beim sommerlichen Familienfest mit dem Gartenschlauch nassspritzt, statt ihnen Ohrfeigen zu geben, wie es die anderen Mütter tun, weil die Kinder sich danebenbenommen haben. Eine, die so cool ist, dass sie das abendliche Tischdecken in eine Choreographie verwandelt. Und eine, die dabei stets grandios aussieht in ihren perfekt sitzenden, bunten Outfits. Die Kamera (Gergely Pohárnok) genießt es richtig, Clara so oft wie möglich nahe zu kommen, sie aber auch in Totalen grazil wirken zu lassen.

Schwierige Suche nach der passenden Besetzung

Clara gibt sich Mühe, all diese sich teils widersprechenden Erwartungen an sie und ihre Mutterrolle zu erfüllen. Wenn sie an ihre Grenzen gerät, ist Andrea da. Er schreit Männer auf der Straße an, die seine Mutter belästigen (sie selbst hätten es flirten genannt). Er weist sogar seinen Vater zurück. Die beiden sind ein gutes Team. Und obwohl der Untertitel es vermuten ließe, ist es kein Film über die Mutter, deren bloßes Beiwerk ein trans Sohn ist. Beide Figuren sind gleichberechtigt.


Regisseur Emanuele Crialese (Bild: Prokino)

Der Regisseur Emanuele Crialese hat mit "L'immensità" seinen bislang persönlichsten Film gedreht. Als der Italiener ihn im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen von Venedig vorstellte, outete er sich als trans Mann. Das Drama sei "eine Reise in meine eigene Vergangenheit mittels subjektiver Erinnerungen, die manchmal glasklar, manchmal aber auch verschwommen und nicht greifbar sind".

Die Suche nach der passenden Besetzung beschreibt Emanuele Crialese als schwierig. Anfangs gab es die Idee, ein Mädchen zu casten, das die eigene Geschlechts­identität in Frage stellt. Doch, so beschreibt es der Regisseur, es könne für Schauspieler*­innen "schwierig und verstörend sein, eine Figur zu spielen, die einem selbst sehr nahe steht". So hätte er riskiert, sich "in eine natürliche Entwicklung und Reise zur eigenen Identität einzumischen, die in diesem Alter so sensibel und wichtig ist".

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Ein Film der Zwischentöne

Luana Giuliani, eine ganz wunderbare Darstellerin, fand Regisseur über Umwege: Er suchte Mädchen, die sich für traditionelle Jungs-Sportarten interessieren. Luana Giuliani ist erfolgreiche Motorradrennfahrerin. "Dort misst sie sich in erster Linie mit Jungs, denn in dieser Sportart gibt es keine Geschlechterkategorien", erklärt Emanuele Crialese.

Die große Stärke seines Films – neben dem brillanten Ensemble – ist, dass er keine Entwicklung abzubilden versucht. "L'immensità" ist das starke Porträt einer fragilen Familie, einer starken Mutter, eines reifen und kämpferischen trans Jungen. Der Film lotet das Verhältnis zwischen Innerem und Äußerem, zwischen Körper und Seele aus. Das Drama vermittelt das Lebensgefühl der 1970er Jahre, die gesellschaftlichen Schranken, aber auch die beginnende Liberalisierung. So entsteht ein Film der Zwischentöne, der eben nicht strikt getrennt ist wie die Jungs und Mädchen in der Schule, sondern der berührt, ohne melodramatisch zu sein, und der dabei dennoch ganz oft gute Laune versprüht.

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Infos zum Film

L'immensità – Meine fantastische Mutter. Drama. Italien, Frankreich 2022. Regie: Emanuele Crialese. Cast: Penélope Cruz, Luana Giuliani, Vincenzo Amato. Laufzeit: 94 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Prokino. Kinostart: 27. Juli 2023
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