https://queer.de/?46431
Anti-Trans-Dokumentation aus den USA
"What is a Woman?": Mit Lügen vor die Kamera gelockt
"What is a Woman?" sorgt für Millionen Aufrufe und transfeindliche Stimmung. Die Macher*innen suggerierten Menschen, die in der Doku auftauchen, es würde ein Film zugunsten transgeschlechtlicher Menschen gedreht.

Matt Walsh (li.) bei einem Interview in "What is a Woman?" (Bild: Screenshot / Twitter)
- 27. Juli 2023, 09:43h 4 Min.
Pünktlich zum Start des Pride Month 2022 veröffentlichte die rechte US-Nachrichtenseite "The Daily Wire" den Anti-Trans-Propagandafilm "What is a Woman?" des Meinungsjournalisten Matt Walsh. Der Erfolg des im Internet verbreiteten Films dürfte auch Inspiration für die deutsche "Trans ist Trend"-Dokumentation gewesen sein (queer.de berichtete).
Allerdings: Das US-amerikanische Vorbild scheint den deutschen Medienmacher*innen beim Einsatz fragwürdiger Methoden zur Generierung von Bewegtbildern und Statements einiges voraus zu haben. Drei im Film mit ihren Äußerungen auftretende Personen sagten jetzt NBC News, dass sie mit Lügen über die Intention des Films vor die Kamera gelockt worden seien.
Verbreitet vom Twitter-Chef-Troll persönlich
Dass der Dokumentarfilm jetzt, über ein Jahr nach seinem Erscheinen, noch einmal Thema wurde, liegt vorrangig an einer Veränderung in der internationalen Medienlandschaft. Zum Pride Month im laufenden Jahr empfahl Twitter-Chef Elon Musk den Film auf seinem persönlichen Profil, inklusive Aufforderung: "Alle Eltern sollten sich das ansehen"
/ elonmusk | Elon Musk bewarb den Film auf TwitterEvery parent should watch this https://t.co/pIp6UP6vq8
Elon Musk (@elonmusk) June 2, 2023
|
Unter dem früheren Twitter-Chef erlassene Einschränkungen bei der Verbreitung des Streifens hob Musk auf. Allein die Neuveröffentlichung von vor zwei Monaten haben auf Twitter inzwischen 188 Millionen Nutzer*innen in die Timeline gespült bekommen.
Mit schmeichelhafter Sprache und Lügen geködert
Marci Bowers ist Chirurgin in Kalifornien, operiert transgeschlechtliche Frauen und ist selbst trans. So wie andere wurde sie von Produzentin Rebecca Dobkowitz per E-Mail kontaktiert – mit der Behauptung, dass der Film Licht auf die Herausforderungen werfen solle, mit denen transgeschlechtliche Menschen zu kämpfen hätten. Zudem hätten die Mails "schmeichelhafte" Sprache gegenüber den so Angeschriebenen benutzt, heißt es bei NBC.
In einer E-Mail, die NBC per Screenshot zeigt, steht etwa: "Unser Ziel ist es, die Öffentlichkeit aufzuklären, indem wir uns in die Einsichten von Expert*innen, Fachleuten und Alltagserfahrungen hinein begeben. Besondere Aufmerksamkeit wird es für die angemessene Nutzung von Sprache und der Terminologie rund um Geschlechtsidentität geben."
Im Film erzählt Bowers aus ihrer chirurgischen Arbeit, als Walsh sie danach fragt, ob sie schon mal von Personen gehört habe, die sich als behindert identifizierten und darum etwa ihren Arm amputiert bekommen wollten. Bowers reagiert sichtbar irritiert auf den Wechsel im Gesprächsthema, von Walsh demonstrativ gelassen vorgetragen.
Die anderen beiden Personen, die NBC gegenüber ihre unfreiwillige Partizipation an dem Film beklagten, sind die Professorin für Pädiatrie Michelle Forcier und die transgeschlechtliche Naia Ōkami. Ōkami gegenüber gaben die Filmemacher*innen an, sie interessierten sich mit ihrem Film für die Ausweitung der Gesundheitsversorgung für transgeschlechtliche Menschen und geschlechtsaffirmierender Operationen.
Erst falsches Interview, dann Hass
Die Professorin für Kinderheilunde wiederum, Michelle Forcier, lockten die Filmemacher*innen mit der falschen Behauptung, es ginge um Wissen um Pubertätsblocker. Nachdem sie im Vorhinein eine Einverständniserklärung unterschrieben hatte, dass das Material im Film genutzt werde, konfrontierte sie Walsh im Interview nach wenigen Minuten mit Behauptungen wie der, dass Geschlechterdysphorie so etwas wie der Glaube an Santa Claus sei, Pubertätsblocker "chemische Kastration".
Forcier brach das Interview ab. Was sie zuvor über den Prozess der Geschlechtsidentitätsfindung von Kindern gesagt hatte, landete dennoch im Film.

Chirurgin Marci Bowers in "What is a Woman?" (Bild: Screenshot / Twitter)
Seitdem wird die Professorin laut eigener Angabe mit Hassmails überschüttet. Und auch Chirurgin Marci Bowers ist Anfeindungen ausgesetzt. Sogar ihre Tochter kontaktierten Anti-Trans-Aktivist*innen laut der Ärztin via Instagram und schrieben ihr, sie lande in der Hölle.
Doch noch während der Produktion des Films gab Walsh seine wahren Absichten bereits auf Twitter bekannt. Er plane, einen Generalangriff auf die "Gender-Ideologie" vom Zaun zu brechen. Und: "Leute sehen, dass Gender-Ideologie toxisch und verrückt ist. Wir haben alles, um zurückzuschlagen und sie zu zerstören. Alles, was es braucht, ist der Wille, zu tun, was nötig ist."
Obwohl sich NBC News um Stellungnahmen der Verantwortlichen hinter dem Film bemühte, verweigerten die eine Kommentierung. (jk)















Und vor allem: wer von Walsh's Zielgruppe interessiert sich für Fakten oder saubere journalistische Arbeit?