Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?46453

Interview

Welchen Bezug haben Sie als Schwarzer schwuler Mann zur Geisterbahn, Justin Simien?

Mit seinem Spielfilm und dem gleichnamigen Serienableger "Dear White People" machte sich Justin Simien als Regisseur einen Namen. Jetzt läuft seine erste große Disney-Produktion "Geistervilla" im Kino. Eine gute Gelegenheit für ein Interview.


Justin Simien wurde 1983 in Texas geboren. Bei der Premiere von "Dear White People" 2014 beim Sundance Film Festival outete er sich als schwul (Bild: IMAGO / Starface)

Gleich mit seinem ersten langen Spielfilm "Dear White People", der 2014 beim Filmfestival in Sundance ausgezeichnet wurde, gelang Justin Simien ein echter Überraschungserfolg. Drei Jahre später brachte der 1983 in Houston geborene Regisseur und Drehbuchautor einen Serienableger gleichen Namens (und mit mehreren queeren Figuren) an den Start, der vier Staffeln lang bei Netflix lief und dort immer noch zu sehen ist.

Nachdem sein zweiter Spielfilm, die Horrorkomödie "Bad Hair", in Deutschland nie ins Kino kam, legt er nun mit "Geistervilla" (seit 27. Juli 2023 im Kino) seine erste echte Mainstream-Produktion vor, in der unter anderem Lakeith Stanfield, Rosario Dawson, Owen Wilson, Jamie Lee Curtis und Danny de Vito zu sehen sind. Wir konnten dem schwulen Filmemacher ein paar Fragen stellen.


Poster zum Film: "Geistervilla" läuft seit 27. Juli 2023 im Kino

Mr. Simien, im Zuge der Promotion für Ihren neuen Film "Geistervilla" standen Sie kürzlich für eine Promi-Ausgabe der US-Version der Fernsehshow "Familienduell" vor der Kamera. Einen lustigeren PR-Auftritt kann man sich vermutlich kaum vorstellen, oder?

Das hat ohne Frage sehr viel Spaß gemacht. Mehr als PR-Arbeit sonst macht. Aber noch viel besser als ich fand das mein Ehemann (Fotograf und Comedian Rick Proctor; Anm. d. Redaktion), der zu meinem Rateteam gehörte. Der hat sein Leben lang davon geträumt, mal beim "Familienduell" mitzumachen. Und ich glaube, meine Schauspielerinnen Tiffany Haddish und Marilu Henner, gegen die wir antraten, hatten am Ende auch noch ein bisschen mehr Spaß als mein Team.

Ihre ersten beiden Filme "Dear White People" und "Bad Hair" waren kleine, eigenwillige Produktionen ohne große Stars. War die Arbeit an einem teuren Disney-Film wie "Geistervilla" nun eine große Umstellung für Sie?

Meine eigentlichen Aufgaben als Regisseur waren natürlich mehr oder weniger die gleichen wie sonst auch. Egal wie viel Geld man zur Verfügung hat oder wie prominent die Schauspieler*­innen sind: Ich darf eine Geschichte erzählen und zum Leben erwecken – und das ist es, was ich an diesem Beruf liebe. Aber an einige Aspekte, die ein Film dieser Größenordnung mitbringt, musste ich mich erst ein wenig gewöhnen. Bei einer großen Studioproduktion wie "Geistervilla" muss man einfach sehr viel mehr Menschen managen. Über mir, unter mir, neben mir – überall waren mehr Personen involviert, als ich es gewohnt war – und die alle irgendwie mitreden wollten. Gleichzeitig hatte ich andere Probleme selbstverständlich nicht. Bei meinen ersten Filmen kam ich immer an den Punkt, wo ich viele meiner Ideen nicht umsetzen konnte, weil Zeit, Geld und andere Mittel fehlten. Davon konnte dieses Mal keine Rede sein.

In besagten kleineren Filmen ging es immer auch um Themen, zu denen Sie als Schwarzer queerer Mann einen sehr persönlichen Bezug hatten. Das war bei einem Film, dem als Vorlage eine Geisterbahn in Disneyland diente, vermutlich etwas anders, oder?

Gar nicht unbedingt. Zum Glück, denn für einen Film, der mir nicht auf sehr persönliche Weise am Herzen liegt, stehe ich normalerweise nicht aus dem Bett auf. Meine erste Reaktion angesichts des Projekts war natürlich auch die Frage, warum ich der Richtige für einen "Geistervilla"-Film sein soll. Aber dann hat mich das Drehbuch von Katie Dippold auf Anhieb zum Lachen und sogar zum Weinen gebracht. Und ich habe schnell erkannt, wie viel diese Geschichte mit meinem eigenen Leben zu tun hat.


Szene aus "Geistervilla" (Bild: Disney)

Tatsächlich?

Ich habe mich zum Beispiel in dem kleinen Jungen wiedererkannt, der ohne Vaterfigur groß werden musste. Aber auch im Protagonisten Ben, der seine Emotionen und seine Trauer hinter Sarkasmus und trockenem Humor versteckt. Dabei habe ich mich nämlich gerade in den letzten Jahren häufiger ertappt, angesichts einiger schwieriger Veränderungen und Verluste nicht zuletzt während der Pandemie-Zeit. Dazu kamen andere Details. Etwa, dass ich die Stadt New Orleans unglaublich liebe und mir viel daran liegt, ihre Kultur mit der Kamera festzuhalten. Oder die Tatsache, dass besagte Geisterbahn damals die erste war, die ich beim ersten Disney-World-Besuch als Zehnjähriger gefahren bin. Und später immer wieder, als ich während meines College-Studiums nebenbei in Disneyland gejobbt habe.

Zu den Veränderungen der letzten Jahre gehörte auch das Ende des Serien-Ablegers von "Dear White People", den Sie vier Staffeln lang bei Netflix verantworteten. Insgesamt war diese Geschichte in unterschiedlichen Versionen 15 Jahre lang ein riesiger Bestandteil Ihres Lebens. Vermissen Sie diese Welt?

In gewisser Weise ja, aber den Produktionsalltag der Serie vermisse ich kein bisschen. Wie Sie ja wissen, streiken in Hollywood gerade die Schauspieler*innen- sowie die Autor*innen-Gewerkschaft, und viele der problematischen Arbeitsbedingungen, gegen die da jetzt protestiert wird, kenne ich von "Dear White People" nur zu gut. Aus künstlerischer Sicht war es erfüllend, diese Serie zu verantworten, aber die Arbeit daran war extrem schwer. Ich kann diese Streiks so unglaublich gut nachvollziehen. Ich habe vier Jahre lang eine erfolgreiche Serie für die größte Streaming-Plattform der Welt umgesetzt – und auf meinem Konto hat sich das praktisch nicht bemerkbar gemacht. Das ist ein ziemlich unhaltbarer Zustand und ein Geschäftsmodell, das so nicht weitergehen darf. Es kann nicht sein, dass die Kreativen kaum über die Runden kommen, während im Hintergrund Geld gescheffelt wird. Entsprechend war das Ende der Serie eine sehr bittersüße Erfahrung für mich.

Direktlink | Deutscher Trailer zum Film "Geistervilla"
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Und was steht nun als nächstes auf dem Programm?

Ich arbeite längst an einigen neuen Projekten. Das nächste, dass das Licht der Welt erblicken wird, ist vermutlich eine Dokumentation namens "Hollywood Black", basierend auf dem Buch von Donald Bogle. Da geht es um die Geschichte des Kinos, mit konkretem Blick auf den Beitrag Schwarzer Künstler*innen, gerade solcher, über die wir kaum je etwas erfahren haben. Aber es gibt auch einige Drehbücher, über denen ich brüte. Einige dieser Geschichten trage ich schon sehr lange mit mir herum, hatte aber bislang noch nicht den Eindruck, in meiner Karriere an einem Punkt zu sein, wo ich sie erzählen kann. Das könnte sich bald ändern.

Infos zum Film

Geistervilla. Originaltitel: Haunted Mansion. Fantasyfilm. USA 2023. Regie: Justin Simien. Cast: LaKeith Stanfield, Tiffany Haddish, Owen Wilson, Danny DeVito, Rosario Dawson, Chase W. Dillon, Dan Levy, Jamie Lee Curtis, Jared Leto. Laufzeit: 122 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Disney Deutschland. Kinostart: 27. Juli 2023
-w-