https://queer.de/?46461
Folge 31 von 53
Schwule Symbole im Film: Autos
Symbolisch betrachtet ist das Auto das wichtigste Fortbewegungsmittel. Man kann es lieben, mit ihm auf dicke Hose machen, Spritztouren unternehmen und sich abschleppen lassen

Schwuler Sex im Auto: Szene aus Bruce LaBruces satirischem Drama "Super 8½" (Bild: Salzgeber)
- Von
30. Juli 2023, 03:04h 17 Min. - Diese Artikelserie wurde gefördert von der Homosexuellen Selbsthilfe e.V., www.hs-verein.de.
Autos von außen betrachtet – "Du magst doch Autos?"
Das Auto symbolisiert individuelle Freiheit und wird mit Kraft und Aggression assoziiert. Auf das Auto werden "essenzielle Aspekte von Identität und Persönlichkeit projiziert" ("Das Buch der Symbole", 2011, S. 442). Es "erweist sich für die westlichen Industriegesellschaften als universales Kollektivsymbol par excellence". Sein technischer und optischer Zustand kann eine ganze Gesellschaft abbilden und "zwischen Wagentypen und den Mentalitäten ihrer Besitzer" einen Zusammenhang herstellen (Siegfried Reinecke: "Autosymbolik in Journalismus, Literatur und Film", 1992).
Liebesobjekt und Fetisch
Schon in Kenneth Angers "Kustom Kar Kommandos" (1965, hier online) scheint es so, als ob ein Mann sein Auto poliert, aber eigentlich streichelt er es zärtlich. Vor einem pinken Hintergrund – einer schwulenpolitischen Signalfarbe, die mit dem deutschen Rosa vergleichbar ist – sieht man einen jungen Mann und hört dazu die Musik von "Dream Lovers". Deutlicher lassen sich Autos als ein begehrenswerter Fetisch kaum darstellen.

Früher Fetisch in Pink: Das geliebte Auto in Kenneth Angers "Kustom Kar Kommandos" (1965)
Der rote Bentley seines Freiers wird vom Stricher Michael in "The Fruit Machine" (1988) als "Orgasmus" bezeichnet. Das gleiche könnte man auch gut über den Oldtimer von Daimler-Benz des reichen Freiers in "Lola und Bilidikid" (1999) und den Rolls Royce als Status-Symbol in "Liberace" (2013) sagen. Filme über Prostitution funktionieren über die sozialen Gegensätze; Autos sind Statussymbole und vermitteln gesellschaftliche Wertvorstellungen – auch im Sinne materieller Werte.

Rolls Royce als Status-Symbol in "Liberace" (2013)
Große rote Autos
Die Charakterisierung schwuler Fahrzeughalter über die Farben und die Größe ihrer Autos ist auch vom Film-Genre abhängig. Hier kommt es zu einer Vermischung mit Farbsymbolik, weil in einigen emanzipatorischen Dramen und Liebesfilmen Schwule große rote Autos haben, die deutlich die Aura sexueller Leidenschaft verströmen. Bekannte Filme, in denen Schwule entsprechende Autos fahren, sind "Westler" (1985) und "Brille mit Goldrand" (1987). Sie sind aber auch in "Soda Pop" (2001), "Fruitcake" (2003) und in "Time will tell" (2006) zu sehen. Die rote Farbe steht dabei meistens in Verbindung mit Leidenschaft. Das wird dann deutlich, wenn Schwule in einem roten Auto wilden Sex haben, wie in "Midnights with Adam" (2013, hier online, 21:40 Min.). Rot kann allerdings auch – wie bei den roten Autos der schwulen Vampire in "Kissing Darkness" (2014) – für Gefahr und indirekt für Blut stehen. Da rote Autos Eyecatcher sind, werden mit ihnen auch Filme wie "Eating Out" (II. Teil, 2004) beworben.

Kraftvolle rote Autos in "Eating Out" (II. Teil, 2004)
Erwähnenswert ist auch der Animationsfilm "Cruise Patrol" (2013, hier online), bei dem es sich um ein unkonventionelles schwules Roadmovie handelt und in dem die Farbe des Autos irgendwo zwischen Rot und Pink changiert, was farbsymbolisch beides passen würde.
Kleine rosa Autos
Wenn es um Komödien und unterhaltsame Klischees geht, haben Schwule manchmal andere Autos als Heteros. Wenn Schwule kleine Autos haben, wirkt das unmännlich und vor allem lustig wie in "Vier Fliegen auf grauem Samt" (1971, hier online, 1:03:10 Min.). Bei Kervins rosa Käfer in "Zwei irre Typen auf heißer Spur" (1982, hier online, 8:40 Min.) soll ein direkter Zusammenhang mit seiner Homosexualität aufgezeigt werden.
Über solche Klischees bzw. Zuschreibungen machen sich die "Simpsons" (Folge 14/7) in einer Szene mit Elektroautos und Schwulen gezielt lustig. Darin fährt Homer mit seinem Sohn Bart in einem kleinen rosa Auto, das sogar sprechen kann: "Hallo, ich bin ein Elektroauto. Ich kann nicht sehr schnell fahren und auch nicht sehr weit. Wenn ihr mich fahrt, denken die Leute, ihr wärt schwul."

Ein klischeehaftes pinkes schwules Auto bei den "Simpsons" (Folge 14/7)
Offene Cabriolets und getönte Scheiben
Die offene Form von Cabriolets symbolisiert Lebensgenuss, Offenheit und manchmal sogar offene Beziehungen. Sie verdeutlicht, was die Fahrzeuginsassen zu zeigen bereit sind. Es kann z. B. um Schwule gehen, die ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Beispiele sind die offenen und meistens roten Autos in "Das Bildnis des Dorian Gray" (1970), "Eine Liebe wie andere auch" (1983), "Westler" (1985), "North of Vortex" (1991), "Einsam, Zweisam, Dreisam" (1994, hier 2. Teil online, 4:50 Min.) und "From Beginning to End" (2009). Der Film "Eine Liebe auf Long Island" (1997) wird mit dem Motiv von Giles De'Ath (D: John Hurt) im offenen Cabrio beworben.
Das symbolische Gegenteil von Offenheit verkörpernden Cabrios sind Autos mit getönten Scheiben, hinter denen man unerkannt bleiben kann. Der nicht offen schwul lebende Drew Boyd fährt ein solches Auto mit getönten Scheiben ("Queer as Folk", Folge 5/08).

Giles De'Ath (D: John Hurt) in "Eine Liebe auf Long Island" (1997)
Männlichkeit und Geschlechterrollen
Autos und die Reparatur von Autos werden als etwas sehr Männliches wahrgenommen und Kfz-Mechaniker sind weit davon entfernt, ein klischeehaft schwuler Beruf zu sein. Nur deshalb ist der Moment der Überraschung so groß, wenn sich in "Work it out" (2001) zwei Kfz-Mechaniker küssen statt sich wegen einer zuvor stattgefundenen Auseinandersetzung erwartungsgemäß zu prügeln. Der Film "Défense de fumer" (2014, hier online) handelt nur davon, dass ein Kfz-Mechaniker in einer Autowerkstatt raucht und sich Männer in Leder-Fetisch-Montur dazugesellen. Der Regisseur Bruce LaBruce spielt damit – nicht ohne Ironie – mit Geschlechterrollen. Autos zu reparieren wird in einer Folge von "Criminal Minds" (Folge 8/15) als Teil einer Konversionstherapie angeboten, um Schwule auch auf diese Weise von der Homosexualität zu "heilen". Die Frage "Du magst doch Autos?" in "Mamas kleiner Ole" (2003) ist im Kontext des Kurzfilms eigentlich eine Frage nach Oles sexueller Orientierung. Autos zu reparieren oder sie auch nur zu mögen scheinen viele Menschen nicht mit Homosexualität in Verbindung bringen zu können.
Das Cover des oben schon erwähnten Films "Eating Out" (II. Teil, 2004) spielt noch auf eine ganz andere Weise mit Geschlechterrollen: Wenn sich hier ein halbnackter Mann auf der Motorhaube räkelt, variiert dies das Motiv von halbnackten Frauen, die sich in der früheren Autowerbung in ähnlicher Form auf einer Motorhaube räkelten.
Autos als Projektionsfläche für Wut
Gerade weil Autos als etwas Persönliches empfunden werden, sind sie – im Rahmen einer Stellvertreterfunktion – eine Projektionsfläche für homophobe Wut. In "Der Teufelskreis" (1961, hier online, 1:50:45 Min.) wird die Garagentür von Melville Farr (D: Dirk Bogarde) mit dem Satz "Farr is queer" beschmiert. In "Dirty Love" (2006) und "Deep End" (2011) werden die Autos von Schwulen mit dem Schimpfwort "fag" [= Schwuchtel] beschmiert. Allenfalls der sehr selbstbewusste Brian in "Queer as Folk" (Folge 1/1) schafft es, die "Faggot"- Schmiererei an seinem Auto fast wie eine Trophäe zu tragen. Die Größe seines Autos entspricht bei Brian der Größe seines Egos.
In einem "Tatort" (Folge 1023) wird ein Mann ermordet und danach in seinem Auto verbrannt. Mit dem Satz "Erst die Schwuchtelkarre, dann die Schwuchtel" wird mehrfach auf die homophoben Männer verwiesen, die schon vorher mit Brandsätzen auffielen und deshalb als Mörder in Frage kommen. Es ist ein Satz, der an ein Heinrich-Heine-Zitat erinnert: "Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen."

Brians großes "Faggot"-Auto in "Queer as Folk" (Folge 1/1)
Pornos über die Erotik von Autos und Auto-Erotik
Auch in Schwulenpornos wird oft und gerne vor großen und meistens roten Autos posiert ("Cruise Control", "Hot Details. Car Wash" und "Hot Ice"), wobei der Untertitel "Car Wash" auch eine Referenz auf den gleichnamigen Spielfilm von 1976 mit Antonio Fargas als Lindy ist. Schwarze Autos lassen sich dagegen, wie in "The Fixer", gut im Kontext von Kriminalität einbauen. In Pornos wird mit der Verbindung aus Potenz und Autogröße viel angegeben und herumgeprotzt, wie es in "Bouncer" (= Prahler), "Man of the year" und "Street Dick" durch die Bild- und Textgestaltung ersichtlich ist.
Die Inszenierung von Polizeiwagen wie in "Once upon a time in New York 4" zielt dagegen eher auf Elemente wie Dominanz, Kontrolle und Überwachung ab.
Einige Titel von Pornofilmen arbeiten nicht nur mit einfachen sexuellen Wortspielen wie z. B. "Auto Erotic", sondern erklären sich erst über die US-Umgangssprache. So bezeichnet "Pole Position" nicht nur die beste Startposition im Autorennsport, sondern auch die bestmögliche Positionierung des Penis ("pole", s. urban dictionary). Der Titel "Zoot Suit" bezeichnet nicht nur einen bestimmten Anzug, sondern auch ein schlecht sitzendes Kondom (s. urban dictionary).

Posieren vor teuren, roten Autos auf den Covern von "Hot Details. Car Wash" und "Zoot Suite"
Vom Auto- und Geschlechtsverkehr
In Filmen sind Autos als Fortbewegungsmittel handlungsprägend und treiben in unterschiedlicher Form die Handlung voran, sei es als zentrales Element in Roadmovies, durch Pannen oder in erotischen Anhalter-Phantasien. Zwischen dem Auto- und dem Geschlechtsverkehr werden dabei regelmäßig Parallelen angedeutet. Dies lässt sich auch in der Jugendsprache feststellen, wo von "beidseitig befahrbar" (= bisexuell), "einparken" (= Geschlechtsverkehr haben) und "Leihwagen" (= Frau mit vielen Sexpartnern) die Rede ist ("PONS. Wörterbuch der Jugendsprache 2016", 2015).
Spritztouren und Rammen von hinten
Mit dem Satz "Du fährst, wie du fickst" wird in "Mala Noche" (1985) ein – nicht unüblicher – Vergleich zwischen dem Auto- und dem Geschlechtsverkehr vorgenommen. Die Originalfassung von "Sex Drive" (= Geschlechtstrieb; to drive = fahren) verbindet ähnlich wie sein deutscher Titel "Spritztour" (2008) das Sexuelle mit dem Fahren. Auch in "Queer as Folk" (Folgen 3/3; 3/7) und in "A Single Man" (2009) ist von einer "Spritztour" die Rede und damit gleichermaßen eine Autofahrt und schwuler Sex gemeint.
In der Symbolforschung gelten Autounfälle manchmal als Ausdruck für innere oder äußere Konflikte, wofür ich jedoch in schwulen Filmen keine Beispiele gefunden habe. Einem recht einfachen Humor entsprechen die erwartbaren Anspielungen auf Analverkehr im Zusammenhang mit dem Rammen von Autos. Als in "Liebesgrüße aus der Lederhose" (5. Teil, 1978) das Auto des schwulen Ottokar Schulze von hinten gerammt wird, schreit er laut: "Diese Stoßerei tut mir langsam weh." Ähnliches gilt für den schwulen Kervin, dem in "Zwei irre Typen auf heißer Spur" (1982) jemand "hinten reinfährt". Ähnlich auch Peter Lovetts Spruch "Mir ist jemand hinten reingefahren" in "Happily Divorced" (Folge 2/13) und Brians Äußerung in "Queer as Folk" (Folge 1/8) nach einem Unfall, dass er sich ja eigentlich gerne mal "rammen" lasse.

Von hinten reingefahren in "Liebesgrüße aus der Lederhose" (5. Teil, 1978)
Eher subtil ist dagegen die Art, wie in "The Living End" (1992, hier online) bei den HIV-positiven Männern Jon und Luke die Risiken des Geschlechtsverkehrs (HIV-Infizierung) mit den Gefahren des Autoverkehrs parallelisiert werden: Weil Luke keinen Führerschein besitzt, stellt sich die Frage, ob er überhaupt verantwortungsvoll mit dem Auto (bzw. seiner Sexualität) umgehen kann. Für ihr Fehlverhalten im Verkehr bekommen die Männer mit einem Knöllchen – vergleichbar mit der "Gelben Karte" beim Fußball – von außen eine Grenze aufgezeigt.
Abschleppen und Pick-ups
Bei einem Schwulen mit einer Auto-Panne kommt in der Sex-Klamotte "Laß jucken, Kumpel" (3. Teil, 1974) das zu erwartende Wortspiel "schon mal abgeschleppt worden?". Schwule lassen sich gerne abschleppen, was als sexuell doppeldeutige Redensart bei den "Simpsons" (Folge 19/3) mit einem Abschleppunternehmen von Homer auch bildlich umgesetzt wird.
Ein "Pick-up" ist ein Pkw mit offener Ladefläche. Das US-Verb "to pick up" bedeutet "aufnehmen" bzw. "mitnehmen" und hat in der US-Umgangssprache auch die sexuelle Bedeutung von "abschleppen" (s. urban dictionary). In schwulen US-Filmen sind einzelne Szenen erkennbar von dieser sexuellen Bedeutung geprägt und so geben mehrere rote Pick-ups an einem schwulen Cruising-Platz in "Alkali, Iowa" (1995, hier online, 3:55 Min.) ein stimmiges Bild ab. In "Save me" (2007) geht Mark mit Scott mit, der einen grünen Pick-up hat. Weitere Pick-ups sind zwar auch in "Brokeback Mountain" (2005) und "Old Fashioned Gay Love" (2011, hier online, 1:35 Min.) zu sehen, ohne dass sich dabei jedoch sexuelle Bezüge aufdrängen.

Schwule wollen von Homer abgeschleppt werden. Szene aus den "Simpsons" (Folge 19/3)
Trampen und Anhalter-Phantasien
Sind Anhalter-Geschichten mit homoerotischen Erlebnissen nur Handlungselemente oder können sie auch metaphorisch oder symbolisch verstanden werden? Siegfried Reinecke ("Autosymbolik in Journalismus, Literatur und Film", 1992, S. 110-115) sieht in der Form der Koppelung von ständigen "Orts- mit häufigem Partnerwechsel" und damit in der "Flüchtigkeit" die Gemeinsamkeit zwischen dem Autofahren und der Form sexueller Kontakte. Für ihn ist es daher ein Symbol, dass (auch) in Pornos "zu einem oft variierten Thema" wird.
Auf Anhalter werden erotische Phantasien übertragen und Trampen gilt auch deshalb als gefährlich. Die beiden pädagogisch gut gemeinten, aber letztendlich homophoben "Aufklärungsfilme" "Boys beware" (1961, hier online, ab 00:40 Min.) und sein Remake "Boys aware" (1973, hier online, ab 1:05 Min.) warnen jugendliche Anhalter vor pädosexuellen bzw. homosexuellen Autofahrern. Jahrzehnte später entstand der Animationsfilm "Ralph and Jimmy" (2009, hier online), der mit dem gleichen Text (!) einen satirischen Kommentar zu diesen beiden Aufklärungsfilmen darstellt. Der Autofahrer, der jugendliche Anhalter mitnimmt, wird nun durch einen schwulen Teufel verkörpert.
Weitere Anhalterfilme mit Bezug auf Homosexualität reichen von "Fluchtpunkt San Francisco" (1971) bis zu "Cadillac Blues" (2002, hier online), wo die Mitnahme eines Anhalters in einem Cadillac zum Dreh- und Angelpunkt der gesamten Geschichte wird.

Angst vor sexuell übergriffigen Autofahrern im "Aufklärungsfilm" "Boys aware" (1973)
Rollenverteilung aktiv/passiv
Im Roadmovie "On the road" (2012) sieht man den sich prostituierenden Dean – klischeekonträr – als Aktiven beim Analverkehr. Im zugrundeliegenden gleichnamigen Roman von Jack Kerouac (1957) wird an dieser Stelle eine zurückhaltende Autometapher verwendet: Dean vereinbart mit seinem Freier, dass er beim Sex "das Lenkrad übernehmen" wird, was im Film konsequent umgesetzt wurde.
Jahrzehnte später konnte diese Symbolik deutlicher hervorgehoben werden: In "Sexgeflüster" (2007) streitet sich ein schwules Paar über seine sexuelle Rollenverteilung (aktiv/passiv). Diese Rollenverteilung wird auf das Autofahren (Fahrer/Beifahrer) übertragen, woraufhin sich beide mit dem Fahren abwechseln und betonen, dass eine strikte Rollenverteilung bei zwei Schwulen nicht nötig sei.
In anderen Filmen wird über die Rollenverteilung zwar nicht reflektiert, aber es ist wohl kein Zufall, dass der jeweils sexuell aktive Part auch der Autofahrer ist, wie in "The Living End" (1992), "Hitch" (2000) und "No Night Is Too Long" (2002).

Schwuler Streit über die Rollenverteilung in "Sexgeflüster" (2007)
Sprachmetaphern und Sozialverhalten
Gerade Sprachmetaphern aus dem Bereich des Autoverkehrs bieten viele Parallelen zum Sozialverhalten von Menschen. Diverse Wege-Metaphern (Folge 28) – wie sie sich z. B. im deutschen Verleihtitel "Umleitung ins Glück" ("Holding Trevor", 2007, hier Trailer) ausdrücken – waren bereits ein separates Thema sein. In einer Filmszene betont der Protagonist Trevor, dass er als Kind auf dem Rücksitz immer aus dem Rückfenster gesehen habe, um zu betrachten, was er hinter sich lasse. Nun schaut er während der Autofahrt immer nach vorne. "Und zum ersten Mal in meinem Leben schaue ich endlich in die richtige Richtung", was als Lebenseinstellung auch am Ende des Trailers zu hören ist.
Zwei schwule Filme handeln vom Kreisverkehr. Die Äußerung "Wir fahren im Kreis" entspricht in "Beginners" (2010) dem sprichwörtlichen "Wir bewegen uns im Kreis". In "Coming Out mit Hindernissen" (2006) hat der Vater des schwulen Jérémy im Kreisverkehr die Ausfahrt und damit den richtigen Weg verpasst. Die Mutter betont ausdrücklich, dass sie und ihr Mann in verschiedenen (Fahrt-)Richtungen unterwegs seien.
In US-Filmen kann der Begriff "straight" als ein doppeldeutiges Wortspiel eingesetzt werden, weil er sowohl Geradeausfahren als auch Heterosexualität meint. In schwulem Zusammenhang findet man entsprechende Formulierungen in der Serie "Law & Order: SVU" (Folge 14/12) und in "Daybreak" (2008, hier online, 7:15 Min.). Die Formulierung "to give a ride" bedeutet mitfahren und reiten – auch im sexuellen Sinne – und wird in den Filmen "An meiner Seite" (2005) und "El Reloj" (2008, hier online, 2:55 Min.) ebenfalls zufällig anmutend verwendet. Es sind Szenen, die gerade wegen ihrer vermeintlichen Banalität besonders auffallen.
Pornos über Pick-ups und Anhalter
Der Pornotitel "Desert Pick-Up" vermittelt auch über den sichtbaren Pick-up die Phantasien, die mit dem Abschleppen eines Mannes verbunden sind. Mir sind mehr als 15 Pornocover bekannt, die sich durch Bild- oder Textmotive auf erotische Anhalter-Phantasien beziehen, wie u. a. "Stop … for me" und "The Hitchhiker". Hervorzuheben ist hier Bruce LaBruce mit seinem satirischen Drama "Super 8½" über einen Porno-Regisseur.
Erwähnt werden kann auch die sogenannte "Bait Bus"-Serie. Darin soll für den Zuschauer der Eindruck erweckt werden, dass ahnungslose heterosexuelle Männer als Anhalter mitgenommen werden. In der Erwartung, passiven Oralverkehr mit einer Frau zu haben, lassen sich diese Männer bereitwillig die Augen verbinden, haben dann jedoch passiven Oralverkehr mit einem Mann, was im realen Leben ein verwerflicher Übergriff wäre, aber als eine homosexuelle Wunschvorstellung offenbar zu funktionieren scheint.

Die sexuelle Phantasie des Auflesens am Straßenrand in "Desert Pick-Up" und Bruce LaBruces satirisches Drama "Super 8½"
Autos und ihre Einzelteile – Vom Schaltknüppel bis zur Stoßstange
Die bekannteste symbolische Bedeutung eines Autoteils ist wohl die des Motors: Der Motor wird oft als das "Herz" eines Autos und – in umgedrehter Metaphorik – das menschliche Herz oft als der "Motor" des menschlichen Körpers bezeichnet. Die Jugendsprache kennt mit "Auspufflutscher" (= Arschkriecher) auch derbere Begriffe ("PONS Wörterbuch der Jugendsprache 2016", 2015). In Szenen, in denen Autos betankt werden, kann der Zapfhahn das Glied und das Tanken die Ejakulation darstellen. Aus traditionell-heterosexueller Sicht wird der Benzintank als Ausdruck für das weibliche Becken gesehen.
Fahrgestell
Begriffe wie "Kurven" und "Fahrgestell" sind als Synonyme für Körperformen und -statur weiblich konnotiert. Die ästhetischen Merkmale der Fahrzeugkarosserie sind weiblich, die technischen Attribute und das fahrerische Können sind männlich konnotiert (Siegfried Reinecke: "Autosymbolik in Journalismus, Literatur und Film", 1992).
Zu diesen Bereichen habe ich nur Filmszenen gefunden, die sich auf schwule trans Personen beziehen. Wie legitim diese Begriffe sind bzw. wirken, hat u. a. damit zu tun, ob sie ironisch gebrochen sind und ob sie als Fremd- oder Selbstbezeichnungen verwendet werden. In den ersten beiden Minuten von "Unter der Treppe" (1969, hier online) haben zwei Travestiestars einen Auftritt und es geht – zumindest in der deutschen Synchronisation – viel um Autosymbolik: Die Rede ist von "auf die Profile kommt es an", von "runderneuert", von einer "Kurvenlage" bis hin zu "Ersatzteile[n]". Ähnliches gilt für einen schwulen Travestiestar, der in "The Mentalist" (Folge 4/21) von Patrick Jane trotz "Lack und dem veränderten Fahrgestell" wiedererkannt wird, wobei dieser Satz weder diskreditierend gemeint ist noch so verstanden wird.
Auspuff und Stoßstange
Anspielungen auf Analverkehr sind über den Auspuff in naheliegender Analogie zum menschlichen Anus möglich. Solche Zuschreibungen sind schon seit dem Ersten Weltkrieg in Bezug auf homosexuelle Männer bekannt ("Jody Skinner: "Bezeichnungen für das Homosexuelle im Deutschen", 1999). Deutlich wird dies im Film "Spritztour" (2008), wo über die Angst gesprochen wird, dass ein dicker alter Mann einem jungen Mann "den Auspuff stopfen will".
Die "Stoßstange" trägt die mögliche phallische Bedeutung bereits im Namen. Entsprechende Anspielungen auf die "Stoßstange" von Schwulen gibt es in "Zwiebel-Jack räumt auf" (1975) und – beiläufig anmutend – in "Dem Himmel so fern" (2002).
Die Stoßstangen haben in ihrer Schutzfunktion eine Nähe zu den Leitplanken auf der Autobahn, die im Wesentlichen dazu dienen, das Abkommen von der Fahrbahn zu verhindern, und manchmal als ein Symbol für Hilfe von außen zur Lebensführung gesehen werden. Wenn am Ende des Spielfilms "Drift" (2000) Leitplanken zu sehen sind, während aus dem Off über das Glück von Freundschaft gesprochen wird, können diese Leitplanken mit etwas Phantasie als Symbol für Lebensführung wahrgenommen werden.
Tank, Zapfhahn und Scheibenwischer
Die Szene, in der in "Soda Pop" (2001, hier online, 1:40 Min.) ein Mann das Auto eines anderen Mannes betankt, wirkt durch die Fokussierung auf den nachtropfenden Zapfhahn und durch den Szenenaufbau anspielungsreich. In diesem Fall wäre der Zapfhahn der Phallus und der Tank in naheliegender Analogie der Hintern.
Aufgrund des eruptiven Herausspritzens und der Menge an Flüssigkeit lässt sich Scheibenwischwasser leicht als eine Ejakulations-Metapher darstellen. Recht deutlich ist dies in "Férfiakt" (2006, hier Trailer online, 1:10 Min.) umgesetzt, wo sich beim Sex von zwei Männern "aus Versehen" die Scheibenwaschanlage einschaltet. Weniger deutlich ist das Scheibenwischwasser in "Vapor" (2010, hier online, 6:15 Min.) inszeniert.

Das Abspritzen in "Férfiakt" (2006)
Schaltknüppel und Runterschalten
Auch der Schaltknüppel lässt schon im Namen die mögliche phallische Bedeutung erkennen. Es sind vor allem ein sexualisierter Kontext und Nahaufnahmen der Schaltknüppel, die dazu führen, dass sie als Symbole aufgefasst werden können, wie in "Zwei irre Typen auf heißer Spur" (1982, hier online, 9:45 Min.), "Binibining Tsuper-Man" (1987), "Annabella" (2002, hier online, 1:05 Min.) und "Float" (2007, hier online, 8:23 Min.). Die Schaltknüppel gewinnen an symbolischer Deutlichkeit, wenn über sie gesprochen wird wie in "Männer al dente" (2010) und "Happily Divorced" (Folge 2/2).
Trotz der technischen Nähe hat es eine vollkommen andere symbolische Bedeutung, wenn – wie in "Queer as Folk" – Menschen "einen Gang herunterschalten" wollen, wie Ted mit seinen Pornos (Folge 2/19).

Die Nahaufnahme des Schaltknüppels in "Zwei irre Typen auf heißer Spur" (1982)
Schlüssel und Sitzposition
Die symbolische Bedeutung von Autoschlüsseln war in Folge 27 bereits ein Thema. Sie haben u. a. die Bedeutung einer "männlichen" und besitzergreifenden Kraft. In "One on One" (2010, hier online) ist Alex im Besitz des Autoschlüssels und kann sich daher gegen die Interessen seines Freundes Trevor durchsetzen.
Auch die Sitzposition in einem Auto kann Macht und Hierarchie widerspiegeln. Reiche und einflussreiche Menschen lassen sich von einem Chauffeur oder einem Taxifahrer fahren und sitzen hinten. Auch der Mann in "Last Full Show" (2005, hier online) sitzt zunächst hinten, er freundet sich im Laufe mehrerer Fahrten mit dem Taxifahrer an. Dass er sich am Ende auf den Beifahrersitz setzt, ist im Kontext des Films Ausdruck nicht nur körperlicher, sondern auch persönlicher Nähe und eventuell sogar als sexuelles Angebot zu verstehen.
Riemen, Kolben und Zapfhähne in Pornos
Die Bezeichnung des Phallus als "Kolben" (ein Wort, das auch eine große Nase kennzeichnen kann) ist wohl pornographischen Filmen vorbehalten. Im (heterosexuellen) Porno "Heiße Löcher, geile Stecher" (1979) wird über die Männer in der griechischen Antike gesprochen, denn "wenn die ein Arschloch sahen, stand ihnen der Kolben".
Schwule Pornotitel ("Kolbenfresser", "Große Kolben schmecken besser" und "Harter Kolben") greifen auf den Kolben als Phallus zurück, der sich auch mit Symbolen für Sperma ("Ölige Kolben", "Saftige Kolben") und Promiskuität ("Kolbenwechsel") verbinden lässt. In gleicher Bedeutung steht auch der Auto-"Riemen" ("Glühende Riemen").
Ein naheliegendes Symbol für Sperma ist Motoröl ("Oil Change", "Oil Check" und "Czech Your Oil") oder auch Benzin ("Fuel injected"). In "Love of the Dick" schlägt die Kraftstoffanzeige fast ganz aus und betont so, dass wohl auch der daneben abgebildete Mann mit einer Erektion "vollgetankt" und voller Energie ist.

Der Porno "Full Service" mit dem Schlauch bzw. dem Zapfhahn als Phallussymbol und der Porno "Raw Repair" mit einem Auspuff als doppelten Phallus
Die Rücksitzbank ist nicht nur ein Ort sexueller Handlungen, sondern auch ein Symbol für den Hintern (s. Stichwort "Backseat" in urbandictionary) und in dieser Zuschreibung auch in diversen Pornos zu sehen ("Backseat Boys", "Backseat BJ" und "Backseat Butt Fuckers").
Der Schwulenporno "Raw Repair" ist außergewöhnlich, weil das Bildmotiv das doppelte Auspuffrohr nicht, wie ansonsten üblich, mit dem Anus in Verbindung bringt, sondern als Phallus präsentiert.

Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
00:00h, WDR:
Matthias & Maxime
Xavier Dolans Drama bietet alles, was ein Werk auszeichnet: unterdrückte Gefühle, verkorkste Mutter-Sohn-Beziehung, großartig komponierte Szenen.
Spielfilm, CDN 2019- 7 weitere TV-Tipps »















