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Interview

Warum kommt der homophobe Missionar so einfach davon, Darren Aronofsky?

Das Drama "The Whale" mit Brendan Fraser als schwer übergewichtiger schwuler Englischlehrer ist jetzt fürs Heimkino erschienen. Wir sprachen mit Regisseur Darren Aronofskys über seinen preisgekrönten Film.


"The Whale"-Regisseur Darren Aronofsky (li.) und Hauptdarsteller Brendan Fraser im September 2022 beim Filmfestival in Venedig (Bild: IMAGO / agefotostock)

Mit dem Thriller "Pi" gab Darren Aronofsky 1996 sein Kinodebüt und holte bei Robert Redfords Sundance Film Festival prompt den Regiepreis. Nach dem Drogen-Drama "Requiem for a Dream" präsentierte er 2006 seinen Fantasy-Film "The Fountain" beim Festival von Venedig. Dort wurde er zwei Jahre später für "The Wrestler" mit dem Goldenen Löwen prämiert. Eine Oscar-Nominierung folgte für den Pychothriller "Black Swan" mit Natalie Portman, die für ihre Darbietung den Oscar als beste Schauspielerin gewann.

Den Oscar bekam auch Brendan Fraser für seine Hauptrolle in Aronofskys Film "The Whale". In der Theaterverfilmung nach dem gleichnamigen Stück von Samuel Hunter spielt er einen verzweifelten Helden, der den Tod seines Partners nicht verwinden kann und sich in eine krankhafte Fresssucht flüchtet (Filmkritik von Sebastian Galyga).

Unser Autor Dieter Oßwald sprach mit Darren Aronofsky über das berührende Drama, das jetzt in Deutschland fürs Heimkino erschienen ist (Amazon-Affiliate-Link ).

Mister Aronofsky, reden wir in völliger Ehrlichkeit über den Film. Denn Ehrlichkeit ist ja dessen Thema…

Das stimmt! Vielen Dank.

Im Film heißt es einmal "Menschen sind unfähig, sich nicht um andere zu kümmern" – glauben Sie daran oder ist das eine Wunschvorstellung?

Ich glaube sehr an diese Aussage. Und unser Film glaubt ebenfalls daran. Die Dialoge des Autors Samuel Hunter finde ich unglaublich poetisch und wunderschön. Als Geschenk gab ich Sam eine Skulptur von Charlie, auf deren Sockel wir genau diesen Satz gravieren ließen. Für mich steht diese Aussage für eine große Hoffnung.

Der junge Missionar kann mit der Bibel unter dem Arm unwidersprochen seiner Homophobie frönen. Ist es klüger, dem Publikum sein eigenes Urteil zu überlassen statt politische korrekte Botschaften im Film zu predigen?

Das ist eine gute Frage, ich wünschte, unser Autor Sam Hunter wäre jetzt dabei. Ich habe mir über die homophoben Äußerungen des Predigers nie Gedanken gemacht, aber stimmt, die sind vorhanden. Für mich stand sein Geständnis im Vordergrund, dass er Charlie ekelhaft findet. Das gilt nicht nur seinem körperlichen Aussehen, sondern auch seiner sexuellen Orientierung. Charlie zwingt Thomas zur Ehrlichkeit. Wenngleich dessen Aussagen nicht Charlies moralischen Ansichten entsprechen, sind sie zumindest ehrlich.


Szene aus "The Whale": Der homophobe Missionar Thomas (Ty Simpkins) steht vor Charlies Tür und beschließt, dessen Seele zu "retten" (Bild: Courtesy of A24)

Wie mutiert ein Durchschnittsmensch zu einem Koloss mit zweieinhalb Zentner Gewicht? Oder sollten Magier ihre Tricks lieber nicht verraten?

Sofort nach der Zustimmung von Brendan, die Rolle zu übernehmen, rief ich meinen Maskenbildner Adrien Morot an, mit dem ich schon seit "The Fountain" zusammenarbeite. Von ihm wollte ich wissen, ob man diese Verwandlung auf eine glaubhafte Weise umsetzen kann. Die Bedingung war, dass diese Prothese keine Falten von Brendas Gesicht verdeckt, damit seine Mimik nicht eingeschränkt wird. Adrien entwickelte mit neuester Technologie eine Lösung, die unglaublich realistisch wirkte und zugleich Brendan alle Bewegungsfreiheit ließ. Wobei wir nicht vergessen dürfen, dass jenseits dieser ganzen Maskentechnik es des Künstlers Brendan bedurfte, der sie in sein Spiel einbaute. Der sie ignorierte und damit sich selbst gegenüber glaubhaft bleiben konnte.

Inwieweit ist das Übergewicht eine Metapher für den Kontrollverlust im Leben? Charlie könnte ebenso gut ein Alkoholiker oder Spielsüchtiger sein?

Das ist ein guter Punkt. Es könnte sich ebenso gut um Alkohol-, Spiel- oder Sexsucht handeln. Darüber gibt es bereits etliche Filme. Menschen reagieren auf emotionale Schmerzen in ganz unterschiedlicher Weise. Bei Charlie ist es eben die Fresssucht.

Wobei dieser Charlie keineswegs immer nur liebenswert ist. Wie wichtig sind solche Grautöne beim Porträt einer Figur?

Charlie hat seine dunklen Seiten. Er ist ein sehr selbstsüchtiger Typ, darüber haben wir oft gesprochen. Charlie traf Entscheidungen in seinem Leben, die fragwürdig sind. Wir treffen ihn an einem Wendepunkt seines Lebens, das fast zu Ende ist. Bleibt ihm Zeit zur Versöhnung mit seiner Tochter? Wir wissen es nicht. Er weiß es nicht. Möchte die Tochter überhaupt eine Versöhnung? Das bleibt offen bis zum Schluss! Darin liegt die Brillanz der dramatischen Struktur von Autor Sam Hunter.

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"The Whale" ist am 27. Juli 2023 auf DVD, Blu-ray und digital erschienen

In der Videokonferenz mit seinen Studierenden zeigt Charlie zum ersten Mal sein Gesicht. Prompt zücken die meisten ihr Handy, um ihn zu fotografieren. Wie kam es zu dieser Idee?

Die Studierenden sind Angehörige von Mitarbeitenden des Films, darunter auch meine Nichte – die allerdings bei der Videokonferenz kein Foto mit dem Handy macht! (lacht)

Nicht nur die Maske ist in diesem Film eine Herausforderung: Ein Kammerspiel in nur einem Raum mit fünf Akteur*­innen klingt nicht unbedingt nach großem Kino...

Kino ist Schauspiel, Licht und Kamera. Den Raum zu reduzieren und damit das Schauspiel zu unterstreichen, ist eine aufregende Herausforderung. Wie verwandelt man dieses großartige Stück Drehbuch in ein Stück Kino? Zum Glück ist die Geschichte so reichhaltig und die Darstellenden so großartig, dass man nie ein Gefühl der Klaustrophobie in diesem Film bekommt, der zwei Stunden lang in nur einem Raum spielt. Diese Erkenntnis war meine ganz große Erleichterung, nachdem ich die erste Fassung gesehen hatte.

Es gibt bewegende Szenen und Tränen. Wie gelingen Gefühle, ohne in Kitsch abzurutschen?

Das ist immer eine sehr schwierige Linie. Entscheidend ist für mich die Wahrhaftigkeit der Darstellung. Wenn diese gegeben ist, gehe ich bis an die Grenzen. Ob eine Figur an einer bestimmten Stelle zu viel oder zu wenig Gefühle zeigt, wird jede Person, die zuschaut, anders empfinden. Man kann es nicht allen recht machen, jeder Mensch hat seine eigene Meinung. Deswegen richte ich mich danach, was mir selbst am wahrhaftigsten erscheint.

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Besteht eine Verwandtschaft zwischen Charlie und dem "Elefantenmensch"?

Über den "Elefantenmensch" habe ich viel nachgedacht. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied. Die Deformation des "Elefantenmenschen" ist extrem selten und kommt nur bei ganz wenigen Personen vor. Beim Publikum dafür ein Mitgefühl zu wecken, war eine extrem schwierige Aufgabe. Gegenüber Fettleibigen gibt es so viele Vorurteile, Hass und Ablehnung, dass einige Menschen sich auf unsere Geschichte gar nicht einlassen wollen. Die werden wir nach den ersten fünf Minuten des Films verlieren. Doch wenn das Publikum sein Herz öffnet, wird es mit einer großartigen Reise belohnt. Denn Brendan verleiht diesem Charlie eine großartige Menschlichkeit.

Infos zum Film

The Whale. Drama. USA 2022. Regie: Darren Aronofsky. Cast: Brendan Fraser, Sadie Sink, Ty Simpkins, Hong Chau, Samantha Morton, Sathya Sridharan. Laufzeit: 117 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung, englische Originalfassung. Extras: Making Of, Interviews mit Cast & Crew, Trailer. FSK 12. Plaion Pictures

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Galerie:
The Whale
7 Bilder
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