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Kommentar

Linke Angriffe bei CSDs: Sagt mal, geht's noch?

Bei aller berechtigter Kritik an Kommerz, Entpolitisierung und Polizei-Teilnahme: Für die Schläge bei den CSDs in Mainz und Stuttgart gibt es keine Rechtfertigung, meint Jeja Klein.


Auf den CSDs in Mainz und Stuttgart wurden Ausrichter*innen geschlagen (Symbolbild) (Bild: Farmgirlmiriam / pixabay)

Sowohl beim CSD im rheinland-pfälzischen Mainz als auch bei der Demonstration in Stuttgart attackierten in diesem Jahr linke und antifaschistische Teilnehmer*innen eine Ordnerin beziehungsweise den Versammlungsleiter Detlef Raasch körperlich. Hintergrund des Konflikts sind Auseinandersetzungen um den Charakter von Veranstaltungen in der Tradition des Aufstands in der New Yorker Christopher Street.

Wie sehr sollte und darf sich die queere Community, allen voran die oft cisgeschlechtlich, weiß und schwul dominierten Organisationsteams der CSDs, den kommerziellen Interessen großer Unternehmen öffnen? Wird dadurch nicht der Kampf um die weiterhin ausstehenden rechtlichen Gleichstellungen und für ein Ende der gesellschaftlichen Ausgrenzung torpediert? Und: Welche Rolle kann und darf die Polizei in dieser Bewegung spielen?

Protest mit körperlicher Gewalt verteidigt

Ich halte teilweise in Medien zu lesende Gleichsetzungen der jetzt erfolgten körperlichen Angriffe mit queerfeindlich motivierten Übergriffen von Rechten und eher psychisch statt explizit politisch motivierten Queerhasser*innen für vollkommen unangemessen. Offensichtlich wurde niemand wegen der sexuellen Orientierung oder der geschlechtlichen Identität angegriffen, sondern aufgrund beziehungsweise im Rahmen konkreten Verhaltens in einer Konfliktsituation.

Meiner Meinung nach glaubhafte Beteuerungen von linker Seite, dass es sich eher um Eskalationen innerhalb einer Rangelei handelte und auch die laufende Anzeige einer ehemaligen Co-Vorsitzenden der Mainzer Linken gegen die augenscheinlich von ihr geschlagene Frau (samt umgekehrter Anzeige) zeigt, dass eine Bewertung der Vorgänge zum aktuellen Zeitpunkt kaum abschließend sein kann.

Und dennoch: Dass die linken Demonstrant*innen ihre Protestaktionen innerhalb der CSDs gegen Polizei, CDU, Kommerz und Entpolitisierung auch dann noch durchzogen, als das Eskalationspotential offensichtlich war – dass sie ihren Protest im Zweifelsfall lieber mit körperlicher Gewalt zu verteidigen bereit waren, statt sich zurück zu ziehen – dafür gibt es keine Rechtfertigung. Und schon deshalb gilt das selbe für die Schläge. Aber eigentlich will ich sagen: Sagt mal, geht's noch?

Die Kritik ist berechtigt, aber...

Auch mich stört die Kommerzialisierung der CSD- und internationalen Pride-Bewegung. Auch ich will keine Springer-Trucks auf Paraden sehen und die Ausladung der CSU vom Münchner CSD und der CDU von der Hamburg Pride sind mehr als berechtigt. Auch ich erinnere mich daran, dass der ganze Streit um Gruppen, die anderen vermeintlich oder tatsächlich vorschreiben wollen, wie die ihren CSD auszurichten hätten, in diesem Jahr mit dem Angriff des LSVD Baden-Württemberg und der Interessengemeinschaft CSD Stuttgart auf den Freiburger CSD begonnen hat, weil der ihnen zu links war (queer.de berichtete). Gleichzeitig versuchen CSDs, ihren Teilnehmer*innen Protestplakate gegen die Polizeiteilnahme zu untersagen.

Ich habe im Übrigen meine eigenen Erfahrungen mit verbreiteter Queer- und Transfeindlichkeit unter Polizist*innen gemacht, mit Misogynie und – nicht selbst betroffen – mit Rassismus. Auch ich würde lieber keine queeren Polizei-Vereinigungen auf CSDs sehen müssen, während die deutsche Gesellschaft in den vergangen Jahren rechte Chatgruppe um rechte Chatgruppe, Polizeiskandal um Polizeiskandal, zehntausende für einen "Tag X" gehortete Schuss Munition im "Nordkreuz"-Komplex oder rechte "Polizeigewerkschaften" mit weniger arbeitskämpferischer und dafür vor allem politischer Passion weitgehend achselzuckend hingenommen hat.

Während es keine echten Konsequenzen aus der Misshandlung des schwulen CSD-Teilnehmers Sven W. in Köln gibt. Während die Berliner Polizei nach ihrem zweifelhaften Umgang mit dem Tod Ella Nik Bayans augenscheinlich nicht willens ist, ihr Grab effektiv zu schützen und Polizeidirektion um Polizeidirektion ihre transphobe Weltsicht beim Tippen von Pressemitteilungen zum Besten gibt, wenn in ihrer Region ein transgeschlechtlicher Teenager vermisst oder beinahe totgeprügelt wird. Oder ihre bi- und homofeindliche Weltsicht beim Nichttippen von Pressemitteilungen, wenn ein bisexueller CSD-Teilnehmer attackiert wird (queer.de berichtete). Und während noch immer nicht aufgeklärt ist, wer am Tod von Oury Jalloh schuld ist, der in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte, obwohl er an eine eigentlich feuerfeste Matratze gefesselt war.

Warum ausgerechnet jetzt?

Trotz all dieser Dinge müssen linke Queers – und zu denen gehöre ich selbst – die Mehrheitsverhältnisse in der CSD-Bewegung zur Kenntnis nehmen. Der oft von Ignoranz geprägte Umgang von CSD-Ausrichter*innen mit uns und unseren Anliegen stellt keinen Grund dafür dar, im eigenen Agieren selbst so ignorant und überheblich zu werden.

Und überhaupt: Wie kann es sein, dass der legitime und zu führende Konflikt um den Charakter dieser Bewegung ausgerechnet dann von linker Seite gewalttätig eskaliert, wenn die queere Community in Deutschland wie zu keinem anderen Zeitpunkt ihrer Geschichte von einem sich entsetzlich vor ihr auftürmenden Rollback eingeschüchtert ist?

Warum ausgerechnet jetzt, wo alles dafür spricht, dass queerfeindliche Gewalt nicht einfach nur häufiger gemeldet, sondern tatsächlich auch verstärkt ausgeübt wird? Wo die AfD historische Prognosen in der Sonntagsfrage in Bund und Ländern einfährt? Wo über den widerlichen Widerstand gegen die Existenzberechtigung transgeschlechtlicher Menschen der Kampf auch gegen den Rest der Community neu eröffnet wird?

Das bedeutet auch: Zu kaum einem Zeitpunkt könnten es linke Argumente gegen Entpolitisierung, Stillstand und Ungleichheitsverhältnisse innerhalb der LGBTI-Community leichter haben als jetzt. Ihr aber sorgt stattdessen für lädierte Unterkiefer und aus dem Gesicht geboxte Brillen? Wenn ich um eines bitten darf: Etwas mehr Phantasie und Kreativität könnten es schon sein beim Versuch, der Protest innerhalb des Protests zu sein. Ach ja: Und aufrichtige Entschuldigungen wären jetzt mehr als angebracht.

-w-