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Musikgeschichte
Klaus Nomis 40. Todestag: Warum Berlin eine Gedenktafel an der Bismarckstraße braucht
Die Deutsche Oper Berlin würdigte Klaus Nomi im Jahr 2010 mit einer Hommage. Dabei fiel kein Wort darüber, dass er mehr als vierzig Jahre zuvor am Haus als Logenschließer arbeitete – und für eine TV-Dokumentation sang.

Klaus Nomi (24.01.1944 – 06.08.1983) bei einem Auftritt Anfang der 1980er Jahre (Bild: IMAGO / United Archives)
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6. August 2023, 05:14h 8 Min.
Am Abend des 25. Januars 1968 reibt sich das Berliner TV-Publikum ungläubig die Augen. Die meisten haben so etwas noch nie gesehen oder gehört. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen im Westteil der Mauerstadt – der Sender Freies Berlin – zeigt ganz große Oper auf allerkleinster Bühne. Als Schauplatz dient der Umkleideraum der sogenannten Logenschließer, die für die Publikumsbetreuung an der Charlottenburger Bismarckstraße zuständig sind. An der Deutschen Oper handelt es sich dabei ausschließlich um Männer. Der Regisseur Lutz Eisholz hat über sie eine sechseinhalbminütige TV-Dokumentation in der Sendereihe "Berliner Fenster" gedreht, die sich dadurch auszeichnet, auf jeglichen Kommentar aus dem Off zu verzichten.
In dem Beitrag werden sechs der insgesamt zwölf Logenschließer vorgestellt, die von ihrer Arbeit und Motivation erzählen. Als letzter kommt ein junger Mann mit Bart zu Wort. Er berichtet, seit zwei Jahren in Berlin zu leben, um hier sein Gesangsstudium abzuschließen. Ohne Ankündigung lässt ihn der Regisseur im Kreis seiner Kollegen eine Arie anstimmen. Das Besondere daran: Dieser singt mit Sopranstimme – für einen Mann zu dieser Zeit eine Sensation. Und gewiss auch ein Schock für das TV-Publikum. Denn mit seinem Gesang wagt er es, die damaligen Konventionen des Opernbetriebs derart auf den Kopf zu stellen, dass die Darbietung aller Virtuosität zum Trotz nicht ernst genommen oder gar als Groteske abgetan wird. Über den Anschein der Kuriosität hinaus verleiht ihm der Auftritt, vom artigen Applaus der Anwesenden abgesehen, nicht die erhoffte Aufmerksamkeit.
Weltweiter Siegeszug als Countertenor und Performancekünstler

Klaus Sperber bzw. Nomi als Platzanweiser an der Deutschen Oper Berlin. Das Bild stammt aus dem Nachlass und wurde freundlicherweise von der Klaus-Nomi-Biografin Monika Hempel zur Verfügung gestellt (Bild: Houghton Library Cambridge)
Die Zeit ist noch nicht reif für Klaus Sperber, der just am Tag vor der Ausstrahlung sein 24. Lebensjahr vollendete. Es dauert noch mehr als zehn Jahre, bis er unter dem Künstlernamen Klaus Nomi zum Star wird und von New York aus seinen weltweiten Siegeszug als Countertenor und Performancekünstler antritt. Der damalige TV-Beitrag von Lutz Eisholz, der im Sendearchiv des RBB ein Schattendasein fristet und aus lizenzrechtlichen Gründen nicht ohne weiteres veröffentlicht werden darf, erfährt in diesem Lichte eine völlig neue Bedeutung. Es handelt sich um nichts weniger als ein Stück Musikgeschichte. Es wäre an der Zeit, dass Eisholzs Beitrag in der RBB-Mediathek einem breiten Publikum zur Verfügung gestellt wird, zumal Klaus Nomis Bedeutung als Künstler und queere Identifikationsfigur immer noch weithin unterschätzt wird (queer.de berichtete). Anlass dazu gäbe nicht nur sein Todestag, der sich am heutigen Tag, dem 6. August 2023, zum 40. Mal jährt. Am 24. Januar 2024 wäre Nomi achtzig Jahre alt.
Doch Berlin und Klaus Sperber bzw. Nomi – das ist offenbar keine einfache Beziehung. Vor seinem Wegzug nach New York im Jahr 1973 versucht er weiterhin, seine Karriere voranzubringen. Insgesamt sieben Jahre verbringt er in Berlin, doch der große Durchbruch lässt auf sich warten. Das Gesangsstudium wird er nicht abschließen. Zu seinen legendären Auftritten zählen seine Gesangseinlagen im Schöneberger Schwulenlokal "Kleist-Casino". Immerhin schafft er es, mit einer Arie aus einer Wagneroper in dem Lothar-Lambert-Film "Ex und hopp" ein Ausrufezeichen zu setzen – in einer kleinen Szene am Tresen einer Schöneberger Bar.
Das mimische Talent von Klaus Sperber
Seine ersten künstlerischen Ambitionen legt Klaus Sperber übrigens lange vor seinem Umzug nach Berlin an den Tag. Er arbeitet als Komparse im Theater in Essen, wo er bereits den Fotografen und Regisseur des späteren Filmbeitrags für den SFB, Lutz Eisholz, kennenlernte. Aus dieser Zeit existiert eine bislang unveröffentlichte Serie von Porträts, auf denen es Eisholz gelang, das mimische Talent von Klaus Sperber herauszuarbeiten. Beim Betrachten der Bilder fällt zudem ins Auge, wie natürlich und unverstellt er dabei rüberkommt – eine Nahbarkeit, die auf verblüffende Weise zu seinem künftigen Image als außerirdische Kunstfigur kontrastiert.

Persiflage auf einen Sänger, Porträtserie von Lutz Eisholz, 1963(Bild: Lutz Eisholz)
Die von Eisholz 1968 gedrehten Szenen über Klaus Sperber als Logenschließer an der Deutschen Oper wiederum zeichnen sich dadurch aus, sowohl dessen Talent als Countertenor als auch seine schauspielerischen Fähigkeiten zum Vorschein kommen zu lassen. Zwei sehr spielfreudig vorgetragene Arien gibt er dabei zum Besten, beide aus "La Traviata" – also ausgerechnet jener Oper, die wie keine andere für Krankheit und einen stigmatisierten Lebensstil steht. Die Geschichte der Kurtisane Violetta, deren Liebe zu Alfredo gesellschaftlichen Konventionen geopfert wird, zählt da bereits seit Jahrzehnten zum schwulen Kulturkanon. Mit der Aidskrise fällt ihr darüber hinaus noch ein Subtext zu, der sich aus der Identifikation mit der unheilbar erkrankten Violetta als sexueller Außenseiterin ergibt.
Dass ausgerechnet er selbst eines Tages zu den ersten gehören würde, die den Folgen einer noch unbekannten und mit einem Stigma belegten Krankheit erliegen, konnte Klaus Sperber während seiner Zeit als Logenschließer freilich nicht erahnen. Umso berührender erscheint aus heutiger Sicht seine improvisierte Verkörperung der bereits latent erkrankten Violetta, in deren Rolle er mit dem "Trinklied" daran erinnert, die Freuden des Lebens und der Liebe angesichts ihrer Endlichkeit zu genießen.
Nomi starb vor 40 Jahren an den Folgen von Aids
Die Oper erlangt später die Bedeutung eines Schlüsselwerks für jene Generation, die von Aids besonders heftig betroffen ist: Im Schicksal der von einer tödlichen Krankheit betroffenen Protagonistin findet sie sich wieder. Doch das erlebt Klaus Nomi nicht mehr. Als er am 6. August 1983 weitgehend einsam und isoliert in einem New Yorker Hospital an den Folgen einer HIV-Infektion stirbt, ist er das erste prominente Opfer der Krankheit, die die queere Szene rund um den Globus für viele Jahrzehnte gravierend verändern wird. Ganz davon abgesehen, dass das Virus in ihm erstmals eine Opernstimme verstummen lässt.

Klaus Sperber, der später als Klaus Nomi zum Weltstar wird, als singender Logenschließer im Kreis seiner Kollegen an der Deutschen Oper, gesendet am 25. Januar 1968 (Screenshot: SFB / rbb / rbb media, Lutz Eisholz)
Bemerkenswert ist in dem Zusammenhang noch ein anderer Umstand: Das Berliner Opernhaus an der Bismarckstraße hat sich im deutschsprachigen Raum zum wichtigsten und traditionsreichsten Ort entwickelte, an dem den Opfern von HIV und Aids gedacht wird. Seit 1994 findet dort jährlich im Herbst die Operngala zugunsten der Deutschen AIDS-Stiftung statt. Höhepunkt der Veranstaltung am 4. November 2010 war eine Hommage an Klaus Nomi. Der Countertenor Andreas Scholl fühlte sich berufen, Henry Purcells "Cold Song" zu interpretieren, eine Arie aus der Oper "King Arthur", die Nomi bei einem seiner letzten Auftritte gesungen hatte. Begleitet wurde Scholl von dem Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von Generalmusikdirektor Donald Runnicles. In der damaligen Gedenkrede war seltsamerweise keine Rede davon, dass Nomi bereits mehr als vierzig Jahre zuvor am Veranstaltungsort als Logenschließer beschäftig war. Geschweige denn, dass er hier für eine TV-Reportage mit Sopranstimme gesungen hatte – wenn auch nicht auf der großen Bühne. Jedoch lange, bevor der Einsatz von Countertenören in Barockopern üblich wurde.
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Zeit für eine Gedenktafel für Klaus Nomi
Es gibt viele Gründe, an Klaus Nomis Leben und Wirken in Berlin mit einer gedenkenden Markierung zu erinnern, besonders im Umfeld der Deutschen Oper an der Bismarckstraße. Denn an diesem Ort reicht der Verweis auf sein Schicksal weit über sein persönliches Leben hinaus.
Die Errichtung einer solchen Gedenk- oder Informationstafel für Klaus Nomi im öffentlichen Raum hat sich die Berliner Fidelio-Stiftung zum Ziel gesetzt, die am 27. Juni bei den zuständigen Behörden den entsprechenden Vorschlag einreichte. Die kleine gemeinwohlorientierte Non-Profit-Organisation wurde vor zehn Jahren gegründet und setzt sich laut Satzung für mehr Diversität in der Oper ein – sowohl auf der Bühne als auch im Publikum. Seither fördert sie unter anderem das interkulturelle Projekt "Selam Opera!" der Komischen Oper Berlin und finanziert diverse Kartenfonds, um die Kunstgattung Oper für alle zu öffnen, unabhängig vom kulturellen, sozialen oder finanziellen Hintergrund.
Im Vorfeld des Antrags hat sich die Fidelio-Stiftung der Unterstützung einer Reihe von Persönlichkeiten und Institutionen versichert. Dazu zählen die Deutsche AIDS-Stiftung Bonn, das Schwule Museum Berlin und das Berliner SchwuZ. Auch die Kulturstaatsministerin Claudia Roth stellt sich hinter das Vorhaben, der Ex-Intendant Barrie Kosky und die gesamte derzeitige Leitung der Komischen Oper, von den zahlreichen Vertreter*Innen der queeren Community im Bereich Kunst, Publizistik und Bewegung ganz zu schweigen. Auf die Liste hat sich auch die Literaturwissenschaftlerin Monika Hempel gesetzt, deren Klaus-Nomi-Biografie "Stimme im Orbit" am 14. März 2024 im Reiffer Verlag erscheint.
Ob die Informationstafel tatsächlich realisiert wird, ist jedoch keineswegs sicher. Es wäre von großem Nutzen, wenn sich auch die Deutsche Oper Berlin dafür stark machen würde. In einem insgesamt noch etwas zurückhaltenden Schreiben an die Fidelio-Stiftung heißt es immerhin, das Vorhaben sei eine "wunderbare Initiative", der man "viel Glück" wünsche.
Die Politik ist am Zug
Dabei soll die geplante Gedenk- oder Informationstafel nicht etwa direkt am denkmalgeschützten Gebäude der Deutschen Oper und auch nicht auf dem Grundstück, sondern im öffentlichen Raum installiert werden. Die Entscheidung darüber obliegt entweder dem beim Kultursenator angesiedelten Historischen Beirat oder der Gedenktafelkommission des Bezirks Charlottenburg. So oder so – es wird auf alle Fälle viel Zeit verstreichen, bis ein Votum fällt. Die Prozedur bei der Genehmigung historischer Stadtzeichen, so ließ eine Mitarbeitern der Berliner Kulturverwaltung die Fidelio-Stiftung vorab schon mal wissen, sei meistens langwierig und erfordere viel Geduld.
In der Zwischenzeit kann man im Oktober an der Berliner Staatsoper eine Vorstellung von Julia Lwowskis Inszenierung "Don't You Nomi?" an der Berliner Staatsoper Unter den Linden besuchen. Ihre Herangehensweise an die Inszenierung mit dem Countertenor Nils Wanderer macht einen vielversprechenden Eindruck.
Zudem wäre es eine Überlegung wert, auf der kommenden Operngala zugunsten der Deutschen AIDS-Stiftung erneut an Klaus Nomi zu erinnern. Diese findet am 4. November 2023 in der Deutschen Oper statt. Der Termin liegt ziemlich genau zwischen dem 40. Todestag und dem 80. Geburtstag.
Transparenzhinweis: Der Autor ist Gründer der Fidelio-Stiftung. Auf die Idee zur Gründung der Gedenktafelinitiative kam er bei der Recherche für das queer.de-Porträt von Klaus Nomi, das am 10. Juni 2023 erschien.














