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Alltägliche Gewalt

Was tun bei queer­feindlichen Angriffen?

Die gemeldeten Übergriffe auf queere Menschen sind enorm gestiegen. Auch unser Autor wurde in der Kölner U-Bahn Opfer von homophoben Beleidigungen – und musste mit Erschrecken feststellen, wie gleichgültig das Umfeld oft reagiert.


Symbolbild: U-Bahnhof in Köln (Bild: IMAGO / Rudolf Gigler)

Am Freitagabend habe ich noch an der großen LGBTIQ-Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte teilgenommen und mich gemeinsam mit meinem Freund darüber gefreut, dass uns zur der Frage nach queerfeindlichen Übergriffen innerhalb der letzten zwölf Monate nicht viel eingefallen ist. Ein wütender Nachbar hatte uns mal als "Schw*chteln" beschimpft, als wir uns über nächtlichen Lärm beschwert hatten – ein anderer Nachbar hatte sich zum Glück deeskalierend eingemischt. Aber sonst?

Allgemein fühle ich mich in Köln sicher und an den meisten Orten innerhalb der Stadt willkommen, auch wenn es Gegenden gibt, durch die ich nachts nicht händchenhaltend spazieren würde. Am Samstagvormittag wurde mein Vertrauen allerdings erschüttert, als ich in der Bahn homophob beleidigt und aggressiv angegangen wurde.

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Pöbeleien und Blicke aus dem U-Bahn-Fenster

Der Übergriff in der U-Bahn kam aus dem Nichts, ein fremder Mann baute sich neben meiner Sitzreihe auf, musterte mich abfällig und pöbelte mich an. Ich behielt ihn im Auge und fragte laut "Beleidigst du mich hier gerade homophob?", um auf mich aufmerksam zu machen und Unterstützung zu erhalten.

Von den etwa 30 anderen Fahrgästen reagierte allerdings niemand: Alle behielten die Kopfhörer im Ohr, blieben abgewandt oder schauten betreten aus dem U-Bahn-Fenster – wo es ja nun wirklich nicht viel zu sehen gibt. Nachdem der Täter ausgestiegen war, sprang er noch mit den Füßen voran gegen die Bahn und spuckte die Fensterscheibe an, hinter der ich saß.

Erst jetzt kam ein Mitreisender auf mich zu und meinte, dass er eingegriffen hätte, wenn der andere handgreiflich geworden wäre. Das glaube ich ihm tatsächlich, und ich bin dankbar, dass er mich überhaupt angesprochen hat: So war ich nicht ganz allein mit dieser erschütternden Erfahrung.

Trotzdem ist mir das zu wenig. Die Ausübung von verbaler Gewalt in Form von Beleidigungen ist bereits eine Grenzüberschreitung, die wir als Gesellschaft nicht schweigend hinnehmen dürfen. Es muss nicht erst etwas Schlimmeres passieren, bevor wir handeln und eingreifen sollten. Diese Ignoranz meiner Mitmenschen macht mich bei der ganzen Sachen trauriger als der Einzelne, der sich nicht unter Kontrolle hatte. Was also kann man tun, wenn man Zeug*in eines queerfeindlichen Übergriffs wird?

Zivilcourage – aber sicher

Auf den Webseiten der Bundespolizei und des Bundesnetzwerks Zivilcourage finden sich konkrete Tipps, wie man sich im Ernstfall verhalten sollte. Wichtig ist, sich einerseits selbst nicht in Gefahr zu bringen und sich zugleich nicht von der eigenen Angst lähmen zu lassen. Anwesende können sich zusammenschließen und andere zur Mithilfe auffordern. Weiterhin besteht die Möglichkeit, sich Täter-Merkmale einzuprägen oder den Notruf zu wählen. Je nach Lage ist es auch hilfreich, das Opfer direkt anzusprechen oder es aus der Situation herauszuholen. Nach der Tat sollte man den Betroffenen zudem beistehen und sich als Zeug*in zur Verfügung stellen.

Auch als Opfer kann man etwas tun, um die Situation zu entschärfen, zum Beispiel sich nicht provozieren zu lassen und auch selbst den Angreifenden nicht zu provozieren. Um die Anwesenden aus ihrer Starre zu befreien, wird dazu geraten, gezielt einzelne Personen anzusprechen und um Hilfe zu fragen, damit diese sich verantwortlich fühlen.

Was kann man nach der Tat tun?

Nach einem queerfeindlichen Übergriff ist es ratsam, über das Erlebte zu sprechen und sich Familie und Freund*innen anzuvertrauen. Eventuell sollte man weitere Hilfe in Anspruch nehmen, je nachdem wie traumatisch die Erfahrungen sind. Auf jeden Fall sollte man das Geschehene ernst nehmen und nicht abtun.

In meinem Fall wollte ich die Beleidigungen nicht einfach hinnehmen und habe überlegt, Anzeige zu erstatten. Da ich unsicher war, wie das Prozedere bei Erstattung einer Anzeige abläuft und mein Vertrauen in die Polizei nicht uneingeschränkt ist, habe ich mich beim Lesben- und Schwulenverband informiert, welche Möglichkeiten nun bestehen. So bin ich auf den Queerbeauftragten der Kölner Polizei gestoßen, den ich dann per E-Mail um Rat gefragt habe.

Bereits am Montagmorgen rief mich der Beauftragte an und klärte mich über meine Optionen auf. Eine Anzeige sei demnach in dem Sinne wenig erfolgsversprechend, dass der Täter vermutlich nicht ausfindig gemacht werden könnte. Das läge auch daran, dass sich bei einem eventuellen Zeug*innen-Aufruf in so einem Fall nur selten Menschen bei der Polizei melden würden.

Eine Anzeige kann aber einen Unterschied machen, da sie in die Statistik eingeht und dazu beiträgt, deutlich zu machen, wo Handlungsbedarf besteht. Queerfeindliche Übergriffe sind keine Ausnahme, wie die aktuellen Meldungen eindrücklich zeigen, sondern ein Problem, das uns alle angeht.

Ich habe mich letztlich dazu entschieden, die Anzeige online aufzugeben; so habe ich mir den Weg zur Polizeiwache erspart und kam auch nicht in die Lage, meinen Fall mehrfach schildern zu müssen und dabei möglicherweise auf verständnislose oder unsensibilisierte Beamt*innen zu treffen.

Jetzt heißt es für mich abzuwarten – und beherzt sowie mit kühlem Kopf zu handeln, falls ich Zeuge einer queerfeindlichen, rassistischen oder sonstigen Straftat werden sollte.

-w-