https://queer.de/?46616
Interview
Wie kommt der polnische "Brokeback Mountain" in Ihrer Heimat an, Jan Hrynkiewicz?
Im Drama "Elefant" von Kamil Krawczycki spielt Jan Hrynkiewicz einen jungen Bauern, der sich in seinen Nachbarn verliebt. Wir sprachen mit dem 1996 geborenen Schauspieler über Polens vielleicht wichtigsten queeren Film:

Jan Hrynkiewicz als junger Bauer Bartek in "Elefant" (Bild: Salzgeber)
- Von
12. August 2023, 04:18h 5 Min.
Jan Hrynkiewicz, Jahrgang 1996, besuchte die Schauspielschule in Warschau. Zu seinen Filmen gehören "The Hater" (2020), "Pitbull" (2021) sowie "Corpus Christi" (2019). Dieses Drama um einen Hochstapler-Priester feierte in Venedig seine Premiere und wurde mit elf von fünfzehn möglichen polnischen Filmpreisen ausgezeichnet.
In "Elefant" von Autor und Regisseur Kamil Krawczycki spielt Jan Hrynkiewicz nun den jungen Bauern Bartek, der sich in seinen Nachbarn Dawid verliebt, als dieser nach langer Zeit in die Provinz zurückkehrt. Die verliebten Jungs sorgen schnell für homophoben Reaktionen im Dorf. Umso bewegender, wie selbstverständlich eine ältere Dame mit dem Thema umgeht (ausführliche Filmkritik).
Wir sprachen mit Hrynkiewicz über Polens vielleicht wichtigsten queeren Film.

Poster zum Film: "Elefant" läuft im August 2023 in der Queerfilmnacht. Regulärer Kinostart ist am 24. August
Herr Hrynkiewicz , das deutsche Poster sagt "Die polnische Antwort auf 'Brokeback Mountain' und 'God's Own Country" – wie sehen Sie den Vergleich?
Solche Vergleiche habe ich öfters gehört, allerdings meist von Leuten, die lediglich den Trailer kannten. Pferde, Schafe und Schwule – da ist "Brokeback Mountain" nicht fern! (lacht) Allerdings ist unser "Elefant" dann doch ein komplett ganz anderer Film!
Was hat es mit dem tierischen Titel "Elefant" auf sich?
Es gibt im Film eine Szene, in der dieser Elefant als Metapher eine Rolle spielt. Die Nachbarin sagt zu Bartek: "Du könntest für mich auch ein Elefant sein, es würde mich nicht stören, und ich würde es akzeptieren!". Der ursprüngliche Titel lautete "Ende November". Beim Drehen wurde immer klarer, dass Elefant für die wichtige Botschaft im Film steht. Und so wurde er zum Titel.
Der Elefant als Metapher für Akzeptanz scheint in Ihrer Heimat Polen aktuell nicht sehr populär, eher im Gegenteil. Gibt es in Polen zunehmende Homophobie, oder täuscht der Eindruck von außen?
Ich kann darauf nur persönlich antworten. Für eine allgemeine Aussage müsste man Fachleute befragen, die dazu ihre Statistiken haben. Ich sehe jedenfalls, dass Dinge sich verändern. Toleranz und das Bewusstsein sind gestiegen, unter anderem durch Netflix. Für junge Leute ist Queerness eine normale Sache, unter Teenagern gibt es, zumindest hoffe ich das, keine Homophobie. Es ist schwierig, Dinge zu akzeptieren, die man nicht kennt. Filme wie "Elefant" möchten ihr Publikum nicht erziehen. Wir möchten eine Lebensweise zeigen, und das ganz ohne Vorurteile.
Der Film wurde in der Heimat des Regisseurs gedreht, einer ländlichen Gegend am Rande des Tatra-Gebirges. Wurden Sie dort freundlich aufgenommen, oder gab es auch Feindseligkeiten?
Wir hatten etwas Bedenken, was dort passieren könnte. Doch die Sorgen waren unbegründet, es gab keinerlei Zwischenfälle. Wobei wir nicht lautstark verkündet haben, worum es in dem Film geht. Zudem haben wir aus Budget-Gründen lediglich an drei Tagen in dieser Gegend gedreht, die übrigen 16 Tagen waren wir in der Nähe von Warschau.

Szene aus "Elefant" (Bild: Salzgeber)
Wie waren die Reaktionen beim Kinostart?
Der Regisseur erzählte mir, dass ein Zuschauer das Kino verlassen habe während der schwulen Sex-Szene. Ein einziger Mann bei Tausenden von Zuschauenden, das ist doch ganz okay! Persönlich habe ich keinerlei negative Reaktionen erlebt. Wobei Leute, die sich für die Thematik nicht interessieren, kaum in diesen Film gehen werden.
Gab es positive Reaktionen, die sich durch den "Elefant" ermutigt fühlten?
Es gab viele positive Reaktionen, insbesondere nach den Publikums-Gesprächen im Anschluss an die Vorführung. Ein Zuschauer meinte nach der Premiere: "Diesen Film hätte ich gerne gesehen, als ich 16 Jahre war." Andere Aussagen waren: "Auf so einen Film haben wir wirklich gewartet!". Oder "Mit dem Film konnte ich meiner Mutter einiges zeigen!". Mit solchen Bewertungen war ich mir sicher, unsere Mission ist erfüllt.
Wie hat Ihre eigene Mutter reagiert?
Nachdem meine Mutter den Film gesehen hatte und wir uns lange unterhielten, hat sie ihre Meinung verändert. Ich stamme aus einer konservativen Familie, in der Homosexualität nie ein Thema war. In dieser Zeit meines Lebens kannte ich keine Person, die offen über ihre Orientierung sprach und nicht heterosexuell war. Ich hatte das Gefühl, dass es in meiner Umgebung keine homosexuellen Menschen gibt. Erst als ich in Lodz mit meinem Studium begann, traf ich auf Menschen, die offen schwul lebten.
Sie spielten zuvor im Film "Corpus Christi", der sich kritisch mit der Kirche auseinandersetzt. Sind solche provokanten Stoffe nicht schädlich für eine Karriere?
Als ich das Drehbuch von "Elefant" bekam, hatte ich tatsächlich kurz überlegt, ob so ein Film meiner Karriere schaden könnte. Aber das dauerte keine Minute lang. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben oder in einer Branche arbeiten, die Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert.
|
Aktuell liegt der neue Beruf des Intimacy-Coordinators im Trend. Wie sehr hilft Ihnen persönlich so eine Unterstützung bei Nacktszenen vor der Kamera?
Für mich sind Intimacy-Coordinator absolut notwendig für die Arbeit. Uns wurde auf der Hochschule nie beigebracht, nein zu sagen. Das Stück oder der Film waren immer wichtiger als die Gefühle des Schauspielers. Da konnten traumatisierende Situationen entstehen, zumal bis vor einiger Zeit der Alkoholkonsum in der Branche ein Problem war. Mittlerweile wurde das reguliert. Für mich ist der Intimacy-Coordinator eine große Hilfe, ohne Ängste intime Szenen zu spielen.
Mit welchen Gefühlen sehen Sie sich nackt auf der Leinwand?
Es immer ein seltsames Gefühl, sich selbst im Kino zu sehen. An dieser Figur habe ich sehr intensiv gearbeitet, um sie psychologisch plausibel zu gestalten. Dadurch war der Bartok auf der Leinwand für mich wie ein anderer Mensch, der einfach so aussieht wie ich selbst. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden. Die Szenen sind sehr weich und gleichzeitig so intensiv. Sogar Heteros haben mir erzählt, diese Szenen hätten sie ziemlich angeregt… (lacht)
Elefant. Drama. Polen 2022. Regie: Kamil Krawczycki. Cast: Jan Hrynkiewicz, Pawel Tomaszewski, Ewa Skibinska, Ewa Kolasinska, Wiktoria Filus, Maciej Kosiacki, Michal Pawlik. Laufzeit: 93 Minuten. Sprache: polnische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 24. August 2023. Im gesamten August bereits in der Queerfilmnacht
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine im Rahmen der Queerfilmnacht
Mehr zum Thema:
» Ausführliche Filmkritik: Eine schwule Liebe am Fuße des Tatra-Gebirges (05.08.2023)
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
Mi, 20:15h, rbb:
Legenden
Folge 43: Rosenstolz – Liebe ist alles – Sie waren eine der erfolgreichsten deutschen Popbands der letzten 30 Jahre, ein Schwuler aus Goslar und eine Hetera aus Ost-Berlin: ein Duo der Gegensätze.
Doku, D 2021- 5 weitere TV-Tipps für Mittwoch »















