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Queer Cinema

Das waren die queeren Highlights beim Filmfestival in Locarno

Beim renommierten Filmfestival in Locarno wird nicht zuletzt jenes Kino gefeiert, das im Mainstream eher wenig Platz hat. Fünf sehenswerte Filme mit queerem Fokus, die in diesem Jahr gezeigt wurden, stellen wir näher vor.


Szene aus "La bella estate" (Bild: Laura Luchetti)

Vergangenes Wochenende ging die 76. Auflage des renommierten Filmfestivals in Locarno zu Ende, wo nicht zuletzt jenes Kino gefeiert wird, das im Mainstream eher wenig Platz hat. Dass dazu immer wieder auch queere Geschichten und die Arbeiten von Filmschaffenden aus der LGBTI-Community gehören, versteht sich von selbst. Wir waren vor Ort und haben – neben hochinteressanten Kurzfilmen wie "Remember, Broken Crayons Color Too" über die jamaikanische trans Frau Shannet Clemmings, die inzwischen in Zürich lebt und auch an der Regie mitgearbeitet hat, oder den komplexen, ausschließlich mit Archivmaterial arbeitenden "Loving in Between" von Jyoti Mistry – gleich mehrere sehr sehenswerte Filme mit queerem Fokus entdeckt, von denen wir Euch fünf hier vorstellen.

On the Go


Szene aus "On the Go" (Bild: Locarno Film Festival)

Gezeigt in der Reihe "Cineasti del presente", in der nur erste und zweite Filme zu sehen sind, entpuppte sich der Film der spanischen Regisseurinnen María Gisèle Royo und Julia de Castro als einer der unerwarteten Höhepunkte des diesjährigen Wettbewerbs. Ihr Roadmovie ist eine Verneigung vor dem bei uns wenig bekannten Kultfilm "Corridas de Alegría" von Gonzalo García-Pelayo (1982 einer der ersten spanischen Filme überhaupt, in denen eine trans Frau zu sehen war), aber auch eine unerwartet facettenreiche Auseinandersetzung mit dem Thema (potentieller) Mutterschaft. Aber nicht zuletzt ist dieser flirrend-halluzinatorische Sommertraum auch die Geschichte der innigen Freundschaft einer Frau und ihres schwulen besten Freundes, gespielt vom queeren "Elite"-Star Omar Ayuso und inspiriert von seiner echten Freundschaft zu de Castro. Sex und Grindr spielen in "On the Go" eine entscheidende Rolle, entsprechend präsentiert Ayuso jede Menge nackte Tatsachen, aber eigentlich geht es hier um Herzen, die sich im Idealfall selbst heilen können sollten. Ein wunderbarer, sehr besonderer Film.

La bella estate

Nicht immer ist queeres Kino zwangsläufig unkonventionell. "La bella estate" (internationaler Titel: "Beautiful Summer"), inszeniert von der Italienerin Laura Luchetti und lose inspiriert von Cesare Paveses Roman "Der schöne Sommer") erzählt in der Form eines klassischen Historiendramas von der jungen Schneiderin Ginia (Yile Yara Vianello), die in den späten 1930er Jahren ihre eigene Abenteuerlust und dadurch auch sich selbst entdeckt. Die Schlüsselrolle kommt dabei der verführerischen, als Aktmodell tätigen Amelia (Deva Cassel, die Tochter von Monica Belluci und Vincent Cassel, in ihrer ersten Rolle) zu, die bald mehr wird als Vorbild und Freundin. Hübsch anzusehen ist das allemal, und nicht zuletzt Vianello spielt überzeugend. Doch die ganz große emotionale Wucht will dieser Film leider nicht entwickeln.

Patagonia


Szene aus "Patagonia" (Bild: Claudia Sicuranza)

Simone Bozzelli ist noch keine 30 Jahre alt und trotzdem schon die große Hoffnung des italienischen Kinos. Nach zahlreichen Kurzfilmen und unter anderem einem Musikvideo für Måneskin hat er nun mit "Patatgonia" seinen ersten Spielfilm gedreht, der in Locarno prompt in den Hauptwettbewerb eingeladen wurde. In seiner eigenen Heimat in den Abruzzen angesiedelt erzählt er die Geschichte des 20-jährigen Yuri (Andrea Fuorto), der noch nie die Obhut seiner Tanten oder das Dorf seiner Kindheit verlassen hat und nicht nur deswegen eine Erfahrungs- und Emotionswelt hat, die kaum seinem Alter entspricht. Als er bei einem Kindergeburtstag auf den Animateur Ago (Augusto Mario Russi) trifft, erliegt er dessen dominantem Charisma und zieht fortan als dessen Assistent mit ihm im abgerockten Wohnmobil durch die Region. Ungeschliffen und rotzig ist "Patagonia" geraten, ein Film, der von Abhängigkeit, Unterwerfung und dem ersten großen Verliebtsein handelt, aber auch von Freiheit, Demütigung und Unabhängigkeit. Die Chance, dass man die Welt, in der er spielt, oder seine Protagonisten nicht ohne weiteres mag, ist ziemlich groß. Die, dass man ihn schnell vergisst, ziemlich gering.

Und dass man ohne Täuschung zu leben vermag

Die Art von Kino, der sich die in Basel geborene Wahl-Berlinerin Katharina Lüdin mit ihrem Film "Und dass man ohne Täuschung zu leben vermag" verschrieben hat und die unter anderem an ihre bekannte Kollegin Angela Schanelec erinnert, ist keine, die es dem Publikum leicht macht. Viel Handlung wird nicht geboten, die Figuren sprechen sehr bewusst nicht so, wie es Menschen im Alltag zu tun pflegen und die Bilder sind bewusst spröde gehalten. Wer gerne erklärt bekommt, worum es eigentlich geht, ist hier eher fehl am Platz. Doch wenn man sich darauf einlässt, kann ein sehr spezieller, poetischer Sog entstehen. So auch hier, wo von zwischenmenschlichen Kommunikationsschwierigkeiten anhand zweier Paare erzählt wird, darunter eine Schauspielerin (Jenny Schily) und ihre Lebensgefährtin (Anna Bolk). Act Out-Mitinitiator Godehard Giese ist ebenfalls mit von der Partie.

Theater Camp


Szene aus "Theater Camp" (Bild: Searchlight Pictures)

Auf der Piazza Grande, dem rund 8.000 Zuschauer*innen umfassenden Open-Air-Kino inmitten der Altstadt von Locarno, gehörte "Theater Camp" – wie schon Anfang des Jahres beim Festival von Sundance – zu den Publikumslieblingen. Die ausgesprochen witzige Geschichte eines Sommercamps, in dem diverse, nicht selten queere Theater- und Musical-Fans entweder als Erzieher*innen oder eben auf Seiten des Kids ein Stück auf die Bühne bringen wollen, um den Erhalt ihrer Einrichtung zu sichern, wurde von eingeschworenen, langjährigen Clique umgesetzt: Ben Platt, sein Verlobter Noah Galvin, seine älteste Freundin Molly Gordon und sein Highschool-Kumpel Nick Lieberman haben die Komödie gemeinsam geschrieben, Gordon (gerade auch in den Serien "The Bear" und "Winning Time" zu sehen) und Lieberman führten auch Regie. Letzterer war – weil er als einziger nicht auch Schauspieler ist – am Ende der Einzige, der nach Locarno reisen konnte, stand queer.de dort aber in einem sympathischen Interview Rede und Antwort. Zu lesen geben wird es das, sobald "Theater Camp" im Herbst bei Disney+ auch in Deutschland zu sehen ist. Der ursprünglich für September geplante Kinostart wurde leider abgesagt.

-w-