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Roman
Das schwere Leben von Hemingways trans Kind
Das jüngste Kind des Nobelpreisträgers war trans, doch davon weiß bis heute kaum jemand. Bis Gloria zu sich stehen konnte, litt sie fast ein Leben lang. Ein Roman erzählt ihre Geschichte – empathisch, bewegend und ohne übertriebene Dramatik.
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18. August 2023, 14:44h 4 Min.
Der Blaue Marlin ist ein gewaltiger Fisch. Über drei Meter lang, eine halbe Tonne schwer, 100 km/h schnell. Und wahnsinnig lecker soll das Tier auch noch sein. Kein Wunder, dass der leidenschaftliche Großwildjäger, Hochseefischer und Literatur-Nobelpreisträger Ernest Hemingway den Fisch besonders gerne jagte.
Und kein Wunder, dass dessen jüngstes Kind Greg noch viele Jahre später seine Tochter Lorian bei der Marlin-Jagd beeindrucken will. Doch es gelingt ihm nicht. Die Tochter ist enttäuscht, weil der Vater den Fisch ziehen lassen muss. Aber nicht nur deshalb.
Alles für Bestätigung des Vaters
Es gibt ein Schwarzweißfoto, das Hemingway mit seiner zweiten Frau Pauline und den drei Kindern vor vier kopfüber aufgehängten Marlinen zeigt. Es muss die Kinder Gregory, John und Patrick beeindruckt haben, dass ihr Vater Fische aus dem Wasser zog, die viel größer als sie selbst waren.
Boxen, Fischen, Baseball, Alkohol und Zigaretten: Es war ein klares Bild von Männlichkeit, das Ernest Hemingway (1899-1961) seinen Kindern vorlebte. Und das er auch einforderte. Die Söhne taten fast alles, um die Bestätigung des Vaters, schon damals ein gefeierter Schriftsteller, zu erhalten.
Umso schwieriger, wenn man diese Erwartungen nicht erfüllen kann. Es ist diese Geschichte, die der englische Autor Russell Franklin in seinem Roman "Hemingways Kind" (Amazon-Affiliate-Link ) erzählt. Denn Gregory, den seine Familie Greg oder Gigi nennt, merkt schon früh, dass etwas "mit ihm nicht in Ordnung" war, wie die personale Erzählperspektive schildert, und sich dabei ganz Gregs Ausdrucksweise zu eigen macht.
Ein Leben im Verborgenen
Greg fängt schon früh an, ganz heimlich und nur für wenige Minuten Frauenkleider zu tragen. Doch er weiß, dass es als falsch empfunden wird. Spätestens seit er dabei erwischt wird, der Vater tagelang nicht mit ihm spricht, muss er noch mehr aufpassen. Und er muss noch mehr tun, um sich dessen Wertschätzung zu erarbeiten. Später wird er sich mit Elektroschocks zu "heilen" versuchen, die Familie unterstützt das. Natürlich ohne Erfolg, dafür mit gravierenden Nebenwirkungen.
Erst spät kann Gloria aussprechen, dass sie nicht nur den weichen Stoff und wie er um ihre Schlüsselbeine fällt mag, sondern dass sie (auch) als Frau leben möchte. Davor war das unaussprechlich, es war immer von "Problem" die Rede, von "sündigen", vom "Sicherheitsventil", um danach wieder ein paar Monate in Ruhe – also nach außen hin als Mann – leben zu können. Partnerinnen und Kinder anlügen, im Geheimen kurze Glücksmomente spüren, aber sie mit niemandem wirklich teilen können. Ein Leben zwar im Verborgenen, aber an Orten, an denen man doch geschätzt wird. Ein stetes Auf und Ab, mit heftigen Ausschlägen in beide Richtungen.
Zwischen Selbstverachtung und Selbstermächtigung

"Hemingways Kind" ist am 18. August 2023 bei Kein & Aber als gebundenes Buch und als E-Book erschienen
Doch bis zuletzt ist sie sich ihrer Identität unsicher, es gebe immer Tage, an denen er sich "durch und durch als Greg empfunden hatte". Deshalb ist es nicht leicht, über Greg/Gloria Hemingway zu schreiben, und das gilt erst recht, wenn es ein zwar ausführlich recherchierter, aber fiktionaler Roman über eine nicht fiktive Person ist. Der Autor Russell Franklin nutzt deshalb den männlichen Vornamen Greg in Bezug auf sein Leben allgemein, da er ihn sein Leben lang selbst verwendet hat.
Der Roman erzählt nicht chronologisch, sondern springt zwischen Key West im Jahr 1939, New York 1967 und schließlich Miami 2001 hin und her, sodass sich Gregs/Glorias Geschichte, die der Familie, des Leidens, Versteckens, der Selbstverachtung und langsamen Selbstermächtigung langsam, wie ein Puzzle Stück für Stück verdichtet. Dabei ist der Ton empathisch, aber sachlich. Die Geschichte selbst bewegt schon so sehr, steckt voller Verzweiflung und Tragik, dass dafür die präzisen Beschreibungen ausreichen und der Autor auf übertriebene Dramatik verzichten kann.
Greg/Gloria stand immer im Schatten des weltberühmten Vaters, und über ihr Leben kursieren, wenn überhaupt, noch immer Falschinformationen. So wird sie in Meldungen über den Tod als "Transvestit" bezeichnet, andere nutzen ausschließlich den männlichen Namen. Der starke Roman "Hemingways Kind" hat das Potenzial, dieses Bild zurechtzurücken.
Russell Franklin: Hemingways Kind. Roman. 464 Seiten. Verlag Kein & Aber. Zürich 2023. Gebundenes Buch: 26 € (ISBN 978-3-0369-5000-69). E-Book: 18,99 €
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